Kapitel 32

Als er um die Ecke des Gebäudes bog, stand Cassandras Tür bereits offen. Er parkte den Wagen, stieg aus, öffnete den Kofferraum und hievte ihre Taschen heraus. Heather gesellte sich zu ihm und hängte sich ihren Seesack über die Schulter.
„Was machen wir heute Abend?“ fragte sie und verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere.
„Ich dachte mir, wir könnten ausgehen. Vielleicht irgendwo etwas Essen und mal sehen, was das Nachtleben von Montreal so zu bieten hat,“ gab er zurück und warf dabei einen verstohlenen Blick in Cassandras Zimmer. Von ihr war weit und breit nichts zu sehen, lediglich LaBelle lag auf der Schwelle der Tür und hatte den Kopf zwischen ihre Pfoten gelegt.
„Hey, das klingt gut,“ lächelte Heather.
„Uhm ... ja ... ,“ gab A.J. abwesend zurück, der sich so langsam echte Sorgen um Cassandra machte.
„Dann sehen wir uns später?“
„Ja. Ich hole Dich ab.“
„Pass bloß auf, sonst bin ich noch der Meinung wir hätten ein Date,“ lachte Heather und bevor er irgendetwas erwidern konnte, hatte sie sich bereits herum gedreht und den Schlüssel ins Schloss von Zimmer 306 gesteckt. Gleich darauf verschwand sie darin und A.J. blieb alleine neben dem Jeep zurück.
Er nahm Cassandras Tasche und machte einen großen Schritt über LaBelle hinweg in ihr Zimmer.
„Cass?“ rief er und stellte die Tasche auf einem der breiten Betten ab.
Er bekam keine Antwort.
„Hey Cassandra, wo bist Du?“ versuchte er es noch einmal.
„Im Bad,“ kam es gedämpft zurück.
„Ist alles in Ordnung?“
„Was sollte denn nicht in Ordnung sein?“
„Ich weiß nicht. Du bist so schnell verschwunden und ... ,“ er wußte nicht, was er noch sagen sollte. Verwirrt fragte er sich, ob er gerade Gespenster sah, wo eigentlich keine waren.
„Mir geht es gut,“ drang es durch die Badezimmertür.
„Sicher?“
„Ganz sicher!“
„O.k. ... uhm ... was hältst Du von Essen in der Stadt heute Abend?“
„In Ordnung,“ gab Cassandra zurück.
„Dann hole ich Dich so in einer Stunde ab?“
„Alles klar.“
Einen Moment stand er noch unschlüssig mitten im Zimmer, ging dann für einen Moment neben LaBelle in die Hocke um sie zärtlich hinter den Ohren zu kraulen und verlies dann Cassandras Zimmer.
Irgendwann würde sie ja wohl aus dem Bad heraus kommen und wenn er ihr in die Augen sehen konnte, dann wußte er auch, ob tatsächlich alles in Ordnung war.

19. November 2001

Das erste Mal fehlen mir die richtigen Worte um meine Gefühle zu beschreiben. Ich weiß überhaupt nicht, was mit mir los ist. Bis vor einer viertel Stunde war noch alles in Ordnung, doch jetzt habe ich das Gefühl, dass ein dunkler Schatten auf meiner Seele lastet.

Wir haben heute eine Anhalterin mit genommen – Heather. Diese Frau ist einfach unglaublich. Sie ist alles das, was ich nicht bin: Selbstbewußt, witzig, weltoffen, stark und sie weiß genau was sie will. Ich bewundere ihren Mut, einfach von zu Hause fort zu gehen, sich die Welt an zu sehen.
Ich hingegen habe lediglich zu Hause gesessen und mein Schicksal Tag für Tag ertragen. Wie dumm ich doch war!

Alex scheint sie auch zu gefallen. Wenigstens hat er jetzt jemanden, dessen Schritte er nicht die ganze Zeit aufmerksam beobachten muß, jemanden, auf den er nicht aufpassen und Rücksicht nehmen muß. Es muß eine wirklich große Erleichterung für ihn sein, sich endlich mit einem „erwachsenen“ Menschen unterhalten zu können.

Ich frage mich immer mehr, was ich eigentlich hier mache. Wäre es nicht für alle Beteiligten besser, wenn ich wieder nach Hause fahre? Was will ich denn eigentlich hier? Habe ich mir tatsächlich einmal eingeredet, dass es eine gute Idee war, von zu Hause fort zu gehen?
Ich meine ... ich bin für diese Welt vielleicht einfach nicht geschaffen. Wie komme ich überhaupt auf den Gedanken, ich könnte mehr verlangen, als mir eigentlich zusteht? Die Welt ist für Menschen wie Heather und Alex gemacht, nicht für so ein schüchternes, ängstliches Etwas wie mich.

Als A.J. eine gute Stunde später frisch geduscht, umgezogen und unternehmungslustig aus seiner Zimmertür trat, hatten sich am Himmel dicke Wolken gebildet und hingen schwer und grau über ihm. Wenn sie Pech hatten, gab es heute sogar noch Schnee, was seine Ausflugspläne für den nächsten Tag nicht wirklich begünstigte.
Er wandte sich nach Links und wollte an Cassandras Zimmertür klopfen, als er aus der anderen Richtung ein Kichern vernahm.
Als er sich nach dem Geräusch umwandte, sah er, dass Heathers Zimmertür halb offen stand und daraus der aufgeregt wedelnde Schwanz von LaBelle heraus schaute.
Er verstaute seinen Zimmerschlüssel in der Hosentasche und ging langsam zu der Tür hinüber. Vorsichtig klopfte er an und versuchte gleichzeitig LaBelle aus zu weichen, die sich rückwärts aus der Tür schob und sich schließlich zwischen seinen Beinen hindurch einen Weg ins Freie bahnte.
Sie begrüßte ihn, in dem sie kurz an ihm hochsprang.
„Hey Schönheit, ganz langsam,“ lachte er, packte ihre Vorderpfoten und stellte sie sanft wieder zurück auf die Erde.
„Alles klar bei Dir?“ fragte er leise und drückte sein Gesicht kurz in ihr weiches Nackenfell. Wie zur Antwort streifte ihn LaBelles feuchte Schnauze am Hals und er kicherte, während er schützend die Schulter hochzog.
Von seinem Platz auf dem Boden sah er aus den Augenwinkeln, wie die Tür zu Heathers Zimmer aufgeschoben wurde und ein paar lange, wohlgeformte Beine in hochhackigen Schuhen auf den überdachten Eingangsbereich hinaus trat.
„Was man als Frau so alles in einem Seesack mit sich herum schleppt,“ meinte A.J. anerkennend, während sein Blick in die Höhe wanderte und dann erstaunt inne hielt.
Cassandra lächelte verlegen und nestelte unbeholfen an einer ihrer dunklen Haarsträhnen herum.
„Das war nicht meine Idee!“ sagte sie, als müsse sie sich verteidigen und A.J. stand langsam auf, wobei er den Blick nicht von ihrem Gesicht abwenden konnte.
„Na, wie gefällt sie Dir?“ fragte Heather, die hinter Cassandra aus der Tür trat.
Unfähig auch nur ein Wort heraus zu bringen, streckte A.J. die Hand aus, lies sie gleich darauf wieder sinken, schüttelte den Kopf, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und starrte dann einfach weiterhin in Cassandras Augen, die langsam aber sicher einen unsicheren Ausdruck annahmen.
„Ich hab’ Dir gesagt, dass das zu viel Make Up ist,“ sagte sie an Heather gewandt und drehte sich bereits herum um zurück in das Zimmer zu flüchten.
„Nein!“
Schnell griff A.J. nach Cassandras Hand und zog sie zu sich heran.
„Du bist wunderschön,“ hauchte er und konnte immer noch nicht fassen, dass er die selbe Person vor sich hatte.
Er kannte sie bisher nur in Jeans und Pullover oder in ihrer Arbeitskleidung, ohne Make Up, die Haare offen oder zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Jetzt stand sie in einem Kleid vor ihm, dessen Ausschnitt die weiche Haut ihres Dekoltès wunderschön zur Geltung brachte, ihr Haar war kunstvoll aufgesteckt, einige Haarsträhnen schmiegten sich sanft an ihren schlanken Hals und ihre Augen und die vollen Lippen waren mit viel Hingabe mit genau der richtigen Menge Make Up betont worden, so dass man eigentlich nicht wirklich wahr nahm, dass Cassandra geschminkt war, aber unweigerlich in ihren großen, grauen Augen versinken mußte.
„Du wirst erfrieren,“ sagte er ohne richtigen Zusammenhang und hätte sich am liebsten für diesen Satz geohrfeigt.
Heather lachte auf und Cassandra entzog ihm ihre Hand. Ihre Wangen glühten und verschüchtert schlug sie die Augen nieder. Heather verschwand im Zimmer und kam gleich darauf mit zwei dicken Jacken zurück.
„Ich denke, sie wird es überleben,“ sagte sie, während sie Cassandra eine der Jacken reicht und zog dann die Zimmertür hinter sich zu. Das erste Mal, warf A.J. einen genaueren Blick in ihre Richtung.
Sie trug einen kurzen Rock und ein lila farbenes, langärmliges Top und wäre er nicht immer noch unter dem Einfluß von Cassandras Schönheit gestanden, hätte ihm wahrscheinlich bei ihrem Anblick der Atem gestockt.
Heather hatte diese umwerfende, starke Ausstrahlung, die ihn von Anfang an fasziniert hatte. Manchmal dachte er, dass sie das genaue Gegenteil von ihm war. Sie tat was und wie sie es wollte und manchmal wünschte er sich, er hätte mehr von ihr.
Cassandra ging hinüber zu ihrer Zimmertür, öffnete sie und bedeutete LaBelle ihr zu folgen.
„Tut mir leid mein Schatz,“ sagte sie und beugte sich zu der Hündin hinunter „wir können Dich leider nicht mitnehmen. Aber ich habe Dir Deine Lieblingskekse besorgt und wenn Du willst, darfst Du sogar auf dem Bett schlafen, was hältst Du davon?“
LaBelle schnaubte kurz, trottete dann durch die offene Tür und als A.J. etwas näher trat sah er, wie sie mit einem großen Satz auf das Bett sprang, sich ein paar Mal um sich selbst drehte und sich dann genüsslich seufzend darauf nieder lies.
„Sie kommt schon zurecht, meinst Du nicht?“ fragte er an Cassandra gewandt und legte ihr sanft einen Arm um die Taille.
„Sicher. Sie ist ein großes, braves Mädchen,“ gab sie stolz lächelnd zurück, dann winkte sie der Hündin noch einmal zu und schloss schließlich die Tür.
„Darf ich also die Ladys zu ihrem Wagen führen?“ grinste er und bot ihnen seinen Arm. Kichernd hakten sich die Frauen bei ihm unter und gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Montreal.

Kapitel 33