Kapitel 31
Kann es sein, dass wir uns schon einmal gesehen haben? fragte Heather, die sich zwischen den beiden vorderen Sitzen nach vorne lehnte, um A.J.s Profil etwas genauer in Augenschein zu nehmen.
Das glaube ich kaum, gab dieser zurück, lenkte den Jeep vom Parkplatz und reihte sich in den Strom der vorbeifahrenden Wagen ein.
Du kommst mir aber so bekannt vor, beharrte Heather und als er einen kurzen Blick in den Rückspiegel warf, sah er sie mit gerunzelter Stirn immer noch auf sein Gesicht starren.
Neben sich hörte er ein leises Kichern und fragend warf er einen Blick zu Cassandra hinüber.
Ihr geht es wie mir, grinste sie und sah ihn dabei mit blitzenden Augen an.
Was bedeutet ihr geht es wie mir? fragte Heather auch prompt und wandte dabei ihre Aufmerksamkeit Cassandra zu.
Nun ja, diese schien verlegen ich wußte auch nicht sofort, wer er ist.
Wer er ist, echote Heather und klang dabei nicht so, als würde sie jetzt mehr verstehen als vorher, doch sie heftete ihren Blick wieder auf A.J. und ihr Stirnrunzeln vertiefte sich noch.
Und plötzlich, als hätte jemand buchstäblich eine Lampe in ihrem Gehirn angeknipst, weiteten sich Heathers Augen, ein Strahlen legte sich auf ihr Gesicht und ihr Mund öffnete sich vor Verblüffung ein wenig.
Du ... Du bist einer von dieser Boygroup, bei diesen Worten schnellte ihr Zeigefinger in A.J.s Richtung und er hatte das unangenehme Gefühl, dass sie ihm gleich vor lauter Aufregung ein Auge damit ausstehen würde ... wie hießen die noch ... uhm ... ich habs gleich ... ähm ...
Die Backstreet Boys, kam ihr A.J. zu Hilfe und stellte überrascht fest, dass er sich nicht wirklich darüber freute, dies zugeben zu müssen. Nicht weil er sich wegen der Band, seiner Freunde oder der Musik schämte, sondern einfach weil er die Befürchtung hatte, in Heathers Augen nun kein normaler Mensch mehr zu sein. Doch seine Befürchtungen zerstreuten sich bei ihren nächsten Sätzen.
Genau! Hey, cool. Was macht Ihr denn hier in dieser gottverlassenen Gegend?
Urlaub.
Das finde ich klasse und da sagt man immer, die Popstars wären abgehoben und arrogant. Finde ich toll ... ich meine ... dass Du so auf dem Teppich geblieben bist. Wirklich! Ich habe da schon ganz andere Typen kennen gelernt und glaub mir, die hatten noch nicht einmal einen Grund dazu, arrogant zu sein, aber nein, sie hielten sich für die Herrscher des Universums. Das waren vielleicht Idioten, sag ich Dir ... ,
Heathers Redefluss war nun nicht mehr zu stoppen und nach einer sowohl amüsanten wie anstrengenden Stunde kannten er und Cassandra ihre komplette Lebensgeschichte auswendig.
Angefangen von dem kleinen Nest in dem sie geboren wurde, über ihre Eltern, die zwar die gütigsten Menschen auf dieser Welt waren, aber leider keinen Sinn für Veränderung und Vorwärtskommen hatten, bis hin zu der kurzen Ehe mit einem Rodeostar in Texas, der sie wegen einer wesentlich jüngeren und, nach Heathers Meinung, absolut hässlichen blöden Kuh verlassen hatte und sie damit zwang, ihre letzten kümmerliche Ersparnisse in eine Busfahrkarte nach New York zu stecken um dort ein neues Leben zu beginnen.
Doch es hatte Heather in dieser großen Stadt nicht gefallen.
Zu viel Smog, zu viele Verrückte und zu viele arrogante Arschlöcher, kommentierte sie ihre Zeit in der Millionenstadt und so hatte sie beschlossen demütig zu ihren Eltern zurück zu kehren, die immer noch in dem kleinen Nest in der Nähe von San Francisco lebten und keine Ahnung davon hatten, ob ihre einzige Tochter überhaupt noch lebte, da sie sich die letzten fünf Jahre kein einziges Mal bei ihnen gemeldet hatte.
Immer wieder warf A.J. zwischen durch einen kurzen Blick zu Cassandra hinüber. Diese hatte sich in ihrem Sitz halb herum gedreht, das Kinn auf die Rückenlehne gestützt und mit weit aufgerissenen Augen dem ausführlichen Bericht von Heather gelauscht. Sie schien äußerst fasziniert von dem schrägen Vogel zu sein, den sie da aufgelesen hatten und in keiner Sekunde war ihr so etwas wie Angst auch nur im entferntesten an zu merken.
Glaubst Du nicht, dass Deine Eltern sich ganz schön große Sorgen um Dich gemacht haben? fragte Cassandra, als Heather schließlich geendet hatte und eine kurze Pause entstand, von der A.J. vermutete, dass Heather diese brauchte um endlich wieder Luft holen zu können.
Das haben sie bestimmt, pflichtete Heather ihr unumwunden bei aber ich war einfach nicht in der Lage ihnen mit zu teilen, wie sehr ich mich geirrt habe, als ich unser zu Hause verließ. Weißt Du, ich war so bemüht auf eigenen Füßen stehen zu wollen, wollte ihnen unbedingt beweisen, dass ich es alleine schaffen kann. Wie sollte ich ihnen da sagen, dass ich todunglücklich war? Das hätte doch wie eine Kapitulation gewirkt.
Und jetzt tut es das nicht mehr? fragte A.J..
Natürlich tut es das noch ... irgendwie, gab Heather nachdenklich zurück aber erstens bleibt mir nichts anderes übrig wenn ich nicht demnächst unter einer Brücke schlafen möchte und zweitens ist mir der Gedanke zu kapitulieren nicht mehr unangenehm. Sie hatten eben recht. Was solls?
Du bist ganz schön mutig, sagte Cassandra und Heather lachte auf nein Süße, ich bin einfach nur unendlich dämlich und um das zu erkennen, habe ich sechs Jahre gebraucht. Das ist keine besonders große Leistung.
Das finde ich nicht. Weißt Du, den Schritt zu wagen ganz alleine von zu Hause weg zu gehen, zu versuchen, sein eigenes Leben zu leben ist sehr bemerkenswert. In diesem Moment konntest Du nicht wissen, was auf Dich zu kommt und trotzdem warst Du Dir sicher, dass Du an Deinem Leben etwas ändern mußt. Es IST mutig in diesem Moment etwas dagegen zu tun und nicht resigniert zu Hause zu bleiben und noch mutiger ist es, sich seine Fehler ein zu gestehen und zu versuchen, sie wieder gut zu machen.
Heather starrte Cassandra für einen Moment vollkommen irritiert an bist Du eine Heilige oder so etwas? fragte sie schließlich und A.J. versuchte seinen Lachanfall durch ein lautes Husten zu überspielen, während Cassandra einfach nur nachsichtig den Kopf schüttelte nein, aber ich weiß, was es bedeutete, mit seinem Leben nicht zufrieden zu sein und wie viel Kraft es kostet, etwas an dieser Situation zu ändern.
Heather schien einen Moment über Cassandras Worte nach zu denken, dann lächelte sie.
Du bist in Ordnung.
Danke, grinste Cassandra und die beiden Frauen brachen in Gekicher aus.
A.J. schmunzelte. Es dürfte äußerst interessant werden, die beiden so unterschiedlichen Charakter zusammen zu beobachten.
Sei erreichten Montreal am frühen Nachmittag. Die Sonne schien und vereinzelte Wolkenfetzen schienen am Himmel dahin zu schweben.
Sie fuhren durch die ersten Ausläufer der Stadt, vorbei an großen Lagerhallen, Industrieanlagen, Tankstellen und heruntergekommenen Bars, weiter durch kleinere Wohnsiedlungen hinter der die ersten Wolkenkratzer im gleißenden Licht der Sonne funkelten, bis sie schließlich den Stadtkern erreichten.
Cassandra sah sich mit großen Augen um und ab und an stahl sich ein verklärtes Lächeln auf ihr Gesicht. Scheinbar schien ihr das was sie sah ausnehmend gut zu gefallen.
Sollen wir uns etwas außerhalb ein Motel suchen oder versuchen wir es mit einem Hotel hier in der Stadt? fragte A.J. an sie gewandt und sie zuckte unentschlossen mit den Schultern.
Ich weiß nicht so genau. Ich glaube, ein Motel wäre mir lieber.
Mir im übrigen auch, schaltete sich Heather ein, die die letzten Minuten tatsächlich ruhig auf der Rückbank verbracht und nur ab und an eine kleinere Unterhaltung mit LaBelle geführt hatte.
Du bist nur Mitreisende und hast hier gar nichts zu sagen, scherzte A.J. und Heather lachte dann mußt Du aber auch verantworten, dass ich die Nacht neben einer stinken Mülltonne verbringe und morgen diesen Gestank den ganzen Tag ertragen. Ich wette, das nächste Mal würdest Du freiwillig in ein Motel gehen.
Wieso Mülltonne? fragte Cassandra etwas naiv und sah fragend zwischen A.J. und Heather hin und her.
Meine Barreserven belaufen sich momentan auf 12 Dollar und 25 Cent. Ich denke nicht, dass ich damit ein Hotel bezahlen könnte, klärte sie Heather auf.
Oh, ach so. Cassandra schien peinlich berührt und richtete ihren Blick starr geradeaus.
Mach Dir keine Kopf darüber. Ich habe sogar schon mit weniger überlebt.
A.J. wußte nicht so genau, was er davon halten sollte. Mit so wenig Geld konnte sie sich nicht einmal ein Zimmer in einem wirklich billigen Motel leisten. Erwartete Heather etwa, dass er für sie mit bezahlte? Allerdings hatte sie noch keine Andeutung in diese Richtung gemacht.
Er wußte schon jetzt, dass er es tun würde, einfach weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass sie diese Nacht und bei der Kälte vielleicht ohne Dach über den Kopf verbringen mußte.
Andererseits hatte er Angst, dass er sich gerade wieder ausnutzen lies, genau so, wie es so viele Menschen vor seiner Therapie mit ihm gemacht hatten. Lief er diesmal mit offenen Augen in sein Verderben?
Im nächsten Moment schallt er sich einen Idioten. Sie verlangte ja wohl keine Millionen von ihm, genau genommen verlangte sie eigentlich gar nichts.
Sie fanden ein Motel, dass etwa zwanzig Minuten vom Stadtkern entfernt lag. Die Zubringerstraße führte etwas oberhalb des niedrigen Gebäudes vorbei und würde sie heute Nacht wohl mit dem Geräusch der stetig darauf fahrenden Autos in den Schlaf lullen.
Es war nicht wirklich das, was A.J. sich gewünscht hätte, aber in anbetracht der Tatsache, dass es mit Cassandra im Moment unmöglich war, ein Hotel in der Stadt zu beziehen, eine einigermaßen annehmbare Alternative. So konnten sie zumindest heute Abend ausgehen, ohne dass sie dafür eine Weltreise hinter sich bringen mußten.
Wie er es sich vorgenommen hatte, buchte er für sich, Cassandra und Heather drei Zimmer für zwei Nächte. Morgen wollte er mit ihnen zu den Niagara-Wasserfällen fahren und er freute sich jetzt schon auf Cassandras verzückten Gesichtsausdruck beim Anblick dieses grandiosen Naturschauspiels.
Als er aus dem Büro des Motelbesitzers wieder hinaus zu den Frauen trat und jeder einen Schlüssel aushändigte, begann Heather in ihrer Tasche herum zu wühlen.
Was bin ich Dir schuldig? fragte sie dabei, ohne ihn an zu sehen.
Lass mal. Das ist schon in Ordnung so, entgegnete er und ging um den Wagen herum um ihn zu den angewiesenen Zimmer auf der Rückseite des Gebäudes zu fahren.
Moment mal, unvermittelt hielt ihn Heather am Arm fest. Ich habe Dich nicht darum gebeten, mich aus zu halten, sagte sie und ihre akkurat gezupften Augenbrauen hatten sich dabei missbilligend zusammen geschoben.
Ich weiß, gab er leichthin zurück und wollte in den Wagen einsteigen.
Warum hast Du es dann trotzdem getan? Ihre Stimme klang nun unüberhörbar wütend. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Cassandra fröstelnd die Arme um sich schlang und unbehaglich zu ihnen herüber blickte.
Du weißt, dass Deine zwölf Dollar selbst hierfür nicht ausreichen, entgegnete er und machte eine ausladende Geste, die das Motel und den beinahe leeren Parkplatz mit einschloss. Willst Du die Nacht etwa hier draußen verbringen?
Na und? Ich habe schon mehr als einmal im Freien übernachtet, das ist kein Problem für mich.
Das habe ich auch nie behauptet, oder? Aber so lange Du mit mir unterwegs bist, wird niemand die Nacht im Freien bei Minustemperaturen verbringen.
Aber ... , Heather wußte scheinbar nicht mehr was sie sagen sollte.
Hör zu, er gab den Versuch auf einfach ins Auto zu steigen und davon zu fahren und drehte sich nun ganz zu ihr herum mach Dir wegen dem Geld keine Gedanken, o.k.? Ich habe genug davon und bin froh, wenn ich es für etwas sinnvolles verwenden kann.
Ich will nicht Dein Cherity-Projekt sein, gab sie stur zurück.
Das bist Du auch nicht. Du bist so etwas wie ... eine Freundin die in Schwierigkeiten steckt und der jeder halbwegs vernünftige Mann gerne helfen würde.
Du glaubst hoffentlich nicht, dass ich mich auf irgendeine andere Weise als mit Worten bei Dir bedanken werde, gab sie misstrauisch zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, kniff ihre Augenbrauen noch ein Stückchen weiter zusammen und starrte ihn dann angriffslustig an.
Er schüttelte schmunzelnd den Kopf ein ganz einfaches, kleines Danke reicht mir voll und ganz.
Sie schien noch einen Moment zu überlegen, dann nickte sie, als hätte sie eine Entscheidung getroffen und sagte dann Danke. Ich zahle es Dir zurück. So bald ich wieder zu Hause bin und einen Job habe bekommst Du jeden Cent wieder.
Davon bin ich überzeugt, gab er ohne Spott zurück und wieder nickte sie.
Deal? fragte sie und streckte ihm ihre Hand entgegen.
Deal. Bestätigte er und schlug ein.
Cassandra warf einen Blick auf die Zimmernummer an ihrem Schlüssel und schaute sich dann suchend um.
Wir müssen auf die Rückseite, kam ihr A.J. zu Hilfe.
In Ordnung, gab sie zurück und setzte sich dann in Bewegung.
Du kannst auch mit mir mit fahren, rief er ihr nach, doch sie winkte lediglich ab und verschwand dann um die Ecke des Gebäudes.
Irgendetwas scheint ihr ganz und gar nicht zu passen, stellte Heather fest.
Ach was, entgegnete A.J. und stieg nun endgültig in den Jeep ein. Allerdings mußte er sich eingestehen, dass er gerade einen ähnlichen Gedanken gehabt hatte.