Kapitel 30
Am nächsten Morgen frühstückten Sie in dem selben Schnellrestaurant, in dem sie schon am Abend zuvor gegessen hatten, doch im Gegensatz zum vorangegangenen Abend hatte sich eine unangenehme Stille zwischen ihnen ausgebreitet.
Cassandra zerpflügte mit Hingabe ihre Pfannkuchen und A.J. stocherte lustlos in seinen Eiern mit Speck herum. Er verfluchte sich bestimmt zum hundertsten Mal, dass er so unüberlegt gehandelt und versucht hatte, sie zu küssen. Er hätte es doch wirklich besser wissen müssen! Aber nein, er hatte sich aufgeführt wie die Axt im Wald, hatte wieder einmal nur an sich gedacht.
Frustriert legte er die Gabel beiseite und starrte aus der großen Fensterfront auf den Parkplatz hinaus. Was konnte er sagen, um ihr das Gefühl von Sicherheit zurück zu geben?
Du wirkst heute Morgen nicht wirklich glücklich, sagte sie leise und überrascht sah er zu ihr hinüber.
Ehrlich gesagt, Du auch nicht, gab er statt einer Antwort zurück.
Sie legte ihr Besteck auf den Teller, der inzwischen ein Trümmerfeld von Pfannkuchenstückchen enthielt, und schob ihn ein Stück von sich.
Ich weiß nicht so genau, wie ich mich Dir gegenüber verhalten soll, gab sie zu, den Blick immer noch auf ihren Teller gerichtet.
Können wir das Ganze nicht einfach vergessen? Ich meine ... genau genommen ist ja nicht wirklich etwas passiert.
Das Problem ist wohl, dass ich es nicht vergessen kann. Ich weiß nicht, was Du von mir erwartest. Was habe ich falsch gemacht? Ich meine ... ,
Er unterbrach sie, indem er vorsichtig nach ihren Händen fasste.
Du hast überhaupt nichts falsch gemacht, sagte er leise aber eindringlich. Wenn hier jemand daneben gelegen hat, dann ganz eindeutig ich. Ich möchte einfach weiter mit Dir befreundet sein, verstehst Du?
Sie nickte und hob endlich ihren Blick. Er wanderte über seine Hände, die immer noch ihre Finger zärtlich umschlossen hielten, über seine Arme hinauf zu seinen Augen.
Ich mag Dich sehr und ... nun ja ... ich möchte Dich nicht verlieren. Also ... ich verspreche Dir, mich den Rest der Reise anständig zu benehmen, sagte er und blickte dabei ängstlich zu ihr hinüber. Meinst Du, das könnte funktionieren?
Ganz langsam stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht ich denke schon.
Gott sei Dank, sagte er wirklich erleichtert, was sie zum Schmunzeln brachte und sofort fühlte er sich um Welten besser.
Beziehungen zwischen menschlichen Wesen sind gar nicht so einfach, stellte sie fest und entzog ihm ihre Hände.
Zwischen menschlichen Wesen? Das klingt interessant, grinste er.
Sie schüttelte den Kopf und lachte dann leise.
Ich glaube, manchmal rede ich nur dummes Zeug.
Nein. Das denke ich nicht. Ich finde es sehr interessant. Erzähl mir mehr über menschliche Wesen.
Nun ... , sie legte nachdenklich ihre Stirn in Falten und er stützte das Kinn entspannt in seine Hand. ... die Menschen, die ich bisher kennen gelernt habe, mochten mich wohl nicht besonders. Jedenfalls haben sie meistens auf mir herum getrampelt. Irgendwie erwarte ich wohl, dass Du das auch irgendwann tust. Es ist unglaublich verwirrend, dass Du so nett bist.
Ich kann mir nicht vorstellen, warum diese anderen Menschen nicht die Cassandra in Dir gesehen haben, die ich sehe. Ich kann es mir nur so erklären, dass sie einfach blind waren. Du bist wirklich ein überaus lieber und netter Mensch. Etwas verschlossen vielleicht aber trotzdem unglaublich liebenswert. Die Menschen, die Dich bisher so schlecht behandelt haben, werden aus Neid oder Missgunst gehandelt haben. Sie waren neidisch auf Dich und Deine Art auf Dinge zu blicken und mit ihnen um zu gehen. Sie sind die Bösen, nicht Du!
Ein Lächeln huschte während seinen Worten über ihr Gesicht ich glaube, Du bist voreingenommen.
Voreingenommen? Du meinst wohl, ich habe mir die Mühe gemacht, Dich wirklich kennen zu lernen.
Oder so, lachte sie.
Eben, sag ich doch, grinste er.
Sie schwieg und lies ihren Blick hinaus auf den Parkplatz wandern.
Verrückte Welt, murmelte sie schließlich.
Vielleicht sollten wir langsam aufbrechen, was meinst Du?
Ja. Lass uns weiter fahren. Mal sehen, was für Wunder heute auf mich warten.
Sie hatten ihre Sachen zusammen gepackt und die Taschen im Kofferraum verstaut. Cassandra öffnete gerade die hintere Tür, damit LaBelle auf den Rücksitz springen konnte, als ein junges Mädchen mit blondem Pferdeschwanz, einer abgetragenen Lederjacke, ausgeblichenen, hautengen Jeans und festen Boots an sie heran trat.
Hey, ich bin Heather, sie lies ihren überdimensionalen Seesack von der Schulter gleiten und streckte Cassandra die Hand entgegen. A.J. beobachtete amüsiert, wie Cassandra diese, nach einem kurzen fragenden Blick in seine Richtung, irritiert schüttelte.
I-Ich bin Cassandra. Hallo.
Heather blickte nun zu ihm hinüber.
Alex, stellte er sich vor.
Hallo Alex. Ihr fahrt nicht zufällig Richtung Westküste? fragte Heather weiter und sah interessiert von Cassandra zu A.J. und wieder zurück, so als erwartete sie, dass Cassandra das Heft in der Hand hielt und sie von ihr am ehesten eine Antwort zu erwarten hatte.
Irgendwann werden wir sicherlich dort ankommen, sagte A.J. und öffnete die Fahrertür. Eigentlich hatte er erwartete, dass er mit dieser Geste das Gespräch beenden würde, doch Heather schien gar nicht daran zu denken.
Das ist toll! Ich meine ... könntet ihr mich nicht ein Stück mitnehmen? Ich sitze jetzt seit drei Tagen hier fest. Ihr würdet mir wirklich einen riesengroßen Gefallen tun.
Hoffnungsvoll sah sie zu A.J. hinüber.
Ich denke nicht, dass ... ,
Warum nicht? hörte er plötzlich Cassandra sagen und mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen starrte er zu ihr hinüber.
Ich meine ... , scheinbar bekam sie gerade Angst vor ihrer eigenen Courage ... wenn das für Dich o.k. ist.
Mit fragendem Blick sah sie zu ihm hinüber. Na wunderbar! Jetzt hing die Entscheidung also an ihm. Sollte er tatsächlich seine, ihm so kostbare Zweisamkeit mit Cassandra aufgeben? Andererseits ... vielleicht hinderte ihn Heather auch daran, ihr noch einmal zu nahe zu kommen. Und notfalls konnte er sie immer noch in Montreal absetzen.
Also an mir soll es nicht liegen, stimmte er schließlich zu und ein strahlendes Leuchten erhellte Heathers Gesicht.
Ihr seid wirklich die besten, rief sie, umarmte erst Cassandra überschwänglich, kam dann um den Wagen herum gelaufen und schlang gleich darauf A.J. ihre langen Arme um den Hals.
Ist schon in Ordnung, gab er grinsend zurück und entwand sich dann vorsichtig aus ihrer Umarmung. Du wirst Dir allerdings mit LaBelle die Rückbank teilen müssen, dabei deutete er durch die Scheibe, hinter der die Hündin saß und grinsend die Zunge aus dem Maul hängen lies.
Kein Problem, versicherte Heather schnell und winkte dabei LaBelle kurz zu.
A.J. nahm Heathers Seesack und verstaute ihn neben ihren eigenen Sachen im Kofferraum, dann öffnete er ihr die Tür und lies sie zu LaBelle auf die Rückbank klettern. Als er die Tür wieder hinter ihr geschlossen hatte trat er ein Stück zur Seite und fixierte Cassandra, die immer noch wie vom Donner gerührt neben dem Wagen stand.
Ich hoffe, Du weißt was Du da tust, sagte er grinsend und sie schüttelte den Kopf.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, aber sie scheint nett zu sein.
Ich hoffe einfach mal, dass Du recht hast, lächelte er und stieg dann ebenfalls in den Wagen ein.