Kapitel 29
18. November 2001
Was für ein Tag! Ich habe Glensdale tatsächlich verlassen. Irgendwie habe ich das noch gar nicht so wirklich realisiert. Ich sehe mich hier in meinem Motelzimmer um und erwarte eigentlich, die Wände meines eigenen zu Hauses zu sehen. Doch alles ist hier anders. Schön anders.
Beinahe wäre ich nicht mit Alex gegangen. Ich saß auf den Stufen vor dem Haus und sah ihn die Straße herauf kommen, in diesem Monstrum von Auto.
Spätestens da hat mich die Angst gepackt. Irgendwie wurde in diesem Moment alles so real. Es war klar, dass ich mich jetzt entscheiden mußte und das war sicherlich die schwerste Entscheidung meines Lebens.
Wäre Alex nicht gewesen, wäre ich wohl direkt wieder zurück in das Haus gegangen, hätte meine Tasche wieder ausgepackt und den Rest meines Lebens in Glensdale verbracht.
Doch so merkwürdig das auch klingt: Ich wollte ihn nicht enttäuschen. Er hat bereits so unglaublich viel für mich getan. Ich war es ihm schuldig, es wenigstens zu versuchen.
Die erste Stunde in diesem Auto war dann auch der reinste Horrortripp. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Angst ist etwas schlimmes, das wußte ich auch vorher schon, aber ich hatte keine Ahnung davon, wie schrecklich sie wirklich sein kann.
Als wir aus Glensdale heraus fuhren ging es noch einigermaßen, doch je weiter wir uns vom Ortschild entfernt haben, um so schlimmer wurde es. Als ob sich ein wildes Tier durch die Eingeweiden frisst um sich schließlich im Herzen nieder zu lassen um dort alle lebenswichtigen Adern ab zu schnüren.
Blutleer.
Geistlos.
Losgelöst.
Am liebsten hätte ich laut geschrieen und mich irgendwo versteckt, stattdessen bin ich einfach ganz ruhig sitzen geblieben und habe mir versucht ein zu reden, dass mir überhaupt nichts passieren kann, dass es etwas Gutes ist, aus dieser Stadt heraus zu kommen.
Ich weiß nicht, ob es das schließlich war, was die Angst vertrieben hat, oder einfach nur der liebevolle Blicke seiner Augen. Er war so ... bemüht um mich und man hat ihm angesehen, dass er sich Sorgen macht. Ich glaube, ich muß ihm bald einmal sagen, wie viel er eigentlich für mich getan hat.
Jedenfalls war die Angst plötzlich verschwunden. Einfach so. Als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt. Genau so, wie dieses Gefühl, dass eigentlich gar nicht existieren dürfte, gekommen war, so ist es auch wieder gegangen.
Sie hat noch ein paar Mal an diesem Tag vorbei geschaut um nach zu sehen, ob es mir vielleicht zu gut geht, doch nie hat sie dabei diese unglaubliche, zerstörerische Kraft gehabt.
Ich habe das erste Mal seit ich denken kann in einem anderen Laden als McMullons eingekauft, auch wenn es nur Schokoriegel in einer Tankstelle waren.
Ich habe laut in einem Auto Musik gehört, Musik, für die mich Mutter verprügelt hätte, wenn sie es miterlebt hätte.
Ich habe Dinge gesehen, die ich so bisher noch nicht kannte. Wälder, die anders aussehen als zu Hause, einen See, der so wunderschön aussah, dass ich für eine Weile ganz gebannt war.
Außerdem waren wir in einem Hotel. Alex wollte eigentlich dort übernachten und mich plagt immer noch das schlechte Gewissen, weil wir nicht dort geblieben sind. Und das nur, weil ich mich so unglaublich klein und ängstlich gefühlt habe.
Dieses Gebäude war so wahnsinnig groß und alt. Außerdem kostet dort eine Nacht höchstwahrscheinlich genau so viel, wie ich in einem ganzen Monat verdiene.
Und die Menschen dort! Ich hatte das Gefühl, dass jeder auf mich hinunter sieht, was natürlich ihr volles Recht ist. Ich gehöre dort einfach nicht hin und als hätte die Angst es geahnt, hat sie sich gleich mal wieder zu Wort gemeldet. Ich war unfähig auch nur noch einen Schritt zu machen und mußte hilflos dabei zu sehen, wie Alex zur Rezeption gegangen ist. Allerdings hat er ungefähr auf der Hälfte der Strecke gemerkt, dass ich nicht mehr da war.
Er war wirklich unglaublich lieb und hat meinetwegen auf eine Nacht in Luxus verzichtet. Ich frage mich, wie lange ich das noch von ihm verlangen kann. Immerhin hat er mich mit genommen. Eigentlich ist das sein Urlaub. Und ich vermiese ihm auch noch den kleinsten Spaß daran. Höchstwahrscheinlich wird er mich bald hassen und sich wünschen, mein Tagebuch niemals gefunden zu haben.
Etwas Gutes dauert einfach nicht ewig.
Sie hatten schließlich ein Motel gefunden, dass noch ca. 70 Meilen von Montreal entfernt lag. Die Zimmer waren sauber, die Betten einigermaßen bequem und seine Dusche bekam A.J. dann auch noch.
Seltsamer Weise machte es ihm überhaupt nichts aus, auf den Luxus eines komfortablen Hotels zu verzichten. Es stimmte, was er zu Cassandra gesagt hatte: So lange sie bei ihm war, war ihm alles andere egal.
An das Motel schloss sich ein Restaurant an. Wobei Restaurant in diesem Fall wohl etwas übertrieben war. Doch die Burger konnten sich durchaus sehen lassen und er registrierte glücklich, dass Cassandra einen ebenso großen Appetit hatte, wie er selbst.
Leider konnten sie LaBelle nicht mit nehmen und so hatten sie der Hündin zwei riesige Steaks mit gebracht.
Schließlich waren sie etwas unentschlossen vor ihren Türen gestanden und hatten sich dann etwas unsicher von einander verabschiedet.
Nun lag er auf seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, im Radio lief leise Country Musik und er versuchte den Gedanken zu unterdrücken, dass Cassandra nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt war.
Es war ihm schwer gefallen, seine eigene Tür zu öffnen und nach einem ganzen Tag mit ihr wieder alleine zu sein. Manchmal war es schon sehr unheimlich, wie schnell man sich an die Nähe eines anderen Menschen gewöhnen konnte. Sie fehlte ihm, auch wenn ihn das etwas beunruhigte. Er versuchte sich darüber klar zu werden, dass sie nur ein paar Tage zusammen verbrachten und dass danach jeder in sein eigentliches Leben zurück kehren musste. Und so schwer ihm das auch fallen würde, so wenig hatte er eine andere Wahl.
Japan rief, er hatte jede Menge Arbeit wenn er wieder zu Hause war ... obwohl ... das stand so auch noch nicht fest. Es gab keine Pläne für ein neues Album. Jeder schien froh zu sein, wenn er erst einmal die Tour hinter sich gebracht und wieder zu Hause sein konnte. Abgesehen von ihm natürlich.
Was sollte er denn mit sich alleine in dem großen Haus anfangen? Natürlich, er konnte weiter an seinen eigenen Songs arbeiten, er konnte versuchen etwas eigenes auf die Beine zu stellen, doch so wirklich fröhlich stimmte ihn dieser Gedanke nicht.
Das erste Mal alleine ohne Alkohol, das erste Mal das Ende einer Tour ohne sich danach bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken und er hatte noch keinen blassen Schimmer, wie er das durchstehen sollte.
Am schlimmsten war es eben, die Gewohnheiten zu durchbrechen. Der Alkohol fehlte ihm nicht wirklich, aber zu manchen Situationen in seinem Leben gehörte eben Mr. Jack Daniels genau so dazu wie das Gebet zu einem Priester oder das Aufwärmen zu einem Sportler.
Das Trinken war für ihn im Laufe der Zeit zu einer Art Ritual geworden, etwas mit dem er sich nach einem anstrengenden Tag belohnte, etwas, dass den Abschluß z.B. eines Konzertes oder eben einer Tour markierte, etwas das er tat, wenn ihm langweilig war.
Diese Lücken mußte er nun füllen. Im Moment tat er dies wohl mit der Anwesenheit von Cassandra. Sie lenkte ihn ab und gab ihm so etwas wie Stärke und einen Glauben an sich selbst, den er schon seit einer ganzen Weile verloren geglaubt hatte. Er gefiel sich in der Rolle des Beschützers und Aufpassers und auch diese Erfahrung war für ihn etwas ganz Neues.
Bisher hatten weit gehend andere Menschen für ihn entschieden und manchmal auch bestimmt, aber im Endeffekt hatte er sich meist gerne gefügt, auch wenn das nach außen nicht immer so ausgesehen hatte.
Jetzt war er derjenige, der die Entscheidungen traf, der Rücksicht auf jemanden nehmen mußte und dafür sogar bereit war, seine eigenen Vorstellungen und Prinzipen neu zu überdenken und in Frage zu stellen.
Er war dabei sich zu verändern und dieser Gedanke lies ihn plötzlich und ruckartig in die Höhe fahren.
Unruhig stand er auf und schlüpfte in seine warme Jacke. Er brauchte wohl dringend noch etwas frische Luft.
Leise öffnete er die Tür und genoss einen Augenblick die kalte, klare Luft die ihm entgegen schlug. Vorsichtig zog er die Tür hinter sich zu, atmete ein paar Mal tief ein und aus und sah sich dann aufmerksam um. Eine Bewegung am Parkplatzrand lies ihn interessiert die Augen zusammen kneifen.
Es standen nicht viele Wagen vor den, in pastell-grün gehaltenen Türen, nichts rührte sich auf dem menschenleeren Parkplatz. Langsam ging er um den Jeep herum, lies dabei seine Hand fast zärtlich in Brusthöhe über die Motorhaube gleiten und blieb dann stehen.
Immer noch bewegte sich etwas im flachen Gras, etwa zwanzig Meter vor ihm, doch er konnte es im dämmrigen Licht der Parkplatzbeleuchtung nicht wirklich erkennen.
LaBelle brauchte noch etwas Bewegung, hörte er plötzlich eine Stimme und erschrocken zuckte er zusammen. Er fuhr auf dem Absatz herum, konnte aber niemanden sehen.
Ich bin hier oben, hörte er Cassandras Stimme erneut und suchend lies er seinen Blick über die Galerie am zweiten Stockwerk des Motels gleiten. Ein Kichern verriet ihm, dass er wohl an der falschen Stelle suchte.
Hier oben. Auf dem Wagen, hörte er Cassandra wieder.
Als er nun seine Aufmerksamkeit dem Auto zuwandte, sah er eine schemenhafte Gestalt auf dem Dach des Jeeps sitzen.
Was machst Du denn da oben? fragte er verblüfft und konnte gerade noch erkennen, wie sie mit den Schultern zuckte.
Ich weiß nicht. Ich glaube, die Aussicht hat mich gereizt.
Und? Lohnt es sich?
Komm hoch und sieh selbst, entgegnete sie.
Er sah sich suchend nach einer Möglichkeit um, wie er ohne das Auto zu beschädigen auf das Dach kommen sollte, schließlich kletterte er über den Kühlergrill auf die Motorhaube und weiter über die Windschutzscheibe hinauf auf das Dach.
Vorsichtig lies er sich neben Cassandra im Schneidersitz nieder.
Sie saß auf einer Decke und hatte eine weitere um ihre schmalen Schultern geschlungen.
Nicht wirklich berauschend, würde ich sagen, stellte er fest, nachdem er von hier oben lediglich über den Parkplatz sehen konnte. Wenigstens konnte er jetzt LaBelle besser erkennen, die schnuppernd von einem Busch zum nächsten trottete.
Ich habe nicht gesagt, dass es sich lohnt, grinste Cassandra und er stieß sie sanft in die Seite.
Das war nicht fair.
Wieso? Wir sind jetzt zusammen hier, genießen die Sterne über uns ... was will man mehr?
So gesehen, er nickte und wandte seinen Blick von ihr ab. Ihre Nähe machte ihn nervös und irgendwie kam es ihm so vor, als würde etwas ganz bestimmtes fehlen, doch er kam nicht sofort darauf was.
Es ist ganz schön ruhig, findest Du nicht? fragte Cassandra und zog die Decke noch enger um ihren Körper.
Ja. Ich habe mich auch gerade gefragt, was hier wohl fehlt.
Ist schon komisch, wie man sich an bestimmte Geräusche gewöhnt. Mir fehlt das Brummen des Motors und die Musik. Obwohl ... fehlen ist wohl zu viel gesagt.
Ich verstehe, was Du meinst. Irgendwie ungewohnt. Verrückt eigentlich.
Wem sagst Du das.
Sie schwiegen eine Weile und beobachteten LaBelle, die jetzt über den Parkplatz zu ihnen herüber getrottet kam, kurz am Vorderreifen des Jeeps stehen blieb, daran schnupperte und dann weiter zu der überdachten Veranda lief, um sich gleich darauf vor Cassandras Zimmertür schnaubend nieder zu lassen.
Erzähl mal. Wie geht es Dir jetzt so? Hast Du den ersten Schock überwunden?
Ich denke schon, lächelte Cassandra. Es ist alles ziemlich ungewohnt und neu, aber irgendwie auch schön. Ich komme mir nur manchmal so ... verloren vor. Weiß auch nicht woran das liegt.
Es ist ganz schön viel Unbekanntes auf einmal. Ich denke, das ist ganz normal.
Findest Du? Dir macht das doch auch nichts aus und ich kann mir nicht vorstellen, dass Du hier schon einmal gewesen bist.
Ja, aber ich bin es im Gegensatz zu Dir gewohnt immer wieder etwas anderes zu sehen. Ich habe keine Angst mehr davor.
Glaubst Du, dass es so etwas wie Angst-Training gibt? Ich meine ... angenommen wir sind noch eine Woche unterwegs, werde ich mich dann nicht mehr so fühlen?
Sie blickte interessiert zu ihm hinüber und für einen Weile vergas er völlig, was er hatte sagen wollen. Ihre Augen reflektierten das warme Licht der Laternen und ihre Haut schimmerte beinahe golden. Unglaublich, wie schön sie selbst an einem solch unromantischen Ort wirkte.
I-Ich ... weiß nicht ... so genau, stotterte er.
Sie lächelte, wobei ihr linker Mundwinkel eine Spur weiter nach oben rutschte als ihr rechter und ohne darüber nach zu denken beugte er sich zu ihr hinüber. Er wollte sie küssen. Jetzt, hier und auf der Stelle. Doch bevor seine Lippen auch nur in die Nähe von ihren gekommen waren, hatte sie den Kopf zur Seite gedreht.
Ich werde dann wohl mal schlafen gehen, sagte sie, wickelte sich schnell aus der Decke und begann hastig, über die Windschutzscheibe nach unten zu klettern.
Hey warte, rief A.J., rutschte auf die Motorhaube und sprang gleich darauf auf den Boden.
Tut mir leid ich hätte nicht ... ,
Ist schon in Ordnung, erwiderte Cassandra und ging schnell zu LaBelle hinüber.
Nein, ist es nicht, gab er bestimmt zurück, faste sanft nach ihrem Arm und zwang sie so, stehen zu bleiben.
Ich habe mich hinreißen lassen, o.k.? Du bist einfach ... so wunderschön. Ich habe nicht nachgedacht. Es tut mir wirklich leid.
Sein Herz klopfte schnell und unregelmäßig. Er hatte einen Fehler begangen, vielleicht sogar einen unverzeihlichen Fehler und er fühlte, wie die Angst drohte, im die Kehle zu zu schnüren. Zutiefst erschrocken stellte er fest, dass er sie brauchte. Wie die Luft zum Atmen, wie die Musik, wie seine Familie.
Mit großen Augen sah sie zu ihm auf, schien in seinem Blick nach etwas zu suchen. Vielleicht nach einem Funken Unaufrichtigkeit. Schließlich seufzte sie.
Es tut mir leid. Ich kann mit so etwas nicht wirklich gut umgehen. Ich ... das macht mir Angst. Gott ... wie oft werde ich diesen Satz wohl noch sagen?
Ist schon gut, sagte er sanft vergessen wir das einfach, o.k.? Ich verspreche, ich werde mich in Zukunft besser im Griff haben.
Sie nickte langsam, dann entwand sie ihm vorsichtig ihren Arm, rief nach LaBelle und gleich darauf schloss sich ihre Zimmertür hinter ihr.
A.J. blieb wie festgefroren vor ihrer Tür stehen und strich schließlich zärtlich über das raue Holz.
Du bist ein Idiot McLean, murmelte er, dann drehte er sich herum und schlurfte langsam zurück zu seinem eigenen Zimmer. Mal wieder hatte er alles vermasselt.