Kapitel 28
Am frühen Nachmittag hielten Sie an einer Tankstelle, die mitten im Nirgendwo lag. Ab und an rauschten Autos die schnurgerade Straße entlang, gefolgt von staubigen, donnernden Trucks.
A.J. stieg aus um zu Tanken und zog sich fröstelnd seine Jacke über, während Cassandra im Wagen sitzen blieb und sich neugierig umsah.
Schließlich öffnete er ihre Tür.
Möchtest Du irgendetwas essen oder trinken? Irgendwie haben wir wohl beide das mit dem Proviant vergessen. Er grinste verlegen.
Ich komme mit, hörte er sie zu seiner Verblüffung antworten. Sie stieg aus und gleich darauf sprang auch LaBelle vom Rücksitz.
Gemeinsam gingen Sie hinüber zu dem kleinen, niedrigen Gebäude der Tankstelle. Irgendjemand hatte netter Weise einen kleine Schüssel mit Wasser vor den Laden gestellt und LaBelle machte sich laut schlabbernd darüber her. Cassandra trat hinter A.J. durch die Tür und bedeutete LaBelle dabei, hier auf sie zu warten.
Als sie ins Innere des Gebäudes traten war A.J. froh, dass sie damit auch den beißend kalten Wind ausgeschlossen hatten. Für einen flüchtigen Moment fragte er sich, warum sie ausgerechnet im November an der Ostküste entlang fuhren. Kalifornien kannte so etwas wie winterliche Temperaturen einfach nicht.
Er wandte sich an die Kasse, während Cassandra durch die Gänge streifte und jedes Regal ausgiebig musterte.
Du kannst alles haben, was Du möchtest, sagte er an Cassandra gewandt, zog dann seine Kreditkarte aus der Brieftasche und reichte sie dem pickligen Jüngling an der Kasse, der sie beide interessiert musterte.
Dann nehme ich das hier, sagte sie und legte einen Schokoriegel und eine kleine Flasche Milch auf den Tresen.
Ich sagte alles, sagte A.J. grinsend und das hier ist sehr weit entfernt von alles.
Na ja ... also ... ich kann doch nicht einfach den halben Laden leer kaufen.
Oh doch, das kannst Du! Pass auf, ich zeig Dir, wie man das macht.
Er nahm Cassandra bei der Hand und erneut streiften sie durch die Regale. Als er schließlich bezahlte, hatten sie zwei große Papiertüten mit Proviant und Getränken gefüllt und dabei auch LaBelle nicht vergessen.
Höchstwahrscheinlich hat der Typ hinter der Kasse mit uns so viel Umsatz gemacht, wie sonst in einem Monat, kicherte Cassandra, während sie gemeinsam zum Wagen zurück gingen.
Ja. Aber dafür hat er sich eigentlich ganz gut im Griff gehabt, findest Du nicht?
Stimmt. Eigentlich hätten wir die goldene Kundenkarte verdient.
Sie lachten beide, A.J. verstaute die beiden Tüten auf dem Rücksitz und schärfte LaBelle noch einmal ein, dass diese Leckereien nicht alle für sie gedacht waren, was diese mit großem, aufmerksamen Augenaufschlag zur Kenntnis nahm.
Wenig später befanden sie sich wieder auf der Straße. Cassandra ging jede Tüte ihrer Einkäufe einzeln durch, fütterte A.J., damit er sich weiterhin auf die Straße konzentrieren konnte und steckte auch LaBelle ab und an eine Leckerei zu.
Als sie sich am frühen Abend der ersten größeren Stadt näherten, war der Wagen übersäht mit Verpackungen, Schokoladenpapier und leeren Limonadeflaschen und Cassandra strahlte so glücklich, dass A.J. gar nicht anders konnte als die ganze Zeit zu lächeln.
Sie befanden sich in der Nähe der kanadischen Grenze am Ufer des St. Larence Sees, der, je näher sie der Stadt kamen, zwischen Kiefern, grünen Wiesen und Büschen glitzernd aus dem Dunst auftauchte.
Bis Montreal waren es noch 150 Meilen und A.J. überlegte, ob er heute noch so weit fahren sollte. Eigentlich gab es keinen Grund zur Eile. Sie hatten jede Menge Zeit, warum sollten sie also nicht einfach jetzt und hier anhalten?
Er bog von der Straße ab und folgte den Ortsschildern, die sie nach Carben lotsten. Er kannte diese Stadt, auch wenn er nicht mehr sagen konnte, wann und warum er mit den Backstreet Boys dort gewesen war.
Er erinnerte sich aber an das alte, luxuriöse Hotel, in dem sie damals abgestiegen waren. Das würde Cassandra sicherlich gefallen. Meterhohe Decken, alte und unbezahlbare Antiquitäten und alles in allem sehr gediegen und vor allen Dingen ruhig.
Wo fahren wir hin? fragte Cassandra schließlich, die stirnrunzelnd die Gebäude musterte, die an ihnen vorbei zogen.
Ich kenne hier ein tolles Hotel. Dort können wir für heute Nacht bleiben und dann sehen wir mal, wohin wir morgen fahren.
Ich sehe schon, diese Reise ist von vorne bis hinten gut durchdacht, grinste sie.
Tja, ich bin der Meinung, dass zu viel Planung den ganzen Spaß an der Sache nimmt.
Wirklich? Cassandra wirkte skeptisch.
Glaubst Du mir das etwa nicht?
Oh doch, doch. Es ist nur ... mir sind Pläne wohl einfach lieber.
Von einem Moment auf den anderen wirkte sie wieder unsicher und ängstlich. Mit großen Augen blickte sie vor sich auf die Straße, lies ihren Blick über die Gesichter der Menschen gleiten, die in einigen Cafes an der Straße saßen oder gerade aus Geschäften heraus traten.
Warte ab, bis Du das Hotel siehst. Es ist wirklich grandios. Nicht so ein großer, neuer Klotz sondern wirklich alt und toll restauriert.
Hm, Cassandra nickte abwesend und A.J. versuchte sich wieder auf die Straße zu konzentrieren. Wo war dieses Hotel nur gewesen? Mußte er hier links?
Eine ganze Weile kurvten sie durch die Stadt, bis sie endlich und mehr aus Zufall eine Straße fanden, die aus der Stadt heraus führte und an der ein Schild auf das Old Dermont Hotel hinwies.
Nach weiteren drei Meilen ragte das Hotel schließlich in der Ferne auf. Man konnte selbst von hier schon die bunten Fahnen sehen, die vor dem Eingangsportal im sanften Wind wehten und die unzähligen Fenster, die oben mit einem Rundbogen abschlossen.
A.J. lächelte bei dem Gedanken an ein weiches, bequemes Bett, eine ausgiebige Dusche und ein gemütliches Abendessen im Restaurant des Hotels.
Als sie schließlich vor dem Eingang vorfuhren eilten gleich zwei Pagen herbei, die ihnen galant die Wagentüren öffneten. Der eine nahm von A.J. die Wagenschlüssel in Empfang, der andere öffnete den Kofferraum und holte ihr Gepäck heraus.
A.J. lächelte Cassandra aufmunternd zu und trat dann vor ihr in das Foyer des Hotels. Alles war noch genau so, wie er es in Erinnerung hatte und beschwingt strebte er der Rezeption zu. Auf halben Wege drehte er sich zu Cassandra um.
Wir werden ganz tolle Zimmer mit ... , er verstummte und runzelte die Stirn. Eigentlich war er der Meinung gewesen, dass sie direkt hinter ihm war.
Er warf einen Blick zurück und sah sie mit LaBelle am Eingang stehen. Die Hündin hatte sich an Cassandras Bein geschmiegt und lies hechelnd die Zunge aus dem Maul hängen, Cassandra selbst stand wie festgewachsen mitten im Eingang, hatte LaBelle einen Hand auf den Kopf gelegt und kaute nervös an ihrer Unterlippe.
Verloren, schoss es A.J. durch den Kopf sie wirken so verdammt verloren.
Langsam ging er zu ihr zurück.
Hey, alles klar bei Euch zwei? fragte er gezwungen fröhlich und kraulte LaBelle hinter den Ohren. Cassandra bewegte sich nicht.
Hallo? fragte er leise und berührte sie sanft am Arm.
Was? Cassandra schrak zusammen und blickte ihn mit großen Augen an.
Ich möchte nur wissen, ob alles in Ordnung ist.
Ich ... weiß nicht ... so genau, gab Cassandra stockend zurück. Müssen wir wirklich hier bleiben?
N-Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es Dir gefallen könnte. Es ist wirklich sehr komfortabel und ... ,
Das ist es sicherlich, unterbrach ihn Cassandra es ist nur ... ich meine ... , sie brach ab und senkte den Blick. Tut mir leid. Ich führe mich hier gerade auf ... also ... lass uns das Zimmer buchen und ... ,
Nein, nein, warte, sagte A.J. ruhig, nahm sie bei der Hand und führte sie wieder hinaus. Zielstrebig steuerte er eine Bank an und setzte sich, wobei er Cassandra neben sich zog und LaBelle sich zu ihren Füßen nieder lies.
Was stimmt damit nicht? fragte er sanft.
Oh, es ist sicherlich alles ganz toll dort, wirklich. Es ist nur ... das ist so weit weg von meiner bisherigen Welt, dass mir schon der Angstschweiß ausbricht, wenn ich es nur von außen betrachte.
Oh .... , daran hatte er überhaupt noch nicht gedacht.
Ich komme sicherlich irgendwie damit klar, mach Dir keine Gedanken. Sie hatte sich von der Bank erhoben, doch er fasste erneut nach ihrer Hand und zog sie wieder zu sich herunter.
Ich möchte aber nicht dass Du irgendwie damit klar kommst, sagte er sanft. Wo ... möchtest Du denn gerne übernachten? Hattest Du Dir etwas bestimmtes vorgestellt?
Ehrlich gesagt, sie wirkte verlegen dachte ich, dass wir in einem dieser Motels übernachten. Also ... na ja ... wo man die Zimmer von außen betritt und ... keine Ahnung ... nicht so viele Menschen sind ... und ... na ja ... , sie zuckte hilflos mit den Schultern und wagte es scheinbar nicht, ihn an zu sehen.
Also gut. Dann fahren wir eben in ein Motel, gab er lächelnd zurück, verabschiedete sich innerlich von seinem weichen Bett, der Dusche und dem guten Essen und stand auf.
Aber ... wir müssen nicht, ich kann auch durchaus ... , sagte sie schnell, doch er unterbrach sie.
Hey, wir stehen gerade mal am Anfang unserer Reise und ich möchte, dass Du Dich wohl fühlst. Also werden wir jetzt wieder ins Auto steigen und uns ein nettes, kleines Motel suchen. Das ist überhaupt kein Problem!
Bist Du Dir sicher? Ich meine ... ich möchte nämlich auch, dass Du Dich wohl fühlst.
So lange wir zusammen sind, ist mir alles recht, sagte er leise und sie errötete augenblicklich.
Er grinste ich werde jetzt mal unser Gepäck wieder einsammeln und sehen, ob wir den Wagen wieder bekommen. Wartest Du hier?
Sie nickte, immer noch knall rot im Gesicht.
In Ordnung. Lauf ja nicht weg, o.k.?
Sie schüttelte den Kopf und er drehte sich um, um das eben gesagte in die Tat um zu setzen.