Kapitel 27
Wie versprochen fuhr er langsam durch den Ort, bog dann auf die Ausfallstraße ab und lies Cassandra die letzten zwei Meilen bis zur Ortsgrenze nicht länger als nötig aus den Augen.
Rein äußerlich wirkte sie vollkommen ruhig, doch ein Blick auf ihre Hände verriet ihm, dass in ihr ein Sturm toben musste. Ihre Knöchel traten weiß hervor, wenn sie, wie jetzt, die Finger fest ineinander verschränkte nur um sie gleich darauf wieder voneinander zu lösen, die Handflächen aneinander zu reiben und gleich danach ihre schlanken Finger wieder wie zum Gebet zu falten.
Das Ortsschild kam immer näher und schließlich glitt es langsam an ihnen vorbei. Cassandra folgte mit den Augen dem unscheinbaren Holzschild, bis es aus ihrem Blickfeld verschwunden war, dann heftete sie sie wieder auf das endlose Band der Straße vor ihnen.
Alles in Ordnung? fragte A.J. schließlich nach einer ganzen Weile und widerstand dabei dem Impuls, den Fuß vom Gas zu nehmen.
Sie nickte lediglich, ohne ihn dabei an zu sehen.
Wie wäre es denn ... mit ein wenig Musik? fragte er, um sie ein wenig ab zu lenken.
Sie zuckte mit den Schultern.
Im Handschuhfach sind einige CDs. Vielleicht möchtest Du uns etwas heraus suchen?
Endlich löste sie den Blick von der Straße und wandte den Kopf. Ihre Augen waren weit aufgerissen und hatten einen schwachen Grünschimmer angenommen, ihre Nasenflügel bebten und sie hatte die Lippen fest aufeinander gepresst.
Natürlich nur, wenn Du möchtest, fügte er schnell hinzu und wünschte, er könnte irgendetwas für sie tun.
Für eine Weile starrte sie ihn an, dann beugte sie sich schließlich vor und öffnete das Handschuhfach. Eigentlich rechnete er damit, dass sie einfach die nächst beste CD heraus ziehen würde, doch stattdessen griff sie nach dem ganzen Stapel, legte ihn in ihren Schoß und besah sich nacheinander jedes einzelne Cover.
Wie ist die hier? fragte sie schließlich und hielt ihm eine CD entgegen.
Oh, ich sehe schon, Du hast Geschmack, grinste er.
Was hast Du denn erwartet? gab sie zurück und ein zaghaftes Lächeln erhellte ihr Gesicht, das allerdings nicht bis zu ihren Augen reichte.
Sie öffnete die Hülle, nahm vorsichtig die glänzende Scheibe heraus und untersuchte dann für einen Moment den CD-Player des Jeeps. Gleich darauf schob sie die CD in den dafür vorgesehenen Schlitz und nach einem Moment der Stille erschallte laute Rockmusik aus den Boxen.
Sie zuckten beide erschrocken zusammen, Cassandra drehte schnell die Lautstärke etwas herunter und lehnte sich dann langsam mit geschlossenen Augen in die Polster zurück. LaBelle streckte ihren Kopf nach vorne und legte ihn Cassandra leise schnaubend auf die Schulter.
Ganz automatisch hob Cassandra den Arm, schlang ihn um den Hals des Tieres und kraulte LaBelle zärtlich hinter den Ohren.
Kannst Du glauben, dass wir das wirklich getan haben? flüsterte sie und rieb ihre Nase im weichen Fell des Hundes.
LaBelle antwortete mit einem leisen Wuff. Ein Lächeln erschien auf Cassandras Gesichtszügen und sie fuhr fort, LaBelle zu kraulen.
Wir haben es tatsächlich getan mein Schatz. Unglaublich, was?
Ich bin wirklich stolz auf Euch zwei, lächelte A.J. und spürte, wie sich seine angespannten Muskeln langsam entkrampften.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen könnte, gab Cassandra ruhig zurück.
Ich habe immer an Dich geglaubt, das weißt Du. Manchmal hat man eben keine andere Wahl als sich seinen Ängsten zu stellen und ihnen zu zeigen, dass sie so nicht mit uns umgehen können, erwiderte A.J..
Ja, vielleicht hast Du recht.
Wie geht es Dir jetzt?
Eigentlich ... ganz gut.
Er mußte über ihren überraschten Gesichtsausdruck lachen.
Das ist doch hervorragend.
Ja. Bis vor ein paar Sekunden dachte ich noch, ich müsste sterben. Aber jetzt ... .
Sie sah sich mit neuem Interesse um, lies ihren Blick über die Felder wandern, die am Beifahrerfenster vorbei rauschten und blickte dann zu ihm hinüber.
Ich danke Dir, sagte sie leise.
Du brauchst mir nicht zu danken. Wenn man es genauer betrachtet, waren es rein egoistische Motive, die mich dazu gebracht haben, Dich hierzu zu überreden.
Und da sage noch einmal einer, Egoismus wäre nichts Gutes, grinste sie.
Die nächsten Meilen legten sie schweigend zurück, doch ausnahmsweise genoss A.J. dieses Gefühl von Ruhe. Er fühlte sich wohl in dem geräumigen Wagen, mit Cassandra an seiner Seite, die begeistert in den CDs wühlte, immer wieder ein Booklet heraus zog und darin las.
Fast hatte er das Gefühl, dass sie noch nie etwas anderes getan hatten, als gemeinsam durch die Lande zu fahren und dabei alleine mit der Anwesenheit des Anderen zufrieden zu sein.
Die CD war beinahe komplett durch gelaufen, als eines seiner Lieblingslieder erklang und er fasziniert beobachtete, wie Cassandra den Kopf leicht schräg hielt und interessiert auf den Text lauschte.
Im not supposed to be scared of anything,
but I dont know where I am.
I wish that I could move but Im exhausted
and nobody understands (how I feel).
Im trying hard to breathe now,
but theres no air in my lungs.
Theres no one here to talk to
And the pain inside is making me numb.
Try to hold this under control.
You cant help me, cause no one knows.
Now Im goin through changes, changes.
God I feel so frustrated lately.
When I get suffocated, save me.
Now Im goin through changes, changes.
Feelin weak and weary.
Walking through this world alone
Everything they say, every word of it,
cuts me to the bone (and I bleed).
Ive got something to say
but now Ive got nowhere to turn.
It feels like Ive been buried
underneath all the weight of the world.
I try to hold this under control
They cant help me, cause no one knows.
Now Im goin through changes, changes.
God I feel so frustrated lately.
When I get suffocated, save me.
Now Im goin through changes, changes.
Im blind and shakin, bound and breakin.
I hope Ill make it, through all these changes
Now Im goin through changes, changes.
God I feel so frustrated lately.
When I get suffocated, save me.
Now Im goin through changes, changes.
(3 Doors Down/Changes)
Die letzten Akkorde verklangen und Cassandra lehnte sich wieder in ihrem Sitz zurück.
Als hätten sie in mich hinein gesehen, meinte sie nachdenklich.
Ich denke, dass die meisten Menschen eben wissen was es heißt, wirklich Angst zu haben, gab A.J. zurück.
Ich weiß nicht. Ich glaube, niemand führt sich so verrückt auf, wie ich. Es kann doch nicht normal sein, wenn man Todesangst bekommt in dem Moment, wo man die Ortsgrenze überschreitet.
Ich befürchte, da irrst Du Dich. Angst ist die neue Krankheit dieses Jahrhunderts und ich bin mir fast sicher, dass sie gleich hinter Krebs kommt. Viele Menschen haben Angst, manche von ihnen sogar so sehr, dass es ihr normales Leben beeinflußt.
Es ist seltsam, dass sie jetzt plötzlich weg ist. Als hätte irgendjemand einfach dieses rot leuchtende Lämpchen in meinem Kopf ausgeknipst. Ich meine ... wenn ich das schon früher gewußt hätte ... ,
Was dann? hakte er nach, nachdem sie nicht weiter sprach.
Ich weiß nicht ... vielleicht wäre ich schon früher gegangen.
Was zählt ist doch nur, dass Du es jetzt getan hast, oder?
So viele Jahre ... , murmelte sie, als hätte sie ihn gar nicht gehört.
Hey, er fasste sanft nach ihrer Hand nicht zurück schauen. Konzentriere Dich auf die Gegenwart und die Zukunft. Es ist nie zu spät etwas an seinem Leben zu ändern. Und Du hast das erfolgreich getan. Jetzt steht Dir alles offen.
Ja ... , ein strahlendes Leuchten erhellte ihr Gesicht JAAAAA, lachte sie dann und schlug gleich darauf kichernd die Hand vor den Mund ich glaube, jetzt ticke ich endgültig aus, lachte sie.
Nein, A.J. schüttelte grinsend den Kopf Du fängst nur endlich an zu leben und das ist gut so.