Kapitel 26
10. November 2001
Noch eine Woche und ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Es ist zum Verrückt werden. Alex hat unsere Reise mit keinem Wort mehr erwähnt und ich frage mich langsam, ob das Ganze vielleicht doch nur eine Schnapsidee von ihm war und er sein Angebot inzwischen bereut.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich sowieso nicht wüsste, was ich ihm antworten sollte.
Bin ich bereit, mein zu Hause hinter mir zu lassen? Ein ganz klares jein. Auf der einen Seite reizt es mich sehr, etwas anderes als dieses langweilige Kaff zu sehen, auf der anderen Seite wird mir ganz schlecht wenn ich nur daran denke, diesen Ort zu verlassen. Wie bescheuert kann man eigentlich sein?
Ich habe vorsichtshalber schon einmal mit Packen angefangen. LaBelle kommt alle fünf Minuten mit etwas Neuem, dass sie unbedingt mitnehmen möchte. Ich glaube, sie hat Angst, dass ich sie hier zurück lassen könnte.
Dabei könnte ich ohne sie nirgendwo hin gehen. Ich habe es ihr versucht zu erklären, aber sie wedelt immer nur mit dem Schwanz und grinst mich an, dann dreht sie sich herum und schleppt ihren Lieblingskauknochen an. Soll einmal jemand daraus schlau werden.
Ob ich Alex noch einmal auf unseren Urlaub ansprechen sollte? Oder lieber warten, bis er das Thema von sich aus zur Sprache bringt? Ich möchte mir keine Blöße geben. Am Ende hat er das Alles wirklich nicht ernst gemeint und lacht mich aus, weil ich ihm geglaubt habe.
Aber eigentlich ist er nicht so ... oder vielleicht doch? Gott, ich drehen noch durch. Ich hätte niemals gedacht, dass ich diesem Tag so sehr entgegen fiebern könnte und sei es auch nur um endlich Klarheit darüber zu haben, was ich eigentlich will.
Er passierte das Ortsschild von Glensdale und ein freudiges Grinsen erhellte sein Gesicht. Wenn er ehrlich war, hatte er nicht wirklich daran geglaubt, dass er Cassandra dazu bringen konnte, mit ihm fort zu gehen.
Eine ganze Weile hatte er absichtlich das Thema nicht mehr zur Sprache gebracht. Er wollte sie auf keinen Fall bedrängen und ihr Zeit geben, ihre eigene Entscheidung zu treffen. Doch eine Woche zuvor hatte er es dann nicht mehr ausgehalten, da er Angst hatte, dass sie den Termin einfach so und ohne ein weiteres Wort verstreichen lassen würde. Also hatte er zaghaft nachgehakt, was denn nun der Stand der Dinge sei und sie hatte ihm zugesichert, dass sie zumindest ihre Koffer packte und vor ihrer Haustür auf ihn warten würde. Alles andere würde sich also heute zeigen.
Er hatte einen schwarzen Jeep Grand Cherokee gemietet und diesen heute Morgen am JFK Flughafen abgeholt. Mehr hatte es nicht zu organisieren gegeben und fast war er ein wenig traurig darüber. Wie sagte man so schön? Vorfreude ist die schönste Freude.
Und so war er auch das erste Mal, seit es die Backstreet Boys gab, über das Tourende nicht sonderlich traurig gewesen. In vier Wochen würden sie sowieso nach Japan fliegen um dort noch einige Konzerte zu geben, bevor sie in ihren wohlverdienten Weihnachtsurlaub gingen. Was danach mit der Band und ihm geschehen würde, darüber gab es noch keine Pläne und wenn er es auch nicht zugab, so machte ihn das unbestreitbar nervös.
Er versuchte sich wieder auf die Dinge zu konzentrieren, die jetzt unmittelbar vor ihm lagen und mit rasendem Herzklopfen bog er schließlich um die letzte Kurve und hielt gleich darauf vor Cassandras Haus.
Sie saß neben einer riesigen Reisetasche auf den Stufen, die zu einer Veranda hinauf führten und hatte Halt suchend einen Arm um LaBelle gelegt.
Das Haus ragte groß und düster hinter ihr auf und so wirkte sie noch kleiner und zerbrechlicher, als sie das sowieso schon tat.
A.J. stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen und schlenderte langsam zu ihr hinüber.
Hey Prinzessin. Bereit zum Aufbruch? begrüßte er sie und konnte seinen Blick kaum von ihr abwenden. Wie lange hatten sie sich jetzt nicht gesehen? Fast acht Wochen, aber es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. In Gedanken vervollständigte er sein Erinnerungsbild von ihr.
Es schien ihm, als sei es im Laufe der Zeit etwas verblasst und hätte an Schärfe abgenommen. Jedenfalls war sie ihm nicht so strahlend vor gekommen, auch wenn ihr Gesichtsausdruck im Moment mehr als düster war.
Ich kann das nicht, sagte sie und schüttelte den Kopf.
A.J. sank das Herz und vorsichtig setzte er sich neben sie auf die Stufen.
Gemeinsam starrten sie eine Weile über die Straße und betrachteten das riesige, schwarze Auto, dass dort auf sie wartete um sie von hier fort zu bringen.
Willst Du es nicht einmal versuchen? fragte er vorsichtig und konnte sie dabei nicht ansehen.
Mir ist jetzt schon ganz schlecht, sagte sie kläglich und ich habe keine Ahnung, wie ich das in den Griff bekommen soll. Wir sind noch nicht einmal los gefahren!
Er nahm ihre Hände in seine und bemerkte glücklich, dass sie keinerlei Anstalten machte, sie ihm zu entziehen.
Hör zu, sagte er eindringlich wir packen jetzt Deine Sachen in das Auto, verfrachten LaBelle auf den Rücksitz und steigen ein. Dann werden wir ganz langsam los fahren. Wir haben jederzeit die Möglichkeit um zu drehen. Aber bitte ... lass es uns wenigstens versuchen.
Er versuchte ihren Blick mit seinen Augen fest zu halten, versuchte, ihr ein wenig Mut und Zuversicht zu geben und ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war.
LaBelle legte Cassandra den Kopf auf die Knie und sah mit großen, braunen Hundeaugen flehend zu ihr auf.
Ihr beiden habt Euch abgesprochen, gebt es zu, sagte sie und versuchte zu lächeln, was allerdings kläglich misslang.
Wir glauben eben an Dich, sagte A.J. leise und kraulte LaBelle liebevoll zwischen den Ohren.
Dann schwieg er. Es war alles gesagt. Alles weitere lag in ihren Händen.
Ihr Blick huschte immer wieder über die Straße zum Wagen, dann wieder zurück zu ihm, hinunter zu LaBelle und wieder zurück zum Auto. Schließlich seufzte sie laut und vernehmlich.
Ich weiß nicht ... ich ... werde das sicherlich ... Gott ... lass uns einfach los fahren.
Sie stand ruckartig auf, so dass LaBelle beinahe die Treppe herunter fiel.
Oh entschuldige mein Schatz, sagte sie sofort und beugte sich zu der Hündin hinunter. Doch diese leckte ihr lediglich kurz über die Wange und sprang dann die Stufen hinunter und über die Straße, wo sie schwanzwedelnd neben dem Wagen stehen blieb und zu ihnen hinüber sah.
So wie es aussieht, hat LaBelle sich wohl auch entschieden, grinste A.J. und Cassandra schüttelte den Kopf.
Versteh einer die Hunde, murmelte sie und wollte nach ihrer Reisetasche greifen, doch A.J. war schneller.
Hey, dafür bin ich zuständig, lächelte er.
Nun gut, wenn Du Dich den Rest der Reise mit meinem Gepäck zu Tode schleppen willst ... mir soll es recht sein, sagte sie schulterzuckend und überquerte dann schnellen Schrittes die Straße.
A.J. verstaute ihre Reisetasche im Kofferraum und öffnete dann die Beifahrertür. Noch bevor er irgendetwas tun konnte, hatte sich LaBelle an ihm vorbeigequetscht und war auf den Beifahrersitz gesprungen.
Hey, der ist besetzt, lachte er Abmarsch nach hinten.
LaBelle lies ein kurzes, beleidigtes Schnauben hören, verzog sich dann aber brav auf die Rückbank.
Du hast sie ganz schön verwöhnt, grinste er, als Cassandra einstieg.
Sie weiß eben was gut ist, antwortete sie und dabei wirkte ihr Lächeln schon etwas entspannter.
A.J. schloß mit Schwung die Tür, ging dann um den Wagen herum und setzte sich neben sie.
Alles Anschnallen, es geht lo-hos ... , rief er aufgeregt und lies den Sicherheitsgurt einrasten.
Cassandra tat es ihm gleich, allerdings entging ihm dabei das leichte Zittern ihrer Hände nicht.
Wir schaffen das, o.k.? sagte er noch einmal und sie nickte.
Ich weiß ... glaube ich ... , sie lächelte schief und faltete dann die Hände im Schoß und jetzt fahr schon los, bevor ich es mir anders überlege.
Sehr wohl Prinzessin, gab er zurück, salutierte und startete dann den Motor.
Noch einmal warf er ihr einen langen, liebevollen Blick zu, von dem er allerdings sicher war, dass sie ihn nicht mitbekam. Sie saß verkrampft und blass neben ihm und starrte mit ausdruckslosem Gesicht vor sich auf die Straße.
Im Stillen betete er, dass alles gut gehen möge. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, wie er sich fühlen würde, wenn er kurz nach der Ortsgrenze wieder umdrehen mußte.