Kapitel 25

15. September 2001

Langsam kehrt wieder so etwas wie Normalität in Glensdale ein. Sofern man überhaupt von Normalität sprechen kann, wenn man gleichzeitig dabei zu sieht, wie Hundertschaften von Feuerwehrleuten in rauchenden Trümmern nach Überlebenden suchen.
Es scheint, als hätte dieses Ereignis die Welt auf eine ganz seltsame Art verändert. Plötzlich spricht man aller Orts von „Zusammenhalt“, „Solidarität“ und „Unterstützung“. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass aus allem Schlechten etwas Gutes entsteht.
Sogar in Glensdale ist dieses neue Gefühl zu spüren. Alle sind plötzlich überaus freundlich zu mir, wenn das auch nicht so weit reicht, dass irgend jemand auf die Idee kommen würde, sich bei mir zu entschuldigen. Aber das macht nichts. Ich bin ja schon glücklich, wenn ich in Frieden leben kann ... ohne die täglichen Schikanen und diese Blicke, in die man sämtliche Schimpfworte hinein interpretieren könnte.

Ich denke viel über meine Gespräche mit Alex nach. Der Gedanke von hier fort zu gehen ... zumindest für eine kurze Zeit ...
Es ist seltsam. Irgendetwas in mir hat sich verändert. Ich mache mir Gedanken darüber, was wohl in zehn Jahren sein wird, ob ich tatsächlich mein Leben lang alleine sein möchte, ob ich mich tatsächlich auch noch jetzt, wo ich eigentlich frei sein sollte, einsperren lassen will.
Die Vorstellung, Glensdale zu verlassen ist natürlich beängstigend ... aber nicht mehr bedrohlich.
Manchmal, wenn ich nachts auf der Veranda sitze, das beruhigende Gefühl von LaBelles Fell unter meinen Fingern, stelle ich mir vor, an einem anderen Ort zu sein, Dinge zu sehen, die ich mir jetzt kaum vorstellen kann, Erfahrungen zu machen, die so weit von meinem bisherigen Leben entfernt sind wie Glensdale von Timbuktu.
Ich bekomme regelmäßig Herzklopfen und kann mittlerweile nicht mehr unterscheiden, ob vor Erregung oder Angst.
Und immer wieder sehe ich Alex dabei neben mir. Es ist irgendwie beruhigend, ihn in meinem Leben zu wissen.
Unser Gespräch, das wir an diesem furchtbaren Tag geführt haben ... oder besser ... die endlose Zeit, die wir einfach nur gemeinsam in Schweigen verbracht haben ... es lässt mich nicht los.
Ich kann im Nachhinein nicht mehr sagen, wer nun wen getröstet hat, wer von uns tiefer getroffen war oder wer in diesen Momenten der Stärkere war. Ich glaube, wir waren beide am Boden und haben uns gegenseitig daran gehindert, noch tiefer in das Dunkel darunter zu versinken.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemanden getroffen, der mir diese Sicherheit und dieses Gefühl des „beschützt seins“ vermittelt hat und anders als sonst, macht mir das keine Angst mehr. Na ja, ein wenig vielleicht.
Was mir wirklich Angst macht ist der Gedanke, dass er irgendwann nicht mehr da sein könnte. Ich fange an, ihn als festen Bestandteil meines Lebens zu sehen und das kommt mir nicht richtig vor.
Wer bin ich denn, dass ich ihn in irgendeiner Weise an mich binden wollte? Ich spreche hier nicht von einer Beziehung, welcher Art auch immer, sondern eher von meinen Gedanken, die sich mit ihm beschäftigen, die ihn in Beschlag nehmen und die meinen Kopf ausfüllen. Ich denke manchmal, dass mir diese Art von Hoffnung nicht zu steht.
Ich glaube, ich bin verkorkst.


„Hallo, ich bin es schon wieder.“
„Hey Alex. Du mußt aber große Sehnsucht nach mir haben,“ scherzte Cassandra. Scheinbar hatte sie wirklich keine Ahnung, wie nahe sie damit der Wirklichkeit kam.
„Und wie! Tag und Nacht denke ich an nichts anderes,“ lacht er.
„Ich glaube, über so etwas sollte man keine Scherze machen,“ sagte sie langsam und er schluckte. Eigentlich sollte sie in guter Stimmung sein, wenn er seine Bitte erneut vor brachte. Er überlegte fieberhaft, wie er es am besten angehen sollte, wie er gerade heraus aber möglichst sanft sagen konnte, was er wirklich wollte. Doch ihm fiel auf die Schnelle nichts wirklich hilfreiches ein.
„Was möchtest Du mir sagen?“ fragte sie plötzlich und er zuckte erschrocken zusammen. Konnte sie inzwischen etwa seine Gedanken lesen?
Er hörte sie am anderen Ende der Leitung kichern „ich kann Dein Gesicht direkt vor mir sehen. Keine Sorge, ich habe noch nicht gelernt, die Gedanken meiner Mitmenschen zu lesen, aber Du hast so lange geschwiegen, dass es sonnenklar ist, dass Du mir irgendetwas Wichtiges mit zu teilen hast, aber noch nicht weißt, wie Du das am geschicktesten anstellen sollst.“
„Du wirst mir unheimlich. Wirklich. Bist Du in letzter Zeit irgendeinem Hexenzirkel beigetreten oder so etwas?“
„Nein,“ lachte sie „aber Du bist recht leicht zu durchschauen.“
„So, bin ich das?“
Sie wurde wieder ernst. „Manchmal.“
„Ich weiß noch nicht, ob ich mich darüber freuen soll.“
„Nimm es als Kompliment. Es gibt eigentlich niemanden, den ich so gut kenne.“
„Das ... ist schön ... irgendwie.“
„Wir sollten das Wort „irgendwie“ schnellstens aus unserem Wortschatz streichen. Findest Du nicht? Für meinen Geschmack kommt es bei uns viel zu oft vor.“
„Das stimmt ... irgendwie,“ er lachte und sie stimmte mit ein.
„Nun gut. Raus mit der Sprache,“ kam sie wieder zurück zum Punkt und ihm wurde ganz flau im Magen. Sie würde nein sagen. Natürlich würde sie nein sagen. Wie kam er überhaupt auf die Idee ...
„Alex? Jetzt komm’ schon. Ich verspreche auch, nicht zu schreien.“
„Sehr beruhigend,“ sagte er ironisch und knetete dabei nervös seine Bettdecke. Dann gab er sich einen Ruck.
„Also gut. Ich weiß, ich habe meine Antwort eigentlich schon erhalten, aber wenn ich nicht noch einmal frage, werde ich mir das wahrscheinlich mein ganzes Leben lang nicht verzeihen. Ich möchte gerne ... also ich meine ... das ist mir wirklich unglaublich wichtig ... ich möchte wirklich unheimlich gerne ein wenig Zeit mit Dir verbringen. Außerhalb von dieser Stadt, die Dich so schlecht behandelt und weit weg von allem, dass mich im Moment auf Trab hält. Ich hätte gerne ... nun ja ... ich hätte Dich gerne einfach eine Weile ganz für mich alleine.“
Jetzt war es heraus und er kniff ängstlich die Augen zusammen. Jetzt würde sie gleich auflegen oder wütend werden.
„Glaubst Du wirklich, dass das funktionieren könnte?“ fragte sie leise und erstaunt öffnete er die Augen. Kein Abgrund hatte sich vor ihm aufgetan, sie war immer noch am Telefon und sie klang überhaupt nicht wütend.
„Ich ... ich bin fest davon überzeugt,“ sagte er schnell und wagte kaum zu atmen.
„Ich habe Angst.“
„Ich weiß. Ich auch.“
„Warum tust Du das?“
„Was?“
„Mir Hoffnung geben? Warum tust Du so, als sei es wirklich möglich für mich, von hier fort zu gehen?“
„Weil ich fest daran glaube, dass Du es kannst. Ich ... ich werde für Dich da sein, verstehst Du? Du bist nicht alleine. Wir können ... wir können es zusammen schaffen.“
„Ich ... ich muß darüber nachdenken.“
Er konnte sein Glück kaum fassen.
„Wirklich?“
„Nun ja. Wie soll ich das sagen? Ich habe das Gefühl, dass sich etwas in mir verändert hat, verstehst Du das?“
„Nicht ganz genau, befürchte ich.“
„Es ist irgendwie ... ich weiß auch nicht. Plötzlich erscheint mir der Gedanke von hier fort zu gehen nicht mehr so ... so ... abwegig,“ sie schwieg einen Moment und setzte dann schnell hinzu „Was nicht heißen soll, dass ich mir das wirklich vorstellen könnte.“
„Ich will Dich ja auch zu nichts drängen. Es genügt mir schon, wenn Du darüber nachdenkst. Wir haben noch fünf Wochen.“
„Wie stellst Du Dir das Ganze denn vor ... ich meine ... packst Du mich in eines dieser riesigen, absolut unsicheren Flugzeuge und schliefst mich um den halben Erdball?“
Ihr war deutlich an zu hören, dass sie davon überhaupt nichts hielt.
„Nein. Ich dachte eher an so eine Art Entdeckungsreise. Wir fahren mit dem Auto, ganz langsam, damit Du Dir alles ganz genau ansehen kannst. Du hast jederzeit die Möglichkeit wieder um zu kehren, wenn Du meinst, dass es vielleicht doch nicht das Richtige ist. Aber ich wette mit Dir, wenn Du erst einmal aus Glensdale heraus bist, willst Du nie wieder zurück.“
Diese ganzen Gedanken waren ihm erst in dem Moment gekommen, als er sie aussprach und er war froh darüber, dass sie sich auch jetzt noch, nachdem er sie ausgesprochen hatte, richtig anfühlten.
„Und was mache ich, wenn ich wirklich nicht zurück will?“ fragte sie leise und ihre Stimme zitterte dabei fast unmerklich.
„Dann werden wir dafür auch eine Lösung finden.“

Kapitel 26