Kapitel 24
Im Laufe der nächsten Tage stellte sich heraus, dass es einige Mitglieder in ihrer Crew gab, die Freunde oder sogar Angehörige durch die Anschläge in New York und Washington verloren hatten.
Einer ihrer Crewmitglieder hatte sogar in dem Flugzeug gesessen, das später in einen der Tower des WTC krachte. Er war auf dem Heimweg zu seiner Frau gewesen, die gerade seinen Sohn zur Welt gebracht hatte und A.J. weinte sich in dieser Nacht seit langer Zeit wieder einmal in den Schlaf.
Die Trauer und die Verzweiflung schienen ihn unter sich zu begraben. Er konnte so viel Leid und diesen Schmerz einfach nicht verkraften. So sah das aus!
Es wurde lange darüber diskutiert, ob sie die Tour abbrechen sollten. Kanada stand auf dem Programm und keinem von ihnen behagte der Gedanke, ihr Heimatland in dieser schweren Stunde zu verlassen.
Andererseits mußten sie dem Rest der Welt beweisen, dass sie nicht unter zu kriegen waren. Sollten sie doch Angst und Schrecken verbreiten, sollten sie den Tod über so viele Menschen bringen, aber niemals würden sie den Glauben an die Menschheit und die Solidarität der Welt brechen können.
Und so fand sich A.J. einige Tage später in einer Hotelbar in Kanada wieder, vor sich ein Glas, das bis zur Hälfte mit Jack Daniels gefüllt war und in sich ein Sturm der Gefühle, die miteinander stritten.
Er war so weit gekommen, er durfte jetzt nicht aufgeben.
Aber hatte das alles überhaupt einen Sinn? Sterben würden sie irgendwann sowieso alle.
Er war ein besserer Mensch ohne dieses Teufelszeug.
Ach ja? Und wem nützte das? John hatte es auch nicht weiter gebracht, als er mit Todesangst auf dem Sitz in diesem verdammten Flugzeug saß und an seine Frau und seinen Sohn gedacht hatte, kurz bevor ihn ein ungeheurer Schlag in Stücke riss.
Er würde eine ganze Menge Menschen enttäuschen.
Na und? Was wußten die denn schon von ihm? Hatten die eine Ahnung wie schwer es war jeden Tag kämpfen zu müssen? Er war so müde! Er war es leid immer stark sein zu müssen.
Was tust Du hier? unterbrach plötzlich eine Stimme seine Selbstgespräche und erschrocken sah er auf.
Ich ... also ... , stammelte er.
Du wolltest Dir sicherlich gerade ein Wasser bestellen, oder? fragte Howie und lies sich auf einem der Barhocker neben ihm nieder.
Ehrlich gesagt ... nein.
Ist es das wirklich wert? fragte sein Freund, bestellte beim Barkeeper zwei Gläser Wasser und bat ihn, das Whiskyglas wieder mit zu nehmen.
Was ist schon etwas wert? fragte A.J. resigniert zurück.
Ich denke, da gibt es mehrere Betrachtungsweisen, lächelte Howie und nippte demonstrativ an seinem Glas.
Im Endeffekt müssen wir alle sterben und niemand kann uns sagen, wann das sein wird. Warum sollte ich jetzt also all diese Entbehrungen auf mich nehmen, wenn ich morgen vielleicht schon in einer Kiste unter der Erde liege?
Weißt Du, manchmal redest Du wirklich einen Schwachsinn ... , Howie schüttelte den Kopf und sah ihn aus dunklen Augen an.
Ja ich weiß. Man sollte mir einfach gar nicht mehr zu hören, gab A.J. zurück und winkte den Barkeeper heran.
Bone, eine Hand legte sich beschwichtigend auf seinen Unterarm hör mir einfach nur einen Moment zu, o.k.? Danach werde ich verschwinden und Du kannst Dich ins Unglück stürzen, oder mit mir nach oben kommen, wie Du willst. Was meinst Du? Nur fünf Minuten.
A.J.s Blick wanderte von dem Barkeeper zu Howie und wieder zurück. Dann nickte er.
In Ordnung. Fünf Minuten.
Er war sich nicht sicher, ob er es auch nur noch zehn Sekunden ohne einen Drink aushalten konnte, doch der Barkeeper hatte sich bereits herum gedreht und bediente einen Gast am anderen Ende der Theke, also blieb ihm wohl vorerst keine andere Wahl.
Warum hast Du mit dem Trinken aufgehört? fragte Howie und sah ihn dabei aufmerksam an.
Weil es mir nicht gut getan hat, weil ich dadurch ein andere Mensch wurde, weil ich abhängig war bla, bla, bla. Das weißt Du doch alles, gab er zurück und spielte nervös mit seinem Glas voller Eiswasser.
Möchtest Du wieder dieser Mensch werden?
Ich weiß es nicht Howie. Ich weiß nur, dass ich nicht zu dieser Welt gehören möchte, in der sich die Menschen umbringen wegen irgendwelcher Ideologien, die kein Mensch versteht und in der ein Vater seinen Sohn nicht einmal gesehen hat, weil er das Pech hatte in einem Flugzeug zu sitzen, dass irgend so ein ... widerliches Schwein in ein Hochhaus fliegen mußte.
Ich verstehe, dass Du traurig bist, aber ... ,
Traurig? unterbrach er ihn aufgebracht. Traurig ist nicht das richtige Wort Howie. Ich bin angewidert, entsetzt, verzweifelt. Nicht traurig.
Und Du denkst, ein weiteres Leben zu zerstören macht die Welt besser?
Verblüfft starrte er seinen Freund an und vergaß dabei sogar, sein Glas weiterhin auf dem Bierdeckel hin und her zu drehen.
Du kannst John nicht zurück holen, verstehst Du? Genau so wenig wie Du das bei dem Vater, Deiner Granny oder sonst irgendjemandem kannst. Aber du kannst dafür sorgen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Verstehst Du? Du mußt kämpfen und diesmal nicht nur für Dich, sondern für die Welt da draußen. Sie brauchen uns jetzt. Wir müssen ihnen beweisen, dass wir für sie da sind, dass sie weiterhin an uns glauben können, dass es ein System gibt, in dem Freundschaft und Zusammenhalt noch etwas bedeuten. Wir werden uns nicht von diesen Spinnern unterkriegen lassen UND ich werde nicht zulassen, dass Du Dein Leben weg wirfst. Dafür bist Du mir zu wichtig, dafür brauchen wir Dich zu sehr ... wir lieben Dich Mann. Tritt das nicht mit Füßen.
Mit offenem Mund saß er einen Weile wie versteinert auf seinem Stuhl. Das kalte Kondenswasser lief über seine Finger, ohne das er es merkte und die Zeit verrannt, ohne dass er sich in ihr bewegte.
Komm mit mir nach oben, sagte Howie leise ruf Cassandra an und frage sie noch einmal, ob sie mit Dir kommt, wenn die Tour vorbei ist. Gib Dir selbst einen Ruck. Es gibt so viele Dinge, für die es sich zu leben lohnt und Alkohol gehört garantiert nicht dazu.
A.J. senkte den Blick. Das war haarscharf gewesen ... haarscharf ...
Du meinst, ich sollte sie wirklich noch einmal fragen, sagte A.J., als er mit Howie gemeinsam im Fahrstuhl stand und langsam in den 12. Stock hinauf glitt.
Ich, an Deiner Stelle, würde es tun. Ich meine ... ich verstehe, dass sie sich dagegen sträubt. Andererseits ... nachdem, was Du so erzählt hast, scheint ihr sehr viel an Dir zu liegen. Vielleicht haben sie ja gerade die Geschehnisse der letzten Tage das Ganze etwas ... nun ja ... in einem anderen Licht sehen lassen.
Ich weiß nicht, A.J. schüttelte den Kopf. Ich möchte sie zu nichts drängen.
Das sollst Du ja auch nicht. Ich finde nur, Du solltest ihr schonungslos offen erklären, wie wichtig Dir das ist. Vielleicht hat sie auch einfach Angst davor den Schritt zu wagen um dann fest zu stellen, dass sie alleine da steht.
Von dieser Seite hatte er es noch gar nicht betrachtet. Konnte das tatsächlich stimmen? Hatte er ihr nicht eindringlich genug dargelegt, wie sehr er sich wünschte, ein wenig Zeit in ihrer Nähe verbringen zu können?
Du hast nur die Möglichkeit es noch einmal zu versuchen, sagte Howie in seine Gedanken hinein.
Ich weiß ... ich habe nur Angst vor den Konsequenzen.
Das ist mir klar aber es schmerzt mich auch zu sehen, wie Du darunter leidest.
Ich leide nicht!
Mittlerweile waren sie vor seiner Zimmertür angekommen.
Oh doch, Du leidest, Du gibst es nur nicht zu. Du sehnst Dich nach ihr, hast aber Angst zu fordernd zu sein, weil Du glaubst, dass sie dann davon läuft.
Woher weißt Du das alles? Ich habe Dir nie viel von ihr erzählt.
Howie kicherte Du merkst es schon gar nicht mehr, oder?
Was?
Na ja ... jeder zweite Satz fängt mit Cassandra an. Cassandra dies, Cassandra das ... es ist wirklich schön, das zu sehen, aber genau so traurig beobachten zu müssen, dass Du solche Angst vor ihren Reaktionen hast.
Sie ist eben nicht wirklich der einfache Typ Mensch.
Das bist Du auch nicht und wir halten es immer noch mit Dir aus, schaltete sich plötzlich Kevin in das Gespräch ein, der unbemerkt aus seinem Zimmer getreten war.
Vielen Dank Bro, genau so habe ich mir das vorgestellt, lachte A.J. und schüttelte dabei den Kopf.
Geht es um Cassandra? fragte Kevin an Howie gewandt und legte A.J. einen Arm um die Schulter.
Um wen sonst? grinste Howie.
Hast Du sie nun endlich noch einmal gefragt, ob sie nach der Tour mit Dir mit kommt.
A.J. schüttelte den Kopf und wunderte sich erneut darüber, wie viel seine Bandkollegen über dieses Thema wußten. Hatte er tatsächlich so viel erzählt, ohne es zu merken?
Worauf wartest Du dann noch? Sie hat es verdient auch einmal die schönen Seiten der Welt zu sehen.
Wenn es nur so einfach wäre ...
Wir können Dir ja das Händchen halten, wenn Dir das weiter hilft, schmunzelte Howie.
Nein Danke. Das schaffe ich dann wohl doch noch alleine.
Gut, dann ist ja alles klar, grinste Kevin und zwinkerte Howie dabei zu.
Wisst ihr eigentlich, dass ich Euch wirklich liebe? fragte A.J. unvermittelt und das Lächeln auf den Gesichtern seiner Freunde wurde noch eine Spur breiter.
Wir können es uns denken, entgegnete Kevin und versuchte dabei erfolglos ernst zu wirken.
Gleich darauf fand sich A.J. in Kevins fester Umarmung wieder und er konnte kaum glauben, dass er noch vor zehn Minuten bereit gewesen war, sein Leben erneut einfach so über den Haufen zu werfen. Manchmal war das Leben schon seltsam.