Kapitel 23

10. September 2001

Warum tut er mir das an? Warum ist er der Meinung, mein gesamtes Leben ändern zu müssen? Es ist nicht so furchtbar, wie er sich das vorstellt. Eigentlich dachte ich, ich hätte ihm das ausreichend klar gemacht.
Aber nein, er muß wieder damit anfangen. Was soll ich denn außerhalb von Glensdale tun? Er kann mich nicht entwurzeln, er kann mich nicht einfach ins Auto packen und mich irgendwohin mit nehmen. Das. Geht. Nicht!
Diese Welt da draußen ist so unglaublich groß, herzlos und gefährlich. Warum sollte ich mich in diese Situation begeben? Ich habe es hier doch gut, verdammt noch mal!
Er ist der Meinung, ich könnte großes Erreichen. Warum darf ich mich nicht mit dem Kleinen zufrieden geben, das ich habe? Und wie kommt er überhaupt darauf, ich wäre mutig und ich hätte Kraft? Es gibt wohl keine Eigenschaften, die weiter von mir entfernt sein könnten.
Er stellt sich das so einfach vor. Natürlich, für ihn ist das ja auch keine große Sache. Höchstwahrscheinlich fühlt er sich überall zu Hause.
Aber ich bin eben nicht so und er kann mich nicht einfach so hinbiegen, wie es ihm vielleicht in den Kram passt. Ich bin ein eigenständiger Mensch, sicherlich festgefahren in gewissen Dingen, aber damit muß er leben. Und wenn er das nicht kann, dann muß er eben auf mich verzichten.

Dieser Gedanke macht mir fast noch mehr Angst, als der, von hier fort zu gehen. Ich hasse es, dass er so viel Macht über mich hat, dass ich jeden Abend vor dem Telefon sitze und mir wünsche, es möge klingeln. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?

11. September 2001

Heute sind zwei Flugzeuge in das World-Trade-Center in New York eingeschlagen. Ich kann es immer noch nicht fassen. Man spricht von über 10.000 Toten ... 10.000!! Das ist so unvorstellbar, die Bilder sind so unglaublich furchtbar ... erschreckend, beängstigend, tragisch, traurig ... monströs! Wie kann jemand nur so etwas tun? Kann man von etwas so sehr überzeugt sein um dafür in den Tod zu gehen? Und dann müssen dafür auch noch so viele unschuldige Menschen sterben.
Glensdale ist seit heute Mittag wie versteinert. Alle stehen oder sitzen vor einem Fernsehgerät, im Cafe lief CNN heute den gesamten Tag.
Ich bin abwechselnd wütend oder weine. Ich kann es einfach nicht begreifen. Und immer wieder gibt es neue Vermutungen, Erkenntnisse ... wie man es auch immer nennen mag. Es soll ein Anschlag gewesen sein. Geplant von einem Mann, der sich Osama Bin Laden nennt. Wie können sie sich da nur so schnell so sicher sein?

Ich sah die Bilder und der erste Gedanke, der mir nach „Oh mein Gott“ durch den Kopf schoss war „Wo ist Alex? Wie geht es ihm? War er vielleicht in der Nähe?“
Meine Trauer und Fassungslosigkeit vermischt sich mit dem Gefühl der Angst. Angst um ihn, Angst vor dem Leben, Angst vor den schwarzen Männern, die es mal wieder geschafft haben unsere ach so heile Welt in Stücke zu reißen.
Mutter hatte recht. Das Leben ist hart und ungerecht, gemein und niederträchtig. Die Menschen darin sind nicht liebenswert sondern hinterhältig und gemein. Böse.
Doch in einem Punkt hat sie sich geirrt. Es gibt vereinzelte und strahlende Lichtblicke darin und wenn man diese nicht zu schätzen weiß, kann man sich auch gleich eine Kugel in den Kopf jagen.
Das Leben ist zu kostbar um es zu verschenken.
Warum ruft er nicht an?


Sie saßen gemeinsam im Wohnzimmer von Kevins Suite im Hilton Hotel, irgendwo in Kansas. Vereinzelt war Schluchzen zu hören, ansonsten war es fast unnatürlich still.
Wie gebannt starrten sie auf den überdimensionalen Fernsehschirm, auf dem dicker, schwarzer Qualm aus den Ruinen des World-Trade-Centers in den Himmel stieg. Immer wieder schüttelte A.J. fassungslos den Kopf.
„Wie konnte das nur passieren,“ murmelte er und seine Augen schienen dabei an den grausigen Bildern fest zu kleben.
„Das kommt davon, wenn man so selbstgerecht und arrogant ist,“ sagte Kevin neben ihm leise „alle haben sie gedacht uns kann so etwas nicht passieren. Dabei sind wir doch das ideale Ziel. Wenn es nicht so unglaublich bestürzend und traurig wäre, müsste man ihnen fast gratulieren.“
„Jetzt hör’ aber auf,“ fuhr Brian ihn an und sprang aufgebracht von der Couch in die Höhe.
„Glaubst Du wirklich, das da,“ er zeugte mit zitterndem Finger und Tränen in den Augen auf den Fernsehschirm „wäre durch irgendetwas zu entschuldigen?“
„Nein, nein, um Gottes Willen Bri, das wollte ich damit ganz bestimmt nicht sagen,“ Kevin hob beschwichtigend die Hände und sah seinen Cousin mit weit aufgerissenen Augen an „ich meinte nur ... überleg doch mal. Wir sind so arrogant in dem Denken, dass Nichts und Niemand uns etwas antun kann, dass wir auch automatisch davon ausgehen, dass es eben niemals so weit kommen wird. Das da ist nur die Quittung für unsere Selbstgerechtigkeit.“
Brian schüttelte den Kopf „das bringt uns diese armen Menschen auch nicht wieder.“
„Ich weiß,“ sagte Kevin leise und senkte den Blick.
„Ich gehe telefonieren,“ sagte A.J. plötzlich und stand auf. Wenn er auch nur eine Sekunde länger hier saß und dieses Horrorszenario anstarrte, würde er verrückt werden.
„Ich dachte, Du hast schon mit Deiner Mom telefoniert,“ sagte Nick und wirkte dabei nicht so, als sei er überhaupt geistig anwesend. Sein Mund bewegte sich wie von selbst und sein Blick war glasig.
„Stimmt. Aber ... ich habe da noch etwas zu erledigen,“ gab A.J. knapp zurück und ging Richtung Tür.
„Sag Cassandra einen schönen Gruß von uns, o.k.?“ sagte Howie, der neben Nick getreten war und ihm fürsorglich einen Arm um die Schulter legte.
„Werde ich machen,“ mit diesen Worten verlies A.J. das Zimmer und ging den Flur hinunter zu seinen eigenen Räumen.
Der Flur war wie ausgestorben. Normaler Weise herrschte hier ein Gedränge wie auf einem Bahnhof, doch heute hatten sich alle zusammen bei Kevin versammelt. Es schien, als wollte niemand in diesen schwierigen Zeiten alleine sein, weil ihnen allen aufgefallen war, wie vergänglich doch das Leben war.
Er schloß seine Zimmertür und setzte sich mit herunter baumelnden Beinen auf die Bettkante. Er dachte in diesem Moment nicht mehr an das gestrige Gespräch mit Cassandra und dass er sich geschworen hatte, sie eine Weile nicht mehr an zu rufen. Er mußte ihre Stimme hören, damit ihm bewußt wurde, dass er tatsächlich noch lebte und das es dafür einen Grund gab.
Es hatte kaum einmal geklingelt, als sie auch schon den Hörer abnahm.
„Alex?“ sie klang vollkommen aufgelöst.
„Hey Kleine. Ja, ich bin’s.“
„Gott sei Dank,“ er hörte sie zitternd ausatmen und dann ein leises Schluchzen.
„Es ist furchtbar, nicht wahr,“ sagte er sanft, streifte seine Schuhe von den Füßen und legte sich auf das Bett.
„Ich dachte ... ich meine ... ich hatte solche Angst ... dass Du vielleicht ... ,“
„Mir geht es gut.“ Auf die Idee, dass sie sich Sorgen um ihn machen könnte, war er noch gar nicht gekommen und er schämte sich plötzlich dafür.
„Es tut mir leid, dass ich mich nicht schon früher gemeldet habe,“ sagte er deshalb zerknirscht, rollte sich auf die Seite und versuchte so gut es ging das Telefon zu umarmen. Sicherlich sah er gerade unglaublich lächerlich aus, aber das war im egal.
„Nein, nein. Das ... ist schon in Ordnung ... ich hatte ... ich hatte nur solche Angst um Dich.“
Er seufzte vernehmlich und kämpfte mit den Tränen.
„Ich wünschte, Du wärst jetzt hier,“ sagte er leise.
„Das wünschte ich auch,“ gab sie genau so leise zurück.
Eine Weile schwiegen sie, lauschten auf das Atmen des Anderen und A.J. lies seine Gedanken und sein Herz zu ihr wandern. Er sah sie vor sich, wie sie gemeinsam am Strand gesessen hatten, wie die Sonne ihr Haar schimmern lies, wie sie die Stirn runzelte, wenn sie nachdachte, wie sie lächelte und ihre Augen dabei strahlten und wie sie ihre Hand auf seinen Arm gelegt hatte.
„Hier sitzen alle im Cafe und sehen sich CNN an,“ brach Cassandra schließlich das Schweigen.
„Bei uns sitzen sie alle in Kevins Suite. Es ist einfach unfassbar. Wie können sie nur so etwas tun? So viele Menschen mußten sterben.“
„Ja. Ich verstehe es auch nicht. Ich kann ... ich denke manchmal, die erlauben sich einen ganz schlechten Scherz mit uns.“
„Den Gedanken kenne ich. Leider ist es wohl keiner.“
„Hm.“
Es schien viel zu anstrengend, etwas zu sagen und die wirbelnden Gedanken in Worte fassen zu wollen. Und so lag er einfach weiterhin zusammengerollt auf dem Bett, mit dem Telefon ganz nahe bei sich und ihrem Atmen in seinem Ohr.
„Es tut mir leid, dass ich gestern einfach aufgelegt habe,“ sagte Cassandra irgendwann kaum hörbar.
„Das ist schon o.k. ... irgendwie. Ich hätte vielleicht nichts sagen sollen.“
„Nein. In gewisser Weise hattest Du recht. Es ist nur ... ich kann es mir nicht vorstellen, verstehst Du? Und ich kann einfach nicht nach voll ziehen, wie Du auf die Idee kommst, ich könnte das wirklich tun.“
„Sollen wir tatsächlich jetzt darüber diskutieren?“ fragte er vorsichtig. „Ich meine ... nicht das dass nach wie vor mein größter Wunsch wäre ... ich meine ... dass wir ein wenig Zeit miteinander verbringen ... es ist nur ... ich könnte es heute wohl nicht verkraften, wenn Du einfach auflegst.“
„Ich werde nicht auflegen,“ versprach sie „und wir müssen auch gar nicht diskutieren ... ich mußte einfach nur los werden, dass es mir leid tut.“
„In Ordnung. Ich ... es tut mir auch leid.“
Wieder schwiegen sie eine Weile.
„Wie fühlst Du Dich?“ fragte Cassandra.
„Als hätte mich ein Bus überfahren,“ gab er zu.
„Bei mir war es eher ein zehn Tonner.“
„Ich bin froh, dass Du da bist.“
„Ich auch.“

Kapitel 24