Kapitel 22
Sie standen im Kreis und hielten sich an den Händen das all abendliche Ritual der großen Backstreet Familie. Ein letztes Mal, bevor sie auf die Bühne gehen und alles geben würden, kehrte für einen kurzen Moment so etwas wie Ruhe ein. Man sammelte seine Gedanken, fühlte sich als Teil eines Ganzen und dankte Gott für das überaus großzügige Geschenk, das er ihnen gemacht hat: Talent, Freundschaft, Glück.
Wie jeden Abend seit nunmehr fast 4 Wochen, bat A.J. in Gedanken Gott auch darum, gut auf Cassandra auf zu passen.
Es war für ihn immer noch wie ein Wunder, dass er sie gefunden hatte, dass sie ihn weiterhin in ihrem Leben duldete und dass sie dieses Verständnis für ihn aufbrachte. Er hatte manchmal das Gefühl, er könnte ihr alles sagen. Die dunkelsten Geheimnisse, die in seiner Seele schlummerten und die er bis jetzt sogar vor sich selbst verschlossen hatte.
Doch je öfter er mit ihr sprach, um so mehr öffneten sich diese verschollen geglaubten Orte. Manchmal machte es ihm regelrecht Angst. Wenn er den Hörer aufgelegt hatte und noch einmal darüber nachdachte, was er alles gesagt hatte ohne sich dessen wirklich bewußt zu sein, grub sich diese Angst tief in seinen Verstand.
Er hatte lange darüber nachgedacht, woher dieses Gefühl kam und er mußte sich irgendwann eingestehen, dass es ihm im Grunde nur darum ging, sie nicht zu verlieren. Wie weit konnte er sie an sich heran lassen ohne dass sie angewidert die Flucht ergreifen würde? Wie lange würde sie wohl noch glauben, dass er ein netter Mensch war? Er war nicht nett, er war nicht stark, er war niemand, den man bedingungslos lieben konnte. Dafür war seine Seele zu schwarz, sein Herz zu schwer und seine Gedanken zu verseucht.
Doch entweder sah sie es nicht, oder es machte ihr nichts aus, beides Varianten, die ihn nicht wirklich beruhigten.
An den meisten Tagen allerdings, legte er den Hörer auf und fühlte sich unglaublich erleichtert und tatsächlich glücklich. Er hatte so etwas in seinem Leben bisher nur ganz selten erlebt.
Seine Mom, seine Familie, seine Freunde ... er wußte, er konnte ihnen vertrauen und doch hielt ihn irgendetwas davon ab, ihnen wirklich und schonungslos die Wahrheit über sich zu offenbaren. Vielleicht wollte er sie schützen ... sie hatten sich schon genug Gedanken um ihn gemacht, hatten sich viel zu lange mit ihm und seinen Problemen beschäftigt.
Dann gab es da natürlich auch die vielen Menschen, die ihn so unglaublich enttäuscht hatten, die sein Vertrauen mit Füßen getreten und ihn eines besseren belehrt hatten. Vertrauen tat meistens weh und so hatte er sich bisher gescheut es noch einmal zu versuchen.
Doch mit Cassandra war das anders, auch wenn er nicht genau erklären konnte, warum das so war. Manchmal dachte er, es kam daher, dass sie so losgelöst vom Rest der Welt erschien. Sie lebte in ihrem eigenen, kleinen Universum und hatte sich dort so gut es ging zurecht gefunden. Sie jammerte nicht, sie sah nicht mit begehrlichen Blicken auf etwas, das Andere besaßen, sie versuchte die guten Seiten in den Menschen und damit auch in ihm zu sehen.
Doch das erklärte immer noch nicht dieses Gefühl, das sie ihm vermittelte.
Sicherheit.
Wann war er sich das letzte Mal irgendetwas sicher gewesen?
AMEN schallte es laut um ihn herum und er schreckte mit einem breiten Lächeln aus seinen Gedanken auf. Das Leben war schön!
Er saß auf seinem Bett und ging den Terminplan für die nächsten zwei Wochen durch. Wie immer erwartete ihn ein volles Programm: Interviews, Fernsehshows, Pressekonferenzen, ihre eigenen Shows, dazwischen einige Termine mit Zeitschriften, Fotoshootings ... die Liste war endlos lang und türmte sich als unüberwindbares Massiv vor ihm auf.
Wie war das noch? Ein Tag nach dem anderen, nicht zu viel verlangen, nicht zu weit in die Zukunft blicken, ein Schritt nach dem nächsten. Ein guter Rat, der ihm in Momenten wie diesem, unmöglich zu befolgen schien.
Er legte die Blätter Papier, die die nächsten zwei Wochen seines Lebens verplanten, beiseite und schaute sich unschlüssig in seinem Hotelzimmer um. Wo blieb ER zwischen diesen dicht beschriebenen Seiten? Er, Alexander James McLean und nicht A.J. der Entertainer?
Ohne weiter darüber nach zu denken nahm er den Hörer vom Telefon und wählte die Nummer, die er inzwischen auswendig kannte. Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.
Hallo Alex, schön Dich zu hören, meldete sich Cassandra und wie immer schien es ihm, als würde in ihm die Sonne aufgehen.
Ich frage mich immer wieder, woher Du weißt, dass ich es bin, schmunzelte er.
Ganz einfach: Sonst ruft mich doch niemand an.
Auf diese Idee hätte er auch selbst kommen können! Er ärgerte sich über seine unbedachte Bemerkung. Er wollte sie nicht verletzen. Er wollte sie glücklich machen.
Hey, bist Du noch da? fragte sie und ein beunruhigter Unterton hatte sich in ihre Stimme geschlichen.
Ja, ja, bin noch da. Ich habe mich nur gerade über meinen Mangel an Sensibilität geärgert.
Sie lachte leise und dieses Geräusch trieb ihm eine angenehme Gänsehaut über die Unterarme.
Wenn Du Dir nur nicht immer so viele Gedanken darüber machen würdest was wie bei Deinem Gegenüber ankommt. Dann würde es Dir sicherlich um einiges besser gehen, sagte sie sanft.
Man muß sich aber auch nicht wie die Axt im Wald aufführen, gab er zurück.
Ist es Dir nicht lieber, dass Dir jemand ehrlich die Meinung sagt? Ich meine ... es mag für eine Weile ja ganz nett sein, wenn man sich bei Dir einschleimt, aber ab einem gewissen Punkt muß doch so etwas wie Ehrlichkeit möglich sein.
Ehrlichkeit? er dachte einen Moment darüber nach. Ich verstehe, was Du damit sagen willst, aber die Wahrheit tut viel zu oft weh. Ich möchte niemandem weh tun.
Das wirst Du aber nicht vermeiden können, gab sie bestimmt zurück. Die Menschen, die Dich kennen und denen etwas an Dir liegt, werden Deine Ehrlichkeit zu schätzen wissen und sie so verstehen, wie sie gemeint ist. Wenn sie sich verletzt fühlen heißt das doch, dass Du recht hattest. Diese Menschen sollten dann vielleicht einmal darüber nachdenken, dass der Fehler auch durchaus bei ihnen liegen könnte. Im Prinzip ist es doch nur ein Ablenkungsmanöver auf Dich sauer zu sein, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass Du recht haben könntest.
Wow ... das sind aber hoch trabende Diskussionen für diese späte Uhrzeit, schmunzelte er.
Gut ... dann ... ähm ... wie ist das Wetter bei Euch?
Für einen Moment schwiegen sie beide, dann brachen sie gleichzeitig in Gelächter aus.
Vergessen wir das, sagte er schließlich.
Bin ich auch dafür, gab sie, immer noch kichernd, zurück.
Wie war Dein Tag? fragte er und lehnte sich entspannt in seine Kissen zurück, fischte eine Zigarette aus dem Päckchen auf dem Nachtisch und zündete sie an.
Wie immer würde ich sagen und bei Dir?
Ihre Standartantwort und wie immer überlegte er, ob er sie darauf ansprechen sollte. War es fair, dass er sein gesamtes Seelenleben vor ihr ausbreitete, sie aber nichts dergleichen von sich gab?
Andererseits wollte er sie aber auch nicht drängen. Sie sollte sich wohl fühlen. Vielleicht war er aber auch nur zu feige für die Wahrheit. Doch wie immer fegte er diese Gedanken beiseite. Sie würde reden, wenn sie so weit war. Wichtig war ihm nur, dass sie das auch wußte.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie Du Deine Erlebnisse in so kurze, prägnante Sätze packen kannst, scherzte er wider besseren Wissens. Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
Cassandra? Hey, komm schon. Du weißt, dass es in Ordnung ist, wenn Du mir nichts erzählst. Es ist nur ... ich breite hier mein Seelenleben vor Dir aus ... und ... na ja ... ich würde gerne etwas von Deinem Verständnis zurück geben.
Warum können wir es nicht einfach so lassen, wie es ist? Ich kann damit sehr gut leben. Du nicht?
Ich weiß es nicht so genau.
Mit anderen Worten sprich oder ich verschwinde? fragte sie vorsichtig.
NEIN!! Hey, das weißt Du hoffentlich.
Er hörte sie leise seufzen ja, ich denke das weiß ich.
Gut. Dann ... also ... zurück zu meinem Tag ... , beendete er das Thema abrupt.
Er redete ungefähr eine halbe Stunde, erzählte ihr jede Kleinigkeit von seiner Arbeit, der Band, seinen Freunden, was ihm Angst machte, was ihn gefreut hatte und immer wieder lauschte er ihrer Stimme, wenn sie etwas kommentierte oder ihrem Lachen, wenn sie etwas lustig fand.
... tja, und nun sitze ich hier, habe den Terminplan für die nächsten zwei Wochen in den Händen und würde am liebsten einfach davon laufen.
Warum?
Weil ich das Gefühl habe, zwischen all diesen Aufgaben nicht atmen zu können, gab er ehrlich zu.
Gibt es etwas, worauf Du Dich besonders freust? fragte sie weiter.
Auf die Shows natürlich ... , gab er nachdenklich zurück und auf diesen Auftritt bei Letterman. Der Typ ist echt cool.
Ihr geht zu Letterman? sie schien überrascht.
Yep.
Aber der ... nun ja ... haut einen doch ganz gerne mal in die Pfanne, oder?
Er lachte leise so könnte man es auch ausdrücken. Aber irgendwie ... hm ... ich liebe solche Herausforderungen. Mit Sarkasmus kann ich besser umgehen als mit ... hm ... Komplimenten, glaube ich.
Sag ihm, wenn er zu grob wird komme ich vorbei und versohle ihm den Hintern, kicherte sie.
Ich werde es ausrichten, gab er schmunzelnd zurück.
Am anderen Ende der Leitung blieb es lange still. Er kannte diese Pausen inzwischen nur zu gut. Es schien ihm beinahe, als könne er ihr Gehirn arbeiten hören. Sie überlegte gerne lange und ausführlich, ob sie etwas sagen sollte oder nicht. Meist lies sie ihn dann einen kurzen Blick in ihr Leben werfen und diese Momente hütete er wie einen Schatz.
Deshalb schwieg er und wartete.
Ist lange her, dass ich jemanden beschützen wollte, sagte sie dann leise.
Er schwieg um ihr die Möglichkeit zu geben, weiter zu sprechen.
Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich so damit beschäftigt, mich selbst zu schützen, dass ich die anderen ... gar nicht ... wirklich sehe. Ich höre zwar was sie sagen und verstehe es auch, aber ... ich fühle nicht mit ihnen ... verstehst Du das?
Ich verstehe, was Du damit sagen willst, ja. Ich glaube, es ist auch nicht immer gut, wenn man für sämtliche Probleme der Welt da sein möchte.
Aber manchmal ... , sie stockte und eine Zeit lang hörte er nur ihr langsames, beruhigendes Atmen ... aber manchmal kommt man sich so ... so ... losgelöst vor. Als sei man der einzige Mensch, der auf der Welt wirklich existiert. Die anderen sind nur Statisten, die das eigene Leben ein bißchen bunter gestalten.
Denkst Du, ich bin nur ein Statist?
N-Nein.
Denkst Du Libby und LaBelle sind nur Statisten?
Nein.
Siehst Du. Man sucht sich einfach nur die richtigen Schauspieler für sein Stück aus. Die anderen waren eben nicht gut genug, um in Deinem Leben eine tragende Rolle zu spielen. Deshalb sind sie nur Statisten, die aber durchaus auch eine gewisse Bedeutung haben. Ohne Statisten ist das beste Stück nichts wert.
Sein Herz klopfte rasend schnell und er hielt den Hörer ganz fest an sein Ohr gepresst. Er war kein Statist! In diesem Moment hätte er die ganze Welt umarmen können.
Vielleicht hast Du recht, sagte sie zögerlich.
Ich hätte mir ein bißchen mehr Überzeugung in Deiner Stimme gewünscht, scherzte er und er hörte sie leise lachen.
O.k., Du hast recht. Besser?
Perrrrfekt!!
Sie lachten beide und in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass sie nicht hunderte von Kilometer voneinander entfernt, sondern dass sie sich ganz nahe waren. So nahe, dass er ihr Herz vielleicht berühren konnte, wenn er sich anstrengte.
Ich hätte da eine Frage, sagte er vorsichtig und wußte im selben Moment, dass er das, was er zu sagen hatte, völlig falsch anging. Doch nun gab es kein Zurück mehr.
Ja? Die Vorsicht war sofort wieder in ihre Stimme zurück gekehrt.
Wir sind hier noch so ... hm ... acht Wochen beschäftigt. Danach ... nun ja ... also ... ich weiß, dass das für Dich eigentlich nicht in Frage kommt aber ... also ... ich dachte mir ... wenn Du nichts dagegen hättest ... also wenn Du wenigstens mal darüber nachdenken könntest ... es würde ... ,
ALEX!!
Was? verdattert hielt er in seinem Gestammel inne.
Gibt es tatsächlich etwas, das Du mir sagen möchtest oder ist das nur eine aneinander Reihung von, für mich unverständlichen, Worten?
Oh, tut mir leid. Das ... ist nicht so einfach.
Ich weiß, sie klang beinahe sanft, doch er hörte ganz deutlich die Angst heraus. Er beschloss, einfach gerade heraus zu sagen, was er wollte und wappnete sich innerlich, mit dem Gefühl fertig werden zu müssen, dass sie einfach auflegte.
Also gut, noch einmal von vorne, er holte tief Luft und kniff ängstlich die Augen zusammen.
Unsere Tour dauert noch acht Wochen und endet dann in New York. Ich möchte Dich fragen, ob Du Lust hast, danach ein wenig Zeit mit mir zu verbringen. Also ich meine ... nicht am Telefon sondern ... nun ja ... in Natura so zu sagen.
Er hielt die Luft an und wartete, zum Zerreißen gespannt, auf ihre Antwort.
Du meinst ... hier ... in ... Glensdale? fragte sie unsicher.
Nein. Ich meinte eher ... na ja ... lass uns zusammen irgendwo Urlaub machen oder so.
Ich dachte eigentlich, dieses Thema hätten wir geklärt, als Du hier warst.
Sie klang wütend und er schluckte.
Ich weiß. Es ist nur ... ich glaube an Dich, verstehst Du? In Dir steckt so viel ... Lebensenergie, so viel Mut und Kraft. Ich denke, wir könnten es schaffen. Einfach los fahren und sehen, wohin uns das führt.
Einfach los fahren, wiederholte sie und ihre Stimme troff vor Sarkasmus.
Bitte, denk doch wenigstens mal darüber nach.
Ich werde nicht darüber nachdenken, gab sie bissig zurück und dann ... legte sie einfach auf.
So viel zum Thema Ehrlichkeit, dachte er traurig und legte vorsichtig den Hörer zurück auf die Gabel.