Kapitel 21
25. August 2001
Ich bin davon überzeugt, dass seltsamen Menschen auch immer wieder Seltsames widerfährt. Wie sonst wäre der heutige Tag zu erklären?
Eigentlich sollte es ein Tag wieder jeder andere sein, aber stattdessen taucht ein Fremder im Cafe auf und überreicht mir mein lange vermisstes Tagebuch. Kann man das glauben?
Er hat mich im ersten Moment so sehr an Foster erinnert, dass ich vor Angst kaum wußte, was ich tun soll. Natürlich habe ich so gut wie möglich versucht, mir nichts anmerken zu lassen ... ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob es mir gelungen ist.
Eigentlich hatte ich nicht vor, mich mit ihm zu treffen, aber Libby hat da so ihre Überzeugungsmethoden ...
Doch im Endeffekt hätte es wohl selbst sie nicht geschafft, mich zu überreden, wenn mich dieser Mensch nicht so sehr fasziniert hätte. Er hat sich buchstäblich im Cafe zum Idioten gemacht, nur um mit mir sprechen zu können!
Am Anfang dachte ich, dass er aus reiner Neugier hier her gekommen ist. Diese gemeine Art von Faszination, wie man sie hat, wenn man an einem Autounfall vorbei fährt und sich den Hals verrenkt um genau sehen zu können, was passiert ist.
Doch inzwischen habe ich sehr viel über ihn erfahren und ich bin fast bereit zu glauben, dass es mehr als das sein könnte. Eigentlich unvorstellbar.
Er wirkt sehr verletzlich und ehrlich, beides Eigenschaften, die ich in meinem näheren Umfeld schon eine ganze Weile nicht mehr erlebt habe. Er hat mich tatsächlich dazu gebracht, über Mutter zu sprechen ... und natürlich habe ich angefangen zu heulen. Ich schäme mich im Nachhinein noch zu Tode! Er sollte das nicht sehen ... er sollte eigentlich gar nichts von mir sehen.
Doch seltsamer Weise (womit wir wieder beim Thema wären), schaffe ich es bei ihm einfach nicht, innerlich Abstand zu wahren.
Er sitzt mir gegenüber und spricht über sehr persönliche Dinge und ich lausche ihm fasziniert und merke gar nicht, wie mein Herz ihm zu fliegt.
Das einzige, das mich wirklich beunruhigt, ist die Sache mit dem Alkohol. Ich habe zu viele Jahre damit verbracht eine Alkoholikerin zu pflegen und zu ertragen. Ich kann mich nicht noch einmal in diese Situation begeben.
Er sagt, er hat mit dem Trinken aufgehört ... seit 63 Tagen. Ich war bei Mutter schon froh, wenn sie es zwei Stunden ausgehalten hat und meist war sie dann noch unerträglicher als sonst.
Doch Alex (so heißt er) macht auf mich nicht den Eindruck, als ob er aggressiv sein könnte. Doch dachte ich das bei Foster nicht auch einmal? Es ist erschreckend, wie dieser Mistkerl plötzlich wieder in meinen Gedanken auftaucht. Eigentlich dachte ich, ich hätte ihn tief genug vergraben.
Zu allem Überfluß habe ich Alex auch noch meine Telefonnummer gegeben und ich kann mich bis jetzt noch nicht entscheiden, was schlimmer wäre: Wenn er sich nie mehr meldet oder wenn er tatsächlich anruft.
Dilemma nennt man so etwas wohl.
28. August 2001
Er hat tatsächlich angerufen!!! Ich war die ersten Minuten wohl keine wirklich gute Gesprächspartnerin. Ich habe vor Schreck einfach geschwiegen, ab und zu ein leises hm heraus gebracht und versucht mein rasendes Herz irgendwie zu beruhigen.
Er scheint damit allerdings keine Probleme zu haben. Er hat geredet und geredet und geredet: Was er gerade so macht, wie schön es war sich mit mir zu unterhalten (ha, ha!) und im Hintergrund war ein Lärm, dass man meinen könnte, er hätte sich auf einem gut besuchten Bahnhof befunden.
Habe ich eigentlich erwähnt, dass er Sänger ist? Ich weiß bis heute nicht, in welcher Band und im Prinzip ist es mir auch ziemlich egal ... na ja ... fast. Mich würde interessieren, ob er sehr berühmt ist. Ich meine ... nicht dass das etwas ändern würde ... es ist nur ... es wäre ein weiterer Punkt der mich vielleicht endlich davon überzeugen könnte, Abstand zu ihm zu halten.
Das ich aber auch so ein Hasenfuß sein muß. Ich hasse es, Angst zu haben und wenn es um ihn geht, bestehen meine Gedanken eigentlich nur daraus. Da stellt sich natürlich die Frage, warum ich mich darüber freue, seine Stimme zu hören. Sollte ich nicht langsam aus der Vergangenheit gelernt haben?
Libby hat mich nach allen Regeln der Kunst über ihn ausgefragt, aber ich habe geschwiegen wie ein Grab. So nahe sie mir auch steht, aber das ist etwas, dass ich ganz für mich alleine haben möchte. Mal ganz abgesehen davon, dass seine Gedanken niemanden etwas angehen. Natürlich verbreiten sich Gerüchte sehr schnell. Wenn Hanson noch leben würde, hätte er sicherlich Gesprächsthemen für die nächsten fünf Monate.
So registriere ich nur die neugierigen Blicke und in machen ist tatsächlich so etwas wie Neid zu erkennen. Hätten sie bestimmt auch nicht gedacht, dass sie einmal auf irgendetwas, das mit mir zu tun hat, neidisch sein würden. Ich gebe zu, dass mir das eine gewisse Befriedigung verschafft.
Hach, manchmal bin ich aber auch gemein.
30. August 2001
Die Backstreet Boys!!! Mein Gott!!! Wie konnte ich nur so überaus ... dämlich sein. Libby hat mir heute einen Artikel unter die Nase gehalten. Scheinbar hat sie die Zeitschrift in Doc. Mathius Wartezimmer entdeckt und da diese ja noch nie sonderlich aktuell waren, ist die Zeitschrift auch schon einige Wochen alt.
Groß und breit wurde darin über die Backstreet Boys berichtet: Die unterbrochene Tour, Alexs Alkoholprobleme ... seine Bandkollegen sahen sehr mitfühlend aus. Immer wieder frage ich mich, was so jemand mit mir anfangen will? So wie er aussieht, mit dem vielen Geld das er hat ... da müssen ihm doch sämtliche Frauen zu Füßen liegen.
Es war ja eine nette Geste, dass er mir mein Tagebuch zurück gebracht hat (auch wenn mir ganz übel wird wenn ich darüber nachdenke, dass er das ALLES gelesen hat!!!) und ich kann auch noch verstehen, dass er einige Fragen hatte oder ... na ja ... sehen wollte, wer das nun alles geschrieben (und erlebt!) hat.
Aber ... er hat mich angerufen und er klang so, als würde er sich in nächster Zeit öfter melden. Beängstigend, ich weiß.
Es waren auch Fotos bei diesem Artikel dabei und ich habe angefangen, ihn zu malen. Das meiste kommt aus meinem Gedächtnis, die restlichen Kleinigkeiten von seinem Foto. Seine Augen sind darauf nicht zu sehen, da er eine Sonnenbrille trägt, aber es scheint mir, als hätten sich gerade diese ganz besonders genau in mein Hirn gebrannt.
7. September 2001
Nachdem ich in den letzten zwei Tagen eigentlich davon überzeugt war, dass er sich nie wieder melden wird, hat Alex tatsächlich heute wieder angerufen.
Er hat sich vielmals dafür entschuldigt, dass er sich erst jetzt meldet, aber er hätte viel zu tun gehabt usw. usw.
Ich weiß gar nicht was er will? Dass er überhaupt wieder angerufen hat, ist doch schon genug.
Was schreibe ich da eigentlich? Eigentlich will ich doch gar nicht, dass er anruft. Er wird mir nur weh tun, warum also an etwas festhalten, dass mir nicht gut tut? Oder besser ... nicht gut tun wird?
Ich habe versucht ihm klar zu machen, dass er nur seine Zeit mit mir verschwendet. Was will er denn schon mit einem Mädchen vom Land, dass nichts wert ist und außer einer ebenfalls ausgestoßenen Frau und einem Hund keine Freunde hat?
Er sagte, ich solle zu der Frau und dem Hund noch einen alkoholabhängigen Sänger aufnehmen, dann wären wir komplett. Weiß er eigentlich was er da redet?
Er meint: ja, ich sage: nein. Er hat keine Ahnung, auf was er sich da einlässt. Im Endeffekt ist es wohl auch aus seiner Perspektive gesehen wesentlich einfacher. Wenn er genug hat, ruft er eben nicht mehr an.
Er hat versucht, etwas über meinen Alltag heraus zu bekommen, aber ich war nicht wirklich in Stimmung irgendetwas über mich zu erzählen. Es ist etwas anderes, wenn er mir gegenüber sitzt und ich in diesen Augen versinken möchte. Dann rede ich, ohne meinen Kopf ein zu schalten. Aber am Telefon ... ?
Nein. Er ist viel zu weit weg. So wohl räumlich als auch von meinem Herzen. Das kann niemals gut gehen!
Mittlerweile hat sich herum gesprochen, dass Alex nicht nur gut aussieht, sondern auch noch ein Mitglied der Backstreet Boys ist. Mindy, die normaler Weise die Straßenseite wechselt, wenn sie mich sieht, ist heute tatsächlich stehen geblieben und wollte mir irgendetwas sagen. Aber nachdem ich sie angesprochen habe, hat sie sich schnell herum gedreht und ist davon gelaufen. Ob ich auf 10 jährige tatsächlich wie ein Monster wirke?