Kapitel 20
Jetzt bin ich wieder dran mit fragen, sagte er und ihr Gesichtsausdruck machte deutlich, dass sie rein gar nichts von seinem Vorschlag hielt.
Wenn es denn sein muß.
Du redest wohl nicht gerne über Dich, stellte er lächelnd fest.
Kann man so sagen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nichts wirklich Aufregendes zu erzählen habe.
Oh, das sehe ich aber ganz anders.
Meinst Du? Warte es ab, in einer halben Stunde liegst Du schnarchend neben mir im Sand.
Finden wir es heraus, gab er grinsend zurück.
Also? Was willst Du wissen?
Ich würde gerne etwas über Deine Familie erfahren.
Sofort wich sie seinem Blick aus und beschäftigte sich wieder mit dem Sand. Diesmal malte sie kleine Kreise mit ihrem Zeigefinger in den weichen Boden.
Ich ... glaube nicht ... dass das so interessant ist.
Wieso lässt Du das nicht mich beurteilen?
Also gut ... , sie nickte Gedanken verloren. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er abgehauen wäre, als er erfuhr, dass sie schwanger ist. Heute bin ich mir manchmal nicht sicher, ob das tatsächlich stimmt ... sie hat ... in vielen Dingen wohl ... nun ja ... nicht die Wahrheit gesagt.
Er bemerkte, wie sie schluckte, dann strich sie sich mit einer Handbewegung, die für seinen Geschmack etwas zu heftig ausfiel, erneut einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und bohrte gleich darauf ihre Faust in den Sand.
Jedenfalls ... es kam damals zu einem ... nun ja ... Zwischenfall. Sie war ... betrunken und überfuhr mit ihrem Wagen ein kleines Kind.
A.J. schloss für einen Moment die Augen und biss sich auf die Unterlippe. Er erinnerte sich an Stellen aus ihrem Tagebuch, als sie darüber schrieb, dass ihre Mutter einen Mörderin sei. Bis hier her hatte er nicht so recht geglaubt, dass sie dies im wahrsten Sinne des Wortes gemeint hatte.
Jetzt bist Du schockiert, was? sagte sie hart und als er aufsah, blickte er direkt in ihre großen, grauen Augen. Sie schien auf irgendetwas zu warten und er spürte mehr als das er es sah, dass sie sich innerlich wieder ein Stück von ihm entfernte.
Nicht schockiert, nein. Eher ... ich weiß nicht ... es tut mir leid für Dich. Du bist da in eine Geschichte hinein gezogen worden, für die Du überhaupt nichts kannst.
Sie runzelte die Stirn, wandte ihren Blick von ihm ab und lies ihn hinaus auf das Wasser wandern.
Sie tun noch heute so, als hätte ich persönlich am Steuer gesessen. Ich verstehe es einfach nicht.
Sie schüttelte den Kopf und sah dann zu Boden. A.J. streckte vorsichtig die Hand aus, um sie ihr auf die Schulter zu legen, doch noch bevor er sie berühren konnte zuckte sie fast unmerklich zusammen und er lies es bleiben.
Ich kann nach voll ziehen, dass sie wütend auf SIE sind. Da sie zum Zeitpunkt des Unfalls betrunken gewesen war, wurde auf nicht schuldfähig plädiert und irgendwie ... nun ja ... sie bekam lediglich fünf Jahre.
Ich kann mich an diese Zeit nur sehr schwach erinnern. Ich wohnte bei einer Freundin meiner Mutter. Die Leute dort waren ... nun ja ... nicht besonders ... nett. Ich dachte, wenn meine Mutter aus dem Gefängnis kommt, wird sich das alles ändern ... aber so war es nicht.
Wir sind ... regelmäßig bespuckt worden und ... keine Ahnung ... sie haben uns das Leben zur Hölle gemacht. Meine Mutter meinte wohl, sie müsse mich davor beschützen, doch anstatt mich am normalen Leben teilhaben zu lassen hat sie mich eingesperrt.
Ich konnte nicht ... , ihre Stimme brach und ihre Finger krampften sich in ihrem Schoß zusammen.
Könnten wir ... könnten wir das nicht ... also ... ein anderes Mal ... , sie stockte erneut und schüttelte den Kopf.
Hey, ist in Ordnung, sagte er sanft und strich ihr nun doch vorsichtig über den Rücken. Sie versteifte sich augenblicklich, doch sie versuchte auch nicht, ihm aus zu weichen.
Du mußt mir gar nichts erzählen, wenn Du das nicht möchtest. Es tut mir leid. Ich hätte damit vielleicht nicht anfangen sollen.
Eigentlich hätte er sie jetzt gerne in den Arm genommen, ihr gesagt, das alles gut werden würde und dass sie keine Angst mehr zu haben brauchte, doch er wollte sein Glück nicht überstrapazieren. Alleine, dass sie immer noch hier bei ihm saß, war für einen Tag Fortschritt genug.
Sie schniefte leise und fuhr sich dann mit den Händen über das Gesicht. Als sie ihn dann wieder anblickte, waren ihre Augen leicht gerötet, doch sie wirkte dabei gefasst.
Danke, dass Du nicht sofort die Flucht ergriffen hast, sagte sie leise.
Warum sollte ich das tun?
Ich weiß nicht, sie zuckte mit den Schultern das sind normaler Weise die Reaktionen, die auf meine Geschichte folgen. Die Menschen beginnen von mir Abstand zu nehmen und im Weggehen lassen sie noch irgendetwas schmerzhaftes da, damit ich mich auch ja an sie erinnere.
Ich werde nicht weg gehen ... es sei denn, Du möchtest das.
Er war über sich selbst erstaunt. Natürlich würde er weg gehen. Er hatte eine Tour zu Ende zu bringen, eine Familie, die zu Hause auf ihn wartete, ein neues Leben, in dem er sich erst wieder zurecht finden mußte ... was redete er da also?
Als hätte sie seine Gedanken erraten, lächelte sie traurig natürlich wirst Du fort gehen. Du hast sicherlich genug mit Deinen eigenen Problemen zu tun. Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Ort nicht wirklich viel zu bieten hat.
Du könntest mit mir kommen, sagte er und wußte doch im gleichen Moment, dass sie das nicht tun konnte ... oder wollte.
Statt einer Antwort lächelte sie auch nur weiterhin und schüttelte den Kopf.
Hab ich mir fast gedacht, gab er zu.
Ich denke, wir sollten dann auch langsam zurück gehen, sagte Cassandra schließlich und stand auf. Sie streckte sich, sah dann auf LaBelle hinunter, die immer noch mit dem Kopf auf A.J.s Knie lag und scheinbar tief und fest schlief.
Hey Du Faultier, sagte Cassandra liebevoll, ging neben dem Hund in die Hocke und stupste ihn leicht in die Seite.
Erschrocken fuhr der Kopf in die Höhe, blinzelte erst zu Cassandra, dann zu A.J. hinauf und gähnte dann ausgiebig. Schwerfällig stand sie auf und schüttelte sich den Sand aus dem Fell.
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg. Keiner von ihnen sprach ein Wort, was A.J. in keinster Weise störte. Er fand es angenehm, seine Gedanken schweifen zu lassen und sich dabei Cassandras Nähe bewußt zu sein.
Viel zu schnell, wie es ihm schien, hatten sie ihre Wagen erreicht, die im letzten Licht der untergehenden Sonne und den tiefen Schatten der Bäume kaum noch zu erkennen waren.
Es war nett Dich kennen zu lernen, Alexander McLean sagte Cassandra und streckte ihm die Hand entgegen.
Ja, ich fand es auch sehr schön, gab er zurück und ergriff ihre Hand.
Kann ich ... also ... wäre es in Ordnung, wenn ich Dich vielleicht mal anrufe?
Cassandra entzog ihm ihre Hand und öffnete die Fahrertür des Dodge. LaBelle sprang behände auf den Rücksitz und blickte ihn durch die Fensterscheibe mit ihren großen, warmen, braunen Augen an.
Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist.
Ich fände es einfach schade ... na ja ... wir verstehen uns doch ganz gut, oder?
Ich befürchte, ich verstehe immer noch nicht so ganz, was Du eigentlich von mir willst, gab sie schmunzelnd zu, beugte sich dann in das Innere des Wagens und kramte darin nach etwas.
Wenig später tauchte sie wieder auf und hielt einen Kugelschreiber und einen Block in der Hand.
Sie kritzelte etwas darauf, riss das oberste Blatt ab und streckte es ihm entgegen.
Ich befürchte, das werde ich noch bereuen ... aber ... nun ja ... Du hast etwas ... hm ... ehrliches an Dir. Also ... wenn Du möchtest ... ,
Dankbar lächelnd griff er nach dem Stück Papier und steckte es in seine Hosentasche.
Danke für Dein Vertrauen.
Danke für Deines, gab sie zurück.
Gut ... dann ... ähm ... also ... bis bald?
Ja, machs gut, sagte sie, warf ihm noch einmal einen langen Blick zu und setzte sich dann hinter das Steuer. Als sie die Tür zu zog, stand er immer noch regungslos neben ihrem Wagen und befühlte dabei glücklich das Stück Papier in seiner Tasche.
Neben ihm wurde die Scheibe herunter gekurbelt und Cassandra lehnte sich ein Stück zu ihm hinaus.
Es ist ja schön, wenn Du die Umgebung noch etwas genießen möchtest, aber ich komme nicht raus wenn Du Deinen Wagen nicht weg fährst.
Oh ... ähm ... natürlich, hastig drehte er sich zu seinem Auto um, hob dann entschuldigend die Hand und beeilte sich, ein zu steigen.
Die Scheinwerfer schnitten helle Kreise in die Dunkelheit und erleuchteten Cassandras Heck. LaBelle starrte ihn mit heraus hängender Zunge an und sie wirkte, als würde sie ihn anlächeln.
Er fuhr ein Stück rückwärts bis der Feldweg breit genug wurde um auf ihm zu wenden. Schließlich erreichten sie die Straße und an der nächsten Abzweigung bog Cassandra ab. Er starrte so lange in den Rückspiegel, bis ihm auffiel, dass er schon beinahe im Straßengraben fuhr, dann trat er aufs Gas und machte sich auf den Rückweg zu seinem Hotel und damit zurück in die Realität.