Kapitel 19

„Jetzt darf ich Dich etwas fragen,“ sagte Cassandra und krabbelte dabei auf allen Vieren zu ihm hinüber.
„In Ordnung.“
„Du hast vorhin von Problemen gesprochen die Du hattest. Was für Probleme waren das?“
Sie setzte sich neben ihn und nahm eine Hand voll Sand auf, die sie langsam durch ihre Finger rieseln lies.
Er war froh, dass sie ihn im Moment nicht ansah. Er wollte ihr seine Situation so erklären, dass sie auch wirklich verstand, was er durch gemacht hatte und warum. Unter dem durchdringenden Blick ihrer Augen hätte er sicherlich kläglich versagt.
„Nun ... ich bin Alkoholiker,“ er wartete auf ihre Reaktion, doch nachdem sie ihn immer noch nicht ansah und weiterhin Sand durch ihre Finger rieselte, fuhr er fort „aber ich bin seit 63 Tagen trocken.“
„Sind 63 Tage viel?“ fragte sie, den Blick immer noch auf ihre Hände gerichtet.
„Für mich ist es eine Ewigkeit,“ gab er leise zu und nun hob sie langsam den Kopf um ihn an zu sehen.
„Eine Ewigkeit in der Hölle oder im Himmel?“
„Ich befürchte, ich mußte erst durch die Hölle gehen um so etwas ähnliches wie den Himmel zu finden.“
„Das ist schön ... ich meine ... dass Du den Himmel wieder gefunden hast,“ sagte sie ruhig und es schien ihm, als sei ihr Gesichtsausdruck etwas weicher geworden.
„Ja, finde ich auch,“ gab er verlegen lächelnd zu.
„Wie ... ist das ... uhm ... passiert? Ich meine ... ich könnte mir vorstellen, dass es einen Grund gibt, warum man mit dem Trinken anfängt.“
Junge, Junge, sie wollte es aber ganz genau wissen.
„Wenn ich es oberflächlich betrachte, würde ich sagen, dass mein Job nicht ganz unschuldig daran ist.“
„Wieso? Bist Du Barkeeper oder so etwas?“ kicherte sie, doch sie verstummte sofort wieder, als sie bemerkte dass er ernst blieb.
„Nein, kein Barkeeper. Ich bin ... nun ja ... Sänger.“
„Sänger?“ sie hob die Augenbrauen und taxierte ihn von oben bis unten. „Sollte ich Dich kennen?“
„Schon möglich,“ gab er vage zurück.
„Nun komm’ schon. Raus mit der Sprache.“
„Du darfst raten,“ grinste er.
„Ich will nicht raten. Entweder Du sagst es mir, oder Du lässt es bleiben. Ich handele nicht.“
Nach ihren letzten Worten hatte sie die Lippen fest aufeinander gepresst und ihre Augen funkelten unnachgiebig. Keine Frage, sie meinte das todernst.
„Gut, dann lasse ich es bleiben.“
Natürlich erwartete er, dass sie noch einmal nachfragen würde, dass sie versuchen würde, ihn irgendwie zu überreden. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern und lies ihren Blick hinaus aufs Meer wandern.
„Du bist also ein alkoholabhängiger Sänger,“ nahm sie den Faden wieder auf und irgendwie schaffte sie es dabei, dass er sich bei dieser kläglichen Umschreibung seiner selbst nicht unwohl fühlte. Es war eben genau so. Punkt.
„Yep.“
„Und schuld daran ist Dein Job.“
„Nein. Oberflächlich betrachtet vielleicht ... aber Schuld - soweit man davon überhaupt sprechen kann - bin ich ganz alleine.“
„Erklär’ es mir,“ bat sie, begann dann Sand auf ihre Füße zu häufen und ihn feinsäuberlich fest zu klopfen.
„Seit ich 14 Jahre alt bin, bin ich im Musikbusiness, also praktisch so lange ich denken kann. Am Anfang war das auch alles ganz toll, wir hatten irgendwann sogar Erfolg. Aber irgendwie ... nun ja ... scheinen die anderen damit besser klar gekommen zu sein als ich.
Mir fehlte mein Vater und die Menschen, an die ich mich ersatzweise hängte, haben mich belogen und betrogen. Ich suchte ... nach etwas ... ,“ er schwieg weil er nicht wußte, wie er es wirklich erklären sollte. Wie sollte er seine Verzweiflung in Worte fassen?
„Nach Liebe nehme ich an,“ sagte Cassandra neben ihm leise. Sie hatte aufgehört mit dem Sand zu spielen, stattdessen hatte sie sich zu ihm herum gedreht und blickte ihn nun aufmerksam an.
„Ja ... nach ... Geborgenheit ... und ... Vertrauen,“ sagte er langsam ohne darüber nach zu denken. „Stattdessen fand ich Partys, falsche Freunde, Dunkelheit, Kälte und ... Einsamkeit.“
„Ich verstehe sehr gut was Du meinst,“ ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Wenn man das Gefühl hat, ganz alleine auf der Welt zu sein, ist es einem plötzlich nicht mehr so wichtig, was mit einem selbst geschieht. Eigentlich komisch. Normaler Weise sollte es doch umgekehrt sein, findest Du nicht? Wenn Du nur noch Dich selbst hast, mußt Du doch darauf achten, dass Du Dich nicht auch noch verlierst.“
„Das stimmt. Im Endeffekt ist mit mir aber genau das passiert. Ich habe mich verloren.
Ich dachte, wenn ich mehr für andere tue, tue ich auch gleichzeitig etwas für mich. Jede Nacht habe ich Partys gefeiert mit Menschen, die ich überhaupt nicht kannte. Na ja ... zumindest zum Schluß. Trotzdem war ich davon überzeugt, dass alle diese Leute da waren, weil sich mich gern hatten. Verrückt oder?“
„Nein, nicht verrückt. Verzweifelt vielleicht,“ sie schmunzelte und strich sich das Haar hinter die Ohren, das ihr der aufkommende Wind ins Gesicht blies.
A.J. wünschte sich plötzlich, er könnte die Zeit genau jetzt anhalten. Im Moment schien alles perfekt zu sein. Er fühlte sich zufrieden und ausgeglichen, ihm gegenüber saß das bezauberndste Wesen, das er je gesehen hatte und er hatte tatsächlich das Gefühl verstanden zu werden.
„Nun gut, ich war verzweifelt,“ grinste er „und nicht nur ich. Meine Bandkollegen wußten auch nicht mehr so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Ich erschien nicht mehr zu Terminen, machte die Nacht zum Tag, schlief die meiste Zeit und ... na ja ... bin ... zu wichtigen ... Ereignissen ... nicht da gewesen.“ Sein Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen und Gedanken verloren begann er, mit dem Saum seiner Jeans zu spielen. Wenn er nicht so betrunken gewesen wäre ... wenn ihm auch nur einen Moment etwas an seiner Familie gelegen hätte ... wenn ...
„Was ist passiert?“ fragte Cassandra leise in seine Gedanken hinein.
„Meine ... Großmutter ist gestorben. Ich kam ... wie so oft ... zu spät. Obwohl ich wußte dass ... dass ... ,“ er schluckte hart und setzte noch einmal an „ich wußte dass es mit ihr zu Ende geht. Die ganze Familie war bei ihr, nur ich nicht.“
„Du machst Dir Vorwürfe?“
Er nickte und versuchte die aufkommenden Tränen zurück zu drängen. Sie fehlte im so sehr!
„Sie hat sicherlich gewußt, wie sehr Du sie liebst.“
Eine warme Hand legte sich auf seinen Unterarm und vorsichtig schob er seine Hand über ihre.
„Ich bin mir manchmal nicht so sicher. Ich hätte da sein müssen ... ich hätte ... ,“
„Nicht Alex,“ der Klang seines Namens lies in aufblicken „tu das nicht. Du kannst nichts dafür, dass sie gestorben ist. Sie war von ihrer Familie umgeben und sie ist bei Dir in Deinem Herzen. Das ist o.k..“
„Ist es das?“
„Oh ja, das ist es. Wichtig ist doch nur, dass Du Dein Leben wieder in den Griff bekommen hast und nun auch wieder für die Lebenden da sein kannst. Sie weiß es, glaub mir.“
„Das wäre zu schön.“ Er lächelte matt und genoss das Gefühl ihrer Haut unter seinen Fingern. Allerdings nicht sehr lange, denn sie zog vorsichtig ihre Hand wieder zurück.
„Wie ging es weiter?“
„Wie ging es weiter?“ wiederholte er seufzend und richtete den Blick gen Himmel um sich zu sammeln.
„Kevin ... das ist einer meiner besten Freunde und auch Mitglied in unserer Band ... jedenfalls, er stürmte eines schönen Tages mein Haus und hat ... nun ja ... mir ganz schön heftige Sachen an den Kopf geworfen.“
„Ich hoffe nur im übertragenen Sinne,“ kicherte Cassandra.
„Ja, aber glaub mir, die haben mindestens genau so weh getan.“
„Ihm scheint sehr viel an Dir zu liegen.“
„Ja, scheint so, oder?“ er lächelte bei dem Gedanken an seinen Freund. Was er wohl sagen würde, wenn er wüßte, dass er hier gerade mit Cassandra saß und sich über ihn unterhielt?
„Und er hat Dich dazu bewegt ... uhm ... ja was eigentlich? Mit dem Trinken auf zu hören?“
„Na ja ... erst einmal hat er mir meine Mom auf den Hals geschickt, mir gedroht mich aus der Band zu schmeißen und dann ... ja ... dann habe ich einen Termin in einer Entzugsklinik gemacht und fünf Wochen später war ich so weit wieder hergestellt, dass sie mich entlassen haben.“
„Klingt, als könntest Du richtig stolz auf Dich sein.“
„Ja, das bin ich. Auch wenn es nicht immer einfach ist. Was mich wiederum zu Deinem Tagebuch führt.“
„Oh, oh, jetzt kommt’s,“ grinste Cassandra.
LaBelle kam angeschlichen, lies sich schnaufend zwischen ihnen in den Sand fallen und legte A.J. ihren Kopf auf das Knie. Sanft kraulte er den breiten Kopf, lies die weichen Ohren durch seine Finger gleiten und registrierte belustigt das leise, befriedigte Brummen, dass LaBelle von sich gab.
„Es war irgendwie ... ich weiß auch nicht. An dem Abend als ich es gefunden habe, ging es mir nicht so besonders. Ich habe in der Nachttischschublade nach etwas gesucht und ... na ja ... da ist es mir so zu sagen in die Hände gefallen. Ich habe es aufgeschlagen und ... ab da gab es kein Zurück mehr. Ich hoffe, irgendwann kannst Du mir das verzeihen.“
Er sah fragend zu ihr hinüber und sie erwiderte seinen Blick ruhig und gelassen.
„Ich denke, dass kann ich ... irgendwann.“
„Irgendwann ... ,“ er hatte eigentlich mit einer positiveren Antwort gerechnet. Immerhin hatte er ihr gerade seine komplette Seele nackt vor die Füße gelegt.
„Vielleicht auch schon etwas früher,“ grinste sie und er schüttelte lachend den Kopf.
„Du bist ganz schön hart, kann das sein?“
„Hattest Du etwas anderes erwartet?“
„Ehrlich gesagt ... ja.“
„Ein kleines, verschüchtertes Etwas, das sich mit dem Rücken an Häuserwänden entlang drückt und vor seinem eigenen Schatten Angst hat,“ stellte sie fest und er sah sie eine Weile stumm an.
„Nein, eigentlich nicht. Ich dachte eher ... hm ... ein sehr verschlossener Mensch, unglücklich und nicht so ... so ... ich weiß auch nicht. Du strahlst so viel Positives aus. Das ... verwirrt mich wohl etwas.“
„Wer sagt Dir, dass das hier ich bin?“
Verblüfft rückte er ein Stück von ihr ab und betrachtete aufmerksam ihr Gesicht.
„Kannst Du Dich wirklich so gut verstecken?“
„Ich verstecke mich schon mein ganzes Leben lang, schon vergessen?“ gab sie schlicht zurück.
Er schüttelte nachdenklich den Kopf „nein, das glaube ich nicht und sei es nur, weil es mir so besser gefällt. Niemand kann sich so gut verstellen. Ich sehe es in Deinen Augen, in dem was Du sagst, wie Du lachst ... nein,“ wiederholte er „hier sitzt Cassandra Sanders, sonst niemand.“
Für einen Augenblick gelang es ihr noch, die Maske aus Gleichgültigkeit aufrecht zu erhalten, doch dann erhellte ein Lächeln ihr Gesicht, brachte ihre Augen zum Strahlen und ihre Wangen zum Glühen.
„Nun gut. Du hast recht. Aber erzähl’ es nicht weiter, o.k.?“
„Versprochen!“
Er hatte das Gefühl, dass er das selige Grinsen nie wieder aus seinem Gesicht bekommen würde. Hier her zu kommen war eindeutig eine seiner besseren Ideen gewesen.

Kapitel 20