Kapitel 18
Nachdem A.J. sich unter LaBelle hervor gekämpft hatte waren sie gemeinsam über den kleinen Hügel geklettert und hatten dahinter ihre Schuhe ausgezogen.
Mit aufgekrempelten Hosenbeinen gingen sie nun langsam am Rande des Wassers entlang und beobachteten LaBelle, die wie ein Blitz hin und her sauste, ab und an die Wellen oder eine verirrte Möwe anbellte und ansonsten jeden Grashalm ausgiebigst beschnupperte.
Was willst Du von mir? brach Cassandra schließlich das Schweigen und A.J. hatte etwas Mühe in das Hier und Jetzt zurück zu finden. Er fühlte sich auf einmal so friedlich, als hätte die Anwesenheit Cassandras ihn irgendwie vervollständigt, die verirrten Puzzelteile seiner selbst an den richtigen Platz gerückt.
Ich befürchte, da gibt es mehrere Gründe. Zum Einen ... nun ja ... muß ich gestehen, dass ich neugierig auf Dich war.
Neugierig? Auf mich? Ihr Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen Verblüffung und Angst.
Ja. Ich meine ... Du hast mich jetzt eine ganze Weile begleitet, ohne dass ich auch nur eine Ahnung davon hatte, wie Du aussiehst, wie Deine Stimme klingt ... wie Du so bist.
Und? Muß doch sehr enttäuschend sein.
Ganz im Gegenteil. Ich habe selten jemand gesehen, der so wunderschön ist wie Du.
Er lies seine Worte einen Moment wirken und warf ihr dann einen schnellen Seitenblick zu. Ihr Gesicht war feuerrot angelaufen und ihre Augen huschten unruhig den Strand entlang.
Und das ist die Wahrheit, fügte er hinzu, da ihr mehr als deutlich an zu sehen war, dass sie ihm nicht glaubte.
Vielleicht verschieben wir dieses Thema lieber auf später, sagte sie schließlich gepresst.
Sein erster Impuls war zu widersprechen, der zweite, die Sache tatsächlich erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Auf gewisse Weise hatte er das Gefühl, sich auf einem zugefrorenen See zu befinden und er wußte, wenn er sich jetzt weiter in die selbe Richtung bewegte, würde er sicherlich in eiskaltes Wasser einbrechen und untergehen.
Du sagtest, es gibt mehrere Gründe? fragte sie weiter.
Nun ja ... zum anderen möchte ich mich bei Dir bedanken. Du hast mir, ohne es zu wissen, sehr geholfen.
Inwiefern?
Ich hatte in der Vergangenheit ... sagen wir mal ... einige Probleme. Deine Worte haben mir Kraft gegeben, mich abgelenkt, mir einen Halt gegeben, als es niemand sonst konnte. Frag mich nicht warum. Das war einfach so. Und deshalb möchte ich mich bei Dir bedanken.
Das ist doch aber nicht nötig, sagte sie und blieb unvermittelt stehen. Die Sonne stand in ihrem Rücken und zauberte einen gleißenden Schimmer um ihre Silhouette.
Doch es ist nötig, er hatte sich zu ihr umgedreht, die Hände aus den Hosentaschen genommen und war versucht nach ihren zu greifen. Doch er hielt sich im letzten Moment zurück.
Ich hätte manchmal sicherlich nicht gewußt, was ich tun soll. Ich konnte ... nach einer langen Zeit endlich wieder schlafen, auch wenn das jetzt total bescheuert klingt.
Nicht bescheuert, aber jetzt verstehe ich wenigstens wie Du das meinst. Ich habe Dich also so sehr gelangweilt, dass Dir direkt die Augen zu gefallen sind als Du in meinem Tagebuch gelesen hast, er hatte schon den Mund geöffnet um vehement zu protestieren als er das Grinsen registrierte, das sich nach und nach auf ihr Gesicht stahl.
Er lachte leise so habe ich es nicht gemeint.
Ich weiß. Aber ... es klang danach.
O.k., ich ziehe das zurück.
Nein, nein. Red nur weiter. Warum bist Du der Meinung, mir dafür danken zu müssen?
Naja, hättest Du das nicht geschrieben, wäre es mir um einiges schlechter gegangen. Wer weiß, dann wäre vielleicht auch alles schief gelaufen. Ich hätte wieder mit dem Trinken angefangen, mich zum kompletten Idioten gemacht, meine Freunde und Familie verraten und mich nicht mehr im Spiegel ansehen können.
Und Du glaubst, das alles ist nicht passiert, weil ich Tagebuch schreibe?
Ja. Er wußte nicht so genau, worauf sie hinaus wollte.
Gut ... wie ... klingt das? sagte sie, legte nachdenklich die Stirn in Falten und knetete mit ihrem Zeigefinger und Daumen ihre Unterlippe. Nicht ich habe Dir geholfen, sondern Du Dir. Vielleicht habe ich Dir etwas Ablenkung verschafft, mag sein, aber im Endeffekt kannst nur Du Dir helfen. Nur weil da ein paar Zeilen in einem Buch stehen, heißt das noch lange nicht, dass Du automatisch stark bist. Du hast Dir einen Weg gesucht mit Deinen Problemen fertig zu werden und wenn es das Lesen meiner Gedanken war, auch gut. Aber Danke nicht mir. Danke Dir selbst.
Verblüfft starrte er sie an.
Nein ... ich meine ... wenn ich das nicht gehabt hätte ... dann ..., protestierte er lahm.
... dann hätte es einen anderen Weg gegeben, vollendete sie seinen Satz.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Du es warst .. beziehungsweise Deine Worte, die mich nicht haben durchdrehen lassen. Und ob es Dir gefällt oder nicht, ich bin Dir dankbar. So!
Er verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte finster aus zu sehen, doch das amüsierte Lächeln, dass über ihr Gesicht huschte wärmte ihn von innen und er konnte nichts anderes tun als dämlich zurück zu grinsen.
Nun gut, lassen wir das, sagte sie schließlich und setzte sich wieder in Bewegung. LaBelle hatte mittlerweile einen armdicken, etwa zwei Meter langen Ast aus dem angespülten Strandgut hervor gezogen und versuchte nun unter größter Anstrengung diesen vor sich her zu tragen.
Ihr Kopf war auf Grund des Gewichtes weit zur Seite geneigt und das äußere Ende des Astes blieb immer wieder im Sand stecken, doch sie lies sich davon scheinbar nicht entmutigen.
Cassandra lachte neben ihm leise und begann dann auf LaBelle zu zu laufen. A.J. hielt ein wenig Abstand und beobachtete die beiden.
Cassandra griff nach dem Ast und zog daran, was LaBelle dazu veranlasste die Pfoten in den weichen Sand zu stemmen und dagegen zu halten.
Der Hund knurrte, Cassandra kicherte und schien ihre Anstrengung zu verdoppeln, doch sie hatte keine Chance. LaBelle zog ein, zwei Mal heftig an dem Ast und schon glitt er Cassandra durch die Finger.
He! Komm sofort zurück, lachte sie und rannte hinter LaBelle her, die versuchte möglichst schnell und ohne sich den Hals dabei zu brechen, den Ast in Sicherheit zu bringen.
Irgendwann gab Cassandra auf und lies sich schwer atmend im Schneidersitz in den Sand sinken. A.J. setzte sich zur ihr und hielt sein Gesicht in die Sonne.
Es ist wirklich schön hier, sagte er mit geschlossenen Augen und genoss die Wärme auf seinen Wangen.
Ja das ist es, pflichtete Cassandra ihm bei, doch er hörte sehr wohl den skeptischen Unterton darin.
Ist das der Grund, warum Du immer noch hier bist?
Nein.
Er öffnete langsam die Augen und sah zu ihr hinüber. Sie hatte die Knie angezogen und ihre Arme darum geschlungen. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet und ihre Stirn hatte sich wieder in die ihm inzwischen schon fast vertrauten Falten gelegt.
Was ist es dann?
Sie schwieg sehr lange und er glaubte schon, sie würde ihm nicht antworten, doch dann begann sie sprechen ich glaube, es hat etwas mit meiner Erziehung zu tun. Mein ganzes Leben habe ich eingetrichtert bekommen, dass alles, was außerhalb meiner kleinen, überschaubaren Welt liegt äußerst gefährlich ist.
Inwiefern gefährlich?
Es gab keine konkrete Bedrohung oder so etwas, entgegnete sie und löste ihren Blick vom Horizont um ihm in die Augen zu sehen es war einfach klar, dass außerhalb der Ortsgrenzen das Böse lauert. Ich kann mich an Geschichten von schwarzen Männern die kleine Kinder fressen erinnern und Städte, in denen Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren. Meine Mutter hatte eine ganz eigenen Art das sehr ... uhm ... sagen wir mal ... realistisch dar zu stellen.
Aber ... Du bist jetzt erwachsen. Du weißt, dass es keine Menschen fressenden Ungeheuer gibt.
So? Weiß ich das?
Für einen Moment stand ihr die Verzweiflung deutlich ins Gesicht geschrieben, doch dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle und setzte wieder ihre unbeteiligte Miene auf.
Ich kann Dir jedenfalls versichern, dass es nicht so ist.
Sie schüttelte nachsichtig den Kopf, so als wolle sie sagen Du mußt noch viel lernen und wandte ihren Blick wieder ab.
Das alles ist tief in mir verwurzelt. Wenn ich dem Ortsende auch nur nahe komme wird mir ganz schlecht. Ich habe ... Todesangst ... und weiß nicht einmal wovor. Ich weiß nur, dass ich hier sicher bin.
So? Bist Du das? fragte er ihren Tonfall imitierend und ihr Kopf ruckte zu ihm herum.
Nur weil Du zwei Jahre meines Lebens kennst heißt das noch lange nicht, dass Du weißt, was wirklich in mir vorgeht, sagte sie eisig. Egal wie das alles hier auf Dich wirken mag, ich habe mich damit so weit arrangiert, dass ich sagen kann, hier glücklich zu sein.
Ohne Freunde? Ohne Familie? Ohne Perspektive? gab er ungläubig zurück.
Auch das. Ich habe Freunde ... na ja ... zwei um genau zu sein ... aber mehr brauche ich auch nicht. Und ganz bestimmt habe ich nicht auf jemanden wie Dich gewartet, der so tut, als hätte er bereits die ganze Welt gesehen und der meint mir erklären zu müssen, wie trostlos doch mein Leben ist.
Trostlos hast jetzt Du gesagt.
Hör auf mit den Spielchen, sagte sie und aus ihren Augen schienen Blitze zu schießen, die ihn mitten ins Herz trafen. Für wen hältst Du Dich eigentlich? Du kommst hier her, schämst Dich noch nicht einmal dafür, dass Du in meinen privaten Angelegenheiten geschnüffelt hast und spielst Dich als mein persönlicher Retter auf. Schon einmal darüber nachgedacht, dass Du Dich vielleicht etwas überschätzt?
Schon einmal darüber nachgedacht, dass man sich gewisse Dinge auch schön reden kann? gab er genau so beißend zurück und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er sich auf diesen Wortwechsel überhaupt einließ. Es war sonnenklar, was sie damit bezweckte. Sie wollte ihn möglichst schnell von hier vertreiben, weil er in Wunden bohrte, die sie im Laufe der Zeit notdürftig geflickt hatte anstatt tatsächlich etwas für ihre Heilung zu tun.
Ich glaube, unser Gespräch ist hiermit beendet, sagte sie, stand auf und rief nach LaBelle.
Warte, entgegnete er und sprang ebenfalls auf. Diesmal gab er dem Impuls nach und griff nach ihrer Hand, doch kaum hatte er ihre Finger berührt, zog sie ihre Hand so schnell zurück, als hätte sie sich verbrannt. LaBelle hatte sich mittlerweile zu ihnen gesellt und knurrte tief und bedrohlich.
Lass mich in Ruhe! schrie sie und trat drei Schritte zurück. LaBelle begann zu bellen und zwei Schritte auf ihn zu zu machen.
A.J. hob abwehrend die Hände und redete eindringlich auf Cassandra ein, wobei er versuchte die vor Aufregung zitternde Hündin zu übersehen.
Bitte Cassandra. Ich bin nicht hier her gekommen um Dich von irgendetwas zu überzeugen oder Dir weh zu tun. Ich möchte mich einfach ein wenig mit Dir unterhalten, verstehst Du?
Aber wieso Herr Gott noch mal? Ich bin nichts besonderes, kein armes Schäflein, das man retten muß.
Für mich bist Du sehr wohl etwas besonderes.
Sie erstarrte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Scheinbar hatte er sie mit dieser Entgegnung völlig aus dem Konzept gebracht.
Aber ... ich ... verstehe das einfach nicht.
Sie schüttelte den Kopf und ging dann in die Hocke um ihr Gesicht in LaBelles weichem Fell zu vergraben.
Ich verstehe es einfach nicht, wiederholte sie gedämpft.
LaBelle wandte den Kopf und leckte Cassandra mitfühlend über die Wange.
Wieso versuchen wir uns nicht einfach für den Anfang wie zwei erwachsene Menschen zu unterhalten? fragte er und setzte sich wieder in den Sand. LaBelle beäugte ihn misstrauisch, lies dann ein lautes Schnauben hören, so als wolle sie sagen also gut, setzen wir uns eben und lies sich dann zu Cassandras Füßen nieder.
Dies streichelte noch eine Weile Gedanken verloren das weiche Fell und kniete sich dann neben ihren Hund.
Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.
Das kann ich sogar verstehen, sagte er leise. Ich bitte Dich nur darum, mir eine Chance zu geben.
Eine letzte, sagte sie schließlich und sah ihn dabei nicht an.
Gut, nickte er und hatte keinen blassen Schimmer, was er als nächstes sagen sollte, doch zu seiner großen Verblüffung, sprach sie weiter.
Ich bin jetzt 24 und alles was ich habe, befindet sich auf diesem kleinen Fleckchen Erde. Ich kann das nicht aufgeben. Es bedeutet Sicherheit, was auch immer Du davon halten magst.
In Ordnung. Sagen wir, ich akzeptiere das für diesen Moment.
Sie sah zu ihm hinüber und suchte scheinbar in seinem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass er sich über sie lustig machte.
Gut, nickte sie schließlich.
A.J. atmete innerlich erleichtert auf. Ihr Vertrauen zu gewinnen schien noch schwieriger zu sein, als er sich das bisher vorgestellt hatte.