Kapitel 17
Er wartete an seinen Wagen gelehnt vor dem Cafe, als Cassandra schließlich auf den Parkplatz hinaus trat. Sie hatte sich umgezogen und ihre Kellnerinnenuniform gegen Jeans und T-Shirt vertauscht. Die tief stehende Sonne lies ihr Haar in einem leichten Rotschimmer aufleuchten und als sie stehen blieb und sich suchend nach ihm umsah, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Er erinnerte sich an all die Demütigungen, die sie im Laufe der Zeit hatte ertragen müssen und zum wiederholten Male fragte er sich, was sie all die Jahre in dieser Stadt gehalten hatte.
Mittlerweile hatte sie ihn entdeckt und kam langsam auf ihn zu. Über der Schulter trug sie eine große, bunte Basttasche und der Blick, den sie ihm zu warf, war mehr als misstrauisch.
Er stieß sich von seinem Wagen ab und ging ihr ein paar Schritte entgegen, was dazu führte, dass sie immer langsamer wurde und schließlich ganz stehen blieb. Er konnte sich kaum vorstellen, welche Angst er ihr machen mußte und er wünschte sich, er hätte irgendeine Idee, wie er ihr diese nehmen könnte.
Hallo, sagte er mit einem breiten Lächeln als er endlich vor ihr stand.
Hallo, gab sie leise zurück und schielte dabei zwischen ihren Ponyfransen zu ihm auf.
Ich hatte noch nicht die Gelegenheit mich vorzustellen, fuhr er fort und streckte ihr die Hand entgegen ich bin Alexander McLean ... Alex ... oder A.J., wie Du möchtest.
Für einen kurzen Augenblick dachte er, sie würde seine Hand nicht ergreifen, sich einfach herum drehen und vor ihm davon laufen, doch der Moment verging. Sie ergriff seine Hand und ein erstes, zaghaftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht ich bin Cassandra Sanders oder ... na ja ... die Leute nennen mich hier auch Cassy, aber das weißt Du ja bereits.
Uhm ... ja, das weiß ich, stimmte er ihr verlegen zu. Was ist Dir denn lieber?
Wie? sie sah verständnislos zu ihm auf.
Nun ja ... Cassandra oder Cassy?
Oh ... eigentlich ist mir das egal ... mir ... gefällt beides nicht besonders.
Hm ... nun gut. Dann ... wie wäre es mit ... Cass?
Wie Du willst, sagte sie schulterzuckend und umfasste ihre Tasche dabei etwas fester.
Ein unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und A.J. hätte alles dafür gegeben, wenn ihm jetzt etwas vernünftiges eingefallen wäre.
Schließlich war sie es, die zu erst etwas sagte.
Was ... machen wir denn jetzt?
Ich würde mich gerne eine Weile mit Dir unterhalten. Das wo und das wie bestimmst natürlich Du.
Und hoffentlich auch das wie lange, setzte sie hinzu und er nickte schnell.
Natürlich auch das.
Gut. Ich ... muß sowieso noch mit LaBelle einen Spaziergang machen. Also ... wenn Du möchtest kannst Du ... ja mit kommen.
Sehr gerne, lächelte er. Kann ich Dich irgendwo hin bringen. Wir könnten ... ,
Nein, unterbrach sie ihn bestimmt ich werde nach Hause gehen und meinen Wagen und meinen Hund holen. Du wartest hier.
Alles was Du möchtest, willigte A.J. schnell ein und hob zur Bekräftigung die Hände.
Gut. Sie nickte und drehte sich dann ohne ein weiteres Wort um und verlies den Parkplatz.
A.J. sah ihr etwas überrascht hinterher bis sie um die nächste Ecke verschwunden war und ging dann langsam zurück zu seinem Wagen. Er hoffte, dass der restliche Abend etwas besser verlaufen würde.
Nach etwa zwanzig Minuten bog ein alter Dodge Kombi in die Einfahrt des Parkplatzes. Eigentlich hatte er gedacht, dass es diese alten Modelle mit den Holzverkleidungen gar nicht mehr gab oder zumindest nur noch im Besitz von Sammlern waren, die ihre Lieblinge hegten und pflegten, doch dieses Exemplar schien prima in Schuß und sah auch so aus, als würde es des Öfteren benutzt.
Cassandra hielt neben ihm und kurbelte das Fenster hinunter. Auf dem Rücksitz saß ein Hund und lies die Zunge hechelnd aus dem Maul hängen.
Fahr mir einfach nach. Es ist nicht sehr weit bis zum Strand.
In Ordnung.
Er beeilte sich in sein eigenes Auto zu kommen, da er Angst hatte sie würde einfach davon fahren, doch sie wartete geduldig bis er rückwärts aus der Parklücke gesetzt hatte.
Sie fuhren die Straße in die entgegen gesetzte Richtung aus der er gekommen war und bogen nach etwa zwei Meilen in einen Feldweg ab, der im Laufe der Zeit immer schmaler wurde, bis er schließlich vor einem grün bewachsenen Hügel einfach endete.
Er hätte gerne neben ihr geparkt um ihr das Gefühl zu geben, dass sie jeder Zeit verschwinden konnte, wenn ihr danach war, doch dafür bot der Feldweg einfach nicht genug Platz. Rechts und links wurden sie von Bäumen umschlossen und vor ihm konnte er über den Hügel hinweg das Meer glitzern sehen.
Er stellte den Wagen also hinter ihrem Kombi ab und als er ausstieg, sprang bereits LaBelle vom Rücksitz ins Freie und verschwand erst einmal zwischen den Bäumen.
Als Cassandra ihren Namen rief, kam sie jedoch sofort zurück und setzte sich neben ihr Frauchen auf den Weg. Cassandra streichelte ihr sanft über den breiten Kopf, kraulte sie dann Gedanken verloren hinten den Ohren und das alles, ohne sich auch nur im Geringsten bücken zu müssen.
Das ist wirklich ein sehr schöner Hund den Du da hast, sagte A.J. im Näherkommen.
Ja, das stimmt, lächelte Cassandra, blickte für einen Moment liebevoll auf den Hund hinunter und dann wieder zurück zu ihm.
LaBelle wurde unruhiger, je näher er kam. Sie trippelte von einer Vorderpfote auf die andere und sah immer wieder zu Cassandra hinauf, so als wolle sie fragen darf ich jetzt endlich den fremden Mann beschnuppern?
A.J. lies sich in die Hocke sinken und streckte ihr eine Hand entgegen.
Na Du? Hallo. Ich bin Alex und wirklich ein ganz netter Bursche.
Er hörte Cassandra leise kichern und er tat so, als hätte er es nicht gehört. Vielleicht war ja der Hund der Schlüssel.
LaBelle hielt es jetzt nicht mehr auf ihrem Platz. Sie sprang auf und kam schwanzwedelnd auf ihn zu gerannt. Mit einem Satz hatte sie ihn umgeworfen, hatte ihre Vorderpfoten auf seine Schultern gestellt und fuhr ihm einmal mit ihrer feuchten Zunge über das ganze Gesicht.
LABELLE! rief Cassandra entsetzt und fasste nach ihrem Halsband.
Schon gut, wehrte A.J. lachend ab, der versuchte einer weiteren Begegnung mit LaBelles Zunge zu entkommen ich liebe Hunde und scheinbar ... nun ja ... ah, LaBelle nicht, das kitzelt ... also scheinbar ... hihi ... mögen sie mich auch.
Verräterin, grummelte Cassandra, doch als er einen kurzen Blick auf sie warf, versteckte sie ihr breites Lächeln hinter ihrer Hand. Scheinbar hatte er den ersten Test erfolgreich bestanden.