Kapitel 16

Erst als er wieder draußen in der sengenden Hitze stand ging ihm auf, dass er jetzt gezwungen war, in diesem winzigen Kaff am Ende der Welt ganze drei Stunden tot zu schlagen.
Er blieb mitten auf dem Parkplatz stehen und drehte sich einmal um sich selbst. Nirgends entdeckte er so etwas wie Leben. Nicht ein Wagen fuhr auf der Straße vorbei und auch sonst schien dieser Ort wie ausgestorben zu sein.
Frustriert stieg er in seinen Wagen und fuhr vom Parkplatz. Vielleicht hatte er Glück und eine der Kneipen, die er auf dem Weg hierher gesehen hatte, war bereits geöffnet.

Als er das „Blackeye“ betrat, kam ihm der unangenehme Gedanke, dass er sich das erste Mal seit seiner Therapie in einer Bar befand. Er hatte in den letzten Wochen alles, was auch nur annähernd an eine Kneipe erinnerte, strickt gemieden. Er traute sich einfach noch nicht so weit, doch heute ... heute hatte er genauer betrachtet keine andere Wahl wenn er sich nicht die nächsten Stunden von der Sonne wie ein Grillhähnchen braten lassen wollte.
Mit einem unangenehmen Gefühl setzte er sich an die Theke und als der Barkeeper ihn mit missmutigem Gesicht fragte, was er trinken wolle, brachte er mit Müh und Not „eine Cola“ heraus.
Mit einer gewissen Faszination betrachtete er die Flaschen, die ihm gegenüber an der Wand aufgereiht standen. Er mußte bei vielen noch nicht einmal lesen, was auf dem Etikett stand, er wußte auch so, was sie enthielten.
Wodka Gorbatschow, des Wodkas reine Seele
Innerlich schüttelte er den Kopf. Wie konnte etwas, dass ihn in die dunkelsten Tiefen seines Bewußtseins geführt hatte, eine reine Seele besitzen?
Der Barkeeper stellte das Glas vor ihn auf die Theke und A.J. dankte ihm, in dem er ihm kurz zu nickte.
Außer ihm befanden sich lediglich noch zwei weitere Gäste in diesem dunklen Raum, in dem es penetrant nach Bier und Zigarettenqualm roch. Sie saßen jeweils an den beiden äußeren Enden der Bar und starrten in ihre Gläser, in denen sich ganz sicher keine Cola befand.
Bin ich auch einmal so gewesen? Sinnierte er. So abgeschnitten vom Rest der Welt, ohne Hoffnung oder Perspektive? Habe mein Elend in Alkohol ertränkt und mir dabei noch weiß gemacht, dass ich keine Probleme habe?
Im Endeffekt mußte er sich eingestehen, dass er zumindest nicht weit davon entfernt gewesen war. Vielleicht war er nie so einsam gewesen ... obwohl ... vielleicht nicht so offensichtlich einsam, aber den Grund seines Herzens hatte schon lange niemand mehr gesehen. Zu viel Ballast hatte er darauf geschüttet und das Ganze mit einem ordentlichen Schluck Whisky und einem kleinen, bunten Papierschirmchen garniert.
Traurig nippte er an seiner Cola. Am liebsten wäre er zu jedem der beiden Männer gegangen und hätte versucht, ihnen ins Gewissen zu reden. Das hier durfte einfach nicht das Ende sein! Es gab einen Ausweg, auch wenn sie meinten, die Abzweigung dafür schon vor langer Zeit verpasst zu haben.
Doch aus eigener Erfahrung wußte er, dass es keinen Sinn hatte. Sie würden ihm nicht zu hören und selbst wenn, hätten sie ihn und alles was er sagte spätestens dann vergessen, wenn er dieses ungemütliche Etablissement verlassen hatte. Retten mußte sich jeder selbst, das war eben die unangenehme Wahrheit.

Und so trank er seine Cola ... und noch eine ... und noch eine ... sah sich zwischendurch ein Footballspiel der zweiten Liga an, rauchte eine Unmenge an Zigaretten und sah ungefähr alle fünf Minuten auf die Uhr.
Als es dann endlich Zeit für ihn wurde zu gehen, erschien ihm das Treffen mit Cassandra noch mehr wie eine Art Erlösung - ein Ereignis, auf das er lange Zeit hin gearbeitet hatte.

Kapitel 17