Kapitel 15
Als er die Glastür des Cafes aufzog, bimmelte über ihm ein kleines Glöckchen und mehrere Augenpaare richteten sich sofort auf ihn. Ruhigen Schrittes durchquerte er das Cafe und setzte sich an einen der hinteren Tische, von wo aus er das gesamte Cafe gut überblicken konnte.
Zu seiner Linken befand sich eine lange Theke, hinter der eine junge, blonde Frau stand und sich leise mit einem der Gäste unterhielt. Libby, schoss es ihm durch den Kopf. Wie eine Schablone legte sich Cassandras Zeichnung über die Realität. Das glatte, kurze Haar, die ausladenden Hüften, die etwas spitze Nase und die stechenden Augen, die ihn jetzt flüchtig musterten und sich dann wieder dem Gast vor ihr zu wandten kein Zweifel, das war Cassandras beste und wohl auch einzige Freundin.
Am Ende der Theke stand eine alte Registrierkasse, an der sich tatsächlich noch Hebel anstatt Tasten befanden. Dahinter saß ein hoch aufgeschossener, dünner Mann mit schütterem Haar und einer dicken Hornbrille und blätterte scheinbar gelangweilt in einer Zeitschrift. Das mußte Mr. Gareth sein. Cassandra hatte von ihm keine Zeichnung angefertigt, doch er hätte seine rechte Hand darauf verwettet, dass es sich bei dem Mann um den Besitzer dieses Ladens handelte.
Das Cafe war um diese Uhrzeit nicht besonders gut besucht. Etwa ein dutzend Tische reihten sich an der langen Fensterfront entlang und nur zwei von ihnen waren besetzt.
Bevor er sich allerdings Gedanken darüber machen konnte, wer die Anwesenden wohl waren, schwang hinter der Theke eine Tür auf und eine junge Frau trat heraus. Sie war gerade dabei, die weiße Schürze ihrer Uniform hinter ihrem Rücken zu zu binden und ihr langes, dunkles Haar fiel ihr dabei ins Gesicht, so dass er es nicht genau erkennen konnte. Doch es bestand für ihn kein Zweifel er hatte Cassandra gefunden!
Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, sein Mund fühlte sich plötzlich wie ausgetrocknet an und er hatte das Gefühl, dass die Raumtemperatur gerade um mindestens hundert Grad gestiegen war.
Wie hypnotisiert folgte er jeder ihrer Bewegungen, beobachtete, wie sie sich mit einem Lächeln an Libby vorbei schob, sich im Vorbeigehen einen Block und einen Kugelschreiber in die Brusttasche steckte, dann um die Theke herum ging und direkt auf ihn zu kam.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ihr entgegen. Sie trug ein blassgelbes Kleid mit kurzen Ärmeln, dass ihr bis zum Knie reichte, darüber eine weiße Schürze und ihre langen Beine steckten in ebenfalls weißen Turnschuhe. Als sie ihm das erste Mal in die Augen sah, hörte er für einen Moment auf zu atmen. Ihm war, als hätte sie ihn gerade berührt, wäre mit ihren Fingern sanft über sein Gesicht gestrichen und hätte dort eine glühende, prickelnde Spur hinterlassen.
Sie war einfach wunderschön und erstaunt fragte er sich, wie jemand einem solch hübschen Wesen etwas Schlechtes tun konnte.
Hi, was darf ich Ihnen bringen?
Fast hätte er gar nicht mitbekommen, dass sie ihn angesprochen hatte, zu sehr war er damit beschäftigt, jede Kleinigkeit an ihr in sich auf zu nehmen. Sein Blick ruhte immer noch auf ihrem Gesicht und er versuchte krampfhaft das Bild, das er bisher von ihr gehabt hatte, mit der Realität in Einklang zu bringen. Doch es wollte ihm nicht so recht gelingen. Keine Fantasie konnte dem hier gerecht werden.
Mister?
Ein Anflug von Unsicherheit huschte über ihr Gesicht und er kratzte panisch den letzten Rest seines übrig gebliebenen Verstandes zusammen um das Wort Kaffee heraus zu bekommen.
Sie nickte, lächelte und fragte dann darf es sonst noch etwas sein? Wir haben die besten Burger im Umkreis von fünfzig Meilen und ... ,
Nein ... uhm ... nur Kaffee, danke, unterbrach er sie, was sie mit einem kurzen Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm, sich dann aber herum drehte und zurück zur Theke ging.
Vollidiot, schalt er sich in Gedanken. Mein Gott, reiß Dich zusammen, sonst spricht sie kein Wort mit Dir, was ich ihr noch nicht einmal verübeln könnte.
Sie war bereits auf dem Weg zurück zu ihm. In der einen Hand balancierte sie eine Kaffeetasse, in der anderen Hand hielt sie eine gläserne Kaffeekanne.
Vorsichtig stellte sie die Tasse vor ihn auf den Tisch und goss dann den Kaffee hinein.
Ich ... uhm ... , setzte er an, doch als sie ihn ansah, verstummte er wieder. Er hatte komplett vergessen was er eigentlich hatte sagen wollen. Verflixt, wieso verwirrte ihn ihr Blick nur so dermaßen? Sonst hatte er doch auch keine Probleme damit, Frauen an zu sprechen.
Ja? Sie stand erwartungsvoll vor seinem Tisch, hielt die Kanne in der Hand und versuchte freundlich drein zu blicken, doch er konnte förmlich sehen, wie die Angst in ihr hoch kroch und er räusperte sich schnell.
Tut mir leid. Ich glaube, ich bin heute etwas verwirrt, gab er zu und ihr Lächeln wurde eine Spur breiter und damit auch echter.
Würden Sie ... also ... würde es ihnen etwas ausmachen ... ähm ... sich einen Moment zu mir zu setzen?
Als hätte jemand einen Rollladen herunter gelassen verschloss sich ihr bisher freundliches Gesicht und sie trat unbewußt einen Schritt zurück tut mir leid, wir dürfen während der Arbeitszeit nicht mit den Gästen privat sprechen, gab sie knapp zurück und hatte sich dabei schon halb herum gedreht.
Bitte, sagte er und erhob sich halb von seinem Platz es ist wichtig ... ich meine ... ich habe etwas, das ihnen gehört und ... ,
Sie hatte die Hälfte der Strecke zur Theke zurück gelegt und blieb nun wie angewurzelt stehen. Er sah, wie sie einen Blick zu Libby hinüber warf, diese spannte sich sofort an und musterte ihn eisig.
Kann ich etwas für sie tun Mister? fragte sie spitz und nun hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit so wohl von Cassandra und Libby, als auch von Mr. Gareth und den restlichen Gästen.
Ich ... uhm ... , er seufzte und schüttelte den Kopf. Noch dämlicher hätte er sich wohl kaum anstellen können. Er lies sich wieder zurück auf die Bank fallen, er griff nach seinem Rucksack und zog den Reißverschluß auf.
Ich möchte eigentlich nur, dass Cassandra sich das hier ansieht, sagte er, lies allerdings seine Hand, die das Tagebuch fest umschlossen hielt, noch im Rucksack. Er wollte einfach nicht, dass jeder in diesem Cafe mitbekam, warum er eigentlich hier war.
Unendlich langsam stellte Cassandra die Kaffeekanne auf der Theke ab und drehte sich dann zu ihm herum. Für einen Moment musterte sie ihn aufmerksam von oben bis unten. Er hob die Hände, so als wolle er sagen siehst Du, ich bin unbewaffnet und tue Dir nichts und ganz langsam begann sie auf ihn zu zu gehen. Er steckte die Hand wieder in den Rucksack, weil er das unwirklich Gefühl hatte, dass ihn der feste Einband unter seinen Fingern beruhigte.
Als sie seinen Tisch erreicht hatte blieb sie davor stehen und klammerte sich an der Tischplatte fest.
Ich hoffe, sie wollen mich nicht erschießen, versuchte sie zu scherzen und er schüttelte lächelnd den Kopf.
Nichts läge mir ferner, ehrlich!
Also gut, was haben sie da drin, das so wichtig ist?
Möchten Sie sich nicht doch setzen? fragte er und versuchte dabei so vertrauen erweckend wie möglich aus zu sehen. Cassandra warf einen flüchtigen Blick zurück zur Theke, so als benötige sie von Libby eine Erlaubnis. Diese nickte fast unmerklich und vorsichtig rutschte Cassandra auf die gegenüberliegende Bank.
A.J. sah noch einmal in die Runde. Immer noch verfolgten sämtliche Personen in diesem Raum das Geschehen an seinem Tisch und er wünschte sich, er hätte das Ganze etwas geschickter angestellt. Doch dafür war es jetzt wohl zu spät.
Endlich zog er seine Hand, die immer noch das Tagebuch umklammert hielt, aus dem Rucksack hervor und schob das Buch über den Tisch zu ihr hinüber.
Ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte um was es sich handelte und voller Unverständnis blickte sie zu ihm hinüber.
Wo haben sie das her? hauchte sie.
Ich habe es in einer Nachtischschublade in einem Hotel irgendwo in Alabama gefunden.
Alabama? ihre Augen wurden noch eine Spur größer.
Ja, Alabama. Ich dachte eigentlich ... nun ja ... Sie hätten es vielleicht dort vergessen.
Sie schüttelte den Kopf ich war noch nie in meinem Leben in Alabama.
Nun ja ... ich dachte, sie möchten es vielleicht wieder haben.
Sie nickte abwesend, dann streckte sie die Hände aus und fuhr damit langsam und beinahe zärtlich über den Einband.
Dann hielt sie unvermittelt inne und sah ihm direkt in die Augen.
Haben Sie es gelesen?
Er hatte gehofft, dass diese Frage eher später als früher kommen würde, aber so wie es aussah, war wohl jetzt die Stunde der Wahrheit gekommen.
Ja, gab er zu Es tut mir auch wirklich leid, fügte er schnell hinzu, als er sah, wie sie blass wurde ich weiß, ich hätte das nicht tun sollen und glauben sie mir, ich habe dafür meine Moralpredigt bereits erhalten. Ich ... , er stockte, weil sie ihn immer noch fassungslos mit diesen großen, tiefgründigen Augen anblickte.
Sie sind grau, schoss es ihm durch den Kopf und für einen Moment hatte er das Gefühl, seinen Blick nie wieder von ihr lösen zu können.
Warum sind sie hier? brach sie schließlich das Schweigen und es klang, als hätte sie Angst vor der Antwort.
Ich befürchte, das ist nicht so einfach zu erklären, gab er vorsichtig zurück und begann in seiner Kaffeetasse zu rühren, einfach um irgendetwas zu tun zu haben.
Cassy? kam es plötzlich von der Theke und A.J. und Cassandra drehten sich gleichzeitig zu Mr. Gareth herum.
Muß ich sie daran erinnern, dass es nicht ihr Job ist unsere Gäste zu unterhalten sondern sie zu bedienen?
Nein natürlich nicht Mr. Gareth, sagte sie sofort und stand auf. Sie nahm das Tagebuch und drückte es wie ein Schutzschild an ihre Brust.
Jedenfalls ... uhm ... vielen Dank, dass Sie es mir wieder gebracht haben, sagte sie, drehte sich dann herum und verschwand Richtung Theke.
Warten Sie, A.J. sprang ebenfalls auf und folgte ihr.
Kurz bevor sie hinter der Theke verschwinden konnte, hatte er sie eingeholt.
Bitte ... ich ... können wir uns nicht ein wenig unterhalten. Ich ... habe Ihnen so viel zu erzählen ... und ... muß mich für so vieles bei Ihnen bedanken und ... ,
Sie haben doch gehört, was Mr. Gareth gesagt hat. Ich kann nicht, entgegnete sie und sah dabei ängstlich zu ihrem Boss hinüber, der sich allerdings wieder in seine Zeitschrift vertieft zu haben schien.
Vielleicht können wir das bereden, wenn sie Feierabend haben? Ich ... könnte sie abholen und dann ... na ja ... holen wir La Belle und machen eine kleinen Strandspaziergang oder so.
Er wußte, dass er einen Fehler gemacht hatte als er den Namen ihres Hundes so selbstverständlich aussprach. Sie trat eine Schritt zurück, presste das Tagebuch noch etwas fester an ihre Brust und schüttelte den Kopf.
Nein. Das geht nicht. Wie gesagt, vielen Dank Mister, aber es ist jetzt wirklich besser, wenn sie gehen. Der Kaffee geht auf mich. Das ist das mindeste, und damit drehte sie sich herum, trat hinter die Theke und strebte der Tür zu, aus der sie vor kurzem erst heraus gekommen war.
A.J. blieb ihr auf der anderen Seite der Theke auf den Fersen und redete dabei auf sie ein. Mittlerweile war es ihm herzlich egal, was die restlichen Gäste von ihm denken mochten.
Bitte Cassandra. Das ... uhm ... ist mir so unglaublich wichtig ... ich ... ich bin von sehr weit her gekommen, nur um sie zu sehen. Ich ... bitte ... geben sie mir eine Chance. Ich bin kein schlechter Kerl, auch wenn ich vielleicht nicht danach aussehe. Ich ... , sie verschwand durch die Schwingtür und frustriert blieb er stehen.
Das war ganz und gar nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte.
Sie hat um sieben Feierabend, hörte er eine Stimme hinter sich und er drehte sich um. Libby lächelte ihn an und ich schwöre, fügte sie hinzu ich breche ihnen sämtliche Knochen, wenn sie ihr auch nur ein Haar krümmen.
Er glaubte ihr aufs Wort und doch wäre er am liebsten über die Theke gesprungen und hätte sie geküsst.
Danke, sagte er unglaublich erleichtert, ging zwei Schritte rückwärts Richtung Ausgang und blieb dann erneut stehen.
Wirklich vielen Dank. Vielleicht ... na ja ... können Sie sie ja davon überzeugen, dass ich ... uhm ... wirklich nur mit ihr reden möchte. Ich bin nur heute in der Stadt und ... ich ... ach ... sie verstehen schon ... ich meine ... . Libby begann zu kichern Mister, ich weiß nicht genau, was mit ihnen nicht stimmt, aber so wie sie hat sich hier noch keiner aufgeführt. Keine Sorge, ich denke, sie wird sich bis heute Abend beruhigt haben.
Tausend Dank, sagte er noch einmal, dann drehte er sich herum und verließ das Cafe.