Kapitel 14

Er hatte die vergangene Nacht vor lauter Aufregung kein Auge zu getan. Immer wieder dachte er darüber nach, was er zu Cassandra sagen sollte, wenn er ihr tatsächlich gegenüber stand. Würde er überhaupt einen vernünftigen Satz heraus bringen? Und wenn sie erfuhr, dass er ihr Tagebuch gelesen hatte, dass er schon so viel über sie wußte, würde sie überhaupt noch mit ihm reden?

Würde sie mit ihm reden? Diese Frage beschäftigte ihn mehr als alles andere.

Als schließlich das Telefon klingelte und ihm die freundliche Dame von der Rezeption mitteilte, dass es Zeit für ihn war auf zu stehen, war er unsagbar erleichtert, dass diese endlos scheinende Nacht endlich vorbei war.
Sorgfältig wählte er sein Outfit, verbrachte länger als sonst unter der Dusche, lies sich sein Frühstück aufs Zimmer kommen, von dem er allerdings lediglich den Kaffe trank und starrte dann ca. 10 Minuten auf sein Spiegelbild im Badezimmer.
„O.k. McLean. Heute ist also der große Tag,“ sagte er zu dem blassen Gesicht, dass ihm mit dunklen Augen entgegenblickte „vermassele es nicht. Du hast nur diese eine Chance. Wenn Du heute was falsch machst, kannst Du sie für immer aus Deinem Leben streichen. Also denk’ nach bevor Du etwas sagst, überfahre sie nicht gleich, bleib ruhig und konzentriert, nett und höflich ... und vermassele es bloß nicht!“

Die beiden morgendlichen Interviews waren beinahe zu viel für sein angespanntes Nervenkostüm, aber da die anderen vier wußten wie ihm zu Mute war, griffen sie ihm unter die Arme und hielten ihn weit gehend aus den Gesprächen heraus. Er hätte höchstwahrscheinlich sowieso keinen vernünftigen Satz heraus gebracht.
Als sie am frühen Nachmittag schließlich wieder am Hotel ankamen, machte er sich nicht einmal die Mühe noch einmal in sein Zimmer hinauf zu gehen. Er nahm von Nicole die Schlüssel zu dem gemieteten Chevy Blazer in Empfang, lies die gut gemeinten Ratschläge und Aufmunterungen seiner Bandkollegen über sich ergehen und verabschiedete sich dann schnell.
Im Wagen fand er eine Straßenkarte, auf der irgendeine gute Seele bereits seinen Fahrtweg eingezeichnet hatte. Er setzte seine Sonnebrille auf, startete den Wagen und schob eine CD von Limp Bizkit in die Stereoanlage.
Die laute Musik übertönte seine Gedanken, die, je näher er seinem Ziel kam, immer aufgeregter durch sein Gehirn wirbelten. Sein Herz schien mit jedem Meter schneller zu schlagen und mehrmals mußte er seine schweißnassen Hände an seinen Jeans abwischen. Gott, so aufgeregt war er das letzte Mal als Teenager gewesen, als er sich mit einem wunderhübschen Mädchen namens Celina verabredet hatte und er sich am Ende des Dates nicht entscheiden konnte, ob er sie nun küssen sollte oder nicht.
Er passierte das Ortschild von Glensdale, fuhr noch ungefähr drei Meilen durch Felder und Wiesen, bis schließlich die ersten Häuser vor ihm auftauchten. Der Ort sah aus, wie tausende andere Kleinstädte in den USA. Tankstelle, Kirche, ein winziger Supermarkt, zwei Kneipen, Farmhäuser, die etwas zurückgesetzt von der Straße unter ausladenden Kiefern standen, wieder eine Kirche und dann ... das „Village Cafe“. Er nahm den Fuß vom Gas und fuhr erst einmal an der Einfahrt zum Parkplatz vorbei, da er zu sehr damit beschäftigt war, hinter der Fensterfront des Cafes irgendetwas zu erkennen.
Er wendete und bog dann nach links auf den Parkplatz ein. Er hielt etwas abseits, stellte den Motor ab und blieb dann für einen Moment vor Aufregung zitternd im Wagen sitzen. Die Musik dröhnte immer noch, doch die Klimaanlage war verstummt und je länger er dort saß und vor sich hin starrte, um so wärmer wurde ihm.
Seine Nervosität hatte ein nie gekanntes Ausmaß erreicht und für einen flüchtigen Moment war er versucht einfach wieder davon zu fahren. Sie würde nie erfahren, dass er hier gewesen war, würde nicht wissen, dass er ihr Tagebuch gelesen hatte und alles wäre wie früher.
Doch gleich darauf griff er entschlossen nach seinem Rucksack, der neben ihm auf dem Beifahrersitz stand und öffnete die Tür. Er würde jetzt verdammt noch mal nicht kneifen!

Kapitel 15