Kapitel 12

Eine Woche war vergangen seit er von dem Überfall auf Cassandra gelesen hatte. Er widmete sich weiterhin jeden Abend ihrem Tagebuch, las ein paar Seiten und hoffe, dass er einschlafen konnte. Manchmal half es ihm, manchmal wühlte es ihn aber auch so sehr auf, dass er kaum Schlaf fand.
Seine Albträume waren zurück gekehrt, allerdings hatten sie sich auf unheimliche Weise verändert. Er sah nicht mehr länger sich selbst in der Mitte dieses bedrohlichen Platzes, stattdessen stand er in einer der Gassen an die raue Hauswand gepresst und beobachtete eine verschwommene, weibliche Gestalt, die verzweifelt zu ihm herüber blickte. Jedes Mal öffnete sie den Mund und schien ihm etwas zu zu rufen, doch er konnte sie nicht verstehen. Meist verdeckten die Schreie der herannahenden Menschenmassen ihre Worte, doch manchmal glaubte er, dass ihre Stimme kurz bevor sie in die Gasse eindringen konnte einfach verstummte, sich in Luft auflöste, ungehört dahin schmolz.
Es quälte ihn, dass er nicht in der Lage war dieser Person zu helfen und natürlich wußte er, dass es sich bei der Gestalt um Cassandra handelte.
Sie hatte nach einer drei monatigen Pause einfach weiter geschrieben, so, als sei nichts geschehen. Sie hatte Foster mit keinem Wort mehr erwähnt, die Geschehnisse im Wald entweder einfach verdrängt oder sie auf irgendeine Weise hinter sich gelassen.
Sie schien ihr normales Leben (was auch immer man unter „normal“ verstehen mochte) wieder aufgenommen zu haben, berichtete von den kleinen und größeren Ereignissen in ihrer kleinen Stadt und dem Cafe, erzählte von endlosen Spaziergängen mit LaBelle, die wieder vollkommen gesund zu sein schien, und erwähnte ab und an Hanson, der ihm immer mehr wie ein kleiner, nichtsnutziger aber ungefährlicher Spinner vorkam.
Sie befanden sich gerade auf dem Rückweg zu ihrem Hotel, die vorangegangene Show hätte besser nicht laufen können und er fühlte sich entspannt und ein wenig schläfrig. Zufrieden lauschte er den Unterhaltungen seiner Bandkollegen, kicherte leise über den Scherz, den Nick gerade gemacht hatte, als ihn wie aus dem Nichts ein Gedanke durchfuhr.
„Ich könnte sie besuchen!“
Sein Herz machte einen erschrockenen Satz und er wandte schnell seinen Blick aus dem Fenster, damit seine Freunde seine vor Überraschung weit aufgerissenen Augen nicht bemerkten.
Mehrere Fragen schossen ihm sofort und mehr oder weniger gleichzeitig durch den Kopf. Wieso war ihm der Gedanke noch nicht früher gekommen? Wie sollte er es anstellen? Was würde er zu ihr sagen? Was würde sie ihm wohl antworten? War das überhaupt eine gute Idee? Tat er sich und vor allen Dingen ihr einen Gefallen damit?
Er versuchte sein schnelles Atmen unter Kontrolle zu bekommen, starrte für eine Weile einfach auf den kleinen, beschlagenen Kreis, den sein Atem an die Scheibe gezaubert hatte, malte mit dem Finger schließlich ein Kreuz hinein und verfolgte dann mit den Augen die vorbei ziehenden Straßenzüge.
„Ich könnte sie besuchen,“ dachte er erneut und inzwischen fühlte sich dieser Satz nicht mehr ganz so monströs und abwegig an.
Er stellte sich vor, wie er das Cafe betrat, sah Cassandra die Gäste bedienen, wie er sich an einen Tisch setzte, ihr Lächeln, als sie ihn begrüßte ... für einen Moment schloss er die Augen. Sollte er das wirklich tun?
Die Vorstellung, ihr persönlich gegenüber zu stehen, mit den ganzen Informationen über sie in seinem Kopf, machte ihm, vorsichtig ausgedrückt, Angst. Er würde etwas, das bisher nur in seinen Vorstellungen und auf einigen dicht beschriebenen Seiten existiert hatte, in die Realität holen und dabei vielleicht fest stellen, dass er es gar nicht dort haben wollte.
Er hatte ein Gefühl für sie entwickelt, obwohl er sie niemals gesehen, noch nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte und plötzlich traf ihn eine weitere Erkenntnis.
Ging es ihren Fans genau so? Hatten sie sich aus einer Vielzahl von Wörtern, die sie gelesen oder gehört hatten ein Bild von ihm gemacht? Ein Gefühl entwickelt, dass genau so richtig wie falsch sein konnte?
War er nicht immer enttäuscht und manchmal sogar wütend darüber gewesen, dass manche Menschen ihn zu kennen glaubten, nur weil sie einige Artikel über ihn gelesen und seine Musik gehört hatten?
Wenn er nicht so entsetzt gewesen wäre, hätte er sicherlich über sich selbst gelacht. Was bildete er sich eigentlich ein? Welches Recht sollte er haben, in ihr Leben ein zu dringen, einfach auf sie zu zu gehen, nur weil er noch ein paar ungeklärte Fragen hatte?

Der Gedanke, Cassandra zu besuchen, geisterte die nächsten Tage immer wieder durch seinen Kopf. Manchmal fiel es ihm unglaublich schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, ein anderes Mal war er froh, wenn er nach einer Stunde intensiver Proben oder eines Interviews feststellte, dass er tatsächlich keine einzige Sekunde an sie gedacht hatte.
Er fragte sich manchmal, ob sein Verhalten nicht schon fast an Besessenheit grenzte. Immer wieder nahm er das Tagebuch zur Hand, las ein paar Seiten, blätterte manchmal zurück um die eine oder andere Passage noch einmal zu lesen oder sich ihre Zeichnungen an zu sehen und irgendwann hatte er das Gefühl das gesamte Buch beinahe auswendig zu können.
Trotz den vielen Gedanken die er sich um Cassandra und ihr Leben machte, fühlte er sich meist recht ausgeglichen, ja beinahe glücklich. Vielleicht lag es daran, dass er gewisse Dinge in seinem Leben durch das Buch besser zu schätzen wußte, vielleicht auch daran, dass er das Gefühl hatte, sie zu verstehen und irgendwo in seinem Hinterkopf der Gedanke schlummerte, das beruhe auf Gegenseitigkeit.
Er saß auf einem Fensterplatz ihres Tourbusses und unterhielt sich gerade mit Howie über einen Song, den sie irgendwann in den vergangenen Tagen zusammen geschrieben hatten. Ein paar Passagen gefielen ihm noch nicht und an der Melodie mussten sie noch einiges tun, doch er genoss es, endlich wieder kreativ sein zu können.
Wenn er an die vergangenen Monate zurück dachte und wie schwer es ihm manchmal gefallen war, überhaupt einen vernünftigen Satz mit Sinn heraus zu bringen, wurde ihm manchmal ganz schlecht. Doch inzwischen formten sich die Worte beinahe von selbst in seinem Kopf und er hatte es sich angewöhnt, immer etwas zu Schreiben bei sich zu haben. Manchmal überfielen ihn die besten Einfälle in den unmöglichsten Situationen.
„Hier und hier sollten wir ansetzen. Die Zeilen passen irgendwie nicht so recht zum Rest, findest Du nicht?“ fragte ihn Howie gerade und klopfte dabei mit einem Kugelschreiber auf den Block auf seinem Schoß.
A.J.s Blick war durch die dunkel getönte Scheibe hinaus über die weiten Felder gewandert, die an ihnen vorbei flitzten und er wollte sich gerade zu seinem Freund umwenden um ihm zu antworten, als das nächste Ortsschild an ihnen vorbei rauschte.
Als hätte er einen elektrischen Schlag verpasst bekommen richtete er sich plötzlich kerzengerade in seinem Sitz auf und krampfte seine Hände um die Nackenstütze vor ihm.
„Was ist?“ fragte Howie alarmiert.
„Ich ... das war ... ,“ A.J. drehte sich in seinem Sitz herum, als könne er so noch einen Blick auf das Schild werfen, aber natürlich waren sie viel zu schnell. Aufgeregt sprang er von seinem Sitz auf, quetschte sich an Howie vorbei und hastete nach vorne. Dabei stieg er geschickt über die Beine, die sich in den Mittelgang streckten, ignorierte die fragenden Blicke, die ihm auf seinem Weg folgten und legte schließlich Harold, ihrem Fahrer, eine Hand auf die Schulter.
„Harold, Du mußt sofort anhalten,“ sagte er eindringlich.
„Was? Ist Dir schlecht?“ Harold blickte kurz zu ihm auf, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Straße ohne dabei langsamer zu werden.
„Bitte Harold. Es dauert auch nicht lange.“
A.J. mußte sich zwingen die Schulter des Busfahrers nicht zwischen seinen klammen Fingern zu zerquetschen. Er mußte dieses Schild einfach noch einmal sehen, alles andere war im Moment unwichtig. Aber dazu mußte Harold erst einmal anhalten.
Immer noch glitt der Bus mit ungeminderter Geschwindigkeit dahin und A.J. wußte, wenn er ihn nicht sofort zum Stehen brachte, war seine Chance vertan.
„Harold BITTE!! Es ist so zu sagen lebenswichtig.“
Endlich stieg Harold auf die Bremse, allerdings verlangsamte sich der Bus nicht so schnell, wie A.J. es sich gewünscht hätte. Als der Bus dann endlich zum Stehen kam, wurden hinter ihm bereits die ersten verständnislosen Stimmen laut.
„Was ist los? Warum halten wir an?“ konnte er Kevin hören.
„A.J., ist alles in Ordnung?“ das war Nick.
„Mir geht es gut,“ entgegnete er, doch er machte sich dabei nicht einmal die Mühe sich herum zu drehen, stattdessen wandte er sich Harold zu, der sich mittlerweile mit gerunzelter Stirn in seinem Sitz zu ihm herum gedreht hatte.
„Und nun?“ fragte er.
„Könntest Du ein Stück zurück fahren? Ich möchte mir das letzte Ortsschild noch einmal ansehen.“
„Aber sonst ist alles in Ordnung mit Dir, ja?“ gab Harold ironisch zurück, legte aber trotzdem den Rückwärtsgang ein und setzte langsam zurück.
Die restlichen Insassen des Busses hatten es scheinbar aufgegeben, aus ihm irgendetwas heraus bekommen zu wollen. Stattdessen hatten sie ihre Augen auf die rechte Seite gerichtet und warteten scheinbar auf die Auflösung dieses Rätsels.
In der Ferne sah A.J. das Schild wieder auftauchen. Es handelte sich um einfach zusammen genagelte Bretter, die von hinten betrachtete alt und verwittert aussahen. Die Vorderseite war allerdings einigermaßen kunstvoll bemalt und als der Bus schließlich daneben zum Stehen kam, ragten die Buchstaben etwa 70 cm hoch vor ihm auf.
GLENSDALE er hatte sich also nicht geirrt. Sie befanden sich im Bundesstaat New York, das Meer war nicht weit entfernt und er war sich sicher, das der nächste Ort Tarassee sein würde. Außerdem wußte er, dass es in diesem Nachbarort einen Tierarzt gab und das sich in eben dieser Stadt, durch die sie gleich durchfahren würden, das „Village Cafe“ befand.
Wie erstarrt blickte er aus dem Fenster, registrierte am Rande, wie Harold die Bustüren öffnete und irgendjemand ihn am Arm fasste. Ohne dass er sich dessen bewußt war, lies er sich die Treppe hinunter führen und stand gleich darauf vor dem Bus in der glühend heißen Mittagssonne, umgeben von endlosen Weizenfeldern, durch das sich das schnurgerade Band der Route 52 zog, unter einem meterhohen Ortsschild.
„O.k., raus mit der Sprache,“ drang Kevins Stimme zu ihm durch und blinzelnd sah er in dessen grüne Augen auf.
„Was?“
Er fühlte sich, als sei er gerade aus einem Traum aufgewacht. Konnte man dieses Ortsschild als Zeichen deuten? Er war Cassandra so nahe wie noch nie zuvor und eine nie gekannte Unruhe hatte ihn überkommen.
„Warum haben wir hier angehalten?“ fragte Kevin eindringlich und hinter sich hörte A.J. weitere Personen aus dem Bus steigen.
„Ich ... also ... das dürfte etwas schwer zu erklären sein,“ gab A.J. zurück und zum ersten Mal wurde ihm bewußt, dass er sich hier gerade wie ein durch geknallter Vollidiot aufführte.
„Oh, daran zweifle ich nicht,“ gab Kevin trocken zurück „trotzdem bist Du uns eine Erklärung schuldig. Wir stehen hier mitten im Nirgendwo an einem Ortsschild und lassen uns von dieser glühenden Hitze die Gehirne ausdörren, nur weil der feine Herr nicht schnell genug einen Namen lesen konnte?“
„Ganz so ist es nicht ... ,“ sagte A.J. langsam und betrachtete angestrengt seine Schuhspitzen. Sollte er es ihnen erzählen? Würden sie ihn auslachen?
Schweigen legte sich über die Gruppe, die sich mittlerweile um ihn geschart hatte, und man konnte die Anspannung beinahe mit Händen greifen.
„Was ist dem Irren jetzt wieder eingefallen?“ schienen die Blicke zu sagen.
„Vielleicht sollten wir einfach einsteigen und weiter fahren. Ich erkläre Euch alles drinnen, o.k.?“ sagte er schließlich und nachdem er diese Entscheidung erst einmal gefällt hatte, ging es ihm schon wesentlich besser.
Kevin nickte langsam „gute Idee.“

Kapitel 13