Kapitel 11
20. Juni 1999
Ich hasse Ihn!!!!! Wie konnte er mir das nur antun? Wieso passiert immer mir so etwas? Wieso?????
Ich könnte die ganze Zeit nur schreien oder um mich treten, stattdessen sitze ich wie hypnotisiert in meinem Bett, starre die Wand vor mir an und versuche dieses Gefühl des Ekels, den Schmerz und die Demütigung irgendwie von mir ab zu schütteln. Aber es gelingt mir nicht. Seit Stunden sitze ich hier. Nicht einmal La Belle kann mich trösten, auch wenn sie keine Sekunde von meiner Seite weicht.
Er hat mich vergewaltigt. Ganz einfach, brutal und ohne Rücksicht auf mein Flehen, mein Betteln oder meine Schreie.
Dabei war er doch erst so unglaublich lieb und nett. Er hat sogar mit mir getanzt, vor den Augen der versammelten Einwohner von Glensdale. Ich fühlte mich wie ... eine Königin. Endlich wurde ich geliebt, endlich interessierte sich jemand nicht für meine Vergangenheit sondern für die Gegenwart ... für mich!
Und dann? Ich bringe Dich noch nach Hause hat er gesagt. Ha! Was für ein Witz!! Nach Hause ... in den Wald ist er mit mir gefahren. Ich will nicht darüber nach denken. Ich kann immer noch die feuchte Erde schmecken, rieche die Tannennadeln, spüre, wie er in mich eingedrungen ist, fühle seinen ekelhaften Atem in meinem Gesicht. Ich schäme mich so sehr. Wie konnte ich ihm nur glauben? Ich bin so unglaublich ... naiv ... gutgläubig. Oh mein Gott!!!!!!!!!!!!!!
21. Juni 1999
Ich glaube, selbst mit allem Wasser dieser Welt könnte ich ihn nicht von mir abwaschen. Mein Körper sieht aus, als sei ich vor einen Bus gelaufen. Überall blaue Flecke und Kratzer. Das Kleid, meine Unterwäsche und selbst meinen Schmuck, den ich an diesem Abend trug, habe ich in einen großen Blecheimer gesteckt, ein wenig Benzin darüber gegossen und es angezündet. Es hat nicht wirklich viel geholfen, doch wenigstens muß ich mir diese Sachen nun nicht mehr jede Stunde anschauen.
Es ist einfach furchtbar. Ich kann kaum an etwas anderes denken, muß vor den Gästen aber so tun, als sei alles in Ordnung.
Selbst Libby hat mich schon gefragt, was mit mir los ist, aber ich kann es ihr nicht sagen. Ich kann es niemandem sagen. Sie würden sich nur noch mehr über mich amüsieren. Abgesehen davon: Wer würde mir denn schon glauben?
Am besten ich vergesse, das es jemals passiert ist. Ich schwöre, wenn Foster das Cafe noch einmal betreten sollte, übergebe ich mich direkt in seinen Schoß.
Wieso hat er das getan? Vielleicht, wenn er weiterhin so nett gewesen wäre ... vielleicht hätte er von mir freiwillig das bekommen, was er sich so brutal einfach genommen hat.
Das erste Mal ... war ja eigentlich klar, dass das ebenfalls in einer Katastrophe enden würde. Ich kann meine Gedanken in keine andere Richtung lenken. Ich sehe dauernd sein gerötetes Gesicht über mir, nachts wache ich schreiend auf, bei Tag könnte ich die ganze Zeit nur weinen und am liebsten würde ich mich in irgendeine Ecke verkriechen und nie wieder daraus auftauchen.
Vielleicht ist das ja tatsächlich mein Platz auf dieser Welt. Die hinterste Ecke, wo mich keiner sehen kann, wo mich alle in Ruhe lassen und mir niemand etwas böses tun kann.
Sieht man es mir bereits an? Weiß jeder sofort, dass ich das geborene Opfer bin? Verhalte ich mich so, dass jeder denkt, er kann alles mit mir machen? Selbst ein Verbrechen begehen? Warum ich?
Hatte Mutter etwa recht? Alle Männer sind Schweine, sie wollen immer nur das eine, bla, bla, bla. Ich konnte es mir nie vorstellen. Ich meine ... sind Liebe, Vertrauen und Freundschaft tatsächlich nur Worte? Wenn ich mich in meiner unmittelbaren Umgebung so umsehe, könnte ich es fast glauben. Libby und Jimmy ... keine wirklich liebevolle Beziehung wenn man mich fragt. Hanson hasst mich und seine Frau ist schon so lange tot, dass sich wahrscheinlich gar niemand mehr an sie erinnert. Mr. Gareth hat Angst vor seiner Frau. Man sieht es in seinem Gesicht wenn sie ihn in ihrer Mittagspause besuchen kommt.
Höchstwahrscheinlich hätte ich auch Angst vor ihr, wenn ich mit ihr verheirat wäre.
Die einzigen glücklichen Menschen die mir einfallen sind Mr. und Mrs. Watson und die sind erst seit einem Jahr verheiratet. Aber auch sie haben sich schnell daran gewöhnt mir für alles und jedes die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Wieso bin ich so anders? Und warum mußte Foster mir das antun?
25. Juni 1999
Bisher ist Foster nicht mehr im Cafe aufgetaucht und Libby hat bereits mehrmals nachgefragt, ob wir uns gestritten haben.
Ich hätte beinahe laut los gelacht. Gestritten ... ja, so könnte man es auch nennen. Nur das er sich überhaupt nicht um meine Argumente geschert hat. Er hat sich einfach genommen was er wollte. So einfach ist das.
Ich hasse mich dafür, dass ich so schwach bin. Normaler Weise habe ich eine gewisse innere Stärke, die mich bisher davor bewahrt hat in diesem Kaff völlig den Verstand zu verlieren. Jetzt hat er mir selbst das genommen.
Ich zucke bei jeder Kleinigkeit zusammen, fürchte mich sogar vor Hanson, dabei ist er der Letzte, der mir Angst einjagen sollte. Ich traue mich kaum noch vor die Tür. Immer wieder sehe ich mich um, ob Foster nicht hinter irgendeinem Busch steht und auf mich lauert. Wie soll ich denn so bitte schön weiter leben?
Ganz langsam klappte er das Buch zu und legte es mit zitternden Händen neben sich auf die Bank. Für einen Moment starrte er es noch entsetzt an, dann fuhr er sich mit den Händen über das Gesicht und versuchte das eben gelesene irgendwie zu verarbeiten.
In seinem Inneren tobte es. Wut vermischte sich mit Trauer, Hilflosigkeit mit dem Wunsch etwas kaputt zu schlagen und irgendwo im hintersten Winkel seines Gehirns begann eine leise Stimme nach einem Drink zu schreien.
Er konnte nicht fassen, was dieser Foster Cassandra angetan hatte. Gab es etwas niederträchtigeres als eine Frau zu vergewaltigen?
Er stellte sich vor, wie sie um Hilfe schrie, versuchte sich aus zu malen wie es sein mußte danach alleine mit diesem furchtbaren Gefühl der Demütigung fertig werden zu müssen und merkte, wie er immer tiefer in einen Strudel negativer Gefühle hinein geriet.
Er dachte an sein eigenes Leben. War es so viel lebenswerter? War er so viel besser als dieser Foster? Gut, er hatte niemals eine Frau auch nur angefasst wenn sie das nicht wollte, trotzdem hatte er ihnen oft genug weh getan. Nicht körperlich, aber er hatte oft genug Gefühle vorgespielt, die nun einmal nicht da gewesen waren und er erinnerte sich schmerzlich an die vielen ungläubigen und verletzten Blicke, die er im Laufe der Zeit wie Trophäen gesammelt hatte.
Er hatte sie alle reingelegt, bevor sie ihn reinlegen konnten. So hatte er damals gedacht und aus heutiger Sicht hätte er einige Dinge gerne ungeschehen gemacht. Doch das ging nun einmal nicht.
Wieder wanderte sein Blick zu Cassandras Tagebuch zurück und unruhig stand er auf. Er lief nach vorne in den Bus, blieb einen Moment an der großen Frontscheibe stehen, drehte sich dann herum und ging langsam wieder in den hinteren Teil zurück.
Sein Mund fühlte sich völlig ausgetrocknet an und jede Faser seines Körpers verlangte nach einem ordentlichen Schluck Jack Daniels. Stöhnend presste er beide Handflächen gegen seine Schläfen und sank in die Hocke.
Ablenkung. Er mußte an etwas anderes denken ... irgendetwas tun. Sein Blick fiel wieder auf das Buch. Er hatte bereits gesehen, dass sie fast drei Monate lang keine Eintragungen gemacht hatte. Es fanden sich keine Tränenspuren auf den nächsten Seiten und vielleicht waren ihre nächsten Eintragungen nicht ganz so ... er schüttelte den Kopf. Was dachte er da eigentlich?
Sie hatte das alles nicht geschrieben um ihn zu retten oder gar zu unterhalten. Sie hatte ihre Gedanken diesen Seiten anvertraut, weil es sonst niemanden gab. Er sollte endlich einmal aufhören immer nur an sich zu denken. Da gab es einen Menschen, der wesentlich schlimmere Dinge hatte ertragen müssen als das Leben eines Popstars zu führen und er hockte hier herum und bemitleidete sich selbst.
Entschlossen stand er auf, packte das Buch vorsichtig in seinen Rucksack und verlies den Bus. Er mußte schlafen und das möglichst in seinem Hotelbett, auch wenn das eigentlich der letzte Ort war, wo er jetzt sein wollte.