Kapitel 10

Sie hatten die Tour wieder aufgenommen. Heute sollte sein erster, öffentlicher Auftritt nach der Therapie sein und er war unbestreitbar nervös. Auch wenn er wußte, dass die Fans hinter ihm standen, dass sie stolz auf ihn waren und seine Entscheidung in die Klinik zu gehen respektierten und unterstützten, so war es doch etwas ganz anderes ihnen nun bald Auge in Auge gegenüber zu stehen.
Natürlich freute er sich auch auf die Show. Das war schon immer das beste an seinem Job gewesen. Die Menschen zu unterhalten, sie für eine Weile aus ihrem Alltag heraus zu reißen und sie mit seinem Können zu beeindrucken war das Größte für ihn.
Trotzdem schlich er in seiner Garderobe auf und ab, trank Unmengen von Mineralwasser und versuchte sich aus zu malen, was da auf ihn zu kam.
Schließlich zwang er seine Gedanken in eine andere Richtung. Je mehr er an das bevorstehende Konzert dachte um so schlimmer wurde seine Nervosität.
Er kramte Cassandras Tagebuch aus seinem Rucksack hervor und lies sich damit auf die Couch fallen. Er hatte nicht vor darin zu lesen, dazu war er im Moment einfach nicht in der Lage. Er hatte festgestellt, dass er eine gewisse Ruhe dafür brauchte um sich ganz und gar auf ihre Worte konzentrieren zu können. Immer wenn er der Versuchung doch nach gab und in irgendwelchen kurzen Pausen darin versank, hatte er hinterher das bedrückende Gefühl ihren Worte und deren Inhalt nicht die richtige Aufmerksamkeit geschenkt und, im schlimmsten Fall, gewisse Dinge einfach überlesen zu haben.
Doch alleine den weichen Einband unter seinen Finger spüren zu können vermittelte ihm schon ein gewisses Gefühl der Beruhigung.
Die ganze Zeit war er sich bewußt, dass er hier nicht irgendein Buch von irgendeinem Autor in den Händen hielt, sondern ein Stück einer tatsächlich realen Lebensgeschichte.
Er bewunderte Cassandras Stärke, mit der sie all diesen Widrigkeiten in ihrem Leben entgegen trat, auch wenn er sich durchaus darüber im Klaren war, dass noch viel mehr Emotionen unter der Oberfläche brodelten. Sie hatte sich scheinbar dazu entschlossen ihren Weg erhobenen Hauptes zu gehen und manchmal konnte er sich nur darüber wundern, wie sie mit den tagtäglichen Demütigungen umging.
Nun stand ihr das Sommerfest bevor und auch wenn er wußte, dass dieses Ereignis inzwischen fast zwei Jahre zurück lag, so freute er sich doch in diesem Moment mit ihr. Sie hatte es mehr als verdient und dieser Foster klang tatsächlich so, als könnte er ein verständnisvoller und netter Mensch sein, der sie aus ihrem tristen Leben heraus reißen konnte. Er wünschte es ihr so sehr!
Trotzdem wurde er ein gewisses Gefühl der Beklemmung nicht los, als er an die Schlangen in Cassandras Zeichnung zurück dachte. Er hoffte, das nichts schief laufen würde, doch gleichzeitig war er sich fast sicher, dass sie gerade dabei war, in eine weitere Katastrophe hinein zu schlittern.
Er hatte ein wenig in dem Buch geblättert und auf den nächsten Seiten fanden sich manche verwischte Stellen, so als hätte sie geweint. Ihre Schrift war manchmal fast unleserlich, da ihre Hand scheinbar gezittert hatte und zwischendurch hatte er festgestellt, dass sie fast drei Monate lang keinen Eintrag gemacht hatte.
Er hatte sich gezwungen, nicht zwischen den Einträgen hin und her zu springen, hatte sich jeden Tag einzeln vorgenommen, ihre Gedanken mit verfolgt, sich ein Bild von ihr gemacht und war ihr auf eine gewisse Art nahe gekommen, die ihn, hätte er ausführlicher darüber nachgedacht, sicherlich sehr erschreckt hätte.
Ein lautes Klopfen an der Garderobentür riss ihn aus seinen Gedanken und in Windeseile verstaute er das Buch wieder in seinem Rucksack, bevor sich, nach seinem lauten „Herein“ die Tür öffnete und die anderen vier Mitglieder der Backstreet Boys lachend in seine Garderobe gestürmt kamen.
Sie waren ähnlich aufgedreht wie er. Auch für sie war es ein sehr wichtiger Auftritt. Sie mußten beweisen, dass sie zurück waren, dass sie die schwere Zeit gemeinsam überstanden hatten und dass man auch in Zukunft mit ihnen rechnen mußte. Eine Welle der Zuneigung überflutete ihn, als er sich seine Freunde so ansah. Egal was sie in der Vergangenheit durch gemacht und wie oft sie sich auch gestritten hatten, sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel und nicht zu letzt war dies wohl auch der Grund für ihren noch immer anhaltenden Erfolg.

Das Konzert war vorüber und A.J. konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so viel Spaß auf der Bühne gehabt hatte. Seine Nervosität verschwand in dem Moment, als er in das gleißende Licht der Scheinwerfer hinaus trat und er wurde augenblicklich von einer wahren Flutwelle aus Glück davon gespült.
Die Fans waren enthusiastisch bei der Sache, schrieen immer wieder seinen Namen und bereiteten ihm einen dermaßen herzlichen Empfang, das es ihm die Tränen der Rührung in die Augen trieb.
Sie liebten ihn und er liebte sie. Es war einfach fantastisch! Immer wieder waren seine Bandkollegen zu ihm gekommen, hatten ihm einen Arm um die Schulter gelegt und mit ihm zusammen gesungen, hatten ihm gezeigt, wie glücklich sie darüber waren, dass sie ihn endlich wieder hatten und zwar nicht das Wrack, das er in den letzten Monaten gewesen war, sondern der ambitionierte, leidenschaftliche Entertainer und Freund, der er eigentlich war.
Als er schließlich zurück in sein Hotelzimmer kam, dämpfte die plötzliche Ruhe seine aufgekratzte Stimmung. Er wollte in diesem Moment nicht alleine sein. Er hatte sich schon herum gedreht, die Türklinke in der Hand um zu einem der Jungs zu gehen, als ihm einfiel, dass diese noch in einer Bar um die Ecke des Hotels feierten.
Er hatte sich entschuldigt, da er sich dieser Situation noch nicht gewachsen fühlte. Mit den Partys hatte alles angefangen. Er hatte buchstäblich die Nacht zum Tag gemacht und er wußte nicht, wie es sein würde wieder an einer Theke zu sitzen und im Gegensatz zu früher nur Cola zu trinken. Im Moment schien ihm das einfach noch zu früh und die anderen hatten seine Entscheidung natürlich respektiert.
Doch jetzt saß er hier alleine in seinem Hotelzimmer und spürte, wie die dunklen Schatten erneut auf ihn zu zu kriechen begannen. Er fühlte sich einsam und ausgeschlossen und fragte sich, ob das für den Rest seines Lebens so sein würde. Entschlossen schulterte er seinen Rucksack und verlies das Hotelzimmer. Er schlich sich aus einem der Hinterausgänge des Hotels, um so den Fans zu entgehen und fand sich gleich darauf auf dem großen Parkplatz wieder. Erst als er ihren Tourbus im Schein der Parkplatzbeleuchtung als riesige, schwarze Silhouette aus machte wußte er, dass er soeben seinen Rückzugsort gefunden hatte.
Mit einigen wenigen Handgriffen hatte er die Bustür geöffnet und als sie sich mit einem zischenden Geräusch wieder hinter ihm schloss, fühlte er sich einigermaßen sicher. Der Innenraum dieses Gefährts war so etwas wie sein zweites zu Hause. Alles hier drin war ihm vertraut, jeder noch so kleine Fleck barg für ihn Erinnerungen an meist glückliche Begebenheiten und der Bus war einer der wenigen Orte, an dem er sich nicht als Eindringling oder gar überflüssig fühlte.
Er ging bis ganz nach hinten durch, lies seine Hände dabei über die Rückenlehnen der Sitze gleiten und genoss in diesem Moment tatsächlich das Gefühl alleine zu sein. Noch nie hatte er es hier drinnen so ruhig erlebt. Im Gegensatz zu seinem unpersönlichen Hotelzimmer, wo er gerne ein bekanntes Gesicht zur Ablenkung bei sich gehabt hätte, benötigte er hier niemanden um sich wohl zu fühlen.
Eine Bankreihe in U-Form zog sich um den hinteren Teil des Busses herum. Er zog seine Schuhe aus, knipste eine der kleinen Lampen an, die in die Decke eingelassen waren, lies sich im Schneidersitz in eine der Ecken nieder und zog Cassandras Tagebuch aus seinem Rucksack hervor.
Er blätterte langsam die Seiten durch die er bereits kannte, betrachtete noch einmal aufmerksam die vielen, kleinen Zeichnungen, versuchte sie in Einklang mit dem zu bringen, was er bereits gelesen hatte und wandte sich dann schließlich einem neuen Eintrag in ihrem Leben zu.
Sein Herz krampfte sich leicht zusammen als er entdeckte, dass er die erste Seite mit den bereits entdecken Tränenspuren darauf aufgeschlagen hatte. Innerlich betete er, dass nichts schlimmes passiert war und vertiefte sich dann ganz in ihre Worte.

Kapitel 11