Kapitel 9
Hast Du einen Augenblick Zeit? fragte Kevin und legte A.J. eine Hand auf die Schulter.
Ehrlich gesagt möchte ich einfach nur noch in mein Bett, gestand A.J. und verharrte an der Tür zu seinem Hotelzimmer.
Es dauert auch nicht lange.
Für einen Moment zögerte er noch, doch dann gab er nach. Kevin würde sowieso nicht so schnell aufgeben.
Na gut.
Er öffnete die Zimmertür mit dem kleinen Kärtchen, das inzwischen allerorts die großen, sperrigen Schlüssel abgelöst hatte und betrat vor Kevin sein Zimmer. Als er das Licht anknipste, entfuhr seinem Freund ein leiser Pfiff.
Na, wenigstens hast Du Dich in Punkto Ordnung nicht verändert, sagte er schmunzelnd, nahm einen Arm voll Kleider von einem Sessel und legte sie auf einen anderen Stapel, der daneben auf dem Boden lag.
Um was geht es? fragte A.J., der den Anfang dieses Gespräches beschleunigen wollte. In letzter Zeit stürmte er abends in sein Zimmer, hielt sich im Badezimmer nicht länger als nötig auf und kuschelte sich dann mit Cassandras Tagebuch ins Bett. Ihre Worte waren wie Balsam für seine Seele und nahmen in kürzester Zeit die Anspannung und den Stress des vergangenen Tages von seinen Schultern. Heute mußte er wohl noch eine Weile auf seine Erlösung warten.
Ich möchte einfach nur wissen wie es Dir geht. Die Tage sind so stressig, dass man schnell vergisst, dass es nicht einmal drei Wochen her ist, seit Du aus der Therapie zurück bist.
Mir geht es gut, antwortete A.J. automatisch und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf das Bett.
Hm ... , Kevin zögerte und musterte sein Gegenüber einen Moment aufmerksam.
Ehrlich gesagt, hatte ich in letzter Zeit nicht das Gefühl, dass es Dir wirklich gut geht.
Wie kommst Du darauf? Ich fühle mich fit, habe Spaß an meiner Arbeit ... ,
Spaß? Du redest tatsächlich von Spaß? Entschuldige, aber Dein gequälter Gesichtsausdruck spricht manchmal Bände.
Wie meinst Du das denn? Er fühlte sich unbehaglich. Er wollte doch nur sein bestes geben und brauchte wohl einfach eine Weile um sich wieder an alles zu gewöhnen.
Hey, ich bins, der gute alte Kev. Du brauchst vor mir nicht den starken Mann zu spielen.
Er schwieg. Die anderen machten sich sicherlich schon genug Sorgen um ihn und er wollte eigentlich die Gerüchteküche nicht noch weiter anheizen. Andererseits hatte Kevin recht. Es nützte niemandem, wenn er sich wieder in sein Schneckenhaus zurück zog. Sie kannten ihn einfach zu gut.
Sagen wir mal, ich versuche mich im Moment wieder zurrecht zu finden. Es dauert eben eine Weile mich wieder an alles zu gewöhnen.
Ist das alles? fragte Kevin sanft und lehnte sich ein wenig in seinem Sessel nach vorne.
Ich denke schon. Er wußte nicht genau, worauf Kevin hinaus wollte.
Fällt es Dir sehr schwer, nichts mehr zu trinken? fragte Kevin weiter.
Es geht so. Aber ich habe das im Griff.
Vielleicht können wir Dir ja irgendwie helfen.
Nein Kev. Vielen Dank, aber das kann ich nur selbst regeln.
Kevin seufzte.
Es ist verdammt schwer nur daneben zu stehen und nichts tun zu können, sagte er langsam und strich sich mit einer fahrigen Handbewegung die Haare aus dem Gesicht.
Ich kann es mir lebhaft vorstellen, aber ihr habt schon so viel für mich getan und tut es noch. Wirklich, ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen.
Kevin sah immer noch skeptisch zu ihm hinüber, doch dann schien er sich für den Augenblick damit zufrieden zu geben. Er erhob sich aus dem Sessel und A.J. stand ebenfalls auf.
Wenn Du irgendetwas brauchst ... vielleicht auch nur jemanden zum Reden ... Du weißt ja, wir sind für Dich da.
Das weiß ich doch, sagte A.J. und lächelte. Womit hatte er diese Freunde nur verdient?
Gut. Bevor wir jetzt hier gleich beide in einer Tränenpfütze stehen, gehe ich wohl lieber, grinste Kevin und umarmte A.J. fest.
Hey, wir sind doch harte Kerle. So schnell haut uns nichts um.
Harte Kerle, schon klar, lachte Kevin, klopfte A.J. noch einmal auf die Schulter und ging dann zur Tür.
Wir sind wirklich sehr stolz auf Dich, sagte er, öffnete die Tür und zog sie gleich darauf hinter sich zu.
A.J. schüttelte lächelnd den Kopf. Vielleicht war sein Leben doch nicht ganz so verkorkst, wie er gedacht hatte.
In Rekordzeit hatte er sich ausgezogen, die Zähne geputzt und lag nun gut zu gedeckt in seinem Bett, Cassandras Tagebuch in den Händen. Für einen flüchtigen Moment dachte er noch einmal an Kevin.
Er war es gewesen, der ihn vor einigen Wochen vor die Wahl gestellt hatte: Seine Sucht oder die Band.
A.J. war damals zu Tode erschrocken. Damit hatte er niemals gerechnet und es zeigte ihm ganz deutlich, wie weit er es hatte kommen lassen. Von diesem Gespräch bis in die Therapie waren es nur einige wenige Tage gewesen und noch heute war er seinem Freund hierfür mehr als dankbar, auch wenn es damals für einen Moment so ausgesehen hatte, als würde nun endgültig alles zerbrechen: Die Band, seine Freunde, seine Familie und nicht zu letzt er selbst, oder besser gesagt der kümmerliche Rest, den der Alkohol übrig gelassen hatte.
Seufzend schüttelte er den Kopf, rutschte etwas tiefer in die Kissen und begann zu lesen. Fast augenblicklich verblasste das Hotelzimmer um ihn herum und er hörte in seinem Kopf eine weibliche, leise Stimme, als er sich in Cassandras Worte vertiefte.
17. Juni 1999
La Belle ist krank und es macht mich fast wahnsinnig. Seit gestern frist sie nichts mehr und ist nur durch gutes Zureden dazu zu bewegen, wenigstens für fünf Minuten das Haus zu verlassen.
Ich habe heute morgen meinen gesamten Mut zusammen genommen, mir von Mr. Gareth einen Tag Urlaub geben lassen (was nicht so einfach war, wie es klingt, aber einmal in meinem Leben habe ich mich tatsächlich durchgesetzt) und habe La Belle auf den Rücksitz von Mutters alten Dodge gepackt.
Mir wurde unglaublich übel, als wir die Ortsausfahrt passierten. Es war, als betrete ich Feindesland, was eigentlich absolut unlogisch ist, da ich ja nun tagtäglich mit meinen Feinden zusammen lebe. Trotzdem war es ein unglaublich unangenehmes Gefühl. Meine Unsicherheit steigerte sich ins Unermessliche und hätte La Belle nicht krank auf dem Rücksitz gelegen, hätte ich sofort umgedreht und wäre auf dem schnellsten Wege wieder nach Hause gefahren.
Aber so habe ich es tatsächlich bis zum nächsten Tierarzt geschafft. Wir mussten auch nicht lange warten und die Untersuchung hat ergeben, dass La Belle eine Fehlfunktion der Nieren hat. Der Arzt hat versucht mich zu beruhigen: es wäre alles nicht so schlimm wie es sich anhört, dass La Belle ein paar Infusionen und Medikamente bekommt und es ihr dann bald wieder besser geht und so weiter ... aber ich leide Höllenqualen.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich jemals wieder ohne sie sein soll. Das Haus ist nicht so leer, ich habe jemanden, der bedingungslos zu mir hält und mir zu hört, wenn es nötig ist. Sie gibt mir Halt und Kraft und sie ist es, die mich jeden Morgen dazu bringt, überhaupt auf zu stehen und mich dem neuen Tag zu stellen.
Wegen den Infusionen muß ich nun jeden zweiten Tag nach Taressee fahren und ich bin schon krampfhaft am Überlegen, wie ich das Mr. Gareth beibringen soll. Vielleicht kann ich meine Schicht etwas verschieben oder den Arzt bitten, mich etwas später dran zu nehmen. Ansonsten laufe ich wohl Gefahr, meinen Job zu verlieren. Höchstwahrscheinlich wartet Mr. Gareth nur auf so eine Gelegenheit um mich los zu werden.
Hinzu kommt, dass ich mich somit auch jeden zweiten Tag meinen Ängsten stellen muß. Mindestens fünf Mal werde ich meinen Heimatort verlassen müssen. Heute hat mich alleine die Sorge um La Belle angetrieben, wer weiß, ob das die nächsten Male ausreichen wird. Was soll ich nur tun?
18. Juni 1999
Mein Hände zittern immer noch und ich weiß gar nicht, wie ich beschreiben soll, was mir heute passiert ist. Vielleicht sollte ich einfach von vorne anfangen.
Foster kam heute etwas später als sonst zu seinem Mittagessen ins Cafe. Als ich seine Bestellung aufnahm, sah er mich eine Weile einfach nur an und fragte dann geht es Ihnen gut Cassandra?.
Ich muß ihn wohl wie eine debile Kuh angesehen haben, denn gleich darauf erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.
Keine Sorge, sie sehen so wundervoll aus wie jeden Tag ... vielleicht etwas blass um die Nase. Es ist nur ... , er stockte und beugte sich dann zu mir hinüber und zog meinen Kugelschreiber aus der Tasche meiner Uniform hervor. Völlig irritiert sah ich auf meine Hand hinunter die eigentlich aufschreiben wollte, was er bestellt hatte. Ich hielt einen Kaffeelöffel in der Hand, den ich scheinbar Gedanken verloren eingesteckt hatte und den ich in meiner Hektik Foster zu bedienen, mit dem Kugelschreiber verwechselt hatte.
Ich spürte augenblicklich, wie meine Wangen anfingen zu brennen und ich konnte noch nicht einmal etwas zu meiner Entschuldigung hervor bringen, da meine Kehle wie zugeschnürt war. Warum passiert nur immer mir so etwas?
Foster tätschelte verständnisvoll meine Hand und sagte das ist doch nicht schlimm, das kann jedem mal passieren.
Ach ja? piepste ich und wußte nicht so recht, was ich tun sollte.
Hätten sie Lust mit mir heute Abend aus zu gehen? hat er plötzlich gefragt und ich mußte mich tatsächlich ganz schnell an der Tischkante festhalten, sonst wäre ich garantiert vor Schreck einfach hinten über gekippt.
Ich ... ähm ... weiß ... uhm ... , in diesem Moment hat mich ausgerechnet Mr. Gareth gerettet, der mich aufforderte, unverzüglich zu ihm zu kommen.
Ich glaube ich bin seiner Aufforderung noch nie so schnell gefolgt. Natürlich wollte er nichts wichtiges, es war ihm wohl einfach ein Bedürfnis mich von seinem Gast fern zu halten.
Libby hat natürlich jedes Wort mit bekommen und sie hat versucht mich dazu zu überreden, seine Einladung an zu nehmen. Aber alleine die Vorstellung einen ganzen Abend nur mit ihm zu verbringen machte mich panisch. Über was soll ich mich denn mit ihm unterhalten? Was würde er nach dem Abend von mir denken? Ich bin, entgegen dem was er sagt, nicht hübsch. Ich bin weder geistreich noch ein guter Gesprächspartner. Nein, das konnte ich ihm nicht antun.
Also habe ich abgesagt und habe dabei La Belle als Ausrede benutzt. Immerhin ist sie wirklich krank und ich möchte sie nicht unnötig alleine lassen.
Foster hat das alles mit einem Kopfnicken und einem weiterhin freundlichen Lächeln zur Kenntnis genommen und dann gesagt wenn es ihrem Hund wieder besser geht, würden sie mich dann wenigstens auf das Sommerfest begleiten? Ich kenne hier doch niemand und an der Seite einer so schönen Frau macht das Fest bestimmt doppelt so viel Spaß.
Erneut fühlte ich mich wie vor den Kopf geschlagen. Was will er nur von mir? Ich warf einen hilfesuchenden Blick in Richtung Theke, hinter der Libby stand und wie wild mit dem Kopf nickte.
Ich .. ähm ... also ... warum nicht, muß ich dann wohl gesagt haben, denn Foster hat sich fast genau so sehr über meine Antwort gefreut wie Libby.
Ich bin nun also ... so zu sagen ... tatsächlich ... verabredet. Mein Gott. Wie das klingt! Und wie sich das anfühlt!