Kapitel 8

Er hätte im Stehen einschlafen können. Den ganzen Tag waren sie nun schon auf den Beinen, angefangen bei einem Radiointerview heute morgen um neun, eine anschließende Autogrammstunde in einem großen Kaufhaus, die sich auf ganze viert Stunden ausgedehnt hatte, bis hin zu dem Fotoshooting für das Cover ihrer neuen Single, auf dessen Set sie sich jetzt befanden.
Er war gerade dabei, sich zum wiederholten Male um zu ziehen und wünschte sich in Gedanken ganz weit weg. Doch das war leider nicht möglich. Sydney, die Stylistin schritt um ihn herum, rückte da den Kragen zurecht, glättete dort eine Falte und musterte ihn von oben bis unten. Schließlich schien sie zufrieden zu sein, lächelte ihn an und klopfte ihm auf die Schulter.
„Na, das sieht doch prima aus. Ein neues Outfit um sämtliche Mädchenherzen zu brechen.“
Er nickte nur, versuchte dabei einigermaßen freundlich zu lächeln und trat dann hinter dem Vorhang hervor, direkt in die Kulisse des Shootings. Kevin, Nick und Brian waren bereits fertig umgezogen. Kevin rückte Nick gerade die Krawatte zurecht und A.J. fragte sich, wer dieses Outfit wohl für das jüngste Bandmitglied ausgesucht hatte. Weiter daneben konnte man eigentlich kaum liegen. Nick und elegante Anzüge und Krawatten? Es gab wohl kaum etwas, was dieser mehr hasste.
Aber wen interessierte hier schon, wer man wirklich war? Es ging eben nur um den Schein und er hatte gelernt, diesen bis zur Perfektion zu wahren. Wahrscheinlich war das auch einer der Gründe, die ihm das Genick gebrochen hatten. Manchmal konnte er einfach nicht mehr unterscheiden, was in ihm Popstar und was Mensch war.
Er gesellte sich zu seinen Freunden und lies sich von ihnen begutachten.
„Du hast auf jeden Fall wesentlich mehr Glück gehabt als ich. Wetten ich ersticke und falle tot um?“ stellte Nick mit einem gequälten Gesichtsausdruck fest und fuhr sich mit dem Finger unter den Kragen. Plötzlich blähte er die Backen auf, hielt die Luft an, so dass sein Gesicht knall rot anlief, ruderte mit den Armen und lies sich einfach nach hinten auf den Boden fallen.
Die Umstehenden brachen in schallendes Gelächter aus und auch A.J. stimmte mit ein. Das erste, befreite Lachen dieses Tages. Wieso war das nur so selten geworden?
Sydneys spitzer Schrei lies sie augenblicklich verstummen und wie eine Furie kam sie auf sie zu gestürzt.
„Nickolas Carter! Hast Du eine Ahnung, was das gekostet hat?“
Sie zog ihn in die Höhe und begann sofort und nicht wirklich sanft, seine Rückseite von Staub zu befreien.
„Mach mal halblang Sydney,“ meldete sich ausgerechnet Kevin zu Wort und A.J. sah überrascht zu ihm hinüber. Normaler Weise war es Kevins Job sie alle an ihr Benehmen, ihr Auftreten und ihre Arbeitseinstellung zu erinnern. Sie nahmen es ihm nicht übel, schließlich musste einer diese Rolle übernehmen und er wußte wenigstens von was er sprach und warum er es genau so und nicht anders wollte. Doch diesmal stellte er sich auf Nicks Seite, was nicht sehr oft vor kam.
„Wir haben doch nur ein bißchen herum gealbert. Dem Anzug wird schon nichts passiert sein.“
Sie warf ihm nur einen wütenden Blick zu, zog Nicks Jackett stramm nach unten, was dieser mit einem lauten „Aua“ kommentierte und sah sich dann suchend um, ohne auf Kevins Kommentar eingegangen zu sein.
„Wo steckt Howie schon wieder? Ihr seid wirklich schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe.“
Mit diesen Worten war sie schon wieder auf dem Weg in den hinteren Teil des Studios, um das verirrte Schäfchen ein zu fangen.
„PMS,“ stellte A.J. trocken fest und die anderen drei kicherten.
„PMS?“ Roger, ihr Fotograf gesellte sich zu ihnen und kurbelte dabei wie wild an einem schwarzen Kästchen herum.
„Pre Menstruations Syndrom,“ übersetzte Brian und sie kicherten erneut.
„Was ist so lustig?“ fragte Sydney, die gerade mit Howie im Schlepptau zurück kam.
„Nichts,“ antworteten sie beinahe im Chor, was einen erneuten Heiterkeitsausbruch zur Folge hatte.
Sydney schüttelte nur den Kopf, schob Howie an ihnen vorbei und drapierte ihn dann auf einer zerschlissenen Couch. Ein letztes Mal überprüfte sie sein Outfit, nickte Roger dann auffordernd zu und zog sich endlich zurück.
„Nun gut Jungs, lassen wir es krachen. Noch ein paar Fotos und ihr könnt endlich zu Eurem wohlverdienten Schönheitsschlaf übergehen.“
A.J. konnte sich nicht erinnern, heute schon etwas ähnlich aufbauendes gehört zu haben und so stellte er sich schnell in Position, erwiderte für einen kurzen Moment Brians warmes Lächeln und schaute dann direkt in die Kamera.

Sie waren auf dem Weg in ihr Hotel. Im Van war es angenehm warm und dunkel und das leichte Schaukeln wiegte ihn sanft in den Schlaf.

Wie schon so oft stand er plötzlich auf einem verlassenen, beinahe kreisrunden Platz. Er wußte sofort, dass er sich wieder in einem seiner immer wiederkehrenden Träume befand, aber er konnte auch nichts tun, um auf zu wachen.
Er sah sich um. Die Häuser, die den Platz umschlossen, ragten hoch in den Himmel hinauf und er wußte, dass die kleinen Gassen dazwischen nur scheinbar existierten. Wenn er darauf zu ging, würden sie sich langsam aber sicher vor seinen Augen schließen und schließlich würde er vor einer kalten und dicken Mauer aus Stein stehen.
Trotzdem machte er einige Schritte in Richtung Häuserfront. Erst zaghaft, dann immer schneller lief er auf die kleine Gasse zu, doch als er sie endlich erreicht hatte, waren die Mauern zusammengerückt und es gab keine Weg für ihn hinaus. Kurz legte er die Hand auf den eiskalten Stein, der sich rau und bröckelig unter seinen Fingern anfühlte. Er fuhr die Fugen der Backsteine entlang, suchte nach etwas, ohne genau zu wissen nach was.
Schließlich entfernte er sich langsam wieder rückwärts von der Mauer, bis er erneut in der Mitte des Platzes stand. Wie zum Hohn war die Gasse wieder aufgetaucht und mit ihrem warmen Lichtschein schien sie ihn ein zu laden, es erneut zu versuchen.
Dann hörte er die Schreie. Im Moment schienen sie noch weit entfernt, doch er wußte, dass sie schnell näher kommen würden. Er konnte vereinzelte Worte verstehen. Die meisten Stimmen riefen seinen Namen, manche kreischten aber auch nur unkontrolliert und anhaltend.
In diesem Moment kam die Angst, von der er wußte, dass sie sich im Laufe des Traums in unkontrollierte Panik steigern würde. Er war gefangen und etwas rollte unaufhaltsam auf ihn zu.
Er sah bereits erste Bewegungen in den Gassen, Schatten, die für einen kurzen Moment den Lichtschein überdeckten. Dann trat die erste Gestalt auf den Platz hinaus und für einen Moment blieb sie am Rande des Kopfsteinpflasters stehen. Doch dann quoll förmlich eine Flut von Menschen auf den Platz. Sie kamen immer schneller näher, streckten die Arme nach ihm aus, die Gesichter zu verzerrten Masken erstarrt. Der Lärm wurde ohrenbetäubend und trotzdem konnte er seinen eigenen, rasenden Herzschlag laut und deutlich hören. Gleich würden ihn die ersten Gestalten erreicht haben und an ihm zerren, seinen Körper zerkratzen, seine Kleider vom Leib reißen und so lange auf ihn einstürmen, bis er gequält und schreiend auf dem Boden lag.
In diesem Moment wurde er am Arm gepackt und er stöhnte auf.

„A.J.? Alles in Ordnung?“
„Geh’ weg,“ schrie er und schlug nach der Hand, die ihn festhielt.
„A.J., wach auf. Ich bin’s, Howie.“
Er fuhr in seinem Sitz hoch und sah sich verwirrt um. Er saß nach wie vor im Dunkeln des Vans, der gerade vor dem Hotel vorfuhr. Die Stimmen der Fans, die vor dem Eingang warteten, vermischten sich mit den Schreien aus seinem Traum und für einen Moment war er sich sicher, immer noch zu schlafen.
Doch als er sich hektisch umsah, blickte er in die besorgten Gesichter seiner Freunde und Erleichterung breitete sich in ihm aus.
„Alles in Ordnung?“ fragte Howie erneut und sah ihn aus dunklen Augen aufmerksam an.
„Ja ... ja ... alles bestens ... ich ... hatte nur einen ziemlich ... abgefahrenen Traum.“
„Das muß ja ein Höllentrip gewesen sein,“ sagte Nick mitfühlend, der sich auf der vorderen Bank zu ihm herum gedreht hatte.
„Na ja, es war nicht sehr angenehm,“ gestand er und überlegte, was er sagen sollte, wenn sie ihn fragten, von was er geträumt hatte.
Doch in diesem Moment kam der Wagen endgültig zum Stehen und bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, wurde bereits die Schiebetür geöffnet und sie hoben schützend die Hände vor das Gesicht. Unzählige Blitzlichter blendete sie, der Lärm wurde ohrenbetäubend und der Van schien ganz leicht zu erzittern.
A.J. warf einen letzten Blick auf seine Bandkollegen, die ganz professionell ihr breites Lächeln aufgesetzt hatten und jetzt nacheinander aus dem Wagen kletterte.
Am liebsten wäre er sitzen geblieben, doch das ging natürlich nicht. Als er den ersten Fuß auf den Boden setzte, lächelte er ebenfalls und griff automatisch nach dem ersten Stift, der ihm entgegen gestreckt wurde.

Kapitel 9