Kapitel 7
Er hielt einen Moment inne um sich die feinen Bleistiftzeichnungen auf den vorangegangenen Seiten etwas genauer zu betrachten.
Flüchtig drang die Realität in sein Bewusstsein. Ein neues Hotelzimmer, in einer anderen Stadt, mit der selben Unordnung und der gleichen kalten, unpersönlichen Ausstrahlung. Er hatte wieder die Kopfhörer seines Discmans auf den Ohren, lag bequem ausgestreckt auf seinem Bett und hoffte, dass er in der nächsten halben Stunde würde einschlafen können.
Er hob das Buch etwas näher an die Nachttischlampe heran um besser sehen zu können. In der linken unteren Ecke befand sich die Zeichnung eines Hundekopfs und die Augen des Tieres blickten so gütig und aufmerksam, dass er für einen Moment schlucken musste. Er hatte das Gefühl, als könne er das weiche Fell anfassen, das in vielen einzelnen, feinen Strichen zu Papier gebracht worden war. Es würde sich weich und warm und irgendwie tröstlich unter seinen Fingern anfühlen. La Belle, fand er, war ein sehr passender Name für dieses hübsche Tier.
Für einen Augenblick dachte er an seine eigenen Hunde, die zu Hause bei seiner Mutter geblieben waren. Sie waren um einiges kleiner und ganz sicher nicht so intelligent wie La Belle, aber trotzdem gehörten sie zu seinem Leben und er liebte sie sehr. Er verstand sehr gut was Cassandra mit diesen Tieren verband. Sie gaben so viel Liebe, waren dankbar und sensibel und verziehen eine Menge.
Er blätterte zwei Seiten zurück, zu der Stelle, als Donald in Cassandras Leben getreten war. Ein schemenhaftes Gesicht füllte faste eine gesamte Seite aus. Die Augen waren in allen Einzelheiten zu erkennen, das Kinn war etwas kantig und mit der, von Cassandra beschriebenen, Kerbe versehen. Der Rest des Gesichtes war nur angedeutet. Eine kleine Nase, eine ovale Gesichtsform und Haare, die sich nach außen hin in Schlangen verwandelten.
Moment. Schlangen? Er beugte sich etwas weiter über die Seite, bis seine Nase beinahe das Papier berührte. Malte man dem Menschen, in den man sich gerade so schnell und heftig verknallt hatte, Schlangen auf den Kopf? Er kniff die Augen ein wenig zusammen. Wenn er sich nicht sehr täuschte, hatten die Schlangen nachträglich ihren Weg in dieses Bild gefunden. Die feinen Striche waren nicht durchgängig, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht auffiel.
Beunruhigt blätterte an die Stelle zurück, an der er aufgehört hatte zu lesen. Welche Katastrophe kam nun wieder auf sie zu?
13. Juni 1999
Donald kommt inzwischen jeden Tag, bestellt sich ein Truthahnsandwich und ein Glas Eistee und lächelt mich dabei mit diesen wundervollen Augen an. Ich kann kaum beschreiben was in mir vorgeht, wenn er mich so ansieht. Mein Herz klopft, als wolle es gleich aus meiner Brust hüpfen, meine Knie werden weich und ich fange an zu stottern.
Da Libby die letzten Tage nicht im Cafe war (angeblich eine Grippe), weiß ich bis jetzt immer noch nicht mehr über ihn als am ersten Tag. Ich befürchte, sie wird ihre Drohung wahr machen und ihn ansprechen und dann auf ihre unverblümte Art jede noch so kleine Information aus ihm heraus holen. Mir graut es jetzt schon vor diesem Tag!
Andererseits möchte ich aber auch alles über ihn wissen. Wer ist dieser Mann? Was macht er außerhalb meiner kleinen Welt des Village Cafes? Hat er eine Frau? Ist er verliebt? Was macht er gerne an einem freien Tag? An was denkt er, wenn sein Blick minutenlang aus der großen Fensterfront auf die Straße hinauswandert und er dabei sogar vergisst, in sein heiß geliebtes Sandwich zu beißen? Ich werde es wohl niemals erfahren, aber ich bin ja schon damit zufrieden ihn die halbe Stunde, in der er sein Essen hinunter schlingt, an zu starren, jede Kleinigkeit in mich auf zu nehmen und in Gedanken Hand in Hand mit ihm am Strand entlang zu spazieren.
In einer Woche ist das große Sommerfest. Die gesamte Stadt ist bereits in heller Aufregung. Die Straßen sind mit bunten Wimpeln geschmückt und auf dem Festplatz hat man bereits angefangen, die große Bühne auf zu bauen. Obwohl ich wohl, wie jedes Jahr, nicht dort hin gehen werde, hat mich selbst eine gewisse Erregung erfasst. Ich stelle mir vor wie es wäre, mit Donald dort hin zu gehen, mit ihm zu tanzen, die laue Sommernacht zu genießen und wenigstens einmal in meinem Leben annähernd normal zu sein.
15. Juni 1999
Natürlich heißt er nicht Donald. Sein richtiger Name ist Foster Riddle. Etwas ungewöhnlich wie ich finde, aber Cassandra ist ja nun auch kein Allerweltsname. Cassandra und Foster Riddle ... würde sich gut auf den Einladungen zur Hochzeit machen oder?
Natürlich war es Libby, die das aus ihm heraus bekommen hat. Seit gestern kommt sie wieder arbeiten, aber ich sehe sehr wohl, dass sie Probleme damit hat, sich zu bücken oder die schweren Getränkefässer hoch zu heben. Wenn ich etwas mutiger wäre, würde ich sie fragen, was dieser Mistkerl wieder mit ihr gemacht hat, aber ich glaube, in dieser Beziehung ist sie ein wenig wie ich. Die privaten Probleme werden vom Cafe fern gehalten. Hier sind wir beide einfach ganz normale Menschen ohne Sorgen und Probleme.
Jedenfalls hat sie überrascht festgestellt, dass mein Traummann immer noch das Cafe besucht und nachdem ich sie gestern noch davon abhalten konnte ihn an zu sprechen, habe ich heute kläglich versagt. Einen Moment habe ich nicht aufgepasst und schon war sie an seinem Tisch gestanden.
Ich habe mich an den Teil der Theke gestellt, der seinem Tisch am nächsten liegt und jedes Wort mit angehört. Die Unterhaltung lief ungefähr so ab:
Guten Tag Mister. Schön das sie wieder bei uns sind.
Hallo (ein kurzer Blick auf ihr Namensschild) Libby. Mir gefällt es eben bei Ihnen. Die Bedienung ist ausgesprochen freundlich und sie machen das beste Truthahnsandwich der westlichen Hemisphäre.
Libby lachte danke Mister. Das hört man gerne. Würden sie mir ihren Namen verraten?
An diesem Punkt begann ich hektisch die Theke zu schrubben, ohne die beiden dabei aus den Augen zu lassen.
Ich heiße Foster. Foster Riddle.
Freut mich sie kenne zu lernen Foster.
Ganz meinerseits Libby ... uhm ...?
Summers ... Libby Summers.
Nun Libby Summers. Gehen sie auch zu dem Sommerfest?
Aber ganz sicher, das lasse ich mir doch nicht entgehen. Mein Mann und ich freuen uns jedes Jahr wie verrückt darauf.
Ich bin neu hier in der Stadt, von daher weiß ich nicht so genau, was mich dort erwartet.
Bei den Worten neu hier in der Stadt hat Libby mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir hinüber gesehen, so als wollte sie sagen na, dann haben wir das ja auch endlich geklärt und ich wäre am liebsten auf der Stelle tot umgefallen.
Foster ist ihrem Blick gefolgt und hat dann doch tatsächlich zu mir hinüber gewunken!
Das ist übrigens meine Freundin Cassandra Sanders, sagte Libby und vor Schreck habe ich den Lappen fallen lassen. Als ich ihn aufgehoben hatte und wieder einen Blick über die Theke werfe, steht er plötzlich vor mir.
Ich schwöre, dass ich für einen Moment klinisch tot war! Mein Herz hat aufgehört zu schlagen und ich konnte keine Gehirntätigkeit mehr feststellen. Alles was ich wahr nahm, war dieser faszinierende Mann.
Hallo, ich bin Foster, sagte er und hat mir die Hand entgegen gestreckt. Ich wollte sie schütteln, doch als ich ebenfalls meine Hand ausstreckte stellte ich fest, dass ich darin immer noch den Spüllappen festhielt. Mein Gott war das peinlich!
Foster hat nur gelacht und statt meiner Hand mein Handgelenk umfasst.
Freut mich sie kenne zu lernen Cassandra, hat er gesagt. Wobei die Aussage ja nicht wirklich richtig ist. Er kommt seit fast zwei Wochen ins Cafe, also kennt er mich ja schon irgendwie.
Immerhin habe ich ein knappes Hallo heraus gebracht, bevor Mr. Gareth mich zu sich gerufen hat. Es folgte die bekannte wir sprechen nicht privat mit unseren Kunden Rede und als ich mich wieder herum gedreht hatte, war Foster bereits gegangen. Im Prinzip hätte es also nicht schlechter laufen können und trotzdem fühle ich so etwas wie ... Glück. Ich kann es kaum beschreiben und auch nicht wirklich sagen, warum ich glücklich bin. Nur weil ich jetzt seinen Namen kenne? Oder weil er extra aufgestanden ist, um meine Hand zu schütteln?