Kapitel 6
3. Juni 1999
Die Hitze bringt mich fast um. Die Klimaanlage im Cafe ist ausgefallen und jeder beschwert sich ... doch es tut auch niemand etwas dagegen. Libby meint, Mr. Gareth hätte kein Geld dafür, die Geschäfte liefen schlecht (und ausnahmsweise bin nicht ich, sondern der neue Laden in der Fishermanstreet daran schuld).
Entsprechend gereizt ist das Klima. Hanson ist heute beinahe auf mich los gegangen. Ich war wie immer auf dem Weg zur Arbeit, er immer schön mit drei Schritten Abstand hinter mir und er machte irgendeine Bemerkung über La Belle. Irgendetwas mit Flohsack und unhygienisch. Ich meinte nur, warum er sich denn nicht wäscht, wenn er so viel von Sauberkeit hält und da hat er mich plötzlich an der Schulter gepackt.
Ich muss gestehen ... für den Bruchteil einer Sekunde dachte ich, Mutter stünde hinter mir. Ich muss Hanson wie einen Geist angesehen habe, aber das scheint gewirkt zu haben. Er machte zwei Schritte rückwärts und zischte nur pass nur auf Fräulein. Irgendwann wirst Du oder Dein wandelnder Krankheitserreger einen Unfall haben. Verlass Dich darauf!
Ich stand kurz davor die Beherrschung zu verlieren und jeder der mich kennt weiß, dass es dazu schon einer Ausnahmesituation bedarf. Aber er hatte damit gedroht La Belle etwas an zu tun! Für wen hält sich der Kerl eigentlich? Wollte er mir nur Angst machen oder hat er es wirklich auf sie abgesehen?
Ich schwöre, wenn er ihr auch nur ein Haar krümmt, bringe ich ihn um! Dann haben sie wenigstens einen Grund mich zu hassen und sich über mich das Maul zu zerreißen!
6. Juni 1999
Ich habe heute den Mann meiner Träume gesehen. Ich habe sogar ein paar Worte mit ihm gewechselt: Was darf ich Ihnen bringen? und Das macht 12 Dollar 20.
Er kam um die Mittagszeit in das Cafe und setzte sich an einen meiner Tische. Natürlich wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass mein zukünftiger Ehemann gerade in mein Leben getreten ist. Das wurde mir erst so richtig klar, als er meinen Namen aussprach. (Gott, klinge ich arrogant. Natürlich weiß ich, dass dieses ganze Gefasel über meinen Ehegatten purer Schwachsinn ist ... aber träumen darf man ja wohl noch!)
Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand für mein Namensschild interessiert hätte! Er hat meinen vollen Namen ausgesprochen und dabei das r so schön gerollt. Cassandrrrrrra ... hach ... er ist einfach wundervoll.
Er hat ein unglaublich warmes Lächeln, bei dem sich kleine Fältchen um seine Augen bilden und sein linker Schneidezahn ist ein kleines Bißchen länger als der rechte. Ist manchmal schon komisch was einem so auffällt. Ich könnte jetzt nicht sagen, welche Farbe seine Augen haben oder auch nur, ob er tatsächlich fünf Finger an jeder Hand hat, aber ich erinnere mich an die kleine Kerbe in seinem Kinn und an den klang seiner Stimme. Diese warme, tiefe Stimme.
Höchstwahrscheinlich werde ich ihn niemals wieder sehen, aber er hat auf jeden Fall eine tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Libby und ich haben uns einen Namen für ihn ausgedacht. Donald. Ich weiß, klingt einfach fürchterlich und hat eigentlich auch überhaupt nichts mit ihm zu tun, aber Libby meint, so bin ich später nicht enttäuscht, wenn ich seinen wahren Namen erfahre und kann mich schneller daran gewöhnen. Als ob das jemals passieren könnte!
Donald ... der Mann meiner Träume. Ich bin albern!!
7. Juni 1999
Ich habe heute den ganzen Tag nach Donald Ausschau gehalten. Ist kompletter Blödsinn, ich weiß. Trotzdem bekam ich bei jedem Mann, der ins Cafe kam und ein wenig dunklere Haare hatte sofort Herzklopfen. Natürlich kam er nicht wieder. Höchstwahrscheinlich war er nur auf der Durchreise, wie die meisten Fremden die bei uns essen. Diese gestressten Managertypen auf dem Weg nach Jersey oder New York, die Touristen, die, nachdem sie sich den Big Appel angesehen haben, zu den Niagarafällen weiter reisen und natürlich die Freaks die von ihrem Trip aus eben dieser Millionenstadt auf dem Heimweg nach sonstwo sind.
Doch er schien in keine der drei Kategorien zu passen. Er wirkte eher wie der Mann auf dem Heimweg zu seiner Frau und den drei Kindern oder wie ein Handwerker unterwegs zu seinem nächsten Kunden. Nicht wirklich in Eile und doch unruhig.
Libby hat sich den ganzen Tag über mich lustig gemacht und es ist mir immer noch ein Rätsel, warum noch niemand in unserer unmittelbaren Umgebung davon Wind bekommen hat. Hanson ist normalerweise, was das betrifft, sehr verlässlich. Gibt es ein neues Gerücht, reibt er es mir am nächsten Tag unter die Nase. Doch bisher hält er sich immer noch an La Belle fest.
Außerdem fand er es wohl sehr witzig, die Telefonleitung vor meinem Haus durch zu schneiden. Gut, ich kann nicht mit Gewissheit sagen, dass er es war ... im Grunde gibt es mehrere Kandidaten denen ich das durchaus zutrauen würde, doch irgendwie habe ich so ein Gefühl ...
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht es reparieren zu lassen. Wer ruft mich schon an und wann will ich mal telefonieren? Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass er sich, wenn er mich schon treffen will, etwas anderes ausdenken sollte. Strom ist wichtig und Wasser auch. Aber am Ende bringe ich ihn noch auf Ideen, das will ich ja nun auch nicht.
10. Juni 1999
Donald war heute wieder da! Mein Gott hatte ich zittrige Knie als ich zu ihm gegangen bin um seine Bestellung auf zu nehmen. Ich habe auch leider keinen weiteren Ton heraus gebracht. Libby hat mir angedroht ihn zu bedienen wenn er das nächste Mal kommt. Damit wir wenigstens seinen Namen erfahren und wissen, was er hier in der Gegend treibt.
Ich glaube, ich würde einfach nur die ganze Zeit daneben stehen, dem Klang seiner Stimme lauschen und kein Wort von dem verstehen, was er eigentlich sagt. Jedenfalls hat noch nie jemand ähnlich sexy ein Truthahnsandwich bestellt.
Mr. Gareth hat mir allerdings einen Dämpfer verpasst als er mir vor den Gästen und natürlich vor Donald klar gemacht hat, dass ich nicht fürs Herumstehen bezahlt werde. Donald hat sich tatsächlich auf seiner Bank nach mir umgedreht und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken!
Ich habe die ganze Sache La Belle erzählt und ob man es glaubt oder nicht, sie hat bei der Stelle mit Mr. Gareth laut und vernehmlich geknurrt. Ich schwöre es!! Manchmal habe ich das Gefühl, sie versteht jedes Wort das ich sage. Nur wenn ich versuche sie aus dem Bett zu scheuchen, stellt sie sich taub. Sie ist wirklich ein Schatz. Immer an meiner Seite, eine sehr gute Zuhörerin und der Trost, den ich in den langen Nächten so oft brauche. Ich frage mich manchmal, wie ich vorher ohne sie zurecht gekommen bin.