Kapitel 5
25. Mai 1999
Happy Birthday to me! Wieder ein Jahr älter und wieder keine Geschenke. Na ja ... ist ja nichts neues. Wobei ich ja schon froh sein kann, dass ich Mutters schlechte Laune heute nicht ertragen muß. Ich habe ihre Worte noch genau im Ohr Kind, ich weiß nicht warum Du Dich auf diesen Tag überhaupt so freust. Das Älterwerden ist kein Zuckerschlecken. Es fängt an hier und da zu zwicken, manche Dinge gehen einem nicht mehr so leicht von der Hand und wenn Du in den Spiegel schaust wird da auch nichts mehr hübscher. Sieh Dich doch nur an! Die ersten Falten um die Augen, die blasse Haut die überall anfängt herunter zu hängen ... ich verstehe nicht warum Du so einen Aufstand um Deinen Geburtstag machst. Das ist NICHTS positives.
Tja, wie immer hatte sie keine Ahnung. Mal ganz abgesehen davon, dass sie nur neidisch auf meine glatte Haut war, an der absolut gar nichts hängt und auf meinen blassen Teint (im Gegensatz zu diesem wettergegerbten Leder, das sie im Gesicht hatte) ... sie konnte es einfach nicht ertragen ... sie konnte mich nicht ertragen.
Aber das gehört ja nun der Vergangenheit an. Ist es verwerflich wenn ich mich manchmal darüber freue dass sie tot ist? Ein guter Christ würde das wohl behaupten und mir mit dem Fegefeuer drohen. Doch die Christen haben keine Ahnung vom wirklich Leben. Sie wissen nicht was es heißt jeden Tag aufs neue gedemütigt zu werden, wie es sich anfühlt wenn ein Besenstil auf Deinem Rücken zerbricht und sie haben keine Ahnung wie man sich fühlt wenn man den ganzen Tag in diesem tristen, riesigen Haus eingesperrt ist.
Ich habe heute mit La Belle einen langen Spaziergang am Strand entlang gemacht. Irgendwann, wenn ich den Mut finde von hier fort zu gehen, will ich am Meer wohnen. Ich möchte ein kleines Haus, das direkt am Strand steht, damit ich mit dem Geräusch der Wellen aufwachen und auch wieder einschlafen kann. Ich will Freiheit, den Blick auf den Horizont und den perfekten Sonnenuntergang. Ich möchte, dass La Belle bei mir ist. Ich möchte ihr seidiges Fell streicheln und ihre kalte Schnauze an meiner Wange spüren.
Ich möchte frei sein!!
Nun gut ... zurück zur Realität. Libby ist heute nicht zur Arbeit erschienen und ich mache mir etwas Sorgen. Jeder weiß, dass ihr Mistkerl von Ehemann sie schlägt und ich vermute, dass es gestern wohl mal wieder hoch her gegangen ist. Sie tut mir so leid. Ich hätte nie gedacht, dass es einen Menschen gibt, dem es noch schlechter geht als mir ... aber Libby und ich ... nun ja ... ich denke wir schenken uns da nicht viel.
Vielleicht verstehen wir uns gerade darum so gut. Ich weiß, dass ich nicht der beste Umgang für sie bin, denn sind wir einmal ehrlich, mein schlechter Ruf färbt auf alles und jeden ab, der mit mir zusammen ist.
Aber auf eine gewisse Art brauchen wir uns wohl auch. Wir haben niemanden, dem wir unsere Gedanken anvertrauen können, keine starke Schulter an der wir uns ausweinen und schon gar niemanden, der uns glücklich macht.
Obwohl Libby das wohl etwas anders sieht. Ich habe keine Ahnung, was sie an diesem Jimmy findet, aber irgendetwas muss er ihr wohl geben und wenn es nur das Gefühl ist, irgendwo hin zu gehören.
Wo gehöre ich hin? Tatsächlich in dieses große Haus, in dem die Geister der Vergangenheit in jeder Ecke sitzen? Wirklich in diese Stadt, die mich hasst? Manchmal zweifle ich tatsächlich daran. Aber vielleicht ....
A.J.. Aufwachen, es geht weiter! Erschrocken hob er den Kopf und sah Brian breitbeinig vor sich stehen. Sie befanden sich auf dem Set für ihren neuen Videoclip. Der erste nach seiner Therapie. Er hatte beinahe laut los gelacht, als er erfuhr, welcher Titel so zu sagen für sein Comeback ausgesucht worden war.
Drowning ertrinken manchmal war das Leben schon sehr komisch.
Widerwillig klappte er das Buch zu und verstaut es wieder sicher in seinem Rucksack. In der vorangegangenen Pause, die die Crew nutzte um die Kulissen um zu bauen, hatte er sich mit dem Tagebuch in die hinterste Ecke des Studios verzogen. Ungestört hatte er angefangen zu lesen, war von dieser Welt in eine andere geflohen und hatte damit den Wunsch nach einem Drink im Keim erstickt.
Vor ein paar Wochen hätte er zu diesem Zeitpunkt schon mindestens drei Whisky intus gehabt. Er hätte so getan, als bemerke er die missbilligenden Blicke nicht, hätte sich eingeredet dass es doch nur drei kleine Gläschen gewesen waren und niemand deswegen einen Aufstand machen musste.
Heute wusste er, wie falsch er damit gelegen hatte und war wie immer erstaunt darüber, wie leicht es ihm gefallen war, sich selbst zu belügen.
Brian beobachtete ihn neugierig, als er den Rucksack in eine der hintersten Ecke verstaute, sagte aber nichts.
Wenn er wüsste ... , dachte A.J., stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Brian war von Grund auf ein ehrlicher und geradliniger Mensch. Nie im Leben wäre er mit dem Tagebuch einer Fremden in der Tasche herum gelaufen. Er hätte dafür gesorgt, dass das Buch wieder in die Hände seiner rechtmäßigen Besitzerin kam und hätte sich wahrscheinlich die Finger abgehackt um zu vermeiden, dass er auch nur eine Zeile von diesen privaten Gedanken las.
Er selbst hatte damit kein Problem. Er wusste noch nicht was er tun würde, wenn er das Buch gelesen hatte, aber selbst wenn er es zurück brachte ... sie hatte es vergessen. Wenn sie so nachlässig war, konnte sie sich ja wohl kaum darüber beschweren, dass jemand darin las.
Er schlängelte sich gefolgt von Brian durch ein Gewirr von Kameras und den dazugehörigen Kabeln, blieb kurz stehen damit ihm Mandy von der Maske noch einmal das Gesicht abpudern konnte und gesellte sich dann zu seinen restlichen Bandmitgliedern.
Nick und Howie lachten gerade über einen Scherz und er fühlte sich ausgeschlossen. Früher hatte er dabei gestanden, hatte über die gleichen Witze gelacht oder sie selbst erzählt. Heute verstand er nicht immer um was es eigentlich ging und manchmal fand er die Geschichten einfach nicht witzig.
Manchmal machte es ihm Angst wie sehr sich seine Sichtweise auf bestimmte Dinge verändert hatte. Es schien ihm, als hätte er für einen Moment an der äußeren Kante des Lebens gestanden. Eine Weile hatte er durch das Rudern seiner Arme das Gleichgewicht halten können, doch irgendwann hatte er gemerkt, dass er zwar noch mit den Armen ruderte, sich dabei aber bereits im freien Fall befand.
Irgendetwas hatte er von diesem Abgrund mit ins reale Leben gebracht. Irgendetwas war an ihm hängen geblieben und er war sich nicht sicher, ob er diesen Schatten irgendwann wieder los werden würde.
Vielleicht hatte es mit seinen Träumen zu tun, die ihn Nacht für Nacht verfolgten, vielleicht auch mit dem Gefühl, dass ihn die meisten Menschen nicht mehr verstanden.
Manchmal fühlte er sich unglaublich alleine, auch wenn er das, objektiv betrachtet, nicht war. Die Jungs kümmerten sich rührend um ihn, alle waren so unglaublich stolz auf ihn und wenn er ehrlich war, konnte er sich keinen Ort vorstellen, an dem er jetzt lieber sein wollte. In der Therapie vielleicht - dort war er wie jeder andere gewesen. Er war süchtig, mit all seinen Konsequenzen und jeder der ihm auf den Fluren begegnet war, hatte eine ähnlich gruselige Geschichte zu erzählen.
Unvermittelt legte sich ein Arm um seine Schulter, was ihn aus seiner Gedankenwelt riss und lächelnd sah er zu Kevin auf.
Bist Du soweit? fragte dieser.
Klaro, kann los gehen.