Kapitel 4

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus einem tiefen, bodenlosen Schlaf. Schlaftrunken tastete er nach dem Hörer auf dem Nachtisch und hörte gleich darauf eine angenehm freundliche und ekelhaft wache, weibliche Stimme.
„Guten Morgen Sir. Hier ist die Rezeption. Es ist jetzt 6.00 Uhr.“
„Danke,“ murmelte er und legte den Hörer zurück auf die Gabel. Er fragte sich, warum die Weckrufe in jedem Hotel gleich klangen. Könnte man nicht einfach ein wenig Musik spielen? Oder einen Witz erzählen? Aber nein, immer wieder die gleiche Leier. „Hier ist die Rezeption ...“ „Es ist 5.00 Uhr/6.00 Uhr ...“
Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die neben dem Telefon auf dem Nachtisch lag und dabei bemerkte er die Schublade, die immer noch auf dem Boden lag. Hatte er etwa ... und dann fiel es ihm wieder ein.
Mit einem Schlag war er hellwach und knipste umständlich die Lampe neben seinem Bett an. Seine Brille saß immer noch auf seiner Nase und seine Hand schien unnatürlich rot angelaufen, da er die halbe Nacht darauf verbracht hatte.
Sein Blick wanderte weiter auf seine Bettdecke hinunter. Das Tagebuch lag nun in seinem Schoß, heruntergerutscht von seiner Brust auf das es gesunken war, als er vor Müdigkeit und völlig unbemerkt eingeschlafen war.
Vorsichtig fuhr er mit der Hand über die Seiten und dachte noch einmal an die Worte die er letzte Nacht darin gelesen hatte.
Dieses Mädchen hatte eindeutig kein sehr leichtes Leben. Um so erstaunlicher dass er ihr Tagebuch ausgerechnet hier, in einem der teuersten Hotels der Stadt gefunden hatte. Hatte sie es hier zurück gelassen? Hatte sie vielleicht tatsächlich in diesem Bett geschlafen? Was war in den zwei Jahren, zwischen dem letzten Eintrag den er gelesen hatte und heute, geschehen?
Das Klingeln des Telefons lies ihn erneut zusammen zucken. Aha, Weckruf Nummer zwei. Mit einem leisen Lächeln nahm er den Hörer ab.
„Hey Kev, einen wunderschönen guten Morgen. Ich bin wach und munter, was sagst Du dazu?“
Er hörte einen überraschten Laut am anderen Ende der Leitung und dann eine noch nicht ganz ausgeschlafene Stimme „wieso bist Du schon wach? Ist etwas passiert? Warst Du überhaupt schon im Bett?“
„Mir geht es gut Kevin, mach’ Dir keine Gedanken. Wir sehen uns beim Frühstück, ja?“
„Wenn Du weiterhin so ekelhaft gute Laune hast werde ich mir auch weiterhin Sorgen um Dich machen,“ meinte sein Gesprächspartner nur halb im Scherz.
„Ich werde versuchen nur für Dich den Morgenmuffel wieder hervor zu holen, in Ordnung?“
„Danke, sehr freundlich.“
A.J. lachte und legte dann auf. Vorsichtig nahm er das Buch aus seinem Schoß, widerstand der Versuchung sich erneut in die dicht beschriebenen Seiten zu vertiefen, schlug es stattdessen zu und überlegte dann einen Moment wo er es hin tun sollte. Eigentlich sollte er dafür sorgen, dass es wieder in die Hände seiner Besitzerin gelangte ... andererseits wollte er unbedingt noch mehr erfahren. Es war, als sei er in eine ganz andere Welt eingetaucht, eine Welt die ihm gut tat, ihn von seinen Problemen und deren Folgen abhielt und die ihm tatsächlich dabei half ganz alleine und ohne große Probleme ein zu schlafen.
Wenn man es also genauer betrachtete waren diese Worte so etwas wie Medizin für ihn und er wollte das Medikament erst absetzen, wenn es ihm wirklich besser ging.
Er schlug die Bettdecke zurück, tapste zu seinem Rucksack, der in einer Ecke des Zimmers auf einem Stuhl stand, zog den Reisverschluss auf und verstaute das Buch darin. Dann begab er sich zufrieden ins Bad wo er sich leise pfeifend unter die Dusche stellte.

„Noch etwas Kaffee?“ fragte Nick und schwenkte die Thermoskanne in seine Richtung.
„Aber klar doch,“ gab er zurück und hielt ihm gleich darauf seine Tasse entgegen.
Zum wiederholten Male an diesem Morgen gingen einige fragende Blicke zwischen den Anwesenden an diesem Tisch hin und her.
Er konnte es ihnen noch nicht einmal verdenken. Vor der Therapie hatte er das morgendliche Frühstück grundsätzlich ausgelassen, da er nicht fähig war in seinem Zustand überhaupt das Bett zu verlassen. Immer war er der letzte gewesen, der mit einem wahnsinnigen Kater, dunkler Sonnenbrille und schlechter Laune in der Lobby erschienen war und das meist weit nach dem verabredeten Abfahrtstermin.
Nach der Therapie hatte er sich bemüht das Frühstück zusammen mit seinen Freunden von der Band und einem Teil der Crew ein zu nehmen. Doch immer war ihm das auch nicht gelungen, da er oft erst weit nach Mitternacht Schlaf fand und meistens auch noch von diversen Albträumen geplagt wurde.
Alles in allem hatte bisher das ungeschriebene Gesetzt geherrscht, dass man A.J. McLean möglichst nicht vor zehn Uhr ansprach. Seine gute Laune verwirrte nun also zu recht die Anwesenden.
Brian war der erste der ihn darauf ansprach „sag’ mal Bone. Nicht das wir etwas dagegen hätten dass Du so gut gelaunt bist ... aber ... ich meine ... geht es Dir wirklich gut?“
„Mir ging es selten besser,“ gab er ehrlich zurück und amüsierte sich innerlich über die verwirrten Blicke seines Gegenübers.
„Dir ist schon bewußt, dass das nicht normal bei Dir ist, oder?“
„Brian, was willst Du mir eigentlich sagen? Willst Du wissen, ob ich irgendwelche Drogen genommen habe? Die Antwort ist nein. Willst Du wissen, warum ich so gut drauf bin? Die Antwort ist, ich habe seit langer Zeit eine Nacht gut und tief durchgeschlafen. Gewöhn Dich nicht dran, dass kann morgen schon wieder vorbei sein, aber gönn mir einfach diesen herrlichen Morgen, o.k.?“
„Klar ... ich wollte auch nur ... ,“
„Ich weiß was Du wolltest und es ist wirklich schön, dass ihr Euch solche Sorgen um mich macht, aber ich bin aus dem Kleinkindalter heraus.“
„Ist o.k. A.J.,“ schaltete sich Kevin ein, der wohl als Einziger sah, wie schnell sich A.J.s gute Laune angesichts des Misstrauens seiner Freunde zusehends verschlechterte „es ist wirklich schön Dich so zu sehen. Wir halten jetzt einfach unsere Klappe und genießen unser Frühstück.“
„Guter Plan,“ stimmte ihm Nick zu und warf A.J. ein breites Lächeln über den Tisch hinweg zu.
Wenigstens auf ihn war Verlass!

Kapitel 5