Kapitel 3
15. Mai 1999
Ich liebe diese Jahreszeit. Fast schon Sommer, aber eben noch nicht ganz. Man hat noch dieses Gefühl von Frühling Neuanfang.
Vielleicht sollte ich das Hanson einmal sagen.
Hey Hanson. Schau mich doch nicht so griesgrämig an. Es ist noch Frühling. Die Jahreszeit in der sich altes erneuert, in der neues Leben erwacht und positive Energie praktisch greifbar wird.
Doch ich befürchte er würde es nicht verstehen. Er würde weiterhin jeden Morgen vor meiner Haustür stehen und mich bis zum Cafe begleiten. Er würde nicht aufhören mir gemeine Sachen hinterher zu rufen, meinen Gartenzaun mit Farbe zu besprühen oder mir eine tote Katze auf die Fußmatte zu legen.
Der gute alte Hanson. Ist es nicht schön wenn es noch Dinge gibt, die sich niemals ändern?
Mr. Gareth hat mir die Gehaltserhöhung natürlich nicht genehmigt. Libby meint, das wäre ab zu sehen gewesen, aber wenn ich aufhöre an das Gute im Menschen zu glauben, was bleibt mir dann noch?
Er hat die Ablehnung übrigens damit begründet, dass ich froh sein soll, dass er mich bei meinem Ruf überhaupt beschäftigt.
Objektiv gesehen muß ich ihm leider Recht geben. Ich bin schlecht für das Geschäft ... wenn man von meinen Frondiensten für einen Hungerlohn einmal absieht.
Ich bin heute mit den Vorhängen für das Wohnzimmer fertig geworden. Man sollte nicht glauben was so ein bißchen Farbe aus machen kann. Mutter hätte es gehasst. Höchstwahrscheinlich gefallen sie mir deshalb so gut.
18. Mai 1999
Ich habe eine neue Freundin gefunden. Als ich gestern Abend auf der Veranda saß kam sie zu mir geschlichen und hat nach ausgiebigem Geschnupper ihren Kopf auf meinen Schoß gelegt.
Sie ist eine Mischlingshündin, irgendetwas zwischen Cocker-Spaniel, Golden Retriever und Straßenköter. Sie trug kein Halsband und ich habe sie auf den Namen La Belle getauft. Ich war mir nicht ganz sicher ob sie irgendjemanden gehört, also habe ich sie vorerst nicht ins Haus gelassen.
Aber irgendwie scheint sie ähnlich verloren wie ich. Ich Fell war noch nicht verwahrlost, aber man hat ihm angesehen dass schon lange keiner mehr etwas für seine Pflege getan hat.
Ich habe also den restlichen Abend damit verbracht, sie in Mutters altem Waschzuber mit meinem Shampoo ein zu seifen. Hinterher waren wir beide pitsch naß und haben nach Vanille gerochen. Aber nach langer Zeit ist sie das erste Wesen, das mich in den Arm genommen hat, auch wenn sie mir dafür lediglich ihren nassen Kopf auf die Schulter gelegt hat.
Heute war sie wieder da. Wenn sie morgen wieder kommt, behalte ich sie. Ich mag sie. Hunde sind so viel besser als Menschen. Sie sind völlig vorurteilsfrei, sie kümmern sich nicht um Gerüchte und Geschichten aus der Vergangenheit.
Sie lieben dich einfach, weil du ihnen etwas Gutes tust ... manchmal bedarf es noch nicht einmal das.
19. Mai 1999
Ich habe La Belle adoptiert. Sie liegt gerade neben mir auf einer alten Wolldecke und sieht so zufrieden aus wie ich mich fühle.
Allerdings habe ich auch riesige Angst, dass man sie mir wieder weg nimmt. Wie damals diese Barby-Puppe von der Mutter behauptet hat, sie hätte sie im Supermarkt gekauft und sich hinterher heraus stellte, dass sie sie bei Carrie Clayton hat mit gehen lassen. Nicht nur das es hochnot peinlich war sie wieder zurück zu bringen, nein, ich hatte sie lieb gewonnen, sie war mein liebstes Spielzeug. Aber natürlich musste ich sie zurück geben, auch wenn Carries Mom sie sofort in den Mülleimer geworfen hat. Wer weiß was für Krankheiten sich meine Carrie davon holen kann, soll sie gesagt haben. Und da sagt man immer, Erwachsene wüssten was sie tun und sagen.
Wem gehört wohl La Belle? Vermisst sie ihr Besitzer? Sie scheint sich hier zumindest wohl zu fühlen. Irgendwie beruhigt es mich, sie in meiner Nähe zu wissen. Sie würde ganz gewiss niemandem etwas tun, aber alleine ihre Anwesenheit sollte ein paar dieser Spinner da draußen auf Abstand halten.
20. Mai 1999
Heute war kein guter Tag. Manchmal frage ich mich wirklich wie Menschen nur so grausam sein können. Eigentlich frage ich mich das die ganze Zeit, aber meistens kann ich es mit einem Schulterzucken abtun. Doch heute ...
Von Hanson will ich ja schon gar nicht mehr reden. Schlampe war noch einer von den netteren Ausdrücken die er gebraucht hat. Was habe ich ihm eigentlich getan? Ich kann nichts dafür, dass ich die Tochter meiner Mutter bin verdammt noch mal.
Im Cafe ist mir dann ein voll beladenes Tablett herunter gefallen. Mr. Gareth hat einen wahnsinnigen Aufstand gemacht. Ich wäre unfähig, zu nichts zu gebrauchen, hätte zwei linke Hände und überhaupt wäre es ein Fehler gewesen mich ein zu stellen.
Am Ende bin ich haarscharf an der Kündigung vorbei geschlittert, aber das zerbrochene Geschirr wird natürlich von meinem Lohn abgezogen. Warum hat er bei Libby letzte Woche nichts gesagt?
Es ist also eigentlich ein Tag wie jeder andere und trotzdem habe ich das Gefühl das alles nicht mehr ertragen zu können. Sie werden mich immer hassen, egal was ich sage oder tue. Sie werden mich bis ans Ende meines Lebens mit diesen Blicken betrachten. So voller Verachtung und Unverständnis. Sie werden weiterhin auf mir herumtrampeln, einfach weil sie es schon immer so gemacht haben. Wir sind gefrustet? Dann lassen wir es doch an der armen Cassy aus. Die kann das ab. Immerhin war ihre Mutter eine Mörderin und der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm.
Ich wünschte, ich könnte von hier weg gehen. Einfach meine Sachen packen und verschwinden. Ich würde niemandem auch nur eine Träne hinterher weinen ... Libby vielleicht ...
Aber die besten Gefängnisse mit den dicksten Mauern sind eben die, die man sich selbst baut. Den Schlüssel zu meinem Verlies habe ich schon vor langer Zeit weg geworfen und wenn nicht irgendwann ein Ritter auf seinem Schimmel daher kommt und mich aus meinem Turm befreit, werde ich hier sicherlich früher als mir lieb ist unter der Erde liegen!!