Kapitel 2

Er hockte im Schneidersitz auf seinem zerwühlten Bett, hatte das geheimnisvolle Buch in eine Kuhle gelegt, seine Brille aufgesetzt und sich eine Zigarette angezündet. Wenigstens war das eine Sucht, der er sich vorerst ohne schlechtes Gewissen hingeben konnte.
Eine Weile starrte er den dunklen Einband an, beinahe unbeweglich, nur ab und zu, wenn er die Zigarette zum Mund führte, löste sich seine Erstarrung.
Das Buch war ungefähr 5 cm dick, der Buchrücken aus fester, roter Pappe und wurde von zwei schwarzen, starken Gummibändern zusammen gehalten.
Aus ihm unerfindlichen Gründen traute er sich nicht so recht das Buch zu öffnen. Es hatte eine eigenartige persönliche Ausstrahlung, etwas, was man normalerweise im Schrank oder eben im Nachttisch versteckte. Im gleichen Moment fragte er sich, wie er überhaupt darauf kam. Schließlich konnte es sich hier ja auch um ein einfaches Haushaltsbuch handeln.
„Aber Du wirst es nie erfahren, wenn Du es nicht öffnest,“ sagte er zu sich selbst. Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn ein wenig. Es war ihm unangenehm in diesem Zimmer laut zu sprechen, ähnlich wie man in einem gediegenen Restaurant, in dem die Stille nur ab und an vom Geklapper des Bestecks unterbrochen wird, ungern laut redet. Man flüstert um nicht zu stören, andere nicht auf sich aufmerksam zu machen – einfach weil es sich so gehört. Genau so war es mit leeren Hotelzimmern. Man redete einfach nicht laut, es sei denn der Verstand war schon jenseits von Gut und Böse.
Er beugte sich über die Bettkante und zog seinen Discman unter dem Bett hervor. Warum konnte er sich ausgerechnet bei ihm erinnern, wo er ihn hin getan hatte?
Er setzte sich die Kopfhörer auf und drückte die Play-Taste. Nach einem kurzen Moment der Stille schmeichelte sich schließlich die samtige Stimme von India Arie in sein Ohr und gleich fühlte er sich ein wenig besser. Er machte sich nicht die Mühe darüber nach zu denken, warum er sich plötzlich nicht mehr so alleine fühlte. Es war eben Musik – seine urälteste Freundin.
Blieb die Sache mit dem Buch. Seine Zigarette war inzwischen herunter gebrannt und er drückte sie im Aschenbecher aus. Als er sicher war, dass sie nicht mehr brannte, hatte er eine Entscheidung gefällt.
Vorsichtig nahm er das Buch an sich und entfernte die Gummibänder. Sofort kamen ihm einige Zettelchen, eine Postkarte und Papierfetzen entgegen geflattert. Schnell legte er das Buch wieder flach auf das Bett und sammelte die Papiere ein wobei er sie sich genauer besah.
Als erstes griff er zu der Postkarte die auf der Vorderseite einen Sonnenuntergang an einem menschenleeren Strand zeigte. Ein paar Palmen hoben sich dunkel vor der glühend roten Sonne ab.
„Greetings from Hawaii“ stand darunter. Neugierig drehte er sie um. Es befand sich keine Adresse auf der Karte, dafür ein Text in akkuraten Blockbuchstaben geschrieben.


10.7.2000
So sieht der Ort meiner Träume aus. Ruhe, Einsamkeit, Wärme, Romantik und grenzenlose Freiheit. Unvorstellbar das der Mensch, der diesen Anblick genossen hat überhaupt fähig war auf den Auslöser zu drücken. Er sollte eigentlich vor der Schönheit des Augenblicks in Ehrfurcht erstarren.


Er drehte die Karte erneut um und besah sich noch einmal die Vorderseite. Eigentlich wäre ihm hierzu das Wort „Kitsch“ eingefallen, aber als er sich vorstellte tatsächlich jetzt an diesem Ort sein zu können überkam ihn so etwas wie Sehnsucht. Wer auch immer den Text auf der Rückseite verfasst hatte lag gar nicht so falsch.
Er legte die Karte beiseite und widmete sich den restlichen Zetteln. Jedes für sich schien ein kleines, mit Bleistift gezeichnetes Kunstwerk zu sein. Der Kühlergrill eines Autos, das Auge einer Frau über das sich anmutig eine Haarsträhne geschoben hatte, ein rauchender Schornstein, Hände die wild in der Luft herum zu gestikulierten schienen ... lauter unzusammenhängende Dinge, die ihn allerdings unglaublich faszinierten. Nicht nur das der Künstler echtes Talent hatte, sie drückten auch eine gewisse Klarheit, einen Blick für das Detail aus.
Er zündete sich erneut eine Zigarette an. Die Tabletten waren vergessen, das Verlangen nach einem Drink hatte sich zurück gezogen. Alles was er wollte war dieses Buch auf zu schlagen.
Längst stellte er sich nicht mehr die Frage ob es richtig war in diesen so augenscheinlich privaten Dingen zu lesen. Seine Neugier hatte die Führung übernommen und noch etwas, das er aber noch nicht richtig einordnen konnte.
Als erstes lies er die Seiten durch seine Finger gleiten und sah dabei noch mehr, ganz ähnliche Zeichnungen auf ansonsten dicht beschriebenen Blättern.
Schließlich klappte er den Buchdeckel auf, blätterte auf die erste Seite und fand dort die gleichen Blockbuchstaben vor, wie auf der Postkarte.
„Gedanken und Sehnsüchte von Cassandra Sanders“ und darunter waren mit Bleistift wieder Augen gemalt. Ob es ihre waren? Sie waren leicht mandelförmig, mit wunderschön geschwungenen Augenbraunen darüber und umrahmt von langen, dichten Wimpern. Doch der Ausdruck dieses Augenpaares war so verzweifelt, dass er für einen Moment die Luft anhielt.
Es war, als blickte ihm jemand direkt in seine Seele. Diese Augen schauten nicht etwa so weil ihre Besitzerin so traurig war, sondern weil sie sein dunkles, niederträchtiges Wesen erkannt hatten.
„Unfug,“ schallt er sich laut und diesmal war das nicht schlimm, da ihm India immer noch das Gefühl vermittelte nicht alleine zu sein.
Ein leicht befremdliches Gefühl blieb allerdings und er blätterte schnell auf die nächste Seite um diesem intensiven Blick zu entgehen.

Kapitel 3