Kapitel 1
Es war ein harter, anstrengender Tag für A.J. McLean gewesen. Er betrat sein Hotelzimmer, knipste das Licht an und schaute auf das Chaos, das er heute Morgen dort hinterlassen hatte.
Komischer Weise fühlte er sich in dieser Unordnung noch nicht einmal richtig wohl, andererseits brachte er es aber auch nicht fertig wenigstens ansatzweise Ordnung zu halten. Hätte ihn jemand gefragt, hätte er einfach behauptet er hätte keine Zeit dafür. Sein Tag war von dem Moment an in dem er die Augen aufschlug bis zu der Sekunde in der er sie nachts wieder schloß mit Terminen voll gestopft. Dazwischen blieb keine Zeit für Ordnung. Wenn er allerdings ehrlich war, lag es wohl eher an seiner Faulheit.
Müde schlurfte er zu seinem Bett und lies sich mit dem Gesicht nach unten einfach darauf fallen. Für einen köstlichen Moment war er versucht einfach so hier liegen zu bleiben, sich nicht mehr die Mühe zu machen sich aus zu ziehen oder sich zumindest seiner Schuhe und seiner Jacke zu entledigen, sondern auf der Stelle ein zu schlafen. Doch das bißchen Vernunft, dass sich in seinem, vor Müdigkeit halb betäubten Gehirn meldete, veranlasste ihn dann doch sich auf zu setzen. Mit einem Seufzer streifte er sich die Schuhe von den Füßen, zog die Jacke aus und warf diese dann unbeachtet auf den Boden zu den restlichen Kleidern vom Tag zuvor und schlich dann ins Badezimmer.
Als er den Wasserhahn aufdrehte, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild über dem Waschbecken. Dunkle, kurze Haare, Knubbelnase, schmale Oberlippe, etwas breitere Unterlippe, dunkle Augen mit langen Wimpern um die ein dunkler Schatten lag ... alles nicht gerade berauschend wie er fand. Und doch mußte etwas an ihm sein, das tausende Frauen zu hysterischem Kreischen brachte.
Eine Weile hatte er nach einer Antwort gesucht. Wie konnte es sein dass er auf Menschen, die ihn nicht kannten, die höchstwahrscheinlich niemals in ihrem Leben auch nur ein Wort mit ihm wechseln würden, solch eine Wirkung hatte?
Irgendwann hatte er angefangen den begehrlichen Blicken, den Tränen der Sehnsucht und den unzähligen Liebesbeweisen zu glauben. Er mußte etwas ganz besonderes sein, eine Art irdischer Gott, der nur mit seiner Stimme und seinem bloßen Vorhandensein Eindruck machte und dafür sogar geliebt wurde.
Als sich bei ihm allerdings nach einiger Zeit leise Zweifel an seiner Theorie regten, war es schon fast zu spät.
Er war auf der Welle des Erfolgs getrieben, hatte nicht gemerkt wie sehr es ihn belastete immer oben schwimmen zu müssen und war irgendwann in ein tiefschwarzes Loch aus Depressionen gestürzt.
Alkohol hatte eine kleine Weile geholfen zumindest hatte er sich das eingeredet. In Wirklichkeit hatte das alles nur noch schlimmer gemacht.
Als er schließlich seinen Fehler erkannte und etwas später auch endlich beschloß etwas dagegen zu tun, war er fast überrascht, wie viele Menschen noch zu ihm hielten.
Die Medien wurden in zwei Lager gespalten. Die einen konnten ihre Schadenfreude nicht verbergen: Backstreet Boy muß in Entzugsklinik. Groß und breit hatten sie es jedem verkündet der es hören wollte ... oder auch nicht hören wollte. Dabei hatten sie auch gleich noch ein paar andere Geschichten ausgegraben und sich so für jedes seiner unechten Lächeln, seiner gelangweilten Blicke in Interviews, für jeden seiner verpassten Termine und jede Absage gerächt.
Die andere Hälfte hatte sich wenigstens an die Fakten gehalten, was im Endeffekt nicht weniger traurig gewesen war.
Aber es war hier genau so wie in seinem gesamten bisherigen Leben als Popstar. Alles was er sagte, tat und manchmal sogar dachte, war öffentlich. Er war ein Kunstprodukt, eine Marionette an Schnüren, die er erst jetzt, nach erfolgreicher Therapie, wirklich sah.
Komischer Weise war die Begeisterung der Fans ungebrochen, die Freundschaft zu seinen Bandkollegen immer noch unerschütterlich und wie auch immer er es angestellt hatte, er war tatsächlich mit einem blauen Augen davon gekommen.
Er lies kaltes Wasser in seine Hände laufen und tauchte gleich darauf sein Gesicht hinein. Mit Gewalt versuchte er sich von den Gedanken an die Vergangenheit ab zu lenken. Was jetzt zählte war der Blick nach vorne, etwas von der Unterstützung zurück zu geben und auf der Bühne, aber auch als Mensch, sein bestes zu geben.
Er putzte sich die Zähne, verstaute seine Kontaktlinsen in dem kleine Gefäß mit der Reinigungsflüssigkeit, ging noch einmal auf die Toilette und knipste dann das Licht im Bad aus ohne sein Spiegelbild auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
Als er zurück in sein Schlafzimmer kam stellte er ärgerlich fest, dass von seiner bleiernen Müdigkeit nicht mehr viel übrig geblieben war.
Dennoch zog er sich aus, streifte sich ein T-Shirt über und krabbelte ins Bett. Er zog die Bettdecke bis zum Kinn hinauf, löschte das Licht und starrte dann mit offenen Augen in die Dunkelheit.
Ein kleiner Drink und ich könnte sofort einschlafen, dachte er und rollte sich seufzend auf die Seite. Er schloß die Augen, aber an Schlaf war nicht zu denken. Stattdessen wuchs in ihm der Wunsch nach etwas Alkoholischem. Nachdem er sich noch eine Weile von einer Seite auf die andere gewälzt hatte setzte er sich schließlich auf und knipste die Nachttischlampe an.
Mittlerweile konnte er den Whisky schon beinahe auf seiner Zunge schmecken. Es war wirklich ein Jammer dass man ihm zwar klar gemacht hatte, dass dieses Zeug Gift für ihn war, er es nicht brauchte um sich gut zu fühlen und damit nur seine Probleme von sich schob, aber das Verlangen nach einem guten Jack Daniels damit nicht verschwand.
Unruhig blickte er sich in seinem Zimmer um. Wo hatte er das letzte Mal diese Tabletten gesehen? Sie halfen ihm ruhig zu werden und in Nächten wie dieser ein zu schlafen. Leider vernebelten Sie ihm auch irgendwie den Verstand, weswegen er nur zu ihnen griff wenn er es nicht mehr aushielt und auch niemals außerhalb seines schützenden Hotelzimmers.
Er schlug die Bettdecke zurück und begab sich auf die Suche. Er durchwühlte seine Koffer, Kleiderstapel, seine Kulturtasche, öffnete sogar die Schubladen des kleinen Schreibtisches, obwohl er niemals etwas dort hinein tat.
Schließlich saß er wieder auf der Bettkante und spürte, wie langsam so etwas wie Panik in ihm aufstieg. Wo waren die verfluchten Tabletten (Schnapsflaschen)? Er brauchte jetzt dringend (Alkohol) etwas zur Beruhigung.
Sein Blick fiel auf die Nachttischschublade. Auch dort tat er für gewöhnlich nichts hinein, nachdem er dadurch einmal eine sündhaftteure Uhr vergessen hatte, die auch nie wieder aufgetaucht war.
Aber wer wußte schon was in diesem Zustand zwischen künstlich erzeugter Ruhe und Schlafmangel in ihm vorging?
Entschlossen zog er die Schublade auf, hatte allerdings zu viel Schwung, so dass sie mit einem dumpfen Laut auf den Boden schlug.
Verdammt, flucht er und kniete sich auf den Boden. Schnell stellte er fest, dass sich seine Tabletten auch dort nicht befanden und wollte schon enttäuscht und verzweifelt wieder ins Bett steigen, als er das Buch bemerkte.
War die obligatorische Bibel im Nachtisch jemals in einen blutroten Einband gewickelt und wurde sie von zwei dicken Gummibändern zusammen gehalten? Wohl kaum.