Kapitel 10
Alex trippelte vor den Fahrstühlen von einem Bein auf das andere und versuchte die Anzeige über den Türen mit purer Willenskraft in dieses Stockwerk zu lotsen. Er hatte gerade kurz mit Sally gesprochen und ihr gesagt, sie solle hier zu ihm herauf kommen. Sie hatte ihn gefragt, warum er nicht zu ihr herunter kam und er hatte erklärt, dass er einfach nicht wollte, dass die Fans und Journalisten, die in der Lobby herumlungerten, dabei waren, wenn sie sich das erste Mal wieder trafen.
Sie hatte dies verstanden Gott sei Dank und war jetzt auf dem Weg zu ihm. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum um Himmels willen er so nervös war. Klar passierte es ihm ab und an, dass er Herzklopfen bekam, wenn er sich mit einem hübschen, weiblichen Wesen unterhielt, aber das mit Sally war etwas ganz anderes.
Er genoss ihre Telefonate, weil sie ihm das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein, er mochte ihre sanfte Stimme, der man ihre Gefühlsregungen immer ziemlich genau anhörte und er liebte ihr Lachen, weil es so ansteckend war und ihn immer zum Lächeln brachte.
Doch im Grunde wusste er nicht sehr viel von ihr. Er war im Laufe der Jahre vorsichtig geworden, speziell bei dem Thema Frauen und Beziehungen. Zu oft hatte sich sein Gegenüber als Mensch entpuppt, der nicht an ihm selbst Alex interessiert war, sondern nur und ausschließlich den Popstar AJ in ihm sah. Meist war die Enttäuschung auf beiden Seiten riesengroß wenn sich herausstellte, dass Alex nur halb so schillernd und aufregend war, wie sich AJ vielleicht in der Öffentlichkeit darstellte.
Sich jetzt also so schnell und heftig auf Sally zu fixieren und damit pausenlos an sie zu denken, widersprach somit allem, was er bisher aus seinem rasanten Leben gelernt hatte. Und trotzdem ... sie war einfach anders, wenn dies auch in erster Linie - und da brauchte er sich nichts vorzumachen - daran lag, dass sie sich selbstlos in die Schussbahn dieses Irren geworfen hatte. Sie hatte dies für Alex getan und einen solchen Liebesbeweis hatte er noch nie erhalten.
In diesem Moment verkündete ein leises Ping, dass eine der drei Fahrstuhlkabinen angekommen war und sein Herzschlag raste augenblicklich davon. Seine Augen sprangen hektisch von einer Tür zur nächsten und blieben schließlich an der zu seiner Rechten hängen, die jetzt beinahe geräuschlos auseinander glitt. Einen Herzschlag lang passierte gar nichts und er begann sich bereits zu fragen, ob sich Sally tatsächlich in der Kabine befand. Dann schob sich allerdings ihre Gestalt in den Flur und er konnte gar nicht anders, als sie für zwei Sekunden regungslos anzustarren.
Als erstes registrierte er die Schlinge, in dem sie ihren rechten Arm trug, gleich danach fielen ihm die langen, gebräunten Beine auf, die unter ihrem unverschämt kurzen Rock hervorschauten und schlussendlich landete sein Blick in ihrem Gesicht. Ihre braunen Augen wirkten unsicher, schienen aber von innen zu leuchten. Ihr Lächeln kam etwas zögerlich und sie blieb wie versteinert direkt hinter den Fahrstuhltüren in dem lagen Gang stehen.
Ich kanns gar nicht glauben, war das erste, was er über die Lippen brachte, dann machte er drei schnelle Schritte auf sie zu und zog sie vorsichtig in seine Arme.
Sie schlang ihren unverletzten Arm um seine Taille und das Gefühl ihrer Finger, die sich angenehm warm und fest auf sein Rückrad legten, schien sich dort augenblicklich einzubrennen.
Ehrlich gesagt, glaub ichs auch noch nicht, hörte er sie murmeln, während sie etwas zögerlich über seinen Rücken strich.
Es fühlt sich aber ziemlich real an, oder? schmunzelte er.
Mir würde dazu eher surreal einfallen, gestand sie und löste sich ein Stück von ihm um ihm in die Augen sehen zu können.
Surreal aber schön, zitierten sie beide gleichzeitig den Spruch aus Notting Hill und begannen dann zu kichern.
Schön dass du endlich da bist, sagte Alex schließlich und trat nun widerwillig einen Schritt zurück.
Ich bin mir da noch nicht so sicher, gestand sie. Im Moment bin ich kurz davor vor Aufregung einen Herzinfarkt zu erleiden.
Das legt sich, wirst sehen, lächelte er.
Das hoffe ich doch, nickte sie.
Für eine kleine Weile standen sie sich einfach schweigend in dem langen Gang gegenüber, während Alex versonnen jedes Detail an ihr in sich aufsog. Er stellte fest, wie viele Kleinigkeiten er innerhalb dieser knapp zwei Wochen, in denen sie sich nicht gesehen hatten, vergessen hatte. Nun ja ... im Grund hatte er sie beim ersten Mal ja nicht wirklich lange gesehen. In seinem Kopf hallte unvermittelt der Knall des Schusses wieder und er sah Sally in seinen Armen zusammen brechen.
Wie geht es dir? fragte er also schnell und deutete auf ihren Arm in der Schlinge.
Es geht ganz gut eigentlich. Die Ärzte sagen, ich soll die Schlinge noch ein paar Tage tragen um meinen Arm ruhig zu stellen, aber eigentlich geht es auch ohne schon ganz gut.
Das beruhigt mich. Wirklich, ich kann gar nicht oft genug betonen, wie leid mir das alles tut.
Es war doch nicht deine Schuld, entgegnete Sally mit einem warmen, tröstenden Lächeln und ihm war dabei bewusst, dass sie diesen Satz schon sehr häufig zu ihm gesagt hatte.
Du wirst mir das wahrscheinlich noch öfters sagen müssen, bevor ich das tatsächlich glaube, gestand er.
Kein Problem. Ich bin ja jetzt hier.
Ja, das bist du, strahlte er. Wie sieht es aus ... uhm ... möchtest du erst auf dein Zimmer und auspacken, oder soll ich dich gleich mitnehmen und den anderen vorstellen?
Den anderen? echote sie und er registrierte, wie sie um die Nase etwas blass wurde.
Keine Panik, beeilte er sich also zu sagen. Sie freuen sich alle auf dich. Nick war ganz enttäuscht, dass er dich noch nicht kennen lernen durfte, wo du mir doch das Leben gerettet hast.
Ist ... Maggie auch da? fragte sie vorsichtig.
Hm, nickte er. Und auch sie freut sich darauf, dich endlich persönlich kennen zu lernen.
Gott, bei so vielen Erwartungen kann ich ja nur enttäuschen, stellte sie fest.
Du wirst niemanden enttäuschen, widersprach er sanft. Du bist nämlich zufällig das hübscheste, weibliche Wesen in dem ganzen Haufen.
Ehrlich? hauchte sie und etwas Farbe kehrte dabei zurück in ihre Wangen.
Ganz ehrlich, nickte er.
O-Okay ... , nickte sie dann.
Dann bitte hier entlang, grinste er und deutete hinter ihr den langen Gang hinunter.
Sie setzten sich in Bewegung und schritten schweigend Seite an Seite den Flur hinunter an dessen Ende die Tür, die in den Konferenzraum führte, weit offen stand. Das Murmeln von vielen Stimmen drang zu ihnen heraus, dazwischen hörte man das Klappern von Kaffeetassen und leise Musik, die aus einem tragbaren Radiogerät drang. Für Alex waren dies vertraute Geräusche, gerade so, als befände er sich zu Hause bei seiner Mom, doch für Sally musste dies alles ziemlich neu und beängstigend wirken.
Er griff also vorsichtig nach ihrer Hand, die sich eiskalt anfühlte, und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, bevor er sie hinter sich her in den großen Raum zog. Die Sonne schien durch die breite Fensterfront und erhellte ein Chaos aus Getränkeflaschen, Kaffeetassen, Papieren und Zeitschriften auf dem lang gestreckten Tisch. Um ihn herum saßen die Mitglieder der Crew, andere hatten sich in eine Ecke zurückgezogen und hockten dort auf dem Boden, und nahe beim Fenster, mit einem Glorienschein aus feuerrotem Haar, das im Licht der Sonnenstrahlen förmlich zu brennen schien, stand Maggie und blickte ihnen lächelnd entgegen.
Nick, der neben ihr gestanden hatte, setzte sich sofort in Bewegung und kam mit ausgreifenden Schritten auf sie zu, während um sie herum die Gespräche hörbar abnahmen, aber Gott sei Dank nicht vollkommen verstummten.
Hey, da ist ja die Lebensretterin, rief Nick und zog Sally ohne Umschweife in eine Umarmung, schaffte es dabei aber, auf ihren verletzten Arm Rücksicht zu nehmen.
Hi, brachte Sally leise heraus, während sie Alex Finger immer noch ganz fest hielt und sie beinahe zerquetschte.
Hört mal zu Leute, wandte sich Alex mit lauter Stimme an die Anwesenden und alle Köpfe wandten sich ihnen zu. Das hier ist Sally, dabei sah er zu ihr hinüber. Ich Lächeln wirkte etwas angestrengt, aber sie winkte tapfer und stieß ein Hallo hervor.
Behandelt sie gut. Sie hat mir schließlich das Leben gerettet.
Es folgte ein undefiniertes Gemurmel aus Hallos, Heys und Hi Sallys, bevor sich die meisten der Anwesenden wieder ihren Gespräch zuwandten.
In diesem Moment hatte Maggie sie erreicht.
Hallo Sally, begrüßte sie sie und streckte ihr die Hand entgegen. Freut mich, dich endlich persönlich kennen zu lernen.
Sallys Zögern dauerte eine Spur zu lange, so dass selbst einem Blinden aufgefallen wäre, dass hier irgendetwas nicht stimmte, doch als Sally dann Maggies Hand ergriff, erhellte ein freudiges Lächeln ihre angespannten Gesichtszüge. Du bist also die Sagen umwobene Maggie McIntire.
Oh je, das klingt, als hättest du schon zu viele Märchen über mich gehört, gab Maggie augenzwinkernd zurück.
Na ja, AJ scheint sehr große Stücke auf dich zu halten und ich verfolge deinen Blog im Internet, gestand sie.
Tatsächlich? Alex konnte es fast nicht glauben, aber Maggie wirkte für einen winzigen Moment beinahe verlegen, doch sie fasste sich schnell wieder.
Das finde ich toll. Ich habe zwar keine Ahnung, was an meinem Leben so interessant sein soll, aber diese Blog-Geschichte ist schon eine interessante Sache.
Ich schätze, für uns Normalsterbliche ist es einfach aufregend und interessant mal etwas außerhalb des normalen Alltags zu lesen, gab Sally schulterzuckend zurück.
Ich denke immer, dass alle nur darauf warten, dass ich irgendetwas über Alex schreibe, gestand Maggie. Mein Leben wäre ohne ihn für Außenstehende nur halb so interessant.
Jetzt mach aber mal halblang, bremste Alex seine Freundin mit einem breiten Grinsen. Manchmal wird ja selbst mir ganz anderes wenn ich lese, mit welchem Superstar du dich letzte Woche wieder getroffen hast um mit ihm beim ausgedehnten Lunch im Rotarie-Club über seine neuste Platte oder seinen neusten Film zu quatschen.
Das ist eben mein Job, gab sie achselzuckend zurück.
Und du bist zu bescheiden, fügte Nick hinzu, legte ihr einen Arm um die Schulter und grinste auf Sally hinunter. Sie ist manchmal ein bisschen störrisch aber ansonsten ganz okay.
Und er weiß manchmal nicht, wann er besser die Klappe halten sollte, schoss Maggie grinsend zurück.
Ich sehe schon, ihr kommt bestens ohne uns zurecht, stellte Alex fest, legte Sally einen Arm um die Schulter und dirigierte sie vor sich her weiter in den Raum hinein. Er wollte ihr noch ein paar andere Leute vorstellen und dann so schnell wie möglich mit ihr alleine sein. Schließlich standen heute noch einige Termine an und sie hatten somit leider nicht viel Zeit um sich abseits des Band-Trubels besser kennen zu lernen.