Kapitel 9

Maggie beobachtete mit einem amüsierten Grinsen, wie Alex rastlos durch den riesigen Konferenzraum tigerte. Der Raum war der Backstreet Crew vom Hotel zur Verfügung gestellt worden, damit sich die Truppe, die immerhin fast hundertfünfzig Mann umfasste, während ihres knapp zweitägigen Aufenthalts ungestört zurückziehen konnte. Immer wieder setzte Alex sich auf einen der Stühle, lauschte kurz den Gesprächen um sich herum und stand dann wieder auf, um zum Fenster zu gehen und durch einen Spalt in den Vorhängen auf die Straße hinunter zu blicken. Dabei sah er alle fünf Minuten auf die Uhr und seufzte ein paar Mal laut und vernehmlich.
Maggie war jetzt bereits eine Woche mit ihm und der Band unterwegs. Eine Woche, in der sie unermüdlich daran gearbeitet hatte, die Dämonen in Alex’ Kopf zu bekämpfen und den Rest der Band und der Crew neu kennen zu lernen. Sie hatte mit Alex endlose Gespräche geführt, sie hatten mit den anderen gefeiert, die Backstreet Boys hatten ihre Shows und Termine mit Bravour absolviert und so langsam legte sich auch das Interesse der Presse an dem Attentatsversuch.
So weit so gut.
Was immer noch wie eine dunkle Wolke über allem und ganz speziell über Alex hing war der Umstand, dass der Schütze immer noch nicht redete. Maggie glaubte, dass es Alex wesentlich besser gehen würde, wenn er ein Motiv für diese Tat sehen könnte, wie auch immer dieses dann auch aussehen mochte. Die Vorstellung, dass dieser Typ ihn ohne besonderen Grund ausgesucht haben könnte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Manchmal tat er gerade so, als hätte er wie früher in der Schule einen Verweis erhalten, allerdings diesmal mit dem Unterschied, dass man ihm nicht sagte, was er falsch gemacht hatte.
Maggie hatte versucht ihm klar zu machen, dass rein gar nichts diesen Attentatsversuch rechtfertigen konnte, doch Alex sah dies scheinbar etwas anders.
Er formulierte diesen Gedanken natürlich nicht so klar und deutlich, denn im Grunde war ihm nicht bewusst, wie groß sein schlechtes Gewissen tatsächlich war, doch es war für Maggie nicht wirklich schwer zwischen den Zeilen zu lesen. Somit war sie nun beinahe dankbar dafür, dass Sally heute anreiste.
Sie war vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden und Alex hatte mit Hingabe sämtliche Kleinigkeiten für ihre Reise organisiert. Das fing bei der Limousine an, die Sally von ihrer Wohnung zum Flughafen brachte, ging über das erste Klasse Ticket für den Flug und die Limousine zum Hotel, bis hin zu den Zimmern, die er für Sally und auch für Maggie für die kommende Woche reserviert hatte.
Ein wenig bedauerte Maggie, dass sie jetzt wieder ihre Nächte alleine verbringen musste. Für sie war es mit das schönste am Tag gewesen, sich mit Alex gemeinsam zurück zu ziehen und noch eine Stunde oder länger mit ihm zu reden, oder sich einen Film anzusehen und dabei die Speisekarte des Zimmerservice rauf und runter zu bestellen. Nun ja, diese Zeiten waren wohl vorbei.
Maggie seufzte leise und schüttelte dann den Kopf, als Alex an seinen Bandkollegen Howie herantrat und einen Blick auf dessen Armbanduhr warf. Scheinbar hatte er Angst seine eigene Uhr könne kaputt sein und er verpasse damit Sallys Ankunft. Dabei hatten sie doch sowieso ausgemacht, dass sie ihn anrief, wenn sie das Hotel erreichte.
Sie beschloss, dass ihr Freund ein kleine Aufmunterung und Ablenkung vertragen konnte, also erhob sie sich und durchquerte den Raum. Er stand inzwischen wieder am Fenster und starrte hinunter, so dass sie ihm einen Arm um die Taille legen konnte und nun ebenfalls auf die Auffahrt vor dem Hotel hinunter blickte, auf der sich einige Fans tummelten, die zwar immer wieder vom Hotelpersonal zur Seite gescheucht wurden, danach aber immer wieder ganz nahe an die automatische, gläserne Eingangstür heran rückten.
„Glaubst du sie kommt schneller, wenn du hier stehst?“ lächelte Maggie.
„Schon möglich,“ grinste er und legte ihr ebenfalls einen Arm um die Schulter.
„Wenn ich richtig informiert bin, kommt sie erst in einer halben Stunde und ruft dich dann an,“ gab sie zu bedenken.
„Ich korrigiere,“ grinste Alex und hob den Zeigefinger. „Sie sollte vor fünf Minuten hier eintreffen und sie hat mich noch nicht angerufen.“
„Oh, das erklärt natürlich so einiges,“ nickte Maggie wissend.
„Glaubst du, sie hat es sich anders überlegt?“ fragte Alex und ein Hauch von Unsicherheit war dabei in seiner Stimme zu hören.
„Quatsch,“ wehrte Maggie sofort ab. „Erstens bist du der Traum ihrer schlaflosen Nächte, zweitens kriegt man nicht alle Tage die Gelegenheit mit einer der größten Popbands aller Zeiten durch die Lande zu ziehen, drittens schließt dies zusätzlich noch eine Fahrt in einer Limousine und erste Klasse Tickets für den Flug ein und viertens hat sich ihr Flug wahrscheinlich einfach nur etwas verspätet.“
Alex grinste. „Kein fünftens und sechstens?“
„Oh, da würde mir bestimmt noch was einfallen, aber ich will nicht, dass du nen Höhenflug kriegst.“
„Schon geschehen,“ kicherte er. „Ehrlich, ich weiß nicht wann ich das letzte Mal vor einem Treffen mit einem Mädchen so nervös war.“
„Na ja, das hier ist ja auch ein sehr spezieller Fall,“ gab Maggie zu bedenken, löste sich von ihm und warf einen genaueren Blick in die Auffahrt hinunter. „Ich glaube, da ist sie,“ sagte sie dann und deutete auf die weiße Stretchlimousine, der gerade eine dunkelhaarige Schönheit mit schlanken, langen Beinen in einem verteufelt kurzen Kleid entstieg.
Sie fühlte, wie Alex sie vor Aufregung am Arm packte und bei dem Versuch möglichst alles mitzubekommen was da unten vor sich ging, beinahe gegen die Fensterscheibe fiel.
„Nu die Ruhe Romeo,“ grinste Maggie.
„Sie ist der Hammer,“ hörte sie ihn murmeln, während er Sally dabei keine Sekunde aus den Augen ließ.
„Hm, ganz bestimmt. Und jetzt solltest du ihr vielleicht langsam mal entgegen gehen. Sie stirbt bestimmt gerade vor Nervosität.“
„Du hast Recht,“ strahlte Alex, drückte ihr noch einen schmatzenden Kuß auf die Wange und fuhr dann herum. Mit langen Schritten durchmaß er den Konferenzraum, zückte dabei sein Handy und drückte sich das kleine Telefon gleich darauf ans Ohr während er den Raum verließ.
Maggie starrte ihm kopfschüttelnd hinterher. Typisch Alex. Jeder andere hätte sich gefreut seine Lebensretterin zu treffen und mit ihr ein wenig zu plaudern, er plante hingegen im Kopf bereits die Hochzeit und dachte sich Namen für ihre zehn Kinder aus. Sie hätte gelogen, wenn sie gesagt hätte, dass sie dies nicht beunruhigte, aber Alex hatte schon immer seinen eigenen Kopf gehabt, lebte jedes Gefühl intensiv und ohne Kompromisse, also musste sie sich in diesem Fall wohl etwas mit ihrer Kritik zurückhalten.
„Na Maggie May, alles klar?“ hörte sie gleich darauf Nicks Stimme, bevor sich sein langer Arm um ihre Schulter legte.
„Alles bestens,“ lächelte sie, während sie ihren Arm um seine Taille schlang und sich dabei immer noch nicht daran gewöhnt hatte, dass plötzlich wesentlich weniger von Nick da war, das man festhalten konnte.
„Komm schon, mir kannst du doch nichts vormachen,“ grinste er von oben auf sie herab. „So ein bisschen Eifersucht ist doch da ganz bestimmt vorhanden, hm?“
Maggie seufzte. „Ich dachte, dieses Thema hätten wir gestern Abend schon ausführlich diskutiert,“ gab sie zu bedenken.
„Ich glaub’s dir wohl immer noch nicht,“ gestand er und zuckte mit den Schultern.
Sie hatte mit Nick vergangene Nacht bestimmt zwei Stunden an der Hotelbar gesessen und ihn wieder einmal versucht davon zu überzeugen, dass Alex und sie nur Freunde waren. Er hatte argumentiert, dass es nicht normal sein konnte, dass eine gute Freundin vorbei schaute und dann eine Woche mit Alex das Zimmer und ein Bett teilte, ohne dass da was lief. Sie hatte gekontert, dass er nicht von sich auf andere schließen sollte und dass Alex und sie mit ihrer Art von Beziehung sehr glücklich waren. Doch ganz offensichtlich hätte sie sich diese Unterhaltung auch sparen können. Manchmal war es wirklich frustrierend, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen.
„Du versuchst mir also ganz ehrlich weiß zu machen, dass es für dich vollkommen okay ist, dass Sally jetzt hier her kommt und deinen Platz als Seelentrösterin einnimmt?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich meine ... hey, selbst ich werde ein bisschen nervös bei dem Gedanken, wie sehr er auf sie fixiert ist, ohne eine Ahnung davon zu haben, wer sie wirklich ist.“
„Du kennst ihn doch,“ seufzte Maggie. „Für ihn gibt es keine halben Sachen. Sally hat ihm das Leben gerettet und deshalb ist er ihr dankbar. Und das sollte er schließlich auch sein. Von daher kann ich seine Aufregung sehr gut nachvollziehen.“
„Und ich kenne dich,“ widersprach Nick. „Ich sehe nämlich diese kleine Falte auf deiner Stirn, die mir verrät, dass du ebenfalls etwas skeptisch bist, weil er sich emotional gleich so reinhängt.“
„Selbst wenn dem so ist,“ entgegnete sie „hat das nichts mit meiner Beziehung zu ihm zu tun.“
„Hm,“ machte er unbestimmt und wiegte den Kopf hin und her.
„Lass es einfach Carter. Alex und ich machen das schon ganz richtig. Zerbrich dir also nicht unsere Köpfe.“
„Ich mag euch eben,“ lächelte er. „Da darf ich mir doch wohl noch so meine Gedanken machen.“
„Ja, das darfst du, aber du solltest mir dann auch das glauben, was ich dir sage.“
„Ich arbeite daran,“ versprach er und drückte sie kurz an sich.
„Wie beruhigend,“ schmunzelte sie und löste sich dann von ihm.
So langsam wurde auch sie nervös. Sie hoffte inständig, dass Sally keine weitere Katastrophe darstellte, in die Alex sich Hals über Kopf hineinstürzte. Sie wünschte ihm einfach, dass er mit Sally das große Los gezogen hatte und sie glücklich werden würden.
Ihr Bauchgefühl sagte ihr allerdings etwas ganz anderes und sie benötigte ihre ganze Konzentration um unvoreingenommen und neutral zu bleiben. Nicks Aussagen trugen jedenfalls nicht wirklich dazu bei, sie zu beruhigen.

Kapitel 10