Kapitel 8

Sally ließ das Handy in ihren Schoß sinken, während sie versuchte, ihr Gedanken- und Gefühlschaos irgendwie in den Griff zu bekommen. Immer noch war es für sie wie ein Wunder, dass sie AJ so nahe gekommen war. In den drei Tagen, die sie jetzt bereits im Krankenhaus lag, hatten sie jeden Tag mindestens ein Mal miteinander telefoniert. Alleine seine raue, männliche Stimme in ihrem Ohr zu hören, ließ ihren Herzschlag davon rasen. Zwar fiel es ihr immer noch schwer seine Nummer zu wählen, weil sie Angst hatte, dass er irgendwann genervt von ihr sein könnte, trotzdem hatte sie heute nicht widerstehen können.
Eigentlich hatte sie gehofft, dass Maggie noch nicht angekommen war. Sie wollte ihn nur noch einmal und für ein paar Minuten für sich alleine haben, seiner Stimme lauschen und sich dabei bewusst sein, dass er tatsächlich mit ihr - Sally Manson - sprach und er in ihr nicht nur irgendeinen Fan sah.
Doch schon als er sich meldete hatte sie irgendwie gewusst, dass er nicht mehr alleine war. Er hatte ihr bereits lang und breit von seiner besten Freundin Maggie vorgeschwärmt, ihr versucht zu erklären, wie wichtig diese Frau in seinem Leben war und was genau sie für ihn so unentbehrlich machte. Sie hatte mehr oder weniger schweigend zugehört und dabei versucht die Eifersucht einzudämmen, die wie glühendheiße Lava durch ihre Adern geflossen war.
Sie hatte versucht zu ergründen, ob hinter dieser Freundschaft mehr steckte, doch sie war zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Ihre vorsichtigen Nachfragen in diese Richtung hatte AJ immer mit einem leisen Lachen abgewehrt. Maggie und er seien tatsächlich nur Freunde, auch wenn das die wenigsten in seiner Umgebung glauben wollten. Wenn also schon seine Freunde nicht davon überzeugt waren, dass Maggie und ihn lediglich ein freundschaftliches Verhältnis verband, wie sollte sie das dann können?
Und dann hatte sich diese Maggie auch noch ungefragt in ihr Gespräch eingemischt! In diesem Moment war ein Schmerz wie von einem glühenden Dolch in Sallys Herzen explodiert. Maggie war AJ so unglaublich nahe und diese Vorstellung machte Sally beinahe rasend.
Sie hatte sich vorgestellt, wie die beiden zusammen saßen, sich unterhielten und schließlich die Köpfe dicht zusammen steckten, während sich Sally am anderen Ende der Telefonleitung und damit in einem anderen Universum befand. Sie versuchte diese Bilder zu verdrängen, doch es gelang ihr einfach nicht.
Das schlimmste daran war vielleicht, dass sie genau wusste, wer Maggie war und wie sie aussah. Im Laufe ihres Fan-Daseins hatte sie schließlich unzählige Fotos von den beiden gesehen: Maggie und AJ beim Kaffeetrinken in Malibu, Maggie und AJ beim Shoppen in irgendeinem Klamottenladen, Maggie und AJ beim Verlassen eines Clubs, Maggie und AJ ... immer wieder Maggie und AJ und die Beteuerungen gegenüber der Presse, dass die beiden nur Freunde waren.
Sally sah die rothaarige Frau klar und deutlich vor sich: Sie war im klassischen Sinne hübsch, ihre dichte, rostrote Haarmähne fiel überall sofort auf, sie hatte endlos lange Beine bis zum Hals und ein widerlich sympathisches Lächeln.
Natürlich hatte sie sich bereits ausführlich über Maggie informiert und das war noch nicht einmal wirklich schwierig gewesen. Maggies Beruf brachte es mit sich, dass sie immer wieder im Zusammenhang mit großen Namen aus der Musikszene genannt wurde. Sie hatte sie alle interviewt, pflegte zu einigen der Stars sogar ein freundschaftliches Verhältnis und war damit nach und nach ebenfalls in den Fokus der Paparazzi gerückt. Inzwischen gab es sogar eine kleine Fangemeinde, die Maggie unterstützte und im Internet in unregelmäßigen Abständen darüber berichtete, was im Leben der hervorragenden Journalistin und liebenswerten Frau los war.
Sally kannte Maggies Lebensgeschichte in und auswendig, angefangen bei ihrer Familie, in der so einiges im Argen lag, über das erste Kennenlernen von AJ und Maggie, wie sich ihre Freundschaft im Laufe der Zeit entwickelt hatte und wie ungewöhnlich es war, dass sie mit dem Rest seiner Freunde scheinbar nicht viel zu tun hatte, bis hin zu ihren Schwachpunkten, die zum Einen in dem meist katastrophalen Verlauf ihrer Beziehungen und zum Anderen in ihrem offensichtlichen Widerwillen gegenüber den Pressevertretern lag, obwohl sie ja eigentlich selbst zu ihnen gehörte.
Das schlimmste an dieser ganzen Maggie-AJ-Verbindung war für Sally allerdings die Vertrautheit zwischen den beiden, die in jedem noch so unscharfen Schnappschuss deutlich zu sehen war. AJs Maggie-Lächeln hatte Sally mehr als einmal das Herz gebrochen und gerade jetzt, wo sie ihm so nahe wie noch nie war, wünschte sie sich, dass er sie mit diesen schokoladenbraunen Hundeaugen ansah, dass er ihr dieses unwerfende, sanfte Lächeln schenkte und dass er ihre Hand festhielt, wenn sie gemeinsam unterwegs waren.
Leise seufzend ließ sie sich tiefer in die Kissen sinken, verstaute ihr Handy in der Schublade des Nachttisches und rollte sich dann zu einer Kugel zusammen. Ihre Schulter schmerzte kaum noch, wenn auch die Wunde natürlich noch nicht restlos verheilt war. Als sie die Augen schloss, öffnete sich wie so oft die Tür in ihrem Kopf, die sie hinein in ihre Traumwelt führte. Als sie hindurch trat, erwartete AJ sie bereits auf der anderen Seite. Er saß auf einem roten Sofa, hatte einen Arm auf die Rückenlehne gelegt und streckte nun die andere Hand nach ihr aus.
„Komm her Baby,“ sagte er mit seiner rauen, sexy Stimme.
Mit einem Lächeln griff sie nach seinen angenehm warmen, weichen Fingern, die ihre fest umschlossen und sie neben sich auf das Sofa hinunter zogen.
„Du hast mir gefehlt,“ fuhr er fort und küsste sie gleich darauf zärtlich auf den Mund.
„Du hast mir auch gefehlt,“ murmelte sie mit geschlossenen Augen.
„Wie geht es dir?“ fragte er weiter, während sich sein Arm beruhigend fest um ihre Schulter legte.
„Ganz gut eigentlich,“ murmelte sie mit geschlossenen Augen, während sie ihre Stirn an seine Wange schmiegte.
„Eigentlich?“ hakte er nach.
„Maggie,“ gab sie nur zurück.
„Maggie ist nur eine gute Freundin, das weißt du doch,“ sagte er sanft.
An diesem Punkt beschloss Sally, dass das Gespräch die falsche Richtung eingeschlagen hatte. Also spulte sie ihren Gedankenfilm zurück und setzte noch einmal neu an.
„Wie geht es dir?“ fragte AJ erneut.
„Ganz gut eigentlich.“
„Eigentlich?“
„Maggie,“ entgegnete sie wieder kurz und knapp.
„Wer ist Maggie?“ kam es nun erstaunt von ihm zurück und ein Lächeln huschte über Sallys Gesicht.
„Ach, nicht so wichtig.“
Ja, so war das schon viel besser. Ihre Atemzüge wurden tiefer und regelmäßiger, während sie in ihrem Kopf das Gespräch mit AJ fortsetzte, sich dabei von seiner Präsenz einhüllen ließ und das Gefühl seines Körpers so nahe an ihrem genoss. Gerade als sie im Begriff war endgültig tief und fest einzuschlafen, machte sich ihr Tagtraum allerdings selbstständig.
Plötzlich stand sie wieder in der Lobby des Hotels, sie fühlte ihren hektischen Herzschlag, während sie auf AJ zuging, der gerade seine Unterschrift auf ein Foto kritzelte, das ihm eines der ihn umringenden Mädchen entgegen hielt, und sie sah sein Lächeln, als er sie das erste Mal direkt ansah.
Doch das gute Gefühl dieses Traums verflüchtigte sich augenblicklich, als der Schütze in ihr Blickfeld trat. Ihr Herz machte einen erschrockenen Satz, sie schnappte nach Luft, was sie den Fängen des Schlafes entriss, und mit einem leisen Stöhnen schlug sie ruckartig die Augen auf.
Sie versuchte, ihre hektische Atmung in den Griff zu bekommen und ihren Herzschlag wieder auf ein normales Maß einzupendeln, doch so recht wollte ihr dies nicht gelingen. Immer noch war es für sie unfassbar, dass dieser Typ tatsächlich die Unverfrorenheit besessen hatte, auf AJ mit einer geladenen Waffe anzulegen und abzudrücken. Wie hatte es nur so weit kommen können? Und überhaupt ... wenn sie nicht so schnell reagiert hätte ... sie wollte lieber gar nicht darüber nachdenken.
Sie kniff fest die Augen zusammen und vergrub ihr Gesicht gequält in den Kissen. Sie musste aufhören darüber nachzudenken und ihren Blick nach vorne richten. Dieser Zwischenfall hatte ihr schließlich die Möglichkeit verschafft, ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Sie war AJ dadurch aufgefallen ... nun ja ... vielmehr war sie auf ihn draufgefallen ... sie kicherte leise bei diesem Wortspiel.
Der Anfang war also gemacht und jetzt galt es, diese einmalige Chance auch zu nutzen. Seit Jahren las sie jeden Artikel über ihn, sie hatte sicherlich fast jedes Foto gesehen, dass es im Internet von ihm zu finden gab, sie kannte seine Familiengeschichte, wusste wie er dachte, handelte und fühlte und es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie durch dieses Wissen nicht an ihr Ziel gelangte. Sie liebte ihn nun schon so lange und mit jeder Faser ihres Körpers und wenn sie sich die Telefonate mit ihm ins Gedächtnis rief, war sie sich fast sicher, dass da ebenfalls bereits ein Funke in ihm glomm.
Immerhin, so sagte sie sich immer wieder, hatte sie ihm das Leben gerettet und zudem entsprach sie genau dem Typ Frau, in den er sich bisher immer verliebt hatte, wenn auch diese Beziehungen nie wirklich lange hielten.
Aber sie war nicht dumm und sie brachte die richtige Portion Hingabe, Verständnis und Einfühlungsvermögen mit, so dass er gar nicht anders konnte, als sich in sie zu verlieben. Sie waren für einander geschaffen, so einfach war das, und er würde dies ganz sicher sofort erkennen, wenn sie sich wieder sahen.
Erneut entstanden bunte Bilder vor ihrem geistigen Auge. Sie betrat eine stilvolle, exklusive Hotelsuite in der AJ mit einigen Leuten seiner Crew zusammen saß und sich angeregt unterhielt. Dann fiel sein Blick auf sie und er hielt inne. Sein Gesichtsausdruck wurde abwesend, seine Augen versanken mit einem sanften Funkeln in ihren und ein Lächeln erstrahlte auf seinem Gesicht. Er erhob sich, durchquerte das Zimmer und schloss sie in seine starken, muskulösen Arme.
Über seine Schulter hinweg sah Sally Maggie, deren Gesichtsausdruck beinahe an Verzweiflung grenzte und sie konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Wenn sie erst einmal in AJs Leben getreten war, würde er Maggie ein für alle mal vergessen. Dafür würde sie schon sorgen.

Kapitel 9