Kapitel 6

Wie versprochen landete Maggie McIntire zwei Tage später auf dem Newark Flughafen in New York. Die Backstreet Boys würden hier heute Abend ein Konzert geben und erst am nächsten Mittag mit dem Tourbus weiterziehen, zumindest hatte ihr Alex diese Daten so durchgegeben.
Wie immer stach sie aus der Menge, während sie ihren Koffer hinter sich her zog und das Flughafengebäude durchquerte. Sie fiel nicht wirklich wegen ihrer Größe auf, denn mit einem Meter siebzig war sie weit davon entfernt die Umstehenden zu überragen, vielmehr schienen ihr aufrechter, fester Gang, die Fülle ihres rostroten Haares, das sie ihren irischen Vorfahren zu verdanken hatte, und der unerschrockene Ausdruck in ihren hellgrünen Augen die Blicke der Umstehenden anzuziehen.
Vor dem Terminal der American Airlines winkte sie ein Taxi heran und ließ sich in die Polster sinken, während sie dem Fahrer ihr Ziel nannte. Gleich darauf setzte sich der gelbe Wagen in Bewegung und mit einem feinen Lächeln auf dem Gesicht betrachtete sie die Außenwelt, die langsam an ihr vorbei zog.
Obwohl sie sich wünschte, sie hätte Alex aus einem anderen, weniger beunruhigenden Grund getroffen, freute sie sich doch darauf, ihm gleich wieder gegenüber zu stehen. Seit er mit den Jungs unterwegs war, hatte sie ihn nicht mehr gesehen und auch davor hatte er auf Grund von Proben und Promotion Terminen kaum Zeit für sie gehabt. Sie telefonierten zwar mindestens ein Mal die Woche, doch auch das konnte das Gefühl des Vermissens in ihr nicht wirklich stillen.
Wieder einmal stellte sie fest, wie wichtig er für ihr Leben und ihr Wohlbefinden war. Er war erst drei Wochen weg und es kam ihr schon wie die Ewigkeit vor. Zwar sahen sie sich auch nicht wirklich häufig, wenn er sich zu Hause in L.A. aufhielt, aber alleine der Umstand, dass sie ihn dort in ihrer Nähe wusste, beruhigte sie auf eine schwer zu erklärende Art.
Wenn er dann, wie im Moment, monatelang unterwegs und zumindest räumlich unerreichbar war, stellte dies jedes Mal eine echte Zerreisprobe für sie dar. Sie hatte nicht viele Freunde und zu ihrer Familie jeden Kontakt abgebrochen, somit war Alex so etwas wie ihre Familie geworden. Er war derjenige, mit dem sie Freud, Leid und die Alltäglichkeiten ihres Lebens teilte und umgekehrt war es genau so.
Ihr Lächeln wurde breiter, als sie an ihre erste Begegnung dachte. Damals war sie eine junge, aufstrebende Journalistin gewesen, die wahrscheinlich genau so wenig Ahnung von ihrem Job hatte, wie Alex zu dieser Zeit vom Musikbusiness. Sie trafen bei einem Interview aufeinander, das Maggie wochenlang genauenstens recherchiert hatte und das sich am Ende tatsächlich über beinahe drei Stunden ausdehnte. Sie hatte irgendwie gleich einen Draht zu der gesamten Band gefunden, wenn sie auch heute noch zugeben musste, dass sie sofort auf Alex’ dunkle Augen und seine Reibeisenstimme angesprungen war. Er wirkte schon damals so, als könne er unmöglich in eine Boyband gehören, verkörperte das raue Image eines Rockstars und sollte dieses im Laufe der Jahre auch gehörig ausleben.
Ihre Freundschaft hatte sich langsam entwickelt. Immer mal wieder waren sie sich auf Veranstaltungen, Pressekonferenzen oder Interviewterminen über den Weg gelaufen, bis Alex sie an einem Abend in irgendeiner Stadt, deren Namen ihr inzwischen entfallen war, auf einen Drink in die Hotelbar eingeladen hatte. Sie redeten bis zum frühen Morgen, tauschten Telefonnummern aus und waren ab da unzertrennlich.
In den letzten zehn Jahren hatte ihre Freundschaft so einiges mitgemacht. Alex’ Karriere entwickelte sich rasend schnell und steil nach oben, während er selbst ganz langsam in einen Strudel aus Depressionen, Alkohol- und Drogenproblemen gesogen wurde. Niemand hatte dies wirklich wahr haben wollen, selbst sie nicht, und als er sie eines Nachts anrief um ihr mitzuteilen, dass er sich zu einem Entzug entschlossen hatte und einige Wochen in eine Klinik gehen würde, weinte sie genau so heftig wie er.
Sie selbst hatte ebenfalls an ihrer Karriere gearbeitet, immer wieder Stellen bei kleineren Lokalblättchen und später bei Teenie-Magazinen angenommen, bis sie sich dazu entschloss, nur noch freiberuflich für diverse Musikmagazine zu arbeiten. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt starb ihre Mutter an Krebs.
Mildret McIntire hatte schon immer ihre Gefühle in Bildern ausgedrückt. Sie malte leidenschaftlich und verwirklichte ihren Traum von einer eigenen Galerie. Bis zu ihrem Tod hatte sie es zum Einen geschafft, dass ihr Unternehmen einen ordentlichen Gewinn abwarf und zum Anderen ihr Name in der Künstlerszene einige Bedeutung erlangte. Bis heute konnte Maggie nicht verstehen, wie ihr Vater und ihre beiden Geschwister sich nach dem Tod ihrer Mutter gegenseitig zerfleischten um an ihr Erbe zu gelangen. Mildret McIntires Bilder waren plötzlich heiß begehrt auf dem Markt und keiner in ihrer Familie schien sich wirklich Gedanken darüber zu machen, was ihre Mutter wohl dazu gesagt hätte. Ihnen ging es lediglich darum, ein möglichst großes Stück von dem Kuchen abzubekommen, den ihre Mutter hinterlassen hatte.
Maggie hielt es irgendwann nicht mehr aus. Heimlich packte sie das Lieblingsbild ihrer Mutter – ein Porträt von Maggie im Alter von fünf Jahren – zu unterst in ihren Koffer und verließ bei Nacht und Nebel ihr Heimatdorf, um im großen, geschäftigen, pulsierenden Los Angeles ihr Glück zu versuchen.
Natürlich hatte die Wahl ihres neuen Wohnortes auch etwas damit zu tun, dass sie Alex somit um einiges näher war. Er hatte sie förmlich angefleht, doch in seine Nähe zu ziehen und sie hatte keine Sekunde daran gedacht, ihm zu widersprechen. Nun trennten sie nicht mehr hunderte von Meilen, sondern lediglich fünfzehn und dies verlieh ihrer Freundschaft eine neue Dimension.
Inzwischen kam es ihr manchmal so vor, als hätte es eine Zeit ohne Alex gar nicht gegeben und auch wenn sie wusste, dass hinter ihrem Rücken viel darüber spekuliert wurde, ob zwischen ihnen ein romantisches Verhältnis herrschte, so wusste sie doch genau, dass dem nicht so war. Sie waren Freunde und passten in dieser Konstellation hervorragend zusammen. Eine tiefergehende Beziehung - und darin waren sie sich absolut einig - würde nur alles zerstören, was sie sich so mühsam und über die Jahre hinweg aufgebaut hatten.
In diesem Moment fuhr das Taxi vor dem Grand Plaza vor. Ihr Herz machte augenblicklich einen freudig erregten Satz in ihrer Brust und ihr Gesicht begann zu leuchten. Ein Page öffnete ihr die Tür und ein weiterer kümmerte sich um ihr Gepäck, während sie den Taxifahrer bezahlte. Bereits als sie die prunkvolle Empfangshalle mit den Stuckdecken und den Goldverzierungen betrat, zückte sie ihr Handy und wählte Alex’ Nummer.
„Sag bloß, du bist schon da,“ meldete er sich und sie konnte in seiner Stimme die gleiche, aufgeregte Freude hören, die sich auch in ihrem Magen breit gemacht hatte.
„Na klar. Ich war schon immer von der schnellen Truppe,“ grinste sie und blieb mitten in der riesigen Lobby stehen.
„Cool!“ hörte sie ihn rufen.
Dann ertönte im Hintergrund Nicks Stimme. „Ist Maggie schon da?“
„Ja ist sie,“ antwortete Alex „aber stell dich hinten an.“ Dann wandte er sich ihr wieder zu. „Wir sitzen in der Lounge. Irgendwo rechts vom Empfang aus gesehen. Komm schnell.“
„Ich werde mich bemühen,“ grinste sie, beendete dann das Gespräch um sich dem Pagen zuzuwenden, der mit ihrem Koffer etwas abseits stand und auf sie wartete.
„Würden sie mein Gepäck bitte auf Mister McLeans Zimmer bringen?“ fragte Maggie und kramte eine fünf Dollar Note aus ihrer Handtasche.
„Natürlich,“ nickte der Hotelangestellte sofort, nahm das Trinkgeld entgegen und entfernte sich dann mit ihrem Gepäck Richtung Empfang, während sie sich nach Rechts wandte. Sie lief einen langen Gang entlang, an dessen mit Seidentapete bespannten Wänden riesige Ölgemälde in schweren Rahmen hingen und ihr aus jeder Ecke die Exklusivität des Hotels ins Auge sprang, bog um eine Ecke und entdeckte Alex, der ihr bereits mit ausgreifenden Schritten entgegen kam.
Ihr Grinsen wurde noch breiter und sie musste sich beherrschen, um nicht einfach loszurennen und sich in seine Arme zu werfen. Sie konnte noch feststellen, dass er unglaublich müde aussah, dann versank sie bereits in seiner festen, herzlichen Umarmung.
„Gott, bin ich froh, dass du da bist,“ hörte sie ihn nahe an ihrem Ohr murmeln, während er sie noch etwas fester an sich drückte.
„Ich bin auch froh,“ gab sie zurück, während ihre Hände sanft seinen Rücken streichelten. Jeder Muskel schien zum zerreisen angespannt zu sein und aus seiner Stimme sprach die pure Erschöpfung.
Nur widerwillig wie es schien, ließ er sie schließlich los und schob sie ein Stück von sich.
„Du siehst aus wie das blühende Leben,“ stellte er mit einem Lächeln fest.
„Dafür wirkst du, als würdest du im nächsten Moment umfallen,“ entgegnete sie und streichelte ihm sanft mit der Hand über seine blasse Wange.
„Tja, Schlaf ist im Moment Mangelware,“ nickte er.
„Jetzt bin ich ja da. Ich werde dich also in Zukunft persönlich in den Schlaf singen.“
Er verzog geqäult das Gesicht und sie fingen beide an zu lachen. Maggies gesangliche Qualitäten tendierten gegen Null und das wusste sie genau so gut wie er.
„Willst du den anderen noch Hallo sagen oder darf ich dich gleich in mein Zimmer entführen?“ fragte er dann grinsend.
„Gib mir zehn Minuten. Ich habe die Jungs schon so lange nicht mehr gesehen.“
„In Ordnung. Aber Vorsicht. Nick ist ganz aus dem Häuschen seit er gehört hat, dass du kommst.“
„Hey, mit dem Pimpf werde ich allemal fertig, also mach dir keine Sorgen.“
„Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt,“ grinste Alex, legte ihr eine Hand in den Rücken und dirigierte sie auf die breite Glasfront zu, die die Lounge vom restlichen Hotel trennte.
Sie waren noch nicht ganz durch die geschliffene Glastür getreten, da hörte sie auch schon Nicks ohrenbetäubendes „Maggiiiiiiiiie!“ durch den Raum schallen, was die Menschen in seiner Nähe erschrocken zusammen zucken ließ und die gesamte Aufmerksamkeit des Saals auf sie richtete.
„Ich hab’s dir ja gesagt,“ flüsterte Alex schmunzelnd in ihr Ohr.
Nick sprang so schnell von seinem Stuhl auf, dass er beinahe umgefallen wäre und während er mit großen Schritten auf sie zuhastete, musste sie anerkennend feststellen, dass er sich seit ihrem letzten Treffen zu seinem Vorteil verändert hatte. Er hatte sicherlich fast fünfzehn Kilo an Gewicht verloren, sein Gesicht war kantiger und damit erwachsener geworden, doch sein jungendliches Grinsen hatte er Gott sei Dank nicht verloren.
„Hallo Großer,“ begrüßte sie ihn, stellte sich unwillkürlich auf die Zehenspitzen und ließ sich bereitwillig in eine feste Umarmung ziehen.
„Mann ist das schön dich zu sehen,“ lachte er, ließ sie los und betrachtete sie eingehend von oben bis unten. „Immer noch so hübsch wie eh und je,“ kommentierte er dann.
„Und du? Wo ist denn bitteschön der Rest von dir hingekommen,“ grinste sie und zwickte ihn leicht in die Seite, wo sich früher kleine Speckröllchen befunden hatten und die nun von angenehm fester Muskelmasse ersetzt worden waren.
„Beim Boxen im Galopp verloren,“ grinste er breit. „Gut, oder?“
Damit reckte er das Kinn nach vorne, zog den Bauch ein und straffte die Schultern, bevor er sich theatralisch von einer Seite auf die andere drehte.
„Toll!“ nickte Maggie ehrlich begeistert. „Wirklich Nick, ich bin stolz auf dich.“
„Danke,“ lächelte er und strich sich verlegen über seinen blonden Haarschopf.
„Bist du jetzt endlich fertig?“ meldete sich Brian in Nicks Rücken zu Wort, wartete allerdings keine Antwort ab, sondern schob Nick einfach zur Seite und umarmte Maggie fest. „Ist wirklich schön dich wieder zu sehen Maggie,“ hörte sie ihn sagen.
„Frag mich erst mal. Wie lange ist das jetzt her? Zwei Jahre?“
„Fast drei,“ nickte Brian, während er sie los ließ.
Hinter ihm war Howie aufgetaucht, der nun galant nach ihrer Hand griff, einen Kuß darauf hauchte und sie dann an sich zog.
„Cara Mia,“ murmelte er. „Wenn du mich fragst, waren das mindestens drei Jahre zu viel.“
„Da bin ich ganz deiner Meinung,“ nickte sie, streichelte ihm kurz über den Rücken und löste sich dann von ihm.
Unwillkürlich suchten ihre Augen den Raum nach dem fünften Backstreet Boy ab, bis ihr aufging, dass Kevin nicht hier war. Er hatte vor einiger Zeit die Band verlassen, um eine Familie zu gründen und sich anderen Dingen zu widmen und so sehr sie ihm sein persönliches Glück auch gönnte, so sehr vermisste sie ihn jetzt.
„Ich weiß, ist komisch, dass er nicht hier ist, oder?“ hörte sie Alex neben sich sagen.
„Ja, wirklich sehr seltsam,“ bestätigte sie, während sie ihm einen liebevollen Blick schenkte.
„Auf der Bühne ist es noch schlimmer,“ nickte Nick und sie wunderte sich nicht wirklich darüber, dass jeder hier sofort zu wissen schien, was ihr durch den Kopf ging.
„Aber es geht ihm gut,“ beeilte Brian sich zu sagen. „Ich habe erst gestern mit ihm telefoniert und er will uns auf jeden Fall im Laufe der Tour besuchen kommen.“
„Ja,“ nickte Alex. „Er meinte, er müsse sich mit eigenen Augen überzeugen, dass an mir noch alles dran ist.“
„Warum ruft er mich eigentlich nicht an?“ beschwerte sich Nick sofort.
„Wahrscheinlich hat er für den Rest seines Lebens genug von dir,“ kicherte Howie, was Nick dazu veranlasste, leicht erschrocken die Augen aufzureißen.
„Glaub ihnen kein Wort,“ kam ihm Maggie zu Hilfe. „Er ist bestimmt schwer mit seinem Sohn beschäftigt. Ruf ihn doch einfach an. Er freut sich bestimmt.“
„Das mache ich,“ nickte er und lächelte dabei dankbar in ihre Richtung.
„Jungs, ich werde euch Mag dann mal entführen. Wir sehen uns später,“ verkündete Alex schließlich, fasste nach ihrer Hand und ließ ihr gerade noch genug Zeit sich mit einem kurzen Winken bei den Jungs zu verabschieden, bevor er sie aus der Lounge hinaus und zu den Fahrstühlen zog.
„Du hast es aber eilig,“ grinste Maggie.
„Ich bin eben egoistisch, daran hat sich nichts geändert,“ grinste Alex zurück.
„Na, wenigstens ist bei dir noch alles beim Alten,“ stellte sie fest, während sich die Fahrstuhltüren hinter ihnen schlossen, Alex ihr einen Arm um die Taille legte und sie fest an sich zog.
Wenn sie ehrlich war, war sie ebenfalls ganz versessen darauf mit ihm alleine zu sein und sich persönlich ein Bild davon zu machen, wie es ihm ging und ob er den Anschlag inzwischen verdaut hatte.
Und gegen seine Nähe hatte sie auch nichts einzuwenden.

Kapitel 7