Kapitel 5
Während der Morgen langsam heraufzog, lag Alex in seinem Hotelbett und starrte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke. Er war nach dem Besuch bei Sally todmüde ins Bett gefallen, doch an Schlaf war nicht zu denken. Immer wenn er die Augen schloss, standen ihm die Bilder des Anschlags überdeutlich vor Augen. Jedes Mal war ihm, als fühle er wie die Kugel seinen Brustkorb durchschlug und seine Atmung aussetzte. Immer wieder war er aus einem leichten Schlaf in die Höhe geschreckt, schweißgebadet und mit wummerndem Herzschlag.
Irgendwann hatte er es aufgegeben. Lieber wach und müde, als schlafen und dabei Todesängste ausstehen. Also hatte er sich die Kopfhörer seines iPods auf die Ohren gesetzt und versucht, sich mit Musik abzulenken. Doch auch das hatte diesmal nicht wirklich funktionierte.
Jetzt lag er seit einer halben Stunde in der tonnenschweren Stille seines Zimmers und spürte, wie die Panik langsam aber sicher von ihm Besitz ergriff. Das Bedürfnis nach einem Drink wurde in ihm beinahe übermächtig und er fühlte bereits, wie seine Hände anfingen zu zittern und ihm Schweißperlen auf die Stirn traten.
Abrupt richtete er sich in seinem Bett auf, tastete im Halbdunkeln nach seinem Handy auf dem Nachtisch und schaltete es ohne weiter darüber nachzudenken ein. Ein Feuerwerk der verschiedensten Piepstöne empfing ihn, während ihm das Display verkündete, dass er ganze zwanzig Anrufe und ebenso viele Kurzmitteilungen verpasst hatte. Doch auch darum kümmerte er sich nicht weiter. Sein Daumen hätte die Kurzwahltaste wahrscheinlich noch im Schlaf gefunden und gleich darauf drückte er sich das kleine Telefon ans Ohr, während am anderen Ende der Leitung das Freizeichen ertönte.
Sie würde bestimmt noch schlafen, aber Maggie war schon immer zu den unmöglichsten Uhrzeiten für ihn da gewesen. Nicht umsonst war sie seine beste Freundin und wahrscheinlich der einzige Mensch, der ihn durch und durch kannte.
Es knackte in der Leitung und gleich darauf hörte er ihre verschlafene, vertraute Stimme. Wird aber auch Zeit, dass du dich endlich meldest.
Hey Mag, begrüßte er sie und fühlte ein Lächeln auf seinem Gesicht erstrahlen.
Ebenfalls Hey. Erschlägst du mich, wenn ich dich frage, wie es dir geht?
Du bist zu weit weg, ansonsten würde ich mir das vielleicht überlegen, schmunzelte er.
Na wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren, hörte er sie murmeln, dann verriet ihm das Rascheln der Laken, dass sie sich aus dem Bett schob.
Er sah sie vor sich, wie sie in einem alten, weißen T-Shirt und mit Wollsocken an den Füßen in die Küche schlich, sich dabei ihre feuerrote Mähne aus dem Gesicht strich und erst einmal eine Kanne Kaffee aufsetzte - ihr Heilmittel für alles.
Wie läuft es so zu Hause? wollte er wissen, während er sich wieder zurück in seine zerwühlten Kissen sinken ließ.
Ach, wie L.A. eben so ist. Laut, hektisch und unangenehm. Und unglaublich einsam ohne dich.
Ja, ich vermisse dich auch.
Tja, nicht mehr lange.
Was soll das denn heißen?
Ich habe mit deiner Mom gesprochen, entgegnete sie in einem Tonfall, als würde dies alles erklären und in ihrem Fall tat es das tatsächlich.
Sie schickt also die Kavallerie? fragte er trotzdem nach.
Wovon du ausgehen kannst. Sie hat mich erst vom Haken gelassen, als ich ihr hoch und heilig und bestimmt fünf Mal geschworen habe, dass ich mich in den nächsten Flieger setze.
Das tut mir leid, sagte er ehrlich zerknirscht.
Wieso? So komme ich in den Genuss, dich mal wieder in meine Arme zu schließen und noch dazu habe ich eine gute Ausrede dafür, gab sie schmunzelnd zurück, während das Gluckern im Hintergrund ihm verriet, dass ihre erste Tasse Kaffee fast durchgelaufen war.
Trotzdem. Du hattest doch sicherlich schon andere Pläne, entgegnete er, wohl wissend, dass sie auch ohne die Einmischung seiner Mutter zu ihm gekommen wäre. Maggie überließ sein Seelenheil ungern einer anderen Person.
Du meinst so etwas wie Putzwoche oder Kleiderschrankausmisten? fragte sie nach und er konnte ihr breites Grinsen dabei beinahe vor sich sehen.
Nein, ich meinte eher so etwas wie einen neuen Auftrag, Recherchen für einen Artikel oder Besprechungen mit irgendeinem Redakteur, gab er also zurück.
Kein neuer Auftrag, kein Redakteur. Leider. Aber selbst das hätte mich nicht zurück gehalten und das weißt du. Immerhin wurde auf dich geschossen! Ich darf gar nicht näher darüber nachdenken.
Er hörte, wie ein Stuhl über den Fliesenboden in der Küche gezogen wurde und gleich darauf, wie Maggie lange und anhaltend in den Hörer blies.
Wie ist der Kaffee? fragte er grinsend, während er sie schlucken hörte.
Heiß und stark. Genau das was ich brauche, wenn mich mein bester Freund morgens um fünf anruft, schmunzelte sie.
Hm.
Okay ... muß ich nachbohren oder erzählst du mir freiwillig was passiert ist und wie du dich fühlst? kam sie dann zum eigentlichen Kern.
Habe ich eine Wahl?
Nein.
Dachte ich mir.
Ehrlich Alex. Stell dir doch mal vor, jemand hätte auf mich geschossen. Du würdest schon längst auf meinem Schoß hocken und jede Kleinigkeit aus mir herausschmusen.
Oh jaaaa, herausschmusen klingt gut, grinste er, wohl wissend, dass er sich immer noch vor einer Antwort drückte.
Spätestens übermorgen bin ich da und dann kannst du mir nicht mehr ausweichen. Also überleg es dir, sagte sie und er konnte die Besorgnis, die sie durch ihre flapsige Art versuchte vor ihm zu verbergen, beinahe körperlich spüren.
Es geht mir nicht so besonders, gab er also schließlich zu und schloss für einen Moment gequält die Augen.
Verständlich, kommentierte sie und schwieg dann wieder.
Dieser Typ ... ich ... was hast du eigentlich schon mitgekriegt?
Nur das, was deine Mom mir mit ihren aufgeregten, unzusammenhängenden Sätzen versucht hat mitzuteilen, entgegnete sie.
Also gut, dann von vorne, seufzte er. Als ich mit Marcus runter in die Lobby gefahren bin, war noch alles in Ordnung. Du weißt ja, der Anfang einer Tour, irgendwie ist alles noch neu und aufregend und ich fühlte mich prima.
Verstehe.
Als wir unten ankamen, war schon einiges los. Ein paar Mädels, das Übliche eben. Ich ... ich habe ihn gesehen. Also ... schon vorher. Ich ... irgendwie ... er ... also ... , er seufzte, schüttelte den Kopf und atmete einmal tief durch. Im Moment drückte er sich wahrscheinlich auch nicht viel deutlicher aus als seine Mutter. Maggie wartete geduldig, bis er sich wieder einigermaßen gesammelt hatte, dann setzte er neu an.
Er hat sich vom hinteren Teil der Lobby genähert. Ich habe ihn gesehen, frag mich nicht wieso er mir aufgefallen ist.
Hat er sich irgendwie seltsam verhalten?
Nein, das war es nicht. Es war eher ... wie ... hm ... als hätte mein sechster Sinn ziemlich nachdrücklich auf ihn reagiert.
Okay.
Jedenfalls ... ich wurde dann abgelenkt.
Von einem Mädchen, vermute ich, hörte er sie sagen. Groß, dunkelhaarig und mit einem Lächeln zum Dahinschmelzen.
Woher weißt du das? scherzte er, doch sie ging nicht darauf ein. Sie heißt Sally, fuhr er also fort. Wir haben uns kurz unterhalten und dann hat sie ... , er verstummte, weil die Szene ihm wieder deutlich vor Augen stand.
Sallys Warnung, der Schuß, das Chaos, das viele Blut.
Sie hat ihn zu erst gesehen und versucht mich zu warnen. Dann hat sie sich auf mich geworfen und wir sind gemeinsam zu Boden gegangen. Ich sage dir ... noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Angst.
Nicht einmal, als du dir die Überdosis rein gezogen hast? fragte sie. Nur Maggie konnte ihn solche Dinge fragen, ohne dass er sich dabei unwohl fühlte.
Nicht einmal da. Ich dachte für einen Moment wirklich ... also ... zumindest glaube ich das ... ich dachte tatsächlich, ich müsse jetzt sterben.
Nachdem er schwieg, hakte sie schließlich vorsichtig nach. Und dann?
Sally ... sie ... wurde getroffen. Verstehst du? Er hat nicht mich sondern sie erwischt. Da war so unglaublich viel Blut und sie ... sie sah aus ... wie eine Leiche.
Mein Gott, hauchte Maggie in den Hörer und er fühlte sich schlecht, weil er ihr noch im Nachhinein einen solchen Schrecken einjagte.
Aber es geht ihr gut, beeilte er sich deshalb zu sagen. Ich habe sie gestern Abend im Krankenhaus besucht. Sie ist zwar geschwächt, aber sie wird wieder ganz gesund.
Das hört sich gut an, seufzte Maggie erleichtert.
Ja, das tut es, pflichtete er ihr bei.
Für einen Moment schwiegen sie, dann meldete sie sich wieder zu Wort. Und nun? Wie fühlst du dich jetzt?
Nicht so gut, gab er zu. Irgendwie ... es verfolgt mich. Ich sehe dauernd vor mir, wie der Typ seine Waffe zieht und diesmal trifft er nicht Sally sondern mich. Ich war dem Tod vielleicht noch nie so nahe wie gestern und auch wenn ich vielleicht früher eine gewisse Todessehnsucht verspürt habe, so ist das heute ganz bestimmt kein Thema mehr.
Das wäre ja auch noch schöner, entgegnete Maggie schnaubend.
Ich werde einfach die Bilder nicht los, verstehst du? Wenn ich die Augen zu mache, übermannt mich die Angst. Ich ... , er schluckte schwer. Wie immer wenn er mit Maggie sprach und die Gefühle, die bisher undefiniert in ihm wüteten in Worte fasste, schienen sie ihm für einen Augenblick um ein hundertfaches verstärkt.
Das kann ich gut verstehen, hörte er sie sagen und die Sanftheit in ihrer Stimme schien ihn einzuhüllen wie eine warme, weiche Wolldecke. Es ist doch ganz normal Angst zu haben. Gerade nachdem was du erlebt hast. Aber ich verspreche dir, dass sich das wieder legen wird. Versuche, an etwas Schönes zu denken. Lass nicht zu, dass der Mistkerl dich noch einmal trifft.
Das ist leichter gesagt als getan, murmelte er leise.
Ich weiß. Ich bin bald bei dir und dann werde ich dich beschützen. Versprochen.
Ja, seufzte er und spürte das Lächeln auf seinen Lippen.
Und sonst? Schuldgefühle wegen Sally?
Mehr als genug, pflichtete er ihr bei und wunderte sich nicht wirklich darüber, dass sie seine geheimsten Gedanken erriet.
Muß ich dazu etwas sagen?
Eigentlich nicht. Aber du könntest es trotzdem versuchen, gestand er.
Uhm ... du bist der Meinung, dass, wenn die Kugel schon jemanden treffen sollte und sie war ja nun wohl offensichtlich für dich bestimmt niemanden anderen verletzten sollte. Aber dies ist nun einmal passiert. Du hast gesagt, sie wird wieder gesund und selbst wenn dem nicht so wäre, so hat sie sich doch absolut freiwillig in die Schussbahn geworfen. Ich kann verstehen, dass sie dir leit tut und dass du dich schuldig fühlst, aber du kannst überhaupt nichts dafür. Du hast schließlich nicht zu dem Typ gesagt hier schieß auf mich, da steh ich darauf und hast sie dann als Schutzschild missbraucht.
Trotzdem. Sie ist vollkommen unschuldig, tritt auf mich zu weil sie ein Autogramm und ein Foto von mir will, und landet stattdessen in der Notaufnahme und im OP. Das ist nicht fair.
Natürlich ist das nicht fair, aber du kannst nun mal leider nichts dafür.
Leider? hakte er mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen nach.
Na, es ist ja nun ein offenes Geheimnis, dass du dir ganz gerne mal das Leid der gesamten Welt auf die Schultern lädst, aber diesmal, tut mir ja leid dir das sagen zu müssen, diesmal gibt es dafür überhaupt keinen Grund.
Beruhigend, sagte er ironisch.
Im Ernst Alex. Du kannst ihr dankbar sein. Du kannst sie deshalb auch mit Liebe und Geschenken überschütten. Aber fühle dich nicht schuldig. Dazu hast du keinen Grund. Schuld ist dieser Wichser und ich schwöre dir, wenn ich die Gelegenheit bekommen sollte, mit ihm alleine in einem Schall geschützten Raum zu landen, kann sich dieser Kerl warm anziehen.
Das möchte ich sehen, schmunzelte er.
Du darfst dir aussuchen, was ich als Trophäe mitbringen soll. Kopf oder Kronjuwelen?
Gegen seinen Willen musste er lachen und es fühlte sich dermaßen gut an, dass er am liebsten durch den Hörer gekrochen wäre, um sie in den Arm zu nehmen.
Ich liebe dich, weißt du das? sagte er leise, nachdem er sich beruhigt hatte.
Ich weiß. Ich liebe dich auch. Und genau aus diesem Grund hätte dieser Wichser keinerlei Gnade zu erwarten.
Sieht also nicht gut für ihn aus.
Nein, ganz im Gegenteil, hörte er sie schmunzeln. Und diese Sally? Sie ist also wirklich so hübsch und ekelerregend nett, wie deine letzten Freundinnen?
So in etwa, grinste er.
Es war ein offenes Geheimnis, dass Maggie meistens etwas gegen die Mädchen einzuwenden hatte, mit denen er sich traf. Leider hatte sie bisher in jedem einzelnen Fall Recht behalten, was es nicht wirklich besser machte. Immerhin war er sich sicher, sollte er mit einer Frau ankommen, die Maggie uneingeschränkt in ihr Herz schloss, er diese ganz sicher heiraten würde, weil sie perfekt für ihn war.
Das bedeutet wohl, dass ich sie kennen lernen werde, was? fuhr sie fort.
Ich habe sie zumindest eingeladen, wenn es ihr wieder besser geht.
Na, dann bin ich ja mal gespannt auf die Heldin, die meinem besten Freund das Leben gerettet hat. So ganz verkehrt kann sie zumindest nicht sein.
Sollte tatsächlich eines meiner Dates deine Billigung finden? Daran glaube ich ja erst, wenn ich es gesehen habe, scherzte er.
Sie scheint auf jeden Fall schon mal die richtige Portion Hingabe mitzubringen, schmunzelte Maggie.
Das wäre schön. Ich träume nämlich immer noch davon, dass wir irgendwann zu viert als Nachbarn nebeneinander wohnen und unsere Kinder später heiraten.
Bevor das passiert, brauche ich erst einmal einen Mann, der es mit mir aushält, stellte sie lakonisch fest.
Das dürfte zu machen sein. ICH halte es jetzt immerhin schon fast zehn Jahre mit dir aus.
Ja, aber wir wohnen nicht zusammen und wir führen auch keine Beziehung. Wahrscheinlich würdest selbst du an mir verzweifeln.
Ach, du hast bisher einfach noch nicht den Richtigen getroffen.
Ich befürchte den Richtigen gibt es für mich sowieso nicht. Ich werde mich also irgendwann mit zweitklassigem zufrieden geben, nur weil meine biologische Uhr so laut tickt, dass ich sie nicht mehr überhören kann.
Warte es ab.
Nichts anderes tue ich die letzten Jahre, hörte er sie kichern und sein Grinsen hätte das gesamte Zimmer erhellen können.
Sie schwiegen wieder eine Weile, während er hörte, wie sie ihre Tasse in die Spülmaschine räumte und dann einen Wasserhahn aufdrehte.
Was tust du? fragte er nach und kuschelte sich noch etwas tiefer in die Kissen. Seine Lider wurden schwer und er rollte sich auf der Seite zusammen.
Isch putsche mir die Schäne, kam es undeutlich zurück.
Oh cool. Und danach duschen? Ich wollte schon immer mal wissen, wie du dich nackt anhörst.
Auch nischt andersch alsch jetscht, nuschelte sie.
Hm, murmelte er und spürte, wie er langsam davon driftete.
Für eine Weile blieb es still, seine Atmung wurde tief und regelmäßig, während sich eine ungeheure Ruhe in ihm ausbreitete.
Schlaf gut Baby, hörte er ihre leise Stimme von weit her, dann rutschte seine Hand, die das Telefon bisher fest umklammert hatte, auf das Kissen zurück und lediglich sein langsames Atmen durchdrang die Stille im Zimmer.