Kapitel 4

Als Sally Manson das nächste Mal erwachte, sickerte bereits das erste graue Licht des neuen Tages durch die Jalousien. Verwirrte drei Sekunden lang fragte sie sich, wo sie sich eigentlich befand und wie sie hierher gekommen war, dann stürzten die Erinnerungen an die Geschehnisse des vergangenen Tages mit geballter Macht auf sie ein. Erschrocken schnappte sie nach Luft, während ihr Herzschlag zu rasen begann und sie sich automatisch auf den Rücken drehte.
Keine gute Idee.
Der Schmerz, der sich sofort glühendheiß in ihren Rücken fraß, war kaum zu ertragen und verebbte erst dann zu einem leichten Pochen, nachdem sie sich unter einiger Anstrengung wieder zurück auf die Seite gerollt und ein paar mal tief durchgeatmet hatte. Ihr Becken protestierte nun gegen das zu lange Liegen auf einem Fleck und ihr linker Arm kribbelte von dem Blutschwall, der kurzzeitig wieder in ihm zirkuliert war, bevor sie sich wieder auf die Seite drehte.
Sie schloss die Augen und versuchte nicht an die Schmerzen zu denken, während AJs Gesicht vor ihrem geistigen Auge auftauchte. Schon immer war er ihr Rettungsanker gewesen, der Geist in ihrem Kopf, der immer für sie da war, sie liebte, beschützte, unterstützte und auch dann noch zu ihr hielt, wenn alles andere um sie herum zusammen brach.
Sie hatte sich im Laufe der Jahre eine eigene Welt erschaffen, in die sie flüchtete, wenn ihr die Realität zu nahe rückte und dabei ihre messerscharfen Reißzähne zeigte. Demütigungen, Schwierigkeiten, Probleme und der Schmerz prallten daran ab, wie an einer undurchdringlichen, hohen Mauer. Immer öfter und beinahe unbewusst war sie in diese Welt in ihrem Kopf geflüchtet, hatte sich dort in AJs Arme geworfen und von ihm trösten lassen.
Mittlerweile brauchte sie noch nicht einmal mehr die Augen dafür zu schließen. Sie wandte einfach ihren Blick nach innen, blendete alles andere um sich herum aus und trat durch die Tür, die sie zwar noch lose mit der Realität verband, die aber in diesem Moment nur noch eine untergeordnete Rolle spielte.
Von außen betrachtet sah man ihr wahrscheinlich noch nicht einmal an, dass sie sich gerade in einem anderen Universum befand. Sie verrichtete ihre alltäglichen Aufgaben, konnte sich mit ihren Mitmenschen bis zu einem gewissen Grad sogar unterhalten, fuhr aber ihre Wahrnehmung in diesem Moment auf ein Minimum herunter.
In diesem Moment schob sich ein weiters Bild in ihre Gedanken: AJ saß an ihrem Bett, streichelte ihre Finger und redete mit ihr. War dies tatsächlich passiert? Oder hatte ihre Kopfwelt automatisch auf die Schießerei und ihre Verletzung reagiert und sie ungefragt mit diesen Bilden beschützt?
In diesem Moment öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und eine Schwester kam herein. Sie war recht klein und stämmig, eine Flut von kleinen, roten Löckchen kringelte sich um ihr Gesicht und ihre Augen strahlten freundlich und erstaunlich wach in dem runden Gesicht.
„Guten Morgen,“ grüßte sie mit einem breiten Lächeln, stellte ein Tablett mit Verbandsmaterial und seltsam aussehenden Instrumenten auf Sallys Nachtschrank ab und zog dann die Jalousien in die Höhe. Es wurde dadurch nur unmerklich heller im Zimmer, so dass die Schwester auch noch die Deckenbeleuchtung einschaltete und dann wieder zu ihr ans Bett trat.
„Wie fühlen sie sich?“ fragte sie, während sie nach Sallys Handgelenk griff und mit einem Blick auf ihre Armbanduhr den Puls zu messen begann.
„Geht so,“ murmelte Sally, der das Sprechen noch sehr schwer fiel. Irgendwie wollten ihre Lippen nicht so, wie sie wollte.
„Das kann ich verstehen. Aber machen sie sich keine Sorgen. Sie hatten Glück. Ein sauberer Steckschuss, weder Knochen noch Organe oder Muskeln wurden verletzt. So etwas heilt schnell.“
„Hoffentlich,“ lächelte Sally schwach, während die Schwester ihren Arm wieder auf die Bettdecke sinken ließ.
„Der Blutverlust hat uns größere Sorgen bereitet, aber auch das haben wir inzwischen im Griff,“ erklärte die Schwester weiter, während sie Sallys Decke zurück schlug. „Ich werde sie jetzt auf den Bauch drehen, damit ich ihren Verband wechseln kann, in Ordnung?“
„Das wäre toll. Mein Arm ist schon eingeschlafen,“ nickte Sally erleichtert.
Gemeinsam schafften sie es, Sally unter einiger Anstrengung und unter Ächzen und Stöhnen herum zu drehen. Erleichtert schmiegte sie ihre Wange gleich darauf in die weichen Kissen, während sie spürte, wie die Schwester auf ihrem Rücken den Verband entfernte und die Wunde reinigte. Entgegen ihren Befürchtungen tat dies nicht einmal wirklich weh.
„Ich hätte da mal eine Frage,“ murmelte Sally, während die Schwester eine Schere klappernd auf das Metalltablett zurücklegte.
„Ja?“
„Kann es sein, dass AJ ... ich meine ... Mister McLean ... gestern Abend hier war? Ich meine mich daran erinnern zu können, aber ... nun ja ... ich bin mir nicht ganz sicher.“
„Oh ja, er war hier,“ entgegnete die Schwester und ein leises Schmunzeln schwang in ihrer Stimme mit. „Ich hatte zwar keinen Dienst, aber meine Kollegin hat mir heute beim Schichtwechsel alles brühwarm erzählt. Sie war mächtig beeindruckt.“
Ein ungeheures Glücksgefühl raste augenblicklich durch Sallys Körper, bevor sie gequält die Zähne aufeinander biss, da das Desinfizieren ihrer Wunde wie Feuer brannte.
„Er sieht toll aus, oder?“ redete die Schwester ungerührt weiter.
„Ja, das tut er,“ stimmte Sally ihr zu, während ihr Herz so heftig in ihrer Brust schlug, dass sie meinte, die Schwester müsse es hören können.
„Was ist da eigentlich genau passiert?“ wollte die Schwester weiter wissen, während sie ein letztes Stück Klebeband auf das neue Stück Müll heftete, ihre Arbeit damit beendete und einen Schritt zurück trat, damit sie Sally direkt ansehen konnte.
Sally schluckte hart und versuchte durch das Schließen ihrer Augen dem neugierigen Blick der Schwester zu entkommen. „Irgendein Typ hat auf AJ geschossen. Ich ... ich hab in diesem Moment ... nicht weiter darüber nachgedacht und bin dazwischen gegangen. Schön blöd, was?“
„Überhaupt nicht blöd,“ korrigierte die Schwester, bevor sie Sally dabei half sich aufzusetzen, aufzustehen und mit wackeligen Beinen hinüber zu dem Tisch in der Zimmerecke zu schlurfen. Den Ständer mit dem Infusionsbeutel schob sie dabei hinter ihr her.
Als Sally sich schwer auf einen der beiden Stühle sinken ließ, drehte sich alles vor ihren Augen, ihr Puls raste und ihr standen kleine Schweißperlen auf der Stirn. Trotzdem fühlte es sich ungeheuer gut an, dem Bett entkommen zu sein.
Die Schwester plapperte nun munter weiter, während sie das Bettzeug aufschüttelte und das Laken darunter glatt strich. „Ich finde es ungeheuer heldenhaft was sie getan haben. Wahrscheinlich haben sie dem Mann sogar das Leben gerettet. Sie können also auf jeden Fall stolz auf sich sein.“
„Vielen Dank, aber so eine großartige Leistung war das nun auch nicht,“ wehrte Sally ab, obwohl ihr durchaus bewusst war, wie groß ihr Verdienst wirklich war.
Er war hier. Bei mir. Dachte sie und fühlte ein aufgeregtes Prickeln durch ihren gesamten Körper rasen.
„Nicht so bescheiden wenn ich bitten darf,“ grinste die Schwester und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich kenne jedenfalls keinen, der sich so selbstlos verhalten hätte.“
„Wie gesagt, das war keine bewusste Entscheidung,“ bekräftigte Sally noch einmal.
Während sie der Schwester dabei zu sah, wie sie ihr Bett machte und ihre Instrumente auf dem Tablett sortierte, wirbelten die Bilder des vergangenen Tages vor ihrem geistigen Auge. Die Lobby, die anderen Fans, AJ, wie er mit diesem umwerfenden Lächeln die Treppe herunter kam und das Gefühl seiner Hand in ihrer, als sie sich begrüßten. Ihr Herzschlag raste immer noch bei dem Gedanken daran, wie nahe sie ihm gewesen war und dass er sie gestern Nacht tatsächlich besucht, sich mit ihr unterhalten und sie gestreichelt hatte. Als sei die Welt in ihrem Kopf plötzlich zur Realität geworden.
Dann tauchte das Bild des Schützen ungefragt in ihren Gedanken auf. Das aufgeregte, freudige Kribbeln in ihrem Magen verschwand schlagartig und wurde von einer ungeheuren Wut ersetzt, die in ihr hoch kroch und rasend schnell von jeder Faser ihres Körpers Besitz ergriff, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Der Rand ihres Gesichtsfeldes begann alarmierend zu flimmern, sie ballte die Hände in ihrem Schoß und merkte noch nicht einmal, wie sich die Nadel der Kanüle dabei tief in ihr Fleisch bohrte.
„Ist ihnen nicht gut?“ fragte die Schwester sofort besorgt und kam mit schnellen Schritten auf sie zu.
„Nein, nein, geht schon,“ wehrte Sally ab, die sich nur mühsam beherrschen konnte. Am liebsten hätte sie vor Wut und Frustration laut geschrieen.
Er hatte sie tatsächlich angeschossen! Was für ein Mistkerl, verdammt noch mal!

Kapitel 5