Kapitel 3

Alex saß im Warteraum des Krankenhauses auf einer mit kratzigem Polyester bezogenen Bank und wartete darauf, dass man ihn zu Sally brachte. Es war bereits spät, hinter den Scheiben der drei Fenster herrschte finstere Nacht, während das erbarmungslose Licht einiger Neonröhren den Warteraum in gleißende Helligkeit tauchte.
Er hatte darauf bestanden, dass ihn lediglich Marcus begleitete und nach einigen Protesten und hitzigen Diskussionen hatte man seinem Wunsch schließlich stattgegeben.
Überhaupt war dieser Tag ein einziger Kampf gewesen.
Nachdem die Polizisten sich verabschiedet hatten, bestand Johnny darauf, dass er sich von einem Arzt gründlich untersuchen ließ, obwohl er dies für absolut unnötig hielt. Er hatte eine Beule am Kopf und sein Rücken tat ihm weh, nichts Schlimmes also.
Diesen Verdacht bestätigte eine Stunde später auch der Doktor, den man vom hiesigen Krankenhaus in das Hotel beordert hatte. Er ermahnte Alex lediglich, auf Anzeichen für eine Gehirnerschütterung wie Schwindel, Übelkeit und Gleichgewichtsstörungen zu achten und diagnostizierte ansonsten eine Prellung des Steißbeins, was eine Verspannung der gesamten Rückenmuskulatur nach sich zog.
Eigentlich hatte Alex gedacht, dass damit seiner Teilnahme an dem heutigen Konzert nichts im Wege stand, doch Johnny hatte auch hier seine Bedenken geäußert. Er war der Meinung, dass man lieber eine Show absagen sollte anstatt zu riskieren, dass Alex sich übernahm und vielleicht länger ausfiel. Gemeinsam mit Nick, Brian und Howie hatte er ihn schließlich davon überzeugen können, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging und er unbedingt auf die Bühne wollte.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt schaltete er sein Handy aus, weil es ohne Unterlass klingelte. Inzwischen waren die ersten Sondermeldungen über den Attentatsversuch auf eine berühmte Persönlichkeit durch die Medien gegeistert und jeder der ihn kannte, oder auch nur zufällig Alex’ Telefonnummer in seinem Speicher fand, schien sich bemüßigt zu fühlen ihn anzurufen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Die Fahrt zur Konzerthalle gestaltete sich ebenfalls schwierig. Schon lange hatte er nicht mehr so viele Journalisten auf einem Haufen gesehen. In weiser Voraussicht waren sie direkt von seinem Hotelzimmer mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage hinunter gefahren, um möglichst unbemerkt das Gebäude verlassen zu können. Alex musste außerdem zugeben, dass der Anblick der Lobby wahrscheinlich seine mühsam aufgebaute, äußerliche Gelassenheit gehörig ins Wanken gebracht hätte und war somit doppelt froh, dass die Crew diesen einfacheren Weg gewählt hatte.
Kaum tauchten ihre Wagen allerdings aus der Tiefgarage auf, heftete sich ein Meer aus aufgeregten Reportern und unübersehbar aufgewühlten Fans an ihre Fersen. Wie der Rattenfänger zogen sie eine Kolonne von Autos, Vans und Übertragungswagen hinter sich her und Alex atmete erst auf, als sie das abgesperrte Gelände der Konzerthalle erreichten.
Hier wartete dann die nächste, unangenehme Überraschung auf ihn. Auf Grund der allgemeinen Aufregung unter den Fans und dem unübersehbaren Interesse der Medien, entschied sich Johnny für eine kurze Pressekonferenz. Also wurde Alex gezwungen, sich den Ereignissen erneut zu stellen. Er versuchte seine Angst, die Nervosität und Unsicherheit hinter einer Maske aus Freundlichkeit und Ironie zu verstecken, doch so ganz gelang ihm dies nicht. Er fühlte seine angespannten Gesichtsmuskeln in jeder Sekunde, wusste, wie blass er aussah und war sich zudem sicher, dass der gehetzte Ausdruck in seinen Augen niemandem entging.
Die restliche Zeit bis zum eigentlichen Konzert wurde er dann keine Sekunde mehr aus den Augen gelassen. Höchstwahrscheinlich war ein komplizierter Zeitplan aufgestellt worden, denn immer wenn einer seiner Aufpasser das Zimmer verließ, wurde er von einem anderen ersetzt. Am Anfang hatte er noch versucht zu protestieren, hatte dann aber irgendwann eingesehen, dass es einfacher war, lediglich die Augen zu schließen und so zu tun als ob er schlief. Wenigstens ließen sie ihn somit mit ihren ewigen Fragen nach seinem Befinden in Ruhe.
Als er schließlich müde und erschöpft hinaus auf die Bühne humpelte, waren die Fans außer Rand und Band und kaum unter Kontrolle zu halten. Wieder und wieder beteuerte er, dass ihm nichts passiert sei und dass es ihm gut ging, doch der Umstand, dass er die Tanzeinlagen tatsächlich ausließ, weil sein Rücken das nicht mitgemacht hätte, trug nicht wirklich dazu bei, die aufgeregte Meute zu beruhigen.
Trotzdem oder gerade wegen der riesigen Welle an Sympathie, die ihm von seinen Fans entgegenschlug, wurde er nicht müde zu betonen, dass sie nicht nur der Grund dafür waren, dass die Backstreet Boys nach all den Jahren immer noch auf einer Bühne standen und Spaß daran hatten, sondern sie heute auch dazu beigetragen hatten, sein Leben zu retten. Er brachte die hysterisch kreischenden Massen sogar dazu, für eine Minute vollkommen still zu sein und ein Gebet für Sally zu sprechen, die soweit er informiert war, die Operation einigermaßen gut überstanden hatte, aber immer noch nicht ansprechbar war.
Der Entschluss seine Lebensretterin wieder zu sehen, stand für ihn von Anfang an fest und als sie das letzte Lied gesungen hatten, von der Bühne hasteten und in die Vans stiegen, die sie zum Hotel zurück fuhren noch bevor der letzte Ton auf der Bühne verklungen war, hatte er Marcus unmissverständlich klar gemacht, dass er nach einer ausgiebigen, heißen Dusche unbedingt ins Krankenhaus wollte.
Johnny davon zu überzeugen war allerdings um einiges schwieriger und nur die Drohung, dass er mit oder auch ohne die Billigung seines Managers das Hotel wieder verlassen würde, konnte ihn schließlich umstimmen.
Jetzt saß er also hier, sein Herz wummerte langsam aber nachdrücklich in seinem Brustkorb und seine Hände ruhten verkrampft in seinem Schoß. Das erste Mal an diesem katastrophalen Tag hatte er Gelegenheit tief durchzuatmen und die verschreckten, ängstlichen und verwirrten Teile seines Selbst wieder einigermaßen zusammen zu fügen. In Gedanken ging er noch einmal die Szene von heute Morgen durch. Er sah die Lobby vor sich und konzentrierte sich für einen Moment auf die Gestalt des Schützen, die bereits ganz langsam in seiner Vorstellung verschwamm. Viele Details, die er bei dem Gespräch mit der Polizei noch ganz deutlich im Kopf gehabt hatte, hatten sich bereits verflüchtigt. Zurück blieb ein undeutliches Bild von einem schmächtigen Mann in Jeans und T-Shirt, der sich zielsicher einen Weg in seine Richtung bahnte.
Er versuchte, die Szene von außen zu betrachten. Er stellte sich vor, wie die Hand des Schützen in einer fließenden Bewegung hinter seinen Rücken griff und die Waffe aus seinem Hosebund zog. Er erlebte noch einmal, wie Sally einen flüchtigen Blick durch die Empfangshalle warf, den Mann dabei entdeckte und sich sofort auf ihn warf. Er sah die Kugel, die sich ihm wie in Zeitlupe näherte, gut dreißig Meter ungehindert durch die Lobby raste und sich dann mit einem ekelerregenden Laut in Sallys Rücken bohrte, während sie in Alex Armen zu Boden ging.
Er erschauerte und kniff für einen Moment fest die Augen zusammen, als könne er die Bilder damit verscheuchen. Doch es nützte natürlich nichts. Einmal frei gelassen, schienen ihn die Geschehnisse wie ein wildes Tier immer wieder anzufallen. Ohne erkennbares Muster tauchten wieder und wieder Bilder der fürchterlichen Szene in seinem Kopf auf und mit leisem Stöhnen vergrub er sein Gesicht in den Händen. Ob er jemals wieder normal und ohne Angst leben konnte?
In diesem Moment rettete ihn eine der Krankenschwestern.
„Mister McLean?“ fragte sie und trat in das grelle Licht der Neonröhren.
„Ja?“ fragte er sofort und sprang auf. Sein Rücken protestierte mit brüllendem Schmerz und mit verzerrtem Gesicht versuchte er sich gerade aufzurichten.
„Sie können jetzt zu ihr. Aber nur für ein paar Minuten. Die Operation hat sie doch sehr geschwächt.“
„Natürlich,“ nickte er sofort.
Dann warf er einen Blick zu Marcus hinüber, der bis eben mit verschränkten Armen an der Fensterbank gelehnt und ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte. Jetzt richtete er sich auf und kam zu Alex hinüber.
„Soll ich mit rein gehen?“ fragte er, während sie der Schwester aus dem Warteraum hinaus in einen langen Korridor folgten, der abgesehen von einem vorbei hasteten Arzt verlassen vor ihnen lag.
„Nein,“ Alex schüttelte den Kopf. „Ich möchte alleine mit ihr reden.“
„In Ordnung,“ nickte sein Bodyguard und Alex war ihm dankbar für sein schnelles Einlenken.
Wenige Meter weiter hatten sie Sallys Zimmer schließlich erreicht. Sie war vor einer Stunde von der Intensivstation in ein normales Zimmer verlegt worden und Alex hatte eine unbändige Erleichterung darüber verspürt.
Die Schwester öffnete lautlos die Tür und bedeutete ihm einzutreten. Marcus deutete auf einen gelben Resopalstuhl im Gang und ließ seine massige Gestalt gleich darauf vorsichtig auf ihn sinken.
Ohne einen weiteren Blick zurück trat Alex an der Schwester vorbei und schob sich in das Zimmer dahinter. Eine kleine Nachtischlampe verströmte ein wenig Licht und erhellte damit das riesige Bett und die schmächtige Gestalt, die regungslos darin lag.
„Fünf Minuten,“ flüsterte die Schwester mit einem Lächeln, verließ dann das Zimmer und zog die Tür dabei leise hinter sich zu.
Unschlüssig verharrte er noch einen Moment direkt hinter der Tür und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Sie hatte ein Einzelzimmer bekommen, dafür hatte Johnny gesorgt. Außerdem stand bereits ein riesiger Blumenstrauß auf dem kleinen Sideboard gegenüber dem Bett, darum hatte sich Alex persönlich gekümmert. In der hinteren Zimmerecke befand sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen für Besucher und neben dem Bett thronte ein Nachttisch auf Rollen. Auf der schwenkbaren Tischplatte stand eine Teekanne und eine Tasse aus Porzellan. Sonst nichts.
Langsam näherte er sich dem Bett und fühlte dabei, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Irgendwie hatte er noch gar nicht darüber nachgedacht, was er zu Sally sagen sollte, wenn er ihr tatsächlich gegenüber stand. Würde sie wütend auf ihn sein? Schließlich war er dafür verantwortlich, dass sie jetzt hier verletzt in diesem Bett lag.
Mit dem nächsten Schritt hatte er sie schließlich erreicht. Sie lag auf der Seite, hatte das Gesicht der Tür zu gewandt und schien zu schlafen. Hinter ihr waren die Jalousien an dem breiten Fenster zugezogen und sperrten damit die tiefschwarze Nacht aus.
So leise wie möglich trug er einen Stuhl quer durch das Zimmer und stellte ihn neben ihrem Bett ab. Er setzte sich so, dass er ihr blasses Gesicht betrachten konnte, aber doch so weit vom Kopfende des Bettes entfernt, dass sie sich nicht gleich zu Tode erschreckte, sollte sie aufwachen. Ihre Augenlider hatten einen schwachen Blauschimmer angenommen und ihre langen, pechschwarzen Wimpern bildeten einen krassen Kontrast zu ihrer beinahe durchscheinenden Haut. Selbst ihre Lippen schienen blutleer zu sein. Ihr dunkles Haar ergoss sich in weichen Wellen über das weiße Kissen und Alex’ Engeweide zogen sich vor Kummer schmerzhaft zusammen.
Er zögerte einen Moment, doch dann gab er dem Drang nach und schob vorsichtig seine Hand über ihre, die sich kalt unter seinen Fingern anfühlte. Eine Kanüle verlief von ihrem Handrücken hinauf zu einem Ständer mit einem Infusionsbeutel und Alex schluckte trocken. Er hasste Krankenhäuser, - wahrscheinlich ging das jedem Mensch so - aber Sally jetzt hier so liegen zu sehen, blass und schmal und kaum merklich atmend, trug nicht gerade dazu bei, dass er sich wohler fühlte.
„Es tut mir leid,“ flüsterte er kaum hörbar, während sein Daumen vorsichtig über ihre Fingerspitzen strich. „Ich wünschte ... ,“ er verstummte, als sie sich ganz langsam zu regen begann.
Als erstes zuckte ihr Hand, dann drehte sie den Kopf ganz leicht, so als wolle sie orten, wo diese unbekannte Stimme plötzlich herkam, schließlich begannen ihre Augenlider zu flattern, bevor sie mit einem Ruck abrupt in die Höhe schnellten und er direkt in ihre sanften, braunen Augen blickte, die allerdings im Moment äußerst verstört wirkten.
„Hi,“ sagte er leise, während sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln kräuselten und er sich noch ein Stück weiter in ihre Richtung beugte.
Sie blinzelte ein paar Mal hektisch, bevor sie sich über die Lippen leckte und dann den Mund öffnete. Sie wollte wohl etwas sagen, doch aus ihrer Kehle entwich kein Ton.
„Ist schon gut,“ beeilte er sich zu sagen.
Sie schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, während er bemerkte, wie sich ihr Körper unter dem Laken anspannte.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“ fragte er, stand auf und trat näher an das Kopfende heran. Sie ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen, wirkte dabei immer noch vollkommen verstört und orientierungslos, während auf ihren Lippen ein zaghaftes Lächeln erschien.
„W-Was ... ,“ setzte sie krächzend an, befeuchtete erneut mit der Zunge ihre spröden Lippen und probierte es dann noch einmal. „Was ist passiert?“
In seinem Kopf flammten sofort die verschiedensten Erwiderungen auf, doch keine schien ihm wirklich passend. Du wurdest angeschossen oder Dein Rücken würde von einer Kugel zerfetzt, die eigentlich für mich bestimmt war würde wohl kaum dazu beitragen, dass sie ruhig blieb.
„Du hast mir das Leben gerettet,“ sagte er also mit einem liebevollen Lächeln.
Ihre wundervoll geschwungenen Lippen formten ein tonloses „Oh“ während sich ihre Augenbrauen in die Höhe hoben.
„Ich weiß nicht genau, wie du das angestellt hast, aber ... ,“ er verstummte und schluckte. Leider kam er wohl um die ungeschminkte Wahrheit nicht herum. „ ... aber du hast dich auf mich geworfen, als so ein ... Typ ... auf ... mich geschossen hat.“
Ihre Augen wurden nun noch ein Stückchen größer, bevor ihr ganz offensichtlich alles wieder einzufallen schien. Wenn das überhaupt noch möglich war, wurde ihr Gesicht noch blasser, ihre Hand zuckte einen Moment unkontrolliert auf der Bettdecke, dann versuchte sie sich auf den Rücken zu drehen und stöhnte unvermittelt vor Schmerzen auf.
Sofort war er bei ihr und half ihr, sich wieder zurück auf die Seite zu drehen. Dabei berührten seine Finger ihren nackten Rücken, der zwischen den Flügeln des Krankenhausnachthemds hindurch schimmerte und ein Kribbeln wie von einem leichten Stromschlag raste durch seine Fingerspitzen. Außerdem konnte er einen kurzen Blick auf das in seinen Augen riesige, weiße Stück Mull werfen, das knapp unter ihrer rechten Schulter mit Klebeband befestigt war.
Erst viel später würde ihn die Erkenntnis wie ein Dampfhammer rammen, dass die Kugel, hätte sie nicht Sallys Rücken sondern seinen eigenen Körper getroffen, direkt in sein Herz eingedrungen wäre. Doch im Moment konzentrierte er sich ausschließlich darauf, Sally wieder auf der Seite zu stabilisieren, damit sie keine Schmerzen mehr litt.
„Er hat mich getroffen?“ war das erste was sie heiser und ungläubig von sich gab, nachdem er sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt hatte.
„Ja,“ nickte Alex. „Du hast die Kugel abbekommen, die eigentlich für mich bestimmt war.“
Ihre dunklen Augen richteten sich wieder auf ihn. Sie schienen nun vollkommen klar zu sein und ihn das erste Mal wirklich richtig zu sehen.
„Ist mit dir alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt.
„Mir geht es gut,“ nickte er sofort. „Dank dir. Wirklich, ich stehe tief in deiner Schuld. Was du da getan hast ... das ... ich weiß gar nicht ... ,“ stammelte er und verstummte dann, weil er nicht wusste, wie er sich bei ihr bedanken sollte, ohne dass es hohl oder aufgesetzt klang. Ein schlichtes Dankeschön schien ihm nicht wirklich ausreichend.
„Ist schon okay,“ hörte er sie leise sagen und auf ihren Lippen lag dabei ein angedeutetes Lächeln.
„Nein, das ist nicht okay,“ widersprach er. „Du wurdest angeschossen und das ist meine Schuld.“ Er biss sich auf die Lippen. Er musste aufpassen, dass er nicht jetzt und hier seinen gesamten Seelenmüll bei ihr ablud. Das konnte sie im Moment nicht gebrauchen.
„Es war doch nicht deine Schuld,“ sagte sie sanft. „Schließlich hat dieser Typ abgedrückt und nicht du.“
Er schüttelte den Kopf, wollte diese Diskussion aber nicht weiter vertiefen.
„Sag mir lieber, wie du dich fühlst,“ wechselte er also das Thema und griff vorsichtig wieder nach ihrer Hand, die sich inzwischen beruhigend warm unter seinen Fingern anfühlte.
„Ich weiß es noch nicht so genau,“ gestand sie mit einem schiefen Grinsen. „Es fühlt sich jedenfalls so an, als sei mein gesamter Rücken zerfleischt und ... ,“ sie stockte und ihr Blick verdüsterte sich.
„Es ist nicht so schlimm, wie du jetzt vielleicht denkst,“ beeilte er sich zu sagen. „Die Kugel hat dich unterhalb des Schulterblatts getroffen. Die Ärzte haben uns gegenüber natürlich keine genaue Aussage getroffen, aber sie meinten, du wirst wieder vollkommen gesund.“
Sie atmete erleichtert auf und schloss für einen Moment die Augen.
„Ich bin so müde,“ flüsterte sie dann und hatte sichtlich Mühe, ihre Lider wieder zu öffnen.
„Das kommt bestimmt noch von der Narkose,“ nickte er. „Mach einfach die Augen zu und schlaf. Sie werden mich sowieso gleich hier rauswerfen. Ich habe nur fünf Minuten bekommen.“
„Ich möchte nicht, dass du gehst,“ flüsterte sie, während ihr die Augen immer wieder zufielen.
„Ich befürchte, ich habe gar keine andere Wahl. Aber keine Sorge, wenn du wieder auf dem Damm bist und es dir gut geht, kommst du mich auf der Tour besuchen.“
„Ehrlich?“ hakte sie nach und schaffte es wohl vor lauter Aufregung doch noch einmal die Augen zu öffnen.
„Na klar,“ lächelte er. „Das ist ja wohl das mindeste. Außerdem war ich eigentlich gerade dabei, dich nach deiner Telefonnummer zu fragen, als dieses Arschloch aufgetaucht ist.“
Natürlich hätte er sie nicht nach ihrer Nummer gefragt, schließlich war sie ein Fan und die oberste Regel lautete nun mal, mit ihren Anhänger nichts anzufangen. Aber gefallen hatte sie ihm von Anfang an, so viel war sicher.
„Das klingt gut,“ murmelte sie lächelnd, während ihr die Augen wieder zufielen.
„Hm, finde ich auch,“ nickte er und strich ihr dann aus einem Impuls heraus sanft über das Haar. „Das wird schon, wirst sehen,“ sagte er leise. „In null Komma nichts bist du wieder gesund.“
Sie antwortete nicht, stattdessen verrieten ihm ihre tiefen Atemzüge, dass sie eingeschlafen war. Bis die Schwester ihn schließlich leise aber bestimmt aus dem Zimmer warf, saß er einfach da und betrachtete ihr im Schlaf entspanntes Gesicht. Selbst jetzt war sie wunderschön und strahlte dieses gewisse Etwas aus, auf das er schon immer sofort angesprungen war.
Vielleicht hatte also die Schießerei auch etwas Gutes bewirkt und sie zusammen geführt, wenn dies auch die Ungeheuerlichkeit der ganzen Aktion nicht wirklich milderte.

Kapitel 4