Kapitel 2

„Nein Mom, mir geht es gut ... ,“ murmelte Alex jetzt bestimmt schon zum hundertsten Mal in sein Handy, während um ihn herum immer noch helle Aufregung herrschte.
Als er hinter Marcus aus der Fahrstuhlkabine getreten war, lag der Flur erstaunlicherweise verlassen und totenstill vor ihm, gerade so, als sei überhaupt nichts passiert. Als hätte nicht gerade irgendein Verrückter auf ihn geschossen und als hätte er nicht gerade eben noch die regungslose Sally in seinen Armen gehalten. Doch als er an sich herunter blickte und das rote, mittlerweile geronnen Blut an seinen Händen sah, wurde ihm sehr plastisch und mehr als deutlich vor Augen geführt, dass er sich die Schießerei nicht nur eingebildet hatte.
Marcus hatte ihn in sein Hotelzimmer dirigiert, zu diesem Zeitpunkt fühlte sich Alex bereits wie erstarrt. Er konnte nicht denken, nicht fühlen und nicht agieren. Stattdessen befolgte er wie ein folgsames Hündchen Marcus’ Befehl sich die Hände zu waschen, dann auf sein Bett zu setzen und gefälligst nicht vom Fleck zu rühren, bis er wieder da sei.
Alex hatte keine Ahnung, wie und woher die vielen, durcheinander rufenden Menschen auf einmal kamen, aber plötzlich schien sein Hotelzimmer viel zu klein und zu eng zu sein. Gesichter zogen an ihm vorbei, jeder fragte ihn wie er sich fühlte und ob er verletzt sei und er antwortete jedes Mal mit einem lahmen „alles okay, nichts passiert.“.
Doch dies entsprach natürlich nicht der Wahrheit.
Es war etwas passiert.
Und er war alles andere als okay.
Wieder und wieder sah er diesen Typen vor sich: Seinen festen, aufrechten Gang, den entschlossenen Gesichtsausdruck und das kalte Glitzern seiner Augen. Zumindest bildete er sich ein, dass er dies bereits da schon wahrgenommen hatte, was natürlich sehr unwahrscheinlich war, schließlich hatte er ihn nur ganz kurz und von weitem gesehen. Als Sally in sein Blickfeld getreten war, hatte er alles andere um sich herum ausgeblendet und er fragte sich wieder und wieder, ob er irgendetwas hätte tun können um zu verhindern, dass irgend so ein Irrer dieses hübsche, nette Wesen über den Haufen schoss.
Marcus hatte ihm schließlich sein Handy in die Hand gedrückt, an dessen anderen Ende sich bereits seine Mom befand. Er konnte nicht sagen, ob sie sich einfach zum falschen Zeitpunkt gemeldet oder ob Marcus sie angerufen hatte. Doch im Grunde war ihm das auch relativ egal.
„Alex?“ hörte er gerade wieder ihre äußerst besorgte Stimme.
„Ich bin hier Mom,“ hörte er sich sagen.
„Bitte, rede mit mir. Wie geht es dir wirklich?“
„Ich bin okay.“
„Du bist nicht okay, klar? Also raus mit der Sprache.“
Er seufzte. Irgendwie passierte hier alles viel zu schnell, um ihn herum war es viel zu laut und im Grunde wollte er eigentlich gar nicht hier sein.
Er wollte zu Sally!
„Mom, können wir später darüber reden? Hier ist im Moment die Hölle los und ich muß das alles erstmal richtig auf die Reihe kriegen.“
Er hörte, wie nun seine Mutter seufzte. „Ich nehme den nächsten Flieger,“ verkündete sie.
„Nein Mom, bitte. Das ist nicht nötig. Mir geht es wirklich gut. Vielleicht bin ich ein bisschen neben der Spur im Moment, aber im Grunde wirklich okay.“
Er wusste nicht so genau, warum er nicht wollte, dass sie hier her kam. Er liebte seine Mutter und das von ganzem Herzen, aber meist war es dann doch so, dass sie ihm nach und nach, langsam und unbemerkt die Luft zum Amten abschnürte, wenn sie sich gemeinsam mit ihm an seinem Arbeitsplatz aufhielt.
Erneut hörte er, wie sie einen lang gezogenen Seufzer von sich gab. „Ist wirklich alles okay?“ fragte sie schon wieder und so langsam ging ihm das gehörig auf die Nerven. Er war unverletzt, Herr Gott noch mal, während ein unschuldiges Mädchen blutüberströmt in der Lobby lag und wahrscheinlich bereits tot war.
„Mir geht es wirklich gut. Hör zu, ich muß Schluß machen. Ich melde mich, in Ordnung?“
Sie zögerte kurz, doch dann folgte ein „In Ordnung.“
Er hörte ganz deutlich, wie viel Überwindung sie diese beiden Worte kosteten, aber schlussendlich hatte sie einfach nachgeben müssen.
Also verabschiedete er sich, klappte sein Handy zu und ließ die Hände in den Schoß sinken.
„Hey,“ hörte er gleich darauf die Stimme seines Freundes Howie, während dieser sich neben ihn auf die Bettkante sinken ließ. Seine braunen Augen blickten besorgt, seine dunklen Haare standen ihm unordentlich vom Kopf ab, gerade so, als hätte man ihn gerade aus dem Bett gezerrt und seine sonst so vollen Lippen bildeten eine schmalen, besorgten Strich.
„Wenn du mich jetzt auch gleich fragst, ob mit mir alles okay und in Ordnung ist, fange ich an zu schreien,“ bemerkte Alex grimmig.
„Wollte ich nicht, aber eine gute Idee eigentlich,“ grinste sein Freund.
„Wirklich, ich verstehe das nicht. Ich bin unverletzt, aber da unten liegt ein Mädchen und kämpf um ihr Leben. Warum fragt sie keiner, ob mit ihr alles in Ordnung ist?“
„Ob du es glaubst oder nicht, dass haben wir bereits getan,“ entgegnete Howie und um seine Augen lag dabei ein trauriger Zug, der Alex frösteln ließ.
„Und?“ hauchte er.
„Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus und sie hat jede Menge Blut verloren. Mehr konnten sie uns nicht sagen.“
„Aber sie lebt?“ hakte Alex nach.
„Ja,“ nickte Howie. „Im Moment ... noch.“
„Das klingt nicht gut,“ stellte Alex fest.
„Nein, tut es nicht,“ nickte Howie.
„Fuck,“ murmelte Alex, warf sein Telefon unbeachtet hinter sich auf die Bettdecke und verbarg dann sein Gesicht für einen Moment in den Händen.
Sie durfte nicht sterben. Nicht wegen ... irgendeines Wichsers, der eigentlich ihn – Alex – hatte erwischen wollen. Nicht ... wegen ... ihm.
Als er den Kopf schließlich wieder hob, fühlte er sich zwar immer noch wie durch den Fleischwolf gedreht, sein Kopf schmerzte von dem harten Aufprall auf dem Boden und sein Kreuz fühlte sich an, als wolle es im nächsten Moment in tausend Teile zerbrechen, doch seine Gedanken waren wieder klar.
Vor sich sah er die gesamte Crew, die sich auf jedem freien Fleckchen des Schlafraumes, im Flur und bis hinaus auf den langen Hotelgang zusammen drängte. Die allgemeine Verwirrung und Ratlosigkeit war beinahe mit Händen zu greifen, er fühlte die verstohlenen Blicke aller Anwesenden auf sich ruhen und vereinzelt wurden die Köpfe zusammen gesteckt und getuschelt.
Alex schüttelte den Kopf, stemmte sich unter einiger Mühe und unter leisem Stöhnen in die Höhe und bat mit einem lauten Räuspern um Ruhe.
„Leute,“ sagte er und nachdem immer noch ein paar Wenige nicht mitbekommen zu haben schienen, dass er etwas zu sagen hatte, versuchte er es etwas lauter „Leute! Hallo! Hört mir zu.“
Das Gemurmel verstummte nach und nach, alle wandten sich ihm zu und in jedem Gesicht konnte er die Anspannung lesen.
„Macht euch keine Sorgen, okay?“ sagte er und versuchte ein beruhigendes Lächeln hinterher zu schieben, was sich allerdings ziemlich verzerrt auf seinem Gesicht anfühlte. „Ich fühle mich zwar, als hätte ich ne intensive Unterhaltung mit nem Baseballschläger oder so etwas ähnlichem gehabt ... ,“ dabei betastete er vorsichtig seinen Hinterkopf, an dem bereits eine ordentliche Beule gewachsen war „ ... aber ich kann euch versichern, dass es mir gut geht. Wir werden heute Abend so wie immer auf die Bühne gehen, unsere Show abziehen und danach werde ich mich in mein Bett schleppen und so lange schlafen, bis diese widerlichen Kopfschmerzen endlich aufhören.“
Ein mitfühlendes Raunen ging durch die Menge, doch sie wirkten schon um einiges entspannter. Als sich dann auch noch sein langjähriger Manager Johnny Wright in die Mitte des Schlafzimmers schob und alle lautstark dazu aufforderte, in ihre eigenen Zimmer zurück zu kehren und sich dem anstehenden Tagesprogramm zu widmen, begann sich das Chaos ganz langsam um sie herum aufzulösen und Alex atmete dankbar auf.
„Wir werden die Interviews und den ganzen restlichen Kram für heute absagen,“ verkündete Johnny, als schließlich nur noch Marcus, Alex und seine restlichen Bandkollegen Nick, Brian und Howie übrig geblieben waren.
Nick lehnte mit verschränkten Armen an einem Sideboard, hatte die Stirn in besorgte Falten gelegt und ließ Alex keine Sekunde aus den Augen. Brian saß in einem Sessel nahe beim Fenster, hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und nickte zustimmend, während Howie immer noch auf Alex’ Bett hockte und so wirkte, als hätte er auch nicht vor in nächster Zeit von dort wieder aufzustehen.
„Aber die Show findet statt?“ hakte Nick mit leiser Stimme nach.
„Wenn AJ sich dazu in der Lage sieht ... ,“
Alle Augen wandten sich ihm wieder zu. Langsam ließ er sich zurück auf die Bettkante sinken und nickte dann langsam.
„Das geht schon. Irgendwie. Hoffe ich.“
„Irgendwie ... hoffe ich ... ,“ wiederholte Johnny kopfschüttelnd. „Wir lassen dich auf jeden Fall vorher durchchecken. Sollen die Ärzte entscheiden, ob du fit bist.“
„Die Fans werden ausflippen, wenn wir die Show absagen,“ gab Brian zu bedenken. „Bis heute Abend weiß doch jeder, was hier passiert ist.“
„Das mag ja sein, aber ich lasse nicht zu, dass AJ sich mit ner Gehirnerschütterung auf die Bühne begibt,“ stellte Johnny klar.
„Jetzt hab dich doch nicht so,“ sagte Alex. „Ich habe schon halbtot eine Show hinter mich gebracht. Das bisschen Kopfweh hält mich nicht zurück.“
„Aber vielleicht der Schock? Und wer weiß, was mit deinem Rücken los ist. Du kannst dich ja kaum bewegen.“
„Dann lässt er die Choreografien eben ausfallen. So wie damals mit seinem kaputten Knie. Brian hat Recht. Wenn wir die Show absagen ist der Teufel los,“ meinte Howie.
„Wir ... ,“ setzte Johnny an, wurde aber von einem lauten Klopfen an der Tür unterbrochen. Ungehalten fuhr er herum, durchmaß den kurzen Flur mit langen Schritten und riss gleich darauf mit Schwung die Tür auf.
Davor standen zwei Männer, die Alex nicht kannte, und als sie gleich darauf ihre Dienstmarken zückten, bestätigte sich seine Vermutung, dass die Polizei nun da war um ihn über das Geschehen zu befragen.
Er konnte ihr Gemurmel nicht verstehen, doch als Johnny die Tür noch etwas weiter aufzog und die beiden Beamten mit einer kurzen Geste herein bat, straffte er sich, stand auf und trat gleich darauf in den Flur hinaus um die beiden Polizisten zu begrüßen. Sie trugen beide Jeans, darüber ein Hemd ohne Krawatte und ein dunkles Jackett.
„Mister McLean?“ fragte der größere der beiden. Das graumelierte Haar und der dunkle Schnurrbart, gepaart mit den grauen, stechend glitzernden Augen vermittelten Alex den Eindruck, als habe er jemanden vor sich, der wusste was er tat.
„Ja,“ nickte er und erwiderte den festen Händedruck.
„Officer Gordon Lang,“ stellte der Mann sich vor. Dann trat sein Kollege an Alex heran.
„Officer Martin Goodwrite,“ sagte dieser. Auch sein Händedruck war fest und angenehm kurz. Er war ein gutes Stück jünger als sein Kollege, das rote Haar war kurz gestutzt und umrahmte ein blasses Gesicht mit jeder Menge Sommersprossen und ein wenig zu eng beieinander stehenden, grünen Augen.
„Lassen sie uns hier herüber gehen,“ schaltete sich Johnny ein, während er ihnen in das Wohnzimmer voraus ging, das neben dem Schlafzimmer lag und eindeutig mehr Platz für sie alle bot.
„Es tut uns leid, dass sie in unserer Stadt so unfreundlich empfangen wurden,“ begann Lang, während er sich in einem der Sessel nieder ließ. Sein Partner nahm neben ihm auf dem cremefarbenen Sofa Platz, zückte ein Notizbuch und richtete dann seinen Blick wieder auf Alex. Dieser war mittlerweile um den kleinen Glastisch herum gegangen und hatte sich gegenüber von Lang in einen Sessel gesetzt, während sich der Rest der Backstreet Boys inklusive Johnny im Raum verteilten.
Die Sonne schien durch die Fenster in Goodwrites Rücken und verbreitete, den heutigen Geschehnissen zum Trotz, eine angenehme Wärme im Zimmer.
„Ich weiß ihre Anteilnahme zu schätzen,“ entgegnete Alex, weil ihm nichts Besseres einfiel. „Können sie mir sagen, wie es dem verletzten Mädchen geht?“ platzte es gleich danach aus ihm heraus.
„Im Moment wissen wir noch nichts genaues,“ informierte ihn Goodwrite. „Sie wurde ins City Hospital gebracht und wird zur Stunde operiert.“
„Sie hat viel Blut verloren,“ ergänzte Lang „von daher ist es schwierig, im Moment eine klare Aussage zu treffen.“
„Wird sie wieder gesund?“ hakte Alex trotzdem nach und betete innerlich um eine positive Antwort.
„Das kann ihnen im Moment leider keiner mit Sicherheit sagen. Aber wir geben ihnen sofort bescheid, wenn wir mehr wissen, in Ordnung?“
Alex nickte. Was hätte er auch sonst tun sollen?
„Wurde sonst noch jemand verletzt?“ fragte er weiter.
„Nein, Gott sei Dank nicht.“ Lang schüttelte den Kopf, was ihn erleichtert aufatmen ließ.
„Und der Attentäter?“ meldete sich nun Marcus zu Wort. „Was ist mit dem?“
„Sie meinen, ob er sich von ihrer Prügel wieder erholen wird?“ fragte Lang nach und versuchte dabei erfolglos den Anflug eines Grinsens zu unterdrücken.
„Das ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal,“ gab Marcus ungerührt zurück. „Was wissen sie bisher über ihn?“
„Wie konnte es überhaupt so weit kommen?“ mischte sich nun auch Johnny ein.
„Und warum ausgerechnet AJ?“ fügte Marcus hinzu.
„Okay, okay,“ bremste Lang mit erhobenen Händen den Fragenregen, der da auf ihn niederprasselte. „Lassen sie es uns so machen: Wir sagen ihnen, was wir bis jetzt haben und sie geben uns danach die Informationen, die wir noch brauchen, in Ordnung?“
„Das klingt fair,“ nickte Johnny, während Alex das Gefühl nicht loswurde, dass er lediglich ein unbeteiligter Zuschauer war, der mit der ganzen Sache hier nichts zu tun hatte. Immer noch erschien ihm die Tatsache, dass heute auf ihn geschossen worden war wie ein Traum – ein gruseliger Albtraum, aus dem er sicherlich gleich aufwachen würde. Doch dem war natürlich nicht so. Sein schmerzender Kopf und sein Rücken, der immer noch bei der kleinsten Bewegung wie unter hunderten von Nadelstichen brannte, machten ihm das ganz deutlich klar.
„Also,“ begann Goodwrite und zog dabei sein Notizbuch zu Rate. „Der Schütze heißt Ashton Harrison. Er stammt aus Wisconsin und arbeitet dort als Maschinenbauer in einem kleinen Unternehmen, das Ersatzteile für Traktoren herstellt. Laut unseren Datenbanken ist er bisher noch nie negativ aufgefallen. Ein paar Strafzettel wegen Falschparkens und zu schnellem Fahren, nichts aufregendes also.“
Alex warf einen kurzen Blick zu Nick hinüber, der in einer Ecke des Wohnzimmers stand und das Geschehen blass und mit stumpfem Blick verfolgte. Erst letzte Woche hatten sie seinen Freund mit zwanzig Meilen zu viel auf dem Tacho geblitzt und irgendwie empfand er den Gedanken als ungerecht, dass Nick neben einem Monster wie Harrison in einer Datenbank der Polizei auftauchte. Außerdem ... Nick hatte auch schon ein paar Stunden im Gefängnis zugebracht ... wirklich lächerlich, dass der Schütze im Gegensatz dazu als unauffällig galt.
„Was den Tathergang und alles weitere angeht, schweigt Harrison sich leider beharrlich aus. Bisher ist noch kein einziges Wort über seine Lippen gekommen. Er hat noch nicht einmal nach einem Anwalt verlangt. Er sitzt nur da und glotzt mit leeren Augen in die Gegend, als wäre er ganz weit weg,“ fuhr Goodwrite derweil fort.
„Was uns wiederum zu ihnen führt, Mister McLean,“ ergriff nun Lang das Wort und Alex konnte ein leichtes Zusammenzucken beim Klang seines Namens nicht verhindern.
„Ich helfe ihnen gerne weiter,“ sagte er also schnell. „Allerdings befürchte ich, dass ich wenig hilfreich sein werde. Es ging alles so schnell und ich habe keine Ahnung, warum der Typ ausgerechnet auf mich losgegangen ist.“
„Sie haben ihn also noch nie vorher gesehen?“ hakte Goodwrite nach und machte sich nach Alex’ Kopfschütteln eine kleine Notiz in sein Büchlein.
„Er ist mir im Voyer aufgefallen,“ erklärte Alex. „Ich schrieb Autogramme und habe ihn von weitem gesehen. Es war ... seltsam irgendwie.“ Er verstummte. Wie sollte er sein unbehagliches Gefühl in Worte fassen, ohne, dass sie ihn alle gleich für verrückt erklärten?
„Inwiefern seltsam?“ hakte Lang auch sofort nach.
„Ich weiß es nicht ... ich ... ich weiß noch, dass ich ein komisches Gefühl bei ihm hatte. So, als hätte ich ihm ansehen können, dass der Typ Ärger bedeutet.“
„War es etwas was er getan hat? Oder hat er vorher etwas zu ihnen gesagt?“ fragte Lang weiter.
„Nein.“ Alex schüttelte den Kopf. „Es war mehr die Art, wie er auf uns zukam. Er wusste genau, was er wollte. Zumindest sah es danach aus. Da war kein Zögern oder so etwas.“
Alex schauderte bei dem Gedanken, dass dieser Typ ihn gesehen hatte und ohne zu zögern auf ihn zumarschiert war, um ihn zu erschießen.
„Sie meinen, er hat sie nicht einfach so zufällig ausgesucht?“ fragte Lang.
„Ja. So kam es mir zumindest vor,“ nickte Alex.
Goodwrite kritzelte wieder in sein Notizbuch.
„Und das Mädchen? Sally Manson. Welchen Eindruck machte sie auf sie?“
Alex‘ Magen zog sich bei der Erwähnung von Sallys Namen zusammen. Sie kämpfte wahrscheinlich gerade um ihr Leben und er saß hier und beantwortete irgendwelche Fragen, die dann doch zu nichts führten.
„Sie ist mir auch sofort aufgefallen,“ nickte er.
„Wieso aufgefallen? Ich meine ... ,“ Lang leckte sich kurz über die Lippen, als er augenscheinlich nach den richtigen Worten suchte. „Alle diese Mädchen standen um sie herum. Würden sie sagen, dass ihnen diese auch aufgefallen sind?“
„Nein, so meinte ich das nicht. Klar habe ich jedes der Mädchen registriert und mit ihnen geredet, aber bei Sally war das anders. Sie kam als letzte und ist direkt auf mich zugetreten. Wir haben uns begrüßt und vorgestellt. Sie war offensichtlich ziemlich nervös. Sie war ...,“ er schluckte und verbesserte sich sofort. „Sie ist wirklich eine Schönheit. Sie hat gelächelt und ich dachte, die Sonne geht auf. So etwas in die Richtung eben. Sie ist mir aufgefallen.“
„Sie war nervös?“ hakte Goodwrite nach. „Was meinen sie mit nervös? Glauben sie, sie wusste, was auf sie zukam?“
„Nein, nein,“ wehrte Alex sofort ab. „Sie war nervös, weil sie mir gegenüber stand. Also ... sie wissen schon. Dieses Popstar – Fan Ding.“
„Ich verstehe,“ nickte Goodwrite und machte sich fleißig Notizen.
„Wie ging es dann weiter?“ fuhr Lang fort. „Miss Manson ist also auf sie zugetreten, sie haben sich ein wenig mit ihr unterhalten, und dann?“
„Und dann ... ,“ sagte Alex und schluckte erneut. Er sah die Lobby wieder vor sich, sah, wie Sallys Augen ganz groß wurden und hörte ihren Aufschrei, als sie sich auf ihn warf. Sein Magen vollführte eine schmerzhafte Pirouette in seinem Bauch und seine Hände begannen zu zittern. „Sie hat ihn zu erst gesehen,“ fuhr er leise fort, während ihm am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Sein Herz klopfte wie wild, als sei immer noch der Lauf einer Waffe auf ihn gerichtet und er erkannte in diesem Moment, wie einfach es bisher für ihn gewesen war, sich mit den Sorgen um Sally vom eigentlichen Thema abzulenken. Doch nun schlug die Angst und die Panik mit voller Macht zu und er musste sich beherrschen um nicht einfach aufzuspringen und den Raum fluchtartig zu verlassen.
„Sie hat ... sie stand ... ,“ er schluckte noch einmal und räusperte sich.
„Alles in Ordnung mit dir?“ hörte er Howies Stimme wie aus weiter Ferne, obwohl er direkt neben ihm auf der Armlehne saß.
„Ja, ja, geht schon,“ wehrte Alex ab und versuchte, sich zusammen zu reißen. „Wie weit stand sie genau von ihnen entfernt?“ fragte Officer Lang, der sich in seinem Sessel ein Stück vorgebeugt hatte.
„Vielleicht eine Armlänge,“ schätzte Alex und zwang sich dazu, sich jedes Detail genauestens ins Gedächtnis zu rufen. „Wir haben uns unterhalten. Ob sie sich die Show heute Abend ansieht und so etwas. Dann ... plötzlich ... also ... sie hat ihn gesehen, verstehen sie? Ihre Augen wurden ganz groß und dann hat sie „Runter!“ gebrüllt. Im nächsten Moment hat sie sich schon auf mich gestürzt und wir sind zu Boden gegangen.“
„Der Schuß,“ fragte nun Goodwrite. „Können sie sich daran erinnern, ob es einer oder mehrere waren und wann sie ihn gehört haben?“
„Ein Schuß,“ sagte Alex abwesend, während die Bilder immer noch wie ein Film vor seinem geistigen Auge abliefen. „Da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich hörte den Knall noch im Fallen. Da war sofort unglaublich viel Lärm und Panik um uns herum. Ich weiß noch, dass ich Marcus gehört habe und dass ich kurz aufgesehen und ihn auf ihm sitzen sah. Dann ... ,“ er verstummte, als sich die Szenerie in seinem Kopf plötzlich blutrot verfärbte.
Die Pause, die nun entstand, schien sich wie Blei über das Zimmer zu senken, doch er fühlte sich plötzlich nicht mehr in der Lage, auch nur noch einen Ton heraus zu bringen. Er sah plötzlich, wie er selbst getroffen zu Boden sackte. Ein Treffer in die Brust. Präzise und tödlich. Er erschauerte.
„Vielleicht sollten wir die Befragung später fortsetzen,“ hörte er Johnny mit besorgter Stimme sagen, doch er wehrte sofort kopfschüttelnd ab. „Nein, lasst es mich jetzt hinter mich bringen.“
„Sie sind also mit Miss Manson gemeinsam zu Boden gestürzt,“ nahm Lang den Faden wieder auf.
„Ja,“ bestätigte Alex. „Sie lag auf mir und als ich mich herum gerollt hatte, fiel mir das viele Blut auf.“
„Sie wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen,“ nickte Officer Goodwrite.
„Wenn ... wenn sie nicht gewesen wäre ... ,“ setzte Alex an und verstummte dann wieder. Er konnte und musste wohl auch nicht laut aussprechen, dass er dann höchstwahrscheinlich nicht hier sitzen würde.
„Ich kann mir vorstellen, wie sie sich fühlen müssen,“ hörte er Gordon Lang sagen. „Wir haben es auch gleich geschafft. Sagen sie mir nur noch, wie es dann weiter ging.“
„Marcus hat mich in den Fahrstuhl gezerrt,“ antwortete Alex tonlos.
„Das war zu deiner eigenen Sicherheit,“ verteidigte sich sein Bodyguard sofort.
„Ich weiß,“ nickte Alex und schenkte ihm einen kurzen, dankbaren Blick. „Uhm ... wie ging es danach eigentlich weiter?“ fragte er dann, weil ihm erst jetzt auffiel, dass er keine Ahnung hatte, wer die Polizei gerufen und was mit dem Attentäter passiert war.
„Eine Angestellte des Hotels hat uns verständigt,“ informierte ihn Lang.
„Da habe ich schon auf dem Wichser drauf gesessen und ihm ordentlich die Fresse poliert,“ ergänzte Marcus grimmig.
„Zwei Gäste haben ihn so lange festgehalten, bis wir da waren. Er zeigte erstaunlich wenig Gegenwehr und das nicht, weil ihr Bodyguard ihn so hart ran genommen hat,“ fuhr Lang mit einem kurzen Kopfnicken auf Marcus fort.
„Sie meinen, er hat sich nicht gewehrt und hat seelenruhig darauf gewartet, dass er verhaftet wird?“ fragte Alex ungläubig.
„Sieht ganz danach aus,“ bestätigte Lang.
„Macht das Sinn? Ich meine ... die ganze Aktion ergibt natürlich sowieso schon keinen Sinn, aber dieser Typ muß sich dann ja wohl schon vorher im Klaren darüber gewesen sein, dass er auf mich schießt und dann ins Gefängnis wandert.“
„Stimmt,“ nickte Goodwrite. „Auch das finden wir ziemlich seltsam.“
„Mister McLean, haben sie eine Ahnung, warum er das getan hat? Fällt ihnen jemand ein, der ihnen so etwas gewünscht hätte?“
„Sie meinen, so wie in einem dieser Krimis? Ob ich Feinde habe oder so?“
„So etwas in der Richtung,“ nickte Lang.
„Nein,“ er schüttelte entschieden den Kopf. „Bestimmt gibt es da draußen Menschen, die mich nicht sonderlich mögen. Das gehört dazu, wenn man in der Öffentlichkeit steht, denke ich. Aber niemand würde doch, nur weil er mich oder unsere Musik nicht mag, mit einer Waffe im Hosenbund losziehen. Das ergibt keinen Sinn.“
Wieder nickten Goodwrite und Lang.
„Wir können also erst einmal nur hoffen, dass Mister Harrison sein Schweigen bald bricht,“ stellte Lang fest.
„Aber er wird doch auch so verurteilt, oder?“ hakte Johnny sofort nach. „Ich meine ... schließlich gibt es genug Augenzeugen die gesehen haben, wie er auf AJ beziehungsweise Miss Manson geschossen hat.“
„Selbstverständlich,“ nickte Lang. „Es würde mich und sicherlich auch die Geschworenen nur brennend interessieren, warum er das getan hat.“
„Mich im Übrigen auch,“ bemerkte Alex trocken.
Wobei er sich allerdings beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was das für ein Grund sein sollte.

Kapitel 3