Der Gedanke an Gerichte verursachte mir schon immer mittelmäßige Beklemmungen. Je näher nun der Tag rückte, an dem ich meine Zeugenaussage machen sollte, desdo mulmiger wurde es mir. Doch wie ich die Sache auch drehe und wende, ich werde an dieser Aussage nicht vorbei kommen.
Ich bin früh dran, erst eine ältere Dame sitzt im Warteraum. Nur langsam kommen weitere Personen hinzu. Niemand macht einen besonders glücklichen Eindruck und man vermeidet den direkten Blickkontakt. jeder ist mit sich selbst beschäftigt, sieht an die Decke, oder auf den Boden. Die ausliegenden Zeitschriften sind schnell vergriffen. Für einen Moment gleichen sie Schafen, die ängstlich auf die Tür schauen.
Jeder zweite Platz ist nicht besetzt. Von den gut 20 Stühlen werden nur in etwa die Hälfte wirklich genutzt. Ich bin mir absolut sicher, dass die meisten Leute lieber draußen warten würden, als sich direkt neben einen anderen zu setzen. Vielleicht sollte ich eine Eingabe machen, einen Vorschlag zur Reduzierung der Kosten in der Verwaltung. Wie viele Stühle man wohl einsparen könnte? Nach kurzer Zeit verliert diese Frage ihren ohnehin nur schwachen Reiz und ich wende mich den, noch mit mir wartenden zu.
Die ältere Dame , sie müsste so Mitte 60 sein, sitzt immer noch geduldig auf ihrem Stuhl. Eine Weile beobachte ich sie unauffällig, ohne jedoch auch nur die geringste Bewegung feststellen zu können. Sie hat offensichtlich keinen Lidschlag, nicht das kleinste Blinzeln, was allerdings absolut unmöglich ist. Leicht vorgebeugt konzentriere ich mich nun voll auf ihr Gesicht. Wenn mir bislang nur einwenig unbehaglich war, so beginnt es mich nun von Innen heraus zu frösteln. Ihre Augen starren ohne Unterlass über mich hinweg. Reflexhaft drehe ich mich herum und folge ihrem Blick, der in die obere Ecke des Raumes neben dem Fenster führt. Eine gänzlich gewöhnliche Ecke. Irritiert wende ich ihr wieder meine Aufmerksamkeit zu. Festgenagelt sitzt sie da. Ihr dicker Mantel verhindert, dass ich sehen kann ob sie atmet. Was ist, wenn es ihr schlecht geht? Wenn mein ErsteHilfe-Kurs nur nicht schon so lange zurück liegen würde! Bei Schock, müssen die Füße hoch gelagert werden. Stabile Seitenlage, Herz-Lungenmassage, Mund zu Mu.. igitt!
Sie ist tatsächlich ziemlich bleich, selbst die dick aufgetragene Schminke kann darüber nicht hinweg täuschen. Außerdem scheint sie es mit der Reinlichkeit nicht so genau zu nehmen, denn die Kosmetikauflage zeigt schon feine Risse. Überhaupt ähnelt ihre Gesichtshaut eher der aufgeplatzten Fläche eines ausgetrockneten Sees, oder wie man es von der Oberfläche alter Bilder kennt.
Eben hat sich etwas verändert! Nur aus den Augenwinkeln habe ich es gesehen, aber da war etwas. Mein Blick verfängt sich an ihrer rechten Hand. Fasziniert beobachte ich ihren kleinen Finger, den sie gravitätisch hebt und senkt. Jedes Mal, wenn sie ihn bewegt, ertönt ein leiser Summton und erstirbt, wenn er zur Ruhe kommt. Sie hat also einen kleinen Elektromotor in der Hand, der in vorgegebenen zeitlichen Intervallen den Finger bewegt. Ich glaube, mir wir schlecht. Quatsch, das ist Zufall und nichts weiter!
Diese kleinen Bewegungen scheinen eine Schwerpunktverlagerung bewirkt zu haben, denn kaum merklich ruckt ihr Kopf nach rechts. Nun muss ich aber doch staunen. Feiner Staub rieselt ihr vom Kopf und stellenweise treten unter dem Grau , schwarze Stellen hervor. Sie sitzt wohl schon länger hier. Ein Witz, der mir in der Kehle heftiges Würgen verursacht. Gerade noch rechtzeitig kommt mir die Erleuchtung. Unwillkürlich muss ich über mich lächeln. Da habe ich mich schön zum Narren halten lassen. Erst kürzlich hatte ein lokaler Künstler an öffentlichen Orten lebensechte Puppen aufgestellt und damit einiges Aufsehen erregt.
War da nicht eben ein Lichtreflex? Jetzt habe ich langsam Spaß daran. Bald schon habe ich das Ergebnis: Es handelt sich um einen hauchdünnen und obendrein fast gänzlich durchsichtigen Faden, der von der Decke geradewegs hinab zu ihrem Finger führt, auf dem dieser Lichtreflex entstanden war. In die Decke des Warteraums sind viele kleine Schienen eingelassen, wie auf einem Rangierbahnhof. Das ist mir vorher gar nicht so aufgefallen. Diese Entdeckung kann ich unmöglich für mich behalten. Ich berühre spontan die Schulter meines Sitznachbarn auf die das Licht der Sonne fällt. Heftig zurückzuckend registriere ich die schwachen Lichtreflexe, die sich auf dünnen Fäden bewegen, geradewegs von meiner Hand aufwärts zwischen die Schienen.