31. Kapitel

„Naveen? Bist du da?“
Die Stimme klang gedämpft in mein Zimmer. Noch vor ein paar Tagen wäre er einfach reingekommen. Noch vor ein paar Tagen,…
Ich war nicht da. Nur noch das bisschen, dass von mir übrig war. Und dieser klägliche kleine Rest raffte sich dazu auf, die Tür zu öffnen.
Einen Moment verharrten wir wortlos, dann streckte er mir die Hand hin und sah mich mit einer Mischung aus Furcht und Bestimmtheit an. Augenblicklich breitet sich ein flaues Gefühl in meinem Magen aus, eine Vorahnung, die ich nicht einzuordnen vermochte.
Ich nickte ihm kurz zu, zog mir eine Jacke über und nahm seine Hand, um ihm zu folgen.
Zielstrebig verließen wir das Gelände, diesmal völlig legitim durch den Haupteingang und gelangten in den Park, raus in den Nebel. Fast hätte es schön sein können, über den gekiesten, von alten Bäumen gesäumten Weg zu gehen, die laue Luft zu atmen und den Wind in den Blättern zu hören, aber die Unwissenheit über den Sinn dieses Spaziergangs brachte mich innerlich fast um den Verstand. Deshalb war ich froh, als er seine Schritte verlangsamte und sich räusperte.
„Ich werde von hier fortgehen“, brach er das Schweigen schließlich und starrte stumm auf den Weg vor sich.
Ich begegnete allen Gefühlen in mir mit einer eisigen Mauer und riss mich zusammen.
„Dann hast du es also geschafft?“
„Ja.“
Seine Stimme klang tonlos und distanziert.
Ich blieb stehen und schlang meine Arme um ihn.
„Das freut mich für dich, wirklich…“
Ich legte den Kopf auf seine Schulter und spürte eine einzelne Träne meine Wange hinablaufen.
So sehr er schmerzte, die Gewissheit des Verlusts in sich zu tragen, umso mehr Glück empfand ich, wenn ich daran dachte, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Das er als Sieger aus einem Kampf hervorgetreten war und wieder leben konnte. Wollte.
Er löste sich aus meinen Armen, legte seine Hände auf meine Schultern und sah mich eindringlich an.
„Ich danke dir“.
Ich nickte nur, unfähig, etwas zu sagen.
„Aber ich wusste, dass du so reagieren würdest...“
Er wandte sch kurz ab, suchte offenbar nach Worten.
„Ich werde diesen Ort verlassen, aber ich habe nicht vor, dich zu verlassen, hörst du?“
Ich hörte seine Worte, aber ich verstand nicht, was er sagte.
„Naveen…bitte, schau mich an. Es ist mir gleichgültig, wie wir es anstellen, aber ich möchte nicht, dass unsere Wege sich trennen.“
“Wieso?“, fragte ich, seine dunkeln Augen fixierend. Verabschiedend.
„Wieso? Das fragst du noch? Ich könnte es nicht ertragen dich zu verlieren…ich…“
„Sprich nicht weiter“, flüsterte ich so leise, dass ich nicht sicher war, ob er es überhaupt gehört hatte. Dann trat ich einen Schritt zurück, atmete tief durch und wiederholte meine Bitte.
„Sag es nicht. Sag es bitte nicht“.
Er schüttelte den Kopf, fuhr sich mit einer Hand nervös durchs Haar und seufzte.
„Warum nicht? Um Gottes Willen warum nicht? Soll ich lügen?“
Seine Stimme war laut geworden. Hinter ihm flogen ein paar Vögel erschrocken auf und verschwanden im Nebel. Dann war wieder alles still.
„Du sollst schweigen“, antwortete ich, drehte mich um und ging mit langsamen Schritten davon, hoffend, dass er die Kraft hatte, zu akzeptieren.
Hoffend, dass er stehen bleiben würde.
„Geh jetzt nicht, bitte!“, schrie er hinter mir her und ich fühlte mich wie in einem schlechten Hollywood Klamauk. Irgendeine kitschige Romanze. Das Mädchen würde sich umdrehen, er würde sie mit offenen Armen erwarten. Kameraeinstellung von links, lächelnd. Einmal im Kreis. Glück. Dann der Abspann, immer noch lachend, erleichtert…schlechte aber passende Musik.
Schnitt. Schöner Film, würden die Leute sagen, wenn sie aus dem Kino gingen, und sich verstohlen eine Träne vom Gesicht wischen.
„Ich liebe dich“.
Ich wusste nicht, warum ich ihn auf die Entfernung noch hörte, aber ich tat es.
Bestimmtheit ist intensiver als pure Lautstärke.
Und da Mädchen blieb stehen und drehte sich wieder um.
Sah ihn stehen, hoffend, flehend, wunderschön.
Und sie ging auf ihn zu und nahm sein Gesicht in ihre Hände, sah in seine Augen und hauchte einen Kuss auf die stumme Maske aus Angst.
Kamera auf Distanz. Fallende Blätter.
„Dann…“, sagte sie, „lass mich gehen“.
Und sie ging.
Abspann. Traurige Musik. Kein Gefühl der Erleichterung.
Zarter Nebel.

Epilog