Kapitel 1
Als ich die Augen aufschlug, blickte ich direkt hinauf in ein grünes, dichtes Blätterdach. Die Sonne blitze hindurch, wenn der Wind die Bäume mit sanftem Rauschen bewegte. Leises Vogelgezwitscher drang an mein Ohr und ich war umgeben von dem überwältigenden Duft nach feuchter Erde und Tannennadeln.
Langsam richtete ich mich auf. Ich lag auf einem schmalen Weg, der links und rechts von wilden Brombeersträuchern überwuchert wurde.
Keine Menschenseele war zu sehen, was mich darin bestätigte, dass ich meinen kleinen Kunden richtig eingeschätzt hatte. Er hatte mir soweit vertraut, dass er mich hier hinein lies, aber nicht so weit, dass er mich dort hin brachte, wo ich jetzt eigentlich sein sollte.
Aber nun gut, das passierte nicht zum ersten Mal. Ich mußte ihn finden und das möglichst schnell.
Ich stand auf und klopfte mir Staub, Erde und Tannennadeln von der Hose. Für einen Moment sah ich mich noch einmal genau um, richtete alle meine Sinne nach dem kleinen Kerl aus, der hier irgendwo sein mußte.
Der Weg vor mir führte ein ganzes Stück geradeaus und verschwand schließlich in immer dichter werdenden Unterholz. Dort wo ich stand, erreichten die Sonnenstrahlen noch den Boden, aber weiter vorne wurde es immer dunkler. Und damit auch unheimlicher.
Ich griff in meine Hosetasche und holte den Kompass hervor, einer der vielen Hilfsmittel, die mir hier in diesem unbekannten Terrain halfen, mich zurecht zu finden. Wie ich es mir gedacht hatte, zeigte die leicht zitternden Nadel direkt in das Dickicht am Ende des Weges. Norden war irgendwo rechts von mir, was bei diesem Kompass nicht weiter verwunderlich war. Er zeigte mir nämlich nicht die Himmelsrichtungen an, sondern die Richtung, in der mein derzeitiger Kunde saß und auf mich wartete.
Den Blick weiterhin hinunter auf die Kompassnadel gesenkt, machte ich mich auf den Weg. Die ersten Meter kam ich noch gut voran, dann versperrten mir die ersten Dornensträucher den Weg.
Ich griff hinunter zu meinem Bein, um das ein Messer in einer ledernen Scheide gebunden war. Die Klinge war etwa zwanzig Zentimeter lang und sollte mir helfen, mir nicht zu viel Kratzer einzuhandeln. Ich steckte den Kompass ein und machte mich daran, das Gestrüpp vor mir mit dem Messer zu bearbeiten. Trotzdem kam ich nur langsam voran.
Immer wieder blieb ich stehen, zog den Kompass hervor und prüfte, ob ich noch in die richtige Richtung ging. Das Gestrüpp und die Dornenranken wurden immer dichter, Schweiß stand mir vor Anstrengung auf der Stirn und ich hoffte, dass ich nicht zu spät kam. Eine weitere Sitzung würden mir die Eltern des kleinen Jungen sicherlich nicht mehr bezahlen wollen, wenn sie nicht jetzt schon ein Ergebnis zu sehen bekamen.
Immer noch hieb ich auf das beinahe undurchdringliche Gestrüpp ein, die Sonne war über dem mittlerweile dichten Blätterdach verschwunden und lies mich durch diffuses Dämmerlicht wandern.
Kein Lebewesen begegnete mir, das Vogelgezwitscher war mittlerweile auch verstummt und alles was die Stille ab und an durchbrach war mein abgehacktes Atmen und das Sirren des Messers.
Schließlich zogen sich die Büsche nach und nach zurück und ich kam viel schneller voran. Schließlich konnte ich auch das Messer wegstecken und mir lediglich mit meinen Armen und Beinen einen Weg durch das Dickicht bahnen. Dann weitete sich das Grün vor mir plötzlich und gab den Blick auf eine Lichtung frei. Die Sonne schien hier wieder und tauchte die Szene vor mir in gleißendes Licht.
Der Boden stieg bis ungefähr zur Mitte der Lichtung etwas an. Auf dem höchsten Punkt lag ein umgekippter Baumstamm. Darauf saß ein kleiner Junge, der vor zwei Wochen sechs Jahre alt geworden war. Obwohl ich ihn von meinem Standpunkt aus nicht genau erkennen konnte, wußte ich, dass sein Haar hellblond war, seine Augen hellgrau und seine Haut fast so weiß wie Schnee. Er hockte auf dem Baumstamm, hatte seine Beine angezogen und die Arme darum geschlungen. Leise wimmernd wiegte er sich hin und her.
Aufmerksam sah ich mich um, doch ich entdeckte nichts, was diese augenscheinliche Angst in ihm hervor gerufen haben könnte. Langsam ging ich auf ihn zu und versuchte dabei so leise wie möglich zu sein. Was auch immer ihn so erschreckt hatte, war womöglich immer noch in der Nähe.
Joshua? sagte ich leise, als ich den Jungen beinahe erreicht hatte.
Ruckartig hob er den Kopf und sah mich aus großen, mit Tränen gefüllten Augen an.
Du bist hier, flüsterte er ungläubig.
Ich habe doch gesagt, dass ich kommen würde, oder? lächelte ich und setzte mich vorsichtig neben ihn.
J-Ja ... aber ... ,
Ich weiß, sagte ich leise und legte einen Arm um seine schmalen Schultern.
Er ist noch nicht gekommen, sagte Joshua und blickte sich ängstlich nach allen Seiten um. Vielleicht weiß er, dass Du hier bist und traut sich nicht.
Vielleicht. Aber er kann es nicht wissen. Für ihn ist alles wie sonst. Erst wenn er heraus kommt und mich sieht, weiß er, dass etwas nicht stimmt. Aber nach allem was Du mir erzählt hast, wird es ihm egal sein.
Glaubst Du, Du kannst ihn verjagen?
Ich befürchte, mit verjagen wird es in diesem Fall nicht getan sein, antwortete ich ehrlich.
Joshua nickte ernst. Das habe ich mir schon gedacht. Was meinst Du, wird mit ihm passieren? Momy sagt immer, dass alle Lebewesen in den Himmel kommen, wenn sie in ihrem Leben viel Gutes tun. Aber er hat noch nie etwas Gutes getan ... zumindest nicht für mich.
Ich dachte einen Moment über diese Frage nach. Im Grunde kannte ich bereits die Antwort, doch wenn ich Joshua sagen würde, dass es sich bei seinem Monster, nicht wirklich um ein Lebewesen handelte, weil es nicht real existierte, würde er denken, ich nehme ihn nicht ernst. Andererseits sollte er verstehen, dass das hier durchaus eine Art Realität darstellte und dass es nicht ratsam war, alles, was einem Angst machte, zu töten.
Weißt Du Joshua, begann ich also. Du weißt, dass wir uns in diesem Moment nicht in der Realität befinden, oder?
Er musterte mich verständnislos mit gerunzelter Stirn. Ich seufzte verhalten. Wie sollte ich einem sechsjährigen erklären was Realität war, wenn wir uns gerade in seinem Traum befanden, der zwar im herkömmlichen Sinne nichts mit der Realität zu tun hatte, für uns beide aber mehr als real war?
Das was Du im Moment siehst, fühlst, riechst und schmeckst existiert nicht in der normalen Welt, in der deine Eltern auf dich warten, in der du zur Schule gehst und deine Freunde hast.
Jetzt nickte Joshua langsam.
Wir befinden uns gerade in deinem Kopf. In deinem Traum.
Wieder ein Nicken.
Und das, was Dir Angst macht, existiert in deinem Traum tatsächlich, aber nicht in der Welt deiner Eltern. Verstehst du, was ich meine?
Ich denke schon.
Du hast mich gefragt, was mit dem Wesen passiert, das dir solche Angst macht, wenn ich es töte. Nun, da es nicht in der realen Welt, sondern hier, in deinem Kopf existiert, wird es nicht in den Himmel oder in die Hölle kommen. Es wird ausgelöscht, wie wenn du einen Feind in einem Computerspiel erschießt, verstehst Du?
Es war nur die halbe Wahrheit. Der Unterschied zu einem Computerspiel bestand eindeutig darin, dass nicht nur der Feind vernichtet werden konnte, sondern auch der Retter, doch das brauchte ich Joshua im Moment nicht zu sagen.
Ich denke, das verstehe ich, nickte Joshua ernst.
Das ist gut. Und nun hör mir genau zu. Wir haben das vorhin ja schon besprochen, aber ich möchte es noch einmal wiederholen, in Ordnung?
Wieder nickte er.
Was tust Du, wenn das Wesen hier auftaucht?
Ich bringe mich in Sicherheit.
Was bedeutet das?
Ich laufe weg.
Aber?
Aber nicht zu weit, damit du mich hinterher wieder finden kannst.
Gut. Was noch?
Ich darf mich nicht umdrehen, ich darf nicht zusehen. Auch nicht, wenn ich ein Versteck gefunden habe, aus dem ich dich beobachten kann. Ich warte, bis du mich holen kommst.
Sehr gut, ich tätschelte dem Jungen lächelnd die Schulter und lies meinen Blick dann über das Dickicht um uns herum wandern. Wo blieb dieses Mistvieh nur?
Vielleicht kommt er heute gar nicht, gab Joshua zu bedenken.
Wenn dem so sein sollte, versuchen wir es morgen wieder.
Wie lange?
So lange, bis wir ihn gekriegt haben, versprach ich, auch wenn ich mir nicht sicher war, wie seine Eltern das aufnehmen würden.
Gut, er wirkte beruhigt und entspannte sich etwas. Er lies die Arme sinken und lies die Füße von dem Baumstamm baumeln.
Dad glaubt, dass ich ... , begann er, doch ein Geräusch lies ihn inne halten und noch blasser werden, als er sowieso schon war. Er kommt, sagte er mit zitternder Stimme.
O.k.. Denk daran, du darfst erst weglaufen, wenn er hier ist.
Ich weiß, aber ... ,
Doch weiter kam er nicht. Äste krachten, die Büsche am Rande der Lichtung begannen wild zu rascheln und ein Geräusch von Schritten kam immer näher.
Ich spürte, wie Joshua sich neben mir anspannte.
Noch nicht, zischte ich und zog bereits mein Messer. Und dann trat er endlich aus dem Dickicht. Für einen Moment stockte mir der Atem. Dieses Ding war riesig!
O.k. Joshua. Lauf!
Ich drehte mich nicht herum um zu sehen, ob er meinem Befehl befolgte, sondern stand auf und trat dem Angreifer entgegen. Er sah aus wie eine Mischung aus Garfield und dem Monster aus Alien. Riesige, runde Augen lagen lauernd auf mir, darunter befand sich eine recht kleine, platt gedrückte Nase und wiederum darunter ein breites Maul mit riesigen, messerscharfen Zähnen.
Das Ding war mindestens doppelt so groß wie ich, hatte einen schlanken Körper mit ellenlangen Armen und Beinen, an deren Ende messerscharfe Krallen hervortraten und sein gesamter Körper war mit rötlichem Fell bedeckt.
Für einen winzigen Moment war es abgelenkt, als es der Bewegung von Joshua mit den Augen folgte. Seine Klauen öffneten und schlossen sich in einem schnellen Rhythmus und tief sog es die Luft durch seine breiten Nasenlöcher ein, so, als wolle es Joshua durch die Luft aufnehmen.
O.k. mein Freund. Nur Du und ich. Was sagst Du? machte ich das Ding wieder auf mich aufmerksam.
Sein Kopf ruckte herum und sein durchdringender, kalter Blick schickte mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Mit einem markerschütternden Schrei bäumte sich das Wesen plötzlich zu seiner vollen Größe auf und raste auf mich zu. Mit einem Hechtsprung tauchte ich unter seinen messerscharfen Krallen hindurch, rollte mich ab und kam sofort wieder auf die Füße. Keine Sekunde zu früh, denn das Wesen hatte sich bereits herumgeworfen und war im Begriff, sich auf mich zu stürzen.
Mit einem gekonnten Tritt verpasste ich ihm eins auf die breite Nase und während ich unter seinem ausgestreckten Arm hindurchtauchte, zog ich mit dem Messer eine tiefe Spur über seinen Brust.
Das Monster heulte auf und fuhr zu mir herum. Reine Mordlust ließ seine Augen bedrohlich funkeln, aus seinen Mundwinkeln tropfte Speichel auf den Boden und ich sah, wie sich die Muskeln unter dem Fell anspannten.
Zu meinem Entsetzen konnte ich keinerlei Ermüdungserscheinungen feststellen. Die tiefe Wunde, die nun heftig blutete, schien das Wesen nicht im Geringsten zu interessieren. Stattdessen duckte es sich und lies ein tiefes Grollen hören.
Na komm schon Mieze, willst Du spielen? fragte ich und versuchte in Bewegung zu bleiben, um auf den nächsten Angriff vorbereitet zu sein.
Der kam dann auch schneller als mir lieb war. Mit einem einzigen, riesigen Satz sprang das Monster auf mich zu und seine Krallen sausten nur Millimeter über meinem Kopf durch die Luft. Als ich herum fuhr, versucht es gerade, seinen eigenen Schwung zu bremsen, mit dem es wieder auf dem Boden aufgesetzt hatte. Ganze Grassoden wurden in die Luft geschleudert und eine tiefe Rinne aus brauner Erde blieb zurück.
Noch in der selben Bewegung fuhr das Monster herum und raste auf mich zu. Jetzt oder nie. Bis zur letzten Sekunde blieb ich auf meinem Platz stehen, sprang dann in die Höhe und rammte dabei mein Messer in eines der riesigen Glubschaugen des Wesens. Es heulte auf, rannte noch einige Meter weiter und wurde dann immer langsamer. Je mehr es an Geschwindigkeit verlor, um so durchscheinender wurde es. Erst war es nur eine Ahnung, dann Gewissheit. Das Monster löste sich vor meinen Augen auf. Befriedigt lächelnd lief ich ihm hinterher. Als ich es schließlich erreichte, war nicht mehr als ein durchsichtiges Etwas übrig geblieben, in dessen Auge immer noch das Messer steckte.
Gib auf, flüsterte ich und hielt weiter einen respektvollen Abstand zu dem Monster ein. So lange ich es sehen konnte, war es weiterhin gefährlich.
Das Wesen schüttelte den Kopf, so als wolle es ich von dem Messer befreien, dann bäumte es sich ein letztes Mal auf und verschwand dann endgültig. Mit einem gedämpften Laut fiel mein Messer zurück auf den Boden.
Friede deiner Asche, murmelte ich, während ich das Messer aufhob und es im Gras abwischte, auch wenn nichts an ihm zu sehen war.
Dann machte ich mich auf die Suche nach Joshua.