The Pool

Kapitel 1

3 Uhr. Die Bar leerte sich um diese Uhrzeit merklich und Jason Pearce sah nun sicherlich zum zehnten Mal in einer Stunde auf seine Rolex-Imitation. Noch eine halbe Stunde, dann konnte es endlich los gehen.
Jason war das, was man allgemein einen Aufreißer nannte. Er war groß, breitschultrig und hatte ein offenes, gewinnendes Lächeln, das zu allem Überfluss auch noch mit zwei kleinen, wie gemalt wirkenden Grübchen versehen war. Diesen Grübchen hatte er es wohl auch zum großen Teil zu verdanken, dass die Frauenherzen gleich reihenweise dahin schmolzen, wenn er sie anlächelte und mit seiner vollen, angenehmen Stimme zu einem Drink einlud.
Frauen waren seine Leidenschaft. Nichts faszinierte, reizte oder machte ihn ähnlich glücklich wie das Gefühl von einem Paar mandelförmiger Augen, die auf sein Gesicht gerichtet waren und die ihn förmlich anflehten die dazugehörigen Lippen zu küssen.
Bisher hatte er noch immer bekommen was er wollte. Bis jetzt.
Sein Blick wanderte über das kleine Grüppchen, das sich noch auf der winzigen Tanzfläche befand. Alle samt seine Freunde und dazwischen die Neue, die sich hartnäckig weigerte seinem Charme zu erliegen.
Dillon Hamilton, eine Göttin vor dem Herrn wie Jason fand. Dunkles, langes Haar, dunkle Augen, in denen sich ein aufrichtiger Mann verlieren konnte, endlos lange Beine und an den richtigen Stellen mit beeindruckenden Kurven ausgestattet.
Vor vier Wochen hatte er sie das erste Mal gesehen. Sie lehnte gelangweilt an jenem Tresen, an dem er jetzt auf einem Barhocker saß, nippte an einem Bier und lies ihre wundervollen sanften Augen durch die Bar wandern. Als sich ihre Blicke trafen, hatte er gelächelt und sie hatte es erwidert. Das war der einzige Moment, wie er sich im Nachhinein eingestehen musste, an dem er sich sicher gewesen war, sie innerhalb von nicht einmal einer Stunde um den Finger gewickelt zu haben.
Leider war sie nicht nur schön sondern auch noch intelligent, witzig und äußerst standhaft. Er hatte ihr einen Drink nach dem anderen spendiert, versucht Konversation zu machen und war sich dabei zeitweise wie ein kompletter Vollidiot vorgekommen. Alles was er sagte und alles was er tat hatte den Beigeschmack von Unvollkommenheit. Bei jedem Thema das er anschnitt konnte er lediglich mit Halbwissen glänzen und im Gegensatz zu sonst war ihm sofort klar, dass sein bildhübsches Gegenüber dies sofort durchschaute. Schließlich verschüttete er vor lauter Nervosität seinen Drink, wobei er Gott sei Dank ihre Jeans haarscharf verfehlte, und stolperte beim Verlassen der Bar auch noch über seine eigenen Füße.
Das war ihm noch nie passiert. Noch nie hatte ihn eine Frau dermaßen nervös gemacht und noch nie hatte er sich so sehr gewünscht, sie für sich gewinnen zu können.
Unglaublicher Weise war sie das nächste Wochenende wieder aufgetaucht. Nett lächelnd, witzig und atemberaubend schön wie eh und je. Er hatte sich geschworen, seine Sache dieses Mal besser zu machen, doch nachdem er vier Bier getrunken hatte, war er der Meinung, es unbedingt noch einmal bei ihr probieren zu müssen, mit dem selben, niederschmetternden Ergebnis. In ihrer Gegenwart versagten einfach sämtliche Hirnwindungen ihren Dienst.
Sicherlich war dies auch einer der Gründe, warum er heute eine fast vergessen geglaubte Tradition wieder ins Leben gerufen hatte. Sein Vorhaben hatte gleich zwei - nein, eigentlich drei -positive Aspekte: Er würde Dillon halb nackt sehen, sie würde endlich erkennen, dass er kein Trottel sondern ein wagemutiger Held war und der Adrenalinkick würde frisches, heißes Blut durch seine Adern jagen und ihn zusätzlich unwiderstehlich machen.
So sah zumindest der Plan aus. Wenn er allerdings ehrlich war, schlotterten ihm schon jetzt die Knie. Das letzte Mal hatten sie dieses Ding als Teenager durchgezogen. Damals hatte es das Wort „Konsequenzen“ in seinem Wortschatz noch nicht gegeben und „Angst“ schon dreimal nicht.
Heute war dies ein wenig anders. Würden sie ihn erwischen, konnte er unter Umständen sein Studium vergessen, einmal ganz abgesehen davon, wie peinlich es gegenüber Dillon und seinen Freunden sein würde.
Erneut sah er auf die Uhr. Zeit zum Aufbruch!

Dillon genoss das Gefühl, die Musik durch ihre Adern fließen zu spüren. Die tiefen Bässe ließen ihre Magenwände im Takt vibrieren und sie hatte zeitweise das Gefühl leichter als Luft zu sein.
Um diese Uhrzeit mochte sie die Bar besonders. Die meisten Gäste waren bereits nach Hause gegangen und wenn sie sich umsah, entdeckte sie hauptsächlich bekannte Gesichter. Es war, als tanze man in seinem eigenen Wohnzimmer. Die Musik spielte nur für sie alleine, was vielleicht gar nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt lag, da der DJ, der scheinbar Gefallen an ihr gefunden hatte, inzwischen ziemlich genau wußte, auf welche Musik sie stand. Außerdem waren ihr die tanzenden Körper um sie herum mittlerweile vertraut.
Sicherlich ging sie nicht so weit zu behaupten, dass sie die anwesenden Personen wirklich kannte. Vier Wochen reichten dafür bei weitem nicht aus, aber immerhin kannte sie ihre Namen und hatte ein Gefühl für ihre Persönlichkeit entwickelt.
Direkt vor ihr, mit wilden Zuckungen und Verrenkungen tanzte Sal Hoffman, den allerdings alle nur Schildkröte nannten. Auf ihre Frage hin, warum das denn so sei, hatte man ihr eine lange Geschichte erzählt, die von einer Schildkröte namens Amanda handelte, die Sal im zarten Alter von vier Jahren in seiner grenzenlosen Liebe buchstäblich überfüttert hatte.
Von allen hier noch anwesenden Menschen mochte sie Schildkröte wohl am liebsten. Vielleicht, weil er nicht dieses aufgeblasene Gehabe zur Schau stellte wie die anderen, allen voran Jason, der gerade zum hundertsten Mal auf die Uhr sah.
Die beiden hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während Jason groß und gut aussehend war, hatte Schildkröte die Ausstrahlung eines Wiesels mit etwas hervorstehenden Schneidezähnen, einem schmalen Gesicht und recht dünnen, langen Gliedmaßen. Was sie an ihm wohl am meisten mochte, war seine aufrichtige Art und sein Humor.
Jason hingegen wirkte manchmal wie ein unsicherer Junge im Körper eines Erwachsenen. Genau so sehr, wie sie diese Eigenschaft anzog, stieß sie sein Machogehabe ab. Er war sicherlich kein schlechter Kerl, aber ohne jeden Grund von sich selbst überzeugt.
Tina, die sich gerade hingebungsvoll an ihren derzeitigen Freund Michael schmiegte, hatte ihr wahre Schauermärchen über Jason erzählt und obwohl Dillon auf Klatsch und Tratsch nicht viel gab, bewahrheiteten sich gewisse Dinge auf schaurige Weise.
Jason brauchte nur einen Raum zu betreten und sämtliche Mädchen schwirrten um ihn herum wie die Motten um das Licht. Nicht nur eine hatte Dillon gegenüber betont, wie wundervoll Jason doch sei und dass es ihnen auch nichts ausmachte, dass er eine nach der anderen abschleppte. Jede war der Meinung, die einzig wahre Frau für ihn zu sein und ihn „bekehren“ zu können. Als ob sich ein Typ wie Jason jemals mit nur einer Frau zufrieden geben könnte.
Um so erstaunter war sie darüber, wie sehr er sich um sie bemühte und wie er immer wieder angekrochen kam, wenn sie ihn abblitzen lies.
In diesem Moment kam Bewegung in Jason. Auf seine unvergleichliche, arrogante Art lies er sich vom Barhocker gleiten, blieb einen Moment reglos am Rande der Tanzfläche stehen bis er sicher sein konnte die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Freunde zu haben, machte dann eine knappe Geste mit dem Kopf Richtung Ausgang und wie auf Kommando trotteten die Schäfchen los.
Dillon war versucht einfach weiter zu tanzen. Wer unterwarf sich schon freiwillig einem selbst ernannten Führer? Doch die Neugier auf die von Jason so groß angekündigte Aktion lies sie sich in Bewegung setzen und etwas langsamer folgte sie dem Grüppchen, das sich bereits beim Türsteher verabschiedete und nacheinander hinaus in die warme Sommernacht trat.

Kapitel 2

„Die Mauer ist ganz schön hoch Jason, findest Du nicht?“ sagte Tina gerade, die eingeklemmt zwischen Michael und Schildkröte auf der Rückbank von Jasons BMW saß.
„Ach, das dürfte kein Problem sein,“ winkte dieser ab, fühlte sich aber nicht wirklich wohl bei dem Gedanken die glatte, etwa zwei Meter hohe Mauer zu überwinden.
„Und Du bist sicher, dass da nicht gleich ne Alarmanlage losgeht?“ fragte Michael, der in einer recht unbequem wirkenden Haltung neben Tina saß und einen Arm um sie gelegt hatte.
„Das habe ich Euch doch schon erklärt,“ seufzte Jason genervt. „Mein Cousin war für die Sicherheitsvorkehrungen zuständig und er sagt, dass lediglich das Haus vernetzt ist. Die Mauer und auch der Garten können ohne Probleme betreten werden ohne dass gleich die Polizei kommt.“
„Aha,“ entgegnete Michael nur und machte keine Anstalten, aus dem Wagen auszusteigen.
Dillon schüttelte innerlich den Kopf. Da taten sie immer so großspurig und wenn es darauf ankam, zogen sie den Schwanz ein. Entschlossen öffnete sie die Beifahrertür und stieg aus.
„Hey, was machst Du?“ hörte sie Jason noch überrascht ausrufen, dann schlug sie die Tür zu und besah sich die Mauer genauer. Roter Sandstein ragte vor ihr auf, die Ritzen dazwischen zu schmal und nicht tief genug um sich daran irgendwie hinauf ziehen zu können. Sie blickte weiter die Straße hinunter. Die Mauer zog sich um ein riesiges Gelände, darüber ragten die Wipfel von Bäumen in die Luft und das Haus war von hier nicht zu sehen. Wer auch immer hier wohnte hatte dafür gesorgt, dass er ungestört war und es auch blieb. Grund genug für Dillon, einen leichten Anflug von Unsicherheit zu spüren.
In diesem Moment gingen die anderen drei Türen des Wagens auf und Tina, Michael, Schildkröte und Jason gesellten sich zu ihr.
„Sie ist immer noch so hoch,“ stellte Tina fest.
Schildkröte kicherte „was hast Du denn gedacht? Dass sie aus mysteriösen Gründen plötzlich eingeht?“
„Nein. Ich ... ach ist auch egal. So kommen wir da jedenfalls nicht rüber.“
„Vielleicht sollten wir das ganze Vorhaben verschieben und ... ,“ setzte Michael an, wurde allerdings von dem aufgebrachten Jason unterbrochen. „Nein! Wir ziehen das jetzt durch. Früher sind wir da auch irgendwie drüber gekommen. Also los jetzt.“
Dillon beobachtete, wie Michael sich seufzend in sein Schicksal fügte, seine Hände in einander verschränkte, sich dann gegen die Mauer lehnte und Jason einen Fuß in die provisorische Baumleiter steckte. Sie beschloss, nach einem eigenen Weg zu suchen. Bis die Jungs da rüber waren konnte es Tage dauern.
Sie ging langsam an der Mauer entlang, bog dann um die Ecke und stand direkt vor einem riesigen Kastanienbaum. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Das war einfach perfekt!
Mit zwei schnellen Handgriffen vergewisserte sie sich, dass ihr Rucksack gut auf ihren Schultern saß, dann trat sie an den Baum heran und zog sich die ersten beiden Äste hinauf. Schnell kletterte sie weiter und erreichte schließlich das obere Ende der Mauer. Eine Tanne ragte direkt vor ihr in die Höhe und versperrte ihr so die Sicht auf das Grundstück dahinter.
Mit einiger Anstrengung robbte sie auf einem etwas dickeren Ast nach vorne und schwang sich gleich darauf rittlings auf die Mauer. Soweit, so gut.
Vorsichtig schwang sie beide Beine auf eine Seite, hielt sich dabei am Rand fest und lies sich dann langsam an der rauen Sandsteinwand hinunter. Schließlich lies sie sich einfach fallen und landete auf weicher Erde, die mit Tannennadeln übersäht war.
Mit einiger Anstrengung und möglichst leise kämpfte sie sich durch das Dickicht von Bäumen und Sträuchern und stand schließlich schwer atmend am Rand einer großen Wiese.
Ihre Augen wurden groß, als sie sich umsah. Dieses Anwesen war einfach der Wahnsinn. Zu ihrer Linken erhob sich eine riesige, weiß getünchte Villa in den Nachthimmel, es brannte nirgends Licht und es regte sich auch nichts, und doch fühlte Dillon, wie die Aufregung ihr Herz schneller schlagen lies. Direkt vor ihr lag die Wiese, die sanft zu einem nierenförmigen Pool hinunter abfiel, dahinter erhob sich ein weiteres, niedriges Gebäude. Zu ihrer Rechten machte die Mauer einen Knick und sie konnte Jasons blonden Haarschopf darüber erkennen. Gerade schob er sich noch ein Stückchen weiter in die Höhe und verharrte überrascht, als er sie bereits auf dem Grundstück erblickte.
Breit grinsend winkte sie ihm zu und machte sich dann geduckt auf den Weg hinunter zum Pool – ihrem eigentlichen Ziel.

Jason atmete schnell und abgehackt, ob vor Anstrengung oder Angst konnte er nicht so genau sagen. Michael ächzte unter ihm und erinnerte ihn somit daran, dass er eigentlich über die Mauer wollte und nicht auf halben Wege innehalten sollte. Er stemmte sich also unter einiger Anstrengung in die Höhe und schwang ein Bein über die Mauer.
„Und, was siehst Du?“ fragte Schildkröte von untern.
„Ich sehe Dillon, die schon beinahe im Wasser ist,“ entgegnete Jason fassungslos und beobachtete die Silhouette, die bereits die mit weißen Platten ausgelegte Umrandung des Pools erreicht hatte.
„Ich will da auch rauf,“ schnaubte Schildkröte und Jason sah, wie er ebenfalls einen Fuß in Michaels Hände setzte.
Jetzt gab es wohl kein Zurück mehr. Wenn er vor seinen Freunden nicht als Weichei dastehen wollte, mußte er wohl oder übel hinunter auf die andere Seite.
Für einen Moment versuchte er sein wie wild schlagendes Herz zu beruhigen und wischte die schweißnassen Hände an seinen Jeans ab. Was tat er hier eigentlich, verdammt nochmal? Sie waren tatsächlich dabei, hier einzubrechen und das nur, um eine Runde im Pool schwimmen zu gehen.
Wenn sie erwischt wurden, war es aus mit seiner Laufbahn als gut bezahlter Anwalt und er wollte sich erst gar nicht vorstellen, was seine Eltern dazu sagen würden.
Doch es half alles nichts. Von unten zog Schildkröte bereits an seinem Hosenbein.
„Nun mach schon,“ forderte er Jason auf und mit einem letzten, unbehaglichen Blick zu der dunklen Villa hinüber, lies er sich langsam vom Mauerrand gleiten und stand gleich darauf auf dem akkurat gestutzten Rasen.
Schildkröte und Tina folgten, Michael schien sich nach Dillons Eintrittskarte umgesehen zu haben, denn wenig später brach er aus dem Dickicht zu ihrer Linken.
„O.k.. Noch einmal für alle zum Mitschreiben. Seid auf jeden Fall leise. Wenn wir erwischt werden, haben wir ein echtes Problem. Also nix mit „springen vom Beckenrand“ oder irgendwelchen Wasserschlachten, o.k.?“ ermahnte Jason seine Freunde.
„Klar Kumpel,“ entgegnete Michael grinsend und schlug ihm auf die Schulter. „Wir machen das hier nicht zum ersten Mal, falls Du Dich daran erinnerst. Hast Du etwa Schiss?“
„Ich .. was? Ich habe keine ... wie kommst Du darauf?“
Jason bekam lediglich leises Gekicher zur Antwort und sah dann zu, wie seine Freunde an ihm vorbei hinein in die Dunkelheit huschten und nach einer Weile neben Dillon am Pool wieder aufzutauchen.
Nun gut. Wenn sie es so haben wollten.
Noch auf halben Weg den sanften Hügel hinunter sah er, wie Dillons Silhouette, die sich vor dem glitzernden Wasser des Pools abhob, das Top über den Kopf zog. Seine Schritte beschleunigten sich, genau so wie der Schlag seines Herzens. Alleine für den Anblick hatte sich das hier alles bereits gelohnt.
Als er das kleine Grüppchen schließlich erreichte, trug Dillon nichts weiter als ihre Unterwäsche und Jasons Mund wurde trocken. Sie war einfach perfekt. Irgendetwas mußte er sich ausdenken um sie für sich zu gewinnen. Unvorstellbar wenn ein anderer Mann seine Dreckspfoten an dieses wunderhübsche Wesen legte!

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