Skullee Rose

Kapitel 1

Ich hasste meinen Job. Ich hasste dieses Büro. Ich hasste die langweilige Arbeit. Ich hasste meine Kollegen und ich hasste meinen Chef. Und sie hassten mich, das war klar.
Ich fuhr meinen Computer herunter und streckte mich ausgiebig. Endlich Wochenende. Endlich raus aus diesem Saftladen.
Gerade als ich den schmalen Schrank öffnete in dem meine Jacke und meine Handtasche verstaut waren, betrat mein Boss das Büro. Sofort wirkte der kleine Raum, in den gerade so ein Schreibtisch, ein kleiner Schrank und ein Sidboard hinein passten, noch winziger.
Philipp Denborough war ein Bär von einem Mann. Gut 1,90 Meter groß, breite Schultern und ein runder Bauch, der das blassrosa Hemd unter seinem Jackett so aussehen lies, als würden ihm gleich die Knöpfe davon springen. Mit seinen kleinen, hellen Augen mußterte er mich überrascht und runzelte dann tadelnd die Stirn.
“Keyla, sie wollen doch nicht etwa schon gehen?”
“Entschuldigen sie Mr. Denborough, aber es ist fünf Uhr am Freitag Abend. Alle anderen sind auch schon gegangen, also … ,”
“Es interessiert mich nicht, was alle anderen machen,” unterbrach er mich und die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. “Als meine Sektretärin haben sie mir zur Verfügung zu stehen, wenn ich es sage. Und hiermit … ,” er legte mir eine dicke Unterschriftenmappe auf den Tisch, wobei sein voluminöser Bauch die Blätter meines Farnes zwischen sich und der Tischplatte zermalmte “werden sie wohl noch eine Weile beschäftigt sein.”
Ich schaffte es nicht meine Enttäuschung und meinen Ärger zu verbergen. Mußte er damit ausgerechnet jetzt, auf den letzten Drücker hier antanzen?
“Was ist das?” fragte ich trotzdem, während ich meine Jacke seufzend zurück in den Schrank hängte.
“Cassandra hat für mich einen Brief an Hanson & Partner geschrieben. Ich hatte noch einige Anmerkungen. Ich möchte, dass sie ihn neu tippen und mir vorlegen. Er muß heute Abend noch fertig werden.”
“Aber die Post ist doch sowieso schon weg und … ,”
“Es interessiert mich nicht, ob die Post schon weg ist,” dröhnte er und innerlich verdrehte ich die Augen. So war das immer. Er hatte mich als seine persönliche Sklavin auserkoren und wenn ich nicht genau das tat, was er von mir verlangte, wurde er fuchsteufels wild.
“Schreiben sie den Brief noch einmal neu und bringen sie ihn danach in mein Büro. Wenn ich ihn unterschrieben habe bringen sie ihn schnell zur Post. Wozu bezahle ich sie eigentlich?”
Und damit drehte er sich auf dem Absatz herum und stapfte aus meinem Büro.
“Na großartig,” murmelte ich, während ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen lies und vorsichtig den Deckel der Unterschriftenmappe anhob.
Denborough hatte nicht zuviel versprochen. Bis ich das getippt hatte, würde ich eine Weile brauchen. Drei Seiten dichte Maschinenschrift, neben der unzählige, kaum lesbare Kommentare in der krakeligen Handschrift meines Chefs prangten. Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Warum ausgerechnet ich?
Ich meldete meinen Computer wieder an und ging erst einmal hinüber in die kleine Gemeinschaftsküche. Klar, Kaffe war auch leer und während ich versuchte dem Staubsauger der Putzfrau auszuweichen, die mich ansah als würde ich ihr absichtlich zwischen den Füßen herum stehen, setzte ich Wasser auf und tat zwei Löffel nicht wirklich gutschmeckenden Kaffepulvers in eine Tasse. Ich brauchte irgendetwas um mich wach zu halten, wenn ich diesen Brief einigermaßen fehlerfrei hinbekommen sollte. Sonst würde mich Denborough am Ende das Ganze nochmal schreiben lassen.
Als ich schließlich wieder hinter meinen Schreibtisch saß und die erste Seite des Briefes zu mir heranzog, dachte ich zum x-ten Mal darüber nach, warum ich mir eigentlich keinen neuen Job suchte. Die Bezahlung war schlecht, mein Chef schickanierte mich wo er nur konnte und die Kollegen wollten wenig bis gar nichts mit mir zu tun haben.
Woran das lag war relativ leicht zu erklären. Warum ich immer noch hier war weniger.
Als ich in der kleinen Anwaltskanzlei Denborough & Sons anfing, hatte der alte Mr. Denborough – Jack - hier noch das Zepter geschwungen. Damals war hier alles anders gewesen. Es herrschte noch so etwas wie “Zusammengehörigkeitsgefühl” und “Spaß an der Arbeit”, doch das sollte sich nach ziemlich genau zwei Jahren für mich grundlegend ändern.
Ich beging den riesigen, nicht wieder gutzumachenden Fehler, meinem Vater, Samuel McDermount, vorzuschlagen einen seiner unzähligen Rechtstreits von uns regeln zu lassen. Als Chef eines kleinen, aber erstaunlich erfolgreichen Plattenlabels gab es genug Vertragsarbeiten, Rechtstreits und Klageverfahren um sie auf mehrere Kanzleien aufzuteilen. Ich dachte, ich täte mir und Denborough & Sons einen Gefallen, indem ich ihn als neuen Kunden gewann. Und wer meinen Vater kannte wußte, dass es beinahe an ein Wunder grenzte, dass er sich tatsächlich auf irgendetwas einließ, das ich ihm vorschlug.
Leider wurde der Rechtsstreit, mit dem sich Jack Denborough persönlich befasste, zu einem einzigen Disaster. Mein Vater hatte seine ganz eigenen Vorstellungen davon wie ein Gerichtsverfahren und alles was damit zusammenhing zu laufen hatte und so war es für mich am Ende keine Überraschung mehr, dass wir den Prozess für meinen Vater verloren.
Zu diesem Zeitpunkt begann alles, aber auch wirklich alles in meinem Leben schief zu gehen.
Angefangen von der vorzeitigen Pensionierung von Jack Denborough, der mir zwar immer versicherte, er hätte das sowieso schon länger geplant, der aber nach außen hin so wirkte, als hätte ihn der Prozess und die Zusammenarbeit mit meinem Vater den letzten Rest gegeben, über das Auftauchen von Phillip Denbourough, Jacks Sohn, der die Geschäfte vortan mit Härte und Disziplin führte und mich jeden Tag spüren lies, dass ich Schande über die Kanzlei gebracht hatte, bis hin zu meinem damaligen Freund, der sich nach dem ganzen Hin und Her, meinen unzähligen Überstunden und meiner anhaltenden schlechten Laune, nach etwas besserem umgesehen hatte. Wer konnte ihm das verübeln?
Tja … und nach all diesen Tiefschlägen hockte ich also immer noch hier in diesem winzigen Büro und lies mir jeden Tag aufs neue auf der Nase herum tanzen. Dafür gab es keinen wirklichen vernünftigen Grund.
Vielleicht war ich der Meinung, ich hätte meine Schulden noch nicht beglichen, vielleicht wollte ich mir und den restlichen Kollegen - vorneweg Phillip Denborough - nicht eingestehen, dass ich versagt hatte. Höchstwahrscheinlich war ich aber auch nur zu feige, mich nach etwas Neuem umzusehen. Einen gutbezahlten Job zu finden war heutzutage nicht wirklich einfach und zudem wurden einem meist nur befristete Arbeitsverträge angeboten. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.
Doch an solchen Abenden wie heute dachte ich ernsthaft über eine Veränderung nach. Es machte einfach nicht wirklich Sinn mich jeden Morgen wieder hier herein zu schleppen und einen Arbeitstag von zehn Stunden und mehr hinter mich zu bringen, ohne dass ich auch nur ein bißchen Spaß dabei empfand.
Wie auch immer. Ich schüttelte den Kopf um mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Wenn ich mich beeilte, schaffte ich es vielleicht noch vor acht zu Hause zu sein.

Kapitel 2

Ich lenkte den Wagen in die kurze Auffahrt zur Garage, hielt vor dem Garantor und schaltete das Licht aus. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich den Heimweg in rekordverdächtigen 25 Minuten geschafft hatte. Es war jetzt kurz vor acht und dass ich tatsächlich jetzt schon zu Hause war verdankte ich einzig und alleine dem Umstand, dass Denborough nicht mehr in seinem Büro gewesen war, als ich die Unterschriftenmappe mit meinem frischgetippten Brief zu ihm brachte. Scheinbar hatte er mich einfach vergessen oder, was wahrscheinlicher war, nie vorgehabt zu warten, bis ich fertig war. Schließlich war ihm sein Wochenende ebenfalls heilig.
Wie auch immer, er hatte mir zumindest den Gang zur Post erspart und so hatte ich es tatsächlich geschafft zu Hause zu sein, bevor es dunkel wurde. Wobei … das bißchen Licht konnte man auch nicht wirklich als Helligkeit bezeichnen.
Ich öffnete die Wagentür, nahm meine Aktentasche vom Beifahrersitz und ging die paar Meter zum Haus hinüber, hinter dessen Fenster warmer Lichtschein auf mich wartete.
Als ich gerade den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, wurde die Tür mit Schwung aufgerissen und Leo lächelte mich an.
“Na, auch endlich da?” begrüßte er mich grinsend, was meine Laune nicht gerade hob.
“Versuch du doch mal es einem Chef recht zu machen, der dich eigentlich nur schickanieren will,” grummelte ich missmutig und schob mich an ihm vorbei in den schmalen Hausflur.
“Hatte Denborough etwa einen schlechten Tag?” fragte Leo, während ich mich auf einen unserer Küchenstühle fallen lies und genüsslich die Augen schloss als er begann meine verspannten Schultern zu massieren.
“Nicht schlechter als sonst auch,” murmelte ich.
“Dad hat übrigens angerufen.”
“Was wollte er denn?” fragte ich misstrauisch und richtete mich auf, um Leo ansehen zu können.
“Ach, nur wegen morgen. Noch einmal die Ermahnung gefälligst pünktlich zu sein und uns etwas “festliches” anzuziehen.”
“Das hat er doch bestimmt nur wegen mir gesagt, oder?” fragte ich nach und fühlte, wie ich innerlich schon wieder zu kochen begann. Meinem Vater konnte ich es nie recht machen, egal was ich tat.
“Ach, reg dich nicht auf. Du weißt doch wie er ist. Alles muß nach seinen Vorstellungen ablaufen, sonst ist er nicht glücklich.”
“Als ob Dad schon jemals glücklich gewesen wäre,” grummelte ich und überlies mich wieder Leos Händen, die weiterhin sanft meine Schultern bearbeiteten.
Leo und ich sind Geschwister, Halbgeschwister um genau zu sein. Wir haben verschieden Mütter, aber den gleichen dickschädligen, arroganten und herrschsüchtigen Vater.
Das war es wohl im Endeffekt auch, was uns beide, kaum das wir erwachsen genug waren, aus dem riesigen Haus mit seinen unzähligen Schlafzimmern getrieben hatte.
Da mein Vater nichts davon hält, seine Kinder an dem Reichtum den er angehäuft hat teilhaben zu lassen, mußten wir sehen, dass wir alleine zurecht kamen, was ich im Grunde auch ganz angenehm finde. So konnte er mir zumindest in diesen Teil meines Lebens nicht hineinreden.
Wenn man Leo und mich zusammen sieht, kommen die wenigstens darauf, dass wir tatsächlich Geschwister sind. Leo ist sechs Jahre jünger als ich und hat das beste von seiner Mutter und unserem Vater mitbekommen: Von ihr das dichte, blonde Haar und die wunderschönen, blassblauen Augen, von meinem Vater das energische Kinn und den sportlichen Körperbau. Außerdem hat er von ihm seinen Ehrgeiz geerbt, auch wenn dies in seinem Fall eine überaus positive Eigenschaft ist. Was Leo sich vornimmt, das beendet er auch und das mit so viel Enthusiasmus und Hingabe, dass es mich manchmal ganz neidisch machte. Mit seinen zwanzig Jahren hatte er seinen Highschool Abschluss als einer der Besten gemacht und war nun dabei sein Betriebswirtschaftsstudium ebenfalls als einer der Besten abzuschließen. Nebenbei arbeitet er noch in Vaters Plattenlabel und ich kann mir nicht wirklich erklären, wie er beides so perfekt unter einen Hut bekommt.
Ich hingegen hatte bei der Verteilung der McDermont Gene nicht so gut abgeschnitten. Meine Mutter war eine patente aber nicht wirklich hübsche Frau. Von ihr hatte ich das eher kantige Gesicht und die nichtssagenden, hellgrünen Augen. Sie starb als ich fünf war bei einem Autounfall und manchmal glaube ich, dass mein Vater bei mir die Schuld dafür sucht, auch wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Ich persönlich kann mich kaum noch an sie erinnern. Es gibt ein paar Fotos, die ich mir ab und zu ansehe, aber im Grunde ist sie zu einer blassen Erinnerung in meinem Kopf geworden.
Von wem ich das dunkle, immer leicht störrische Haar geerbt habe, lässt sich leider schwer sagen. Mein Vater hat seit ich denken kann eine Glatze, wobei mir Leo einmal versichert hat, dass sich dieser jeden Morgen den Kopf rasiert weil er so cooler aussieht. Vielleicht macht man das so im Musikbusiness, ich weiß es nicht. Fakt ist, dass die Frauen bei ihm Schlange stehen und der Umstand, dass diese immer ungefähr in Leos und meinem Alter sind, macht das Ganze nicht wirklich besser.
Seine momentane Flamme hieß Zoe und arbeitete als Model. Irgendwie passte das wie die Faust aufs Auge. Was er an ihr fand konnten jedenfalls weder Leo noch ich ganz nachvollziehen. Ja, sie ist unglaublich hübsch und ja, sie kann, wenn sie will, auch nett sein. Aber eben nur wenn sie will und auch nicht zu jedem und schon gar nicht zu den ungeliebten Kindern ihres Lovers, die ihr immer wieder vor Augen führen, was für einen alten Mann sie sich da eigentlich geangelt hat. Leo und ich sind davon überzeugt, dass sie nur wegen Dads Geld bei ihm ist, aber wenn ihm dies bewußt ist, sieht er es endweder nicht, oder es ist ihm egal. Ich tippe eher auf letzteres.
Und morgen würden wir sie wieder einen ganzen Abend lang ertragen müssen. Mein Vater hatte Geburtstag und wie es in unserer Familie üblich ist, wird dies mit einer prunkvollen Abendgesellschaft gefeiert, zu der nicht nur die Familie sondern auch ausgesuchte Freunde eingeladen sind.
Leo und mich graust es immer vor diesen Abenden. Alle scheinen fröhlich und ausgelassen zu sein, aber in Wirklichkeit trifft sich dort ein bunter Strauß der diversen Eitelkeiten und Neurosen.
“Mach dir keine Gedanken Key,” sagte Leo in meine Gedanken hinein. “Wir werden den Abend wie üblich mit viel Martini auf unserem Beobachtungsposten hinter uns bringen. Immerhin werden wir mal wieder richtig oppulent speisen, das hat doch schon was für sich, oder?”
“Ja. Nur mit dem Unterschied, dass man das dir nicht ansehen wird und ich bereits am nächsten Morgen nicht mehr in meine Klamotten passe.”
“Ach komm’ schon Keyla,” sagte Leo, lies meine Schultern los und setzte sich neben mich. “Denk ein bißchen positiv. So schlimm wird es sicherlich nicht werden.”
“Wenn du meinst,” entgegnete ich schulterzuckend und erhob mich dann schwerfällig. “Spaghetti oder Bratkartoffeln?” fragte ich ihn, während ich den Vorratsschrank inspizierte.
“Spaghetti,” grinste er, trat hinter mich und schlang seine langen Arme um meine Taille. “Du bist die Beste und das weißt du. Das solltest du Dad ruhig mal spüren lassen, anstatt vor ihm immer wieder zu kuschen.”
“Du hast leicht reden. Du weißt doch, dass er auf dich, seinen angehenden und sehr erfolgreichen Nachfolger mehr als stolz ist. Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich mich für dieses Geschäft nicht begeistern kann. Als kleine Büroangestellte bin ich einfach unter seiner Würde.”
“Aber nur, weil du genau das Selbe denkst. Wenn du selbst ein bißchen mehr von dir überzeugt wärst und … ,”
“Ja, ja, ja,” unterbrach ich ihn, entwandt mich aus seiner Umarmung und wandte mich dem Herd zu. Diese Diskussion hatten wir schon oft genug geführt und heute Abend hatte ich überhaupt keine Lust darauf.
“Ich seh’ schon, ich lasse dich besser in Ruhe,” lächelte Leo, lehnte sich lässig an die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme vor der Brust.
“Ja, besser wäre das. Außerdem könntest du mal ein bißchen Musk auflegen. Das ist nämlich genau das, was ich jetzt gebrauchen könnte,” schmunzelte ich und sah ihm nach, wie er im angrenzenden Wohnzimmer verschwand. Wenn ich den morgigen Abend nur schon hinter mir hätte!

Kapitel 3

Ich befand mich in meinem Atelier unter dem Dach, als Leo mich rief.
“Keyla kommst du? Wir sind jetzt schon zu spät und du weißt doch, wie Dad auf so etwas reagiert.”
“Ich komme sofort, ja? Gib mir noch eine Minute.”
Ich verstand nicht genau, was er danach sagte, aber sicherlich waren es keine wirklich netten Worte. Er hasste es zu warten. Das war in seinen Augen verlorene Zeit.
Ein letztes Mal betrachtete ich das Geburtstagsgeschenk für meinen Vater unter der hellen Arbeitslampe. Ich hatte mir dieses Jahr besonders viel Mühe gegeben und hoffte, dass er, wenn er mich persönlich schon nicht besonders leiden konnte, wenigstens mein Talent anerkennen würde.
In einem kleinen, mit samt ausgeschlagenen Kästchen ruhten zwei Manschettenknöpfe, die ich in mühevoller Kleinarbeit in den letzten Wochen angefertigt hatte.
Ich hatte dieses Mal schwarzen Onyx verwendet und das Ganze so lange geschliffen, bis sie die gewünschte Trapezform hatten. Danach hatte ich aus Glas seine Inizialen geformt. Die geschwungenen, in einander verschlungenen Buchstaben SMD hoben sich blutrot vor dem schwarzen Hintergrund des Onyx ab und ich war mehr als zufrieden mit meiner Arbeit. Ein letztes Mal nahm ich einen weichen Lappen zur Hand und polierte die Manschettenknöpfe auf Hochglanz.
Wenn ihn das nicht wirklich beeindruckte, dann wußte ich auch nicht mehr weiter.
Schließlich klappte ich das Kästchen zu, löschte das Licht und ging hinunter ins Erdgeschoss, wo Leo in der Küche saß und nervös auf seinem Stuhl herum rutschte.
“Na endlich,” seufzte er, als er mich entdeckte und stand auf. “Bist du soweit?”
“Yep, kann los gehen,” nickte ich.
“Zeigst du mir noch schnell dein neustes Kunstwerk?” fragte er lächelnd und deutete mit dem Kopf hinunter auf das Kästchen in meiner Hand.
Ich klappte den Deckel zurück und beobachtete sein Gesicht. Seine Augen wurden etwas größer und vorsichtig streckte er die Hand nach den beiden Schmuckstücken aus.
“Nicht anfassen!” warnte ich ihn. “Sonst muß ich das Ganze nochmal polieren.”
Als hätte er sich verbrannt zog Leo seine Hand zurück. “Sie sehen toll aus,” sagte er dann und lächelte mich stolz an.
“Danke,” murmelte ich etwas verlegen und verstaute dann das Kästchen sorgfälltig in meiner Handtasche. “Hoffen wir nur, dass Dad das genau so sieht.”
“Wenn nicht, ist er ein Idiot,” entgegnete Leo sanft. “Dann also los,” sagte er dann etwas lauter, klatschte einmal in die Hände und griff nach seinem Jackett. Während ich ihm durch den Hausflur folgte und dabei alle Lichter löschte fragte ich mich leicht nervös, was an diesem Abend wohl wieder für Katastrophen auf mich zukommen würden.

Unser Elternhaus thronte hellerleuchtet auf einem kleinen Hügel, als wir über die gewundene Auffahrt hinauf fuhren. Vor dem Eingangsportal mit den imposanten, weißen Säulen standen bereits eine große Anzahl von Autos. Allesamt unglaublich teuer und exklusiv, so dass Leos Kombi dazwischen seltsam Fehl am Platz wirkte.
Als Dads Hausmädchen Johana uns die Tür öffnete, wußte ich im Bruchteil einer Sekunde, dass ich mich den restlichen Abend komplett fehl am Platz fühlen würde. Hinter ihr konnte ich einige der Gäste erkennen. Die Männer trugen schwarze Smokings mit Fliege, die Frauen bodenlange Kleider, die mehr Haut sehen ließen, als sie verdeckten.
Während ich hinter Leo auf der Suche nach meinem Vater weiter in das Haus hinein ging, warf ich einen kurzen Blick in einen der venezianischen Spiegel und wünschte mir im selben Moment, ich hätte es nicht getan.
Mein schwarzes Kleid war hochgeschlossen und ging mir bis knapp über das Knie. Ich hatte Schuhe mit Absatz an, aber die zwei Zentimeter konnte man wahrscheinlich nicht als solche bezeichnen. Mein Haar hatte sich mal wieder standhaft geweigert mit meinen Vorstellungen zu kooperieren, also hatte ich sie kurzerhand zu einem Zopf geflochten und sah nun noch mehr wie ein kleines Schuldmädchen aus, das aus Versehen auf einer großen Party gelandet war, auf der sie nichts zu suchen hatten.
Als wir den Wohnraum betraten, entdeckte ich meinen Vater sofort zwischen den restlichen, etwa dreißig Gästen, die sich um ihn scharten. Er trug einen schwarzen Smoking mit roter Fliege, sein ovales Gesicht musterte die Umstehenden freundlich und aufmerksam und seine Augen schienen dabei beinahe zu glühen. Er hatte Ausstrahlung und eine überragende Präsenz. Jedes Mal wenn er einen Raum betrat, wandten sich im alle Augen zu und er genoss dies in vollen Zügen.
Um so mehr mußte es ihn ärgern, dass seine Tochter überhaupt nicht nach ihm kam. Ich wurde grundsätzlich übersehen und das nicht nur, wenn ich an Dads Seite war.
So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die anwesenden Gäste automatisch Leo zuwandten und an mich keinen zweiten Blick verschwendeten.
“Leo, schön dass du gekommen bist,” sagte mein Vater strahlend und gestattete es seinem Sohn, dass er ihn kurz umarmte und ein “Happy Birthday” hervorquetschte.
“Ist er nicht das Ebenbild seiner Mutter?” Fragte Dad stolz in die Runde und alle nickten bestätigend.
Es war vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt, aber ich beschloss, jetzt auch einmal auf mich aufmerksam zu machen.
“Hallo Dad,” sagte ich also und schob mich an Leo vorbei.
“Keyla. Hallo,” sagte Dad und schüttelte meine Hand, als sei ich eine entfernte Bekannte und nicht sein eigen Fleisch und Blut.
“Alles Gute zum Geburtstag,” brachte ich tapfer lächelnd heraus und reichte ihm das schwarze Holzkästchen.
“Oh, vielen Dank,” entgegnete er, doch sein aufgesetztes Lächeln wirkte so unecht, das ich mir wünschte, ich hätte ihm sein Geschenk gegeben, wenn uns weniger Augenpaare dabei beobachteten.
Doch jetzt war es natürlich zu spät. Dad klappte den Deckel auf und warf einen kurzen Blick auf die Manschettenknöpfe darin.
“Oh, das ist schön. Danke,” sagte er, lächelte dabei immer noch dieses unechte Lächeln und klappte den Deckel wieder zu.
“Hat sie das nicht wundervoll gemacht,” versuchte Leo noch irgendetwas zu retten, doch er hatte die Rechnung ohne Dad gemacht.
“Klar hat sie. Wollt ihr etwas trinken?”
Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung war und innerlich stöhnte ich auf. Auftritt von Zoe der Elfe.
“Samuel, du hast mir gar nicht gesagt, dass deine Kinder schon hier sind,” lächelte sie und schmiegte ihren perfekten neunzig-sechzig-neunzig Körper an den meines Vaters.
“Ja. Stell dir vor, Leo hat gestern den Vertrag mit Firefox abgeschlossen.”
“Firefox?” Zoe runzelte die Stirn und schürzte die Lippen. Klar, das war nicht der Name einer Kosmetikmarke oder eines Designers. Also sagte er ihr nichts.
“Die sind wirklich toll,” kam ihr Leo zur Hilfe. “Sie machen bodenständige Rockmusik und ihre erste Single wird einschlagen wie eine Bombe.”
“Oh. Das hört sich ja gut an.” Entgegnete sie wenig interessiert.
Ich kam mir vor wie ein Geist. Zoe hatte noch nicht einmal einen kurzen Blick in meine Richtung verschwendet.
“Was ist denn das?” fragte sie plötzlich meinen Vater, als sie das schwarze Kästchen in seiner Hand entdeckte.
“Oh … das ist nur Keylas Geburtstagsgeschenk. Schätzchen, könntest du das bitte zu den anderen Geschenken im Salon legen?” fragte er dann an mich gewandt und streckte mir das Kästchen entgegen.
Das Wort “Schätzchen” hatte weder etwas zärtliches, noch etwas nettes an sich, außerdem benutzter er es nur dann, wenn er Zuhörer hatte. Waren er und ich alleine, war von dieser zur Schau gestellten Zärtlichkeit nichts mehr übrig. Ich war mir sicher, dass selbst Menschen, die meinen Vater nicht kannten sofort den Sarkasmus dahinter erkannten. Ich hasste dieses Wort, denn es drückte für mich alles aus, was ich an meinem Vater verachtete. Seine Geringschätzigkeit mir gegenüber, sein fehlendes Vertrauen und der Umstand, dass ich zwar seine Tochter, aber deshalb nicht besser als irgendein dahergelaufener Versicherungsvertreter war.
Ohne ein Wort nahm ich das Kästchen entgegen, drückte es an mich und wandte mich dem rückwärtigen Teil des Hauses zu. Nur weg von diesen Menschen, die so sehr in ihrer eigenen Traumwelt lebten, dass sie die Realitäten vergessen hatten.
Im Hinausgehen hörte ich Zoes leise Stimme. Vielleicht dachte sie tatsächlich, dass ich sie nicht hören konnte, wahrscheinlicher war aber eher, dass sie ganz genau darauf achtete, dass mich jedes ihrer Worte erreichte.
“Du solltest ihr wirklich ein bißchen mehr Geld zukommen lassen Samuel. Mit ihrem Aufzug verschreckt sie uns noch die Gäste!”
Und mein Vater antwortete in seiner grenzenlosen Tochterliebe. “Das würde auch nichts nützen. Glaub mir. Keyla hat weder Geschmack noch den Körper um jemals einigermaßen vernünftig auszusehen.”
Ich schluckte hart und stellte meine Ohren auf Durchzug. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. So lief es immer. Zoe und mein Vater waren, was mich betraf, immer einer Meinung.
Auf dem Weg in den Salon kam ich an der Tür zur Küche vorbei. Für einen Moment blieb ich unschlüssig stehen, dann schob ich die weißen Sprossentüren zur Seite und tauchte ein in den Duft nach gebratenem Lamm, dem süßen Aroma von Nußkuchen und in die Stille des im Moment menschenleeren Raumes.
“Idiot,” murmelte ich und wußte nicht so genau ob ich damit Dad, Zoe oder mich meinte.
Frustiert öffnete ich die Tür unter der Spüle, zögerte einen Moment und warf dann das schwarze Kästchen in den Mülleimer. Dad würde es bestimmt nicht vermissen und ich hatte keine Verwendung dafür. Wieder einmal waren die vielen Stunden Arbeit umsonst gewesen und das nur, weil ich in Dads Augen endlich einmal Beachtung finden wollte. Wie lächerlich!
Ich öffnete den Kühlschrank und warf einen Blick hinein. Ich nahm eine Dose Pepsi heraus und versuchte den Verschluss zu öffnen ohne mir meine frischlackierten Nägel zu ruinieren, was natürlich gründlich daneben ging. Der Nagellack splitterte ab und brachte einen dreckigen Fingernagel zum Vorschein. Toll! Konnte es noch besser kommen?
“So ein Kunstwerk sollte man nicht einfach wegwerfen,” hörte ich plötzlich eine fremde, dunkle Stimme hinter mir und erschrocken fuhr ich herum.
Ein junger Man lehnte neben der Spüle und säuberte gerade mit Hingabe das schwarze Kästchen, das er offensichtlich aus dem Müll gefischt hatte. Seine Fingernägel waren schwarz lackiert, außerdem befand sich auf jedem seiner Finger eine kleine Tätowierung. Während er ein Geschirrhandtuch vom Haken nahm und den Deckel des Kästchens abwischte, huschten seine dunklen Augen zwischen dem Kästchen und mir hin und her und ein freundliches Lächeln lag dabei auf seinen Lippen. Er trug ebenfalls einen schwarzen Smoking, allerdings mit einem schwarzen Hemd und einer schwarzen Krawatte, um seine Handgelenke wanden sich breite Lederarmbänder und an seinem Hals konnte ich ebenfalls eine Tätowierung erkennen.
“Wie bitte?” fragte ich trotzdem, weil ich nicht so genau wußte, was hier eigentlich los war.
“Na … die Manschettenknöpfe. Ich konnte zwar vorhin nur einen kurzen Blick darauf werfen, aber sie sahen toll aus,” mit diesen Worten öffnete er den Deckel des Kästchens und warf einen langen, intensiven Blick darauf.
“Leo meinte, du hättest sie eigenhändig angefertigt,” sagte er und sah mich an.
“Uhm … ja … ,”
“Das ist wirklich unglaublich,” lächelte er und besah sich erneut die Schmuckstücke in dem Kästchen. “Wie kann man nur Glas so filligran da drauf bekommen?”
“Mit ein bißchen Übung geht das ganz gut,” sagte ich vorsichtig und wußte immer noch nicht, was ich von dieser Situation halten sollte.
“Oh … entschuldige bitte meine Unhöflichkeit. Ich bin AJ McLean,” sagte der Fremde und streckte mir seine Hand entgegen.
“Keyla McDermont,” entgegnete ich, während ich seine angenehm warme und trockene Hand ergriff.
“Das wußte ich,” grinste AJ und klappte den Deckel des Kästchens wieder zu.
“Und was machst du so, wenn du nicht gerade im Abfall nach verloren gegangenen Schätzen suchst?” fragte ich ihn und nippte an meiner Cola. “Oh, ich bin Sänger in einer Band,” sagte er, was den Umstand erklärte, dass er auf der Geburtstagsparty meines Vaters war und ich ihn nicht kannte. “Und außerdem bin ich gerade dabei, mir ein zweites Standbein aufzubauen.”
“Ein zweites Standbein?” hakte ich nach und lehnte mich entspannt an die Arbeitsplatte.
“Ja. Ich möchte nächstes Jahr eine Schmuck- und Modekollektion heraus bringen.”
“Oh, das klingt spannend,” meinte ich wenig begeistert und nahm einen erneuten Schluck von meinem Drink. Höchstwachscheinlich würde ich mir nun einen ewig langen Vortrag über Schmuck und Kleidung im Allgemeinen und über Geschmack im Besonderen anhören müssen, bei dem ich ganz sicher nicht gut weg kam.
“Ich könnte noch ein paar fähige Designer gebrauchen,” sagte er und ich schaute verständnislos zu ihm hinüber.
“Da solltest du Zoe fragen, die hat erstens Ahnung von so etwas und kennt garantiert die richtigen Leute,” entgegnete ich und stieß mich von der Arbeitsplatte ab. “Es war nett mit dir zu plaudern, aber ich muß dann auch … ,”
“Ich dachte da eigentlich an dich,” sagte AJ und ich wußte einen Moment nicht, ob ich mich verhört hatte.
“Jetzt schau nicht so,” lachte er gutmütig. “Ich mag diese Manschettenknöpfe. Leider habe ich nicht die passenden Initialen um sie unauffällig mitgehen zu lassen und tragen zu können,” er grinste breit und ich wußte immer noch nicht, was genau dieser Freak von mir wollte.
“Nur, damit ich das richtig verstehe … du möchtest, dass ich für deine neue Kollektion ein paar … uhm … Schmuckstücke entwerfe? Die dann auch noch jeder kaufen kann? Und am besten auch noch unentgeltlich, nehme ich an.”
“Punkt eins und zwei ein klares Ja,” entgegnete AJ grinsend. “Punkt drei ein ebenso klares Nein. Ich biete dir hier einen Job an. Allerdings müsste ich vorher etwas mehr von deiner Arbeit sehen.”
“Einen Job?” echote ich.
“Ja. Hey, wenn du kein Interesse hast sag es einfach, dann … ,” scheinbar verlor er langsam die Geduld mit mir, was ich ihm nicht verübeln konnte.
“Nein, nein,” beeilte ich mich also zu sagen. “Es ist nur … ein seltsames Gefühl, dass mir jemand, der mich nicht kennt, einen Job anbietet.”
“So? Warum denn seltsam? Das was du tust, kann sich durchaus sehen lassen. Ich verstehe gar nicht, dass noch kein anderer auf dich aufmerksam geworden ist.”
“Wie denn? Niemand kennt meine Arbeiten und selbst wenn glaube ich nicht … ,” ich stockte. Es ging ihn doch überhaupt nichts an, was ich mit meinen “Arbeiten” so machte.
“Also … ein letzter Versuch,” lächelte AJ. “Hier ist meine Karte. Darauf stehen Telefonnummer und Adresse des Büros, das ich für’s erste angemietet habe. Ich möchte, dass du vorbei kommst und uns ein paar Entwürfe präsentierst.”
“Entwürfe? Für was?”
“Entwürfe für Schmuck. Halsketten, Armbänder, Gürtelschnallen … was dir eben so einfällt.”
“Aha.”
“Die Firma nennt sich Skullee Rose. Also sollten deine Entwürfe etwas mit Knochen und Rosen zu tun haben.”
“Und was stellst du dir da so vor?”
“Keine Ahnung. Das überlasse ich ganz dir. Wenn deine Entwürfe zu meinem Konzept passen, hast du einen neuen Job in einer aufstrebenden, jungen Firma.”
“Das ist ein bißchen dürftig, findest du nicht?”
“Nein, finde ich gar nicht. Ich möchte dich nicht in deiner Kreativität einschränken. Zeig mir einfach, was du drauf hast.”
Er grinste ein letztes Mal, hob dann die Hand und verschwand mit einem kurzen “bis dann” aus der Küche. Das Kästchen mit den Manschettenknöpfen nahm er dabei tatsächlich mit.

Kapitel 4

Leo und ich hatten das Essen einigermaßen glimpflich überstanden. Während Leo neben Dad am Kopfende gesessen hatte und damit dazu verdammt war, sich mit Zoe zu unterhalten, wurde ich kurzerhand in die Mitte gesetzt. Direkt zwischen Rupert Glokovski, einem Börsenmakler aus Austin und mindestens genau so langweilig wie sein Beruf und Angelika Hammond, einem aufstrebenden Popsternchen, das mein Vater letztes Jahr unter seine Fittiche genommen hatte.
Während Rupert mir versuchte Tipps in Geldangelegenheiten zu geben und nebenbei immer wieder darauf hinwies, wie viele Millionen er letztes Jahr mit Schweinebäuchen verdient hatte, verzehrte ich mein Lamm ohne nach links und rechts zu sehen und tat so, als wäre ich gar nicht anwesend.
Als der Nachtisch endlich verzehrt worden war, erhob sich die gesamte Gesellschaft und Leo und ich zogen uns auf unseren Beobachtungsposten zurück.
Wie jedes Jahr hatte Leo uns zwei Martinis gemixt und wir hockten etwa in der Mitte der langen geschwungenen Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte. Von hier hatte man einen kompletten Überblick über den Flur und das angrenzende Wohnzimmer, in dem sich die Partygesellschaft munter vergnügte.
Ein gutes Stück von uns entfernt erblickte ich AJ, der sich angeregt mit meinem Vater unterhielt.
“Woher kennst du diesen AJ McLean eigentlich?” fragte ich Leo mit einer kurzen Kopfbewegung in Richtung Wohnzimmer.
“AJ? Er hat ein Label für sein Solo-Album gesucht. Besser gesagt er sucht noch. Er steht wohl mit Dad in Verhandlungen aber so richtig überzeugt scheint er noch nicht zu sein.”
“Woran hängt es denn?”
“Ich weiß es nicht so genau. Dad ist auf jeden Fall ganz scharf auf ihn.”
“Und weiter?”
“Was heißt “unter weiter”?”
“Naja … du mußt dich doch vorhin ein bißchen mit ihm unterhalten haben.”
“Wie kommst du denn darauf?”
“Er … hat da sowas erwähnt.”
“Er hat sowas erwähnt? Aha.” Grinste Leo und nippte mit aufreizender Langsamkeit an seinem Martini.
“Jetzt sag schon. Was weißt du über ihn?” hakte ich also ungeduldig nach.
“Warum interessiert er dich denn so?”
Als ich zu Leo hinüber blickte, grinste er mich breit an.
“Einfach nur so,” entgegnete ich mit Unschuldsmine und wandte meine Augen dann wieder dem Wohnzimmer zu. Zoe hatte sich nun zu Dad und AJ gesellt und sie lachte über einen Scherz, den AJ scheinbar gerade gemacht hatte. Wenn man die drei so zusammen sah, konnte man meinen, Zoe wäre mit AJ hier und nicht mit meinem Vater.
“Einfach nur so, hm? Komm’ schon, raus mit der Sprache. Findest du ihn sexy?”
Mein Kopf fuhr herum und ich starrte Leo an, als sei er nicht mehr ganz bei Trost, was ich im Moment auch nicht wirklich ausschließen wollte. “Sexy? Entschuldige, aber dieser Typ ist erstens meilenweit von meinem idealen Männerbild entfernt und zweitens ganz und gar nicht mein Typ, mal ganz abgesehen davon, dass ich als Mauerblümchen ganz sicher nicht zu diesem … Freak passe. Ach, und drittens hat er den absolut falschen Beruf um bei mir landen zu können.”
“Wieso? Was ist denn an Musikern auszusetzen?” fragte Leo schmunzelnd.
“Das weißt du ganz genau. Sie sind egoistisch, sowieso die Größten und brauchen ein respektables Weibchen an ihrer Seite. Alles Gründe, warum eine Beziehung mit einem Musiker für mich nicht in Frage kommt.”
“Aha. Verstehe.” Nickte Leo immer noch grinsend.
“Warum grinst du denn dann immer noch so unverschämt?”
“Ach, es ist einfach immer wieder erfrischend in die Welt der Keyla McDermont einzutauchen, das ist alles.”
Ich fixierte ihn mit zusammen gekniffenen Augen und hoffte, dass er tödlich getroffen zusammen sacken würde, doch diesen Gefallen tat er mir natürlich nicht.
“Er hat mich vorhin nur gefragt, wo er diese Manschettenknöpfe herbekommen könnte,” fuhr er seelenruhig fort. “und daraufhin habe ich ihm erzählt, dass du sie selbst angefertigt und für so etwas ein äußerst geschicktes Händchen hast. Mehr nicht.”
“Mehr nicht. So, so.”
Mein Blick schweifte wieder hinüber zu AJ, doch dort wo er gestanden hatte, war er nicht mehr und auch als ich mich weiter umsah konnte ich ihn niergends entdecken.
“Er hat mir einen Job angeboten,” sagte ich leise.
“Echt? Das ist doch toll!” Leo klang ehrlich begeistert.
“Toll? Ich weiß nicht. Irgendwie ist dieser Mensch seltsam und jetzt soll ich zukünftig für ihn arbeiten? Mal abgesehen davon, dass er nicht mehr weiß, als dass meine Entwürfe Rosen und Knochen enthalten sollen, was an sich schon sehr merkwürdig ist … und … nun ja … er kennt weder mich noch meine Arbeiten und es wundert mich einfach, dass er auf mich zugekommen ist.”
“Das klingt, als würdest du eine Verschwörung vermuten,” schmunzelte Leo.
“Aber überleg doch mal … ,” sagte ich und gab meine Suche nach AJ auf. “Dieser Typ sieht einfach mal kurz aus den Augenwinkeln ein paar Manschettenknöpfe und fünf Minuten später bietet er mir bereits einen Job an. Findest du das nicht auch irgendwie seltsam?”
“Nein. Nicht wenn man die Qualität deiner Arbeit kennt. Außerdem hat er dich ja noch nicht eingestellt, oder?”
“Das stimmt allerdings,” nickte ich.
“Er will sehen, was du kannst und ich würde mal sagen, dass dies eine einmalige Chance ist. Jeder hat mal Glück und jetzt ist eben deine Stunde gekommen und wenn du mich fragst, hat das niemand mehr verdient als du.”
Er wußte ganz genau wie er mich weich bekam. Dieser sanfte Blick, das herzliche Lächeln …
“Ja, vielleicht hast du ja recht,” entgegnete ich also etwas verlegen.
“Ich habe ganz bestimmt recht,” bekräftigte Leo und legte mir dann einen Arm um die Schulter. “Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was du aus dem Knochen-Rosen-Thema machen wirst. Als Gothic würde ich dich jedenfalls nicht bezeichnen,” kicherte er.
“Gothic?”
“Ja. Das sind die, die immer in Schwarz rumlaufen, den Teufel anbeten, umgedrehte Kreuze und Knochen bei sich tragen und Speed Metall hören,” erklärte Leo und begann dann zu lachen, als er mein verzerrtes Gesicht sah. “Heee, nur Spaß,” lachte er. “Wenn ich es mir genau bedenke, könnte Misses Lehmeier da hinten auch durchaus zur Gothic-Fraktion gehören.”
Mein Blick erfasste die alte Dame, die trotz ihrer fast siebzig Jahre immer noch jede Party in Schwung brachte. Sie trug ein schwarzes Kleid, dass ihren faltigen Hals sehr gut zur Geltung brachte, ihr Haare schimmerten bläulich und waren zu einer Art Vogelnest auftoupiert und an ihren Händen trug sie eine Unmenge von schweren Silberringen. Es wunderte mich, dass sie ihre Arme überhaupt heben konnte mit dem Gewicht daran.
“Ja, sie wird zu Hause heimliche Messen abhalten und das Blut kleiner Kinder trinken,” bemerkte ich und begann gemeinsam mit Leo zu kichern. Manchmal tat es einfach gut ein bißchen albern zu sein und mit Leo konnte man das einfach am besten.

Kapitel 5

Zwei Wochen waren seit Dads Party vergangen. Abgesehen von meinem Job bei Denborough hatte mich seit dem nur noch ein Gedanke beschäftigt: Knochen und Rosen und wie man diese am besten in einem Schmuckstück verbinden könnte.
Zwei Abend lang hatte ich mich im Internet umgesehen. Zum einen wollte ich ein Gefühl dafür bekommen, was AJ sich so vorstellte, zum anderen wollte ich auch vermeiden etwas zu entwerfen was es so oder so ähnlich schon gab. Ich wollte etwas einzigartiges machen, etwas, das AJ beeindrucken würde und etwas, das mich aus Phillip Denboroughs Anwaltskanzlei heraus holen konnte.
Und so hatte ich mich ans Werk gemacht. Drei Tage lang hatte ich Leo an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht, da es mir leider nicht möglich war ohne laute Musik zu arbeiten. Ich kam nach Hause, as eine Kleinigkeit, zog mich um und schloss mich dann in meinem Atelier ein. Während die unanständig laute Rockmusik von Dredge, I Mother Earth oder auch System of a Down (wenn es ganz schlimm wurde) durch das Haus schallte, stand ich vor meinem Zeichenbrett und füllte eine Unmenge von Blättern mit Entwürfen von Ketten, Armbändern, Ringen und Gürtelschnallen. Nach und nach bekam ich ein Gefühl für das, was mir so vorschwebte und nach einer Woche wußte ich, welche Richtung meine Entwürfe nehmen sollten.
An diesem Punkt drückte mir Leo eines Abends ein großes, in blaues Seidenpapier eingeschlagenes Paket in die Hand.
“Es tut mir leid Keyla, aber wenn ich noch einen Abend dieses Wummern und Dröhnen ertragen muß, falle ich garantiert durch die Prüfungen,” hatte er mit verzerrtem Gesichtsausdruck gesagt.
Als ich das Paket auspackte kam ein Infrarotkopfhörer zum Vorschein und ich konnte nicht aufhören Leo für dieses wundervolle Geschenk zu danken. Ab da dröhnte die Musik nur noch in meinem Kopf.
Schließlich begann ich damit zwei meiner Entwürfe in die Tat umzusetzen. AJ hatte zwar nichts davon gesagt, dass er tatsächlich fertige Stücke sehen wollte, aber es konnte nicht schaden ihn zusätzlich mit etwas zu überraschen, das er wirklich in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten konnte.
Schließlich kam der Tag, vor dem ich mich am meisten fürchtete. Die Entwürfe waren fertig, ich hatte eine Halskette und einen Silberring gefertigt und nun blieb nur noch die für mich beinahe unlösbare Aufgabe übrig in AJs Firma anzurufen und einen Termin auszumachen.
Ich hasste es mit mir fremden Menschen zu sprechen. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, warum das so war. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich bestimmte Erwartungen erfüllen mußte, dass ich mir keinen Fehler erlauben durfte und möglichst geistreich und kompetent wirken sollte. Das waren gleich drei Punkte, bei denen ich normaler Weise kläglich versagte.
Nur Leos gutem Zureden war es zu verdanken, dass ich schließlich den Hörer in die Hand nahm und mit zitternden Fingern die Nummer wählte, die auf der kleinen Visitenkarte stand, die mir AJ in die Hand gedrückt hatte.
Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.
“Skullee Rose Corporation, was kann ich für sie tun?” meldete sich eine freundliche, weibliche Stimme.
“Guten Tag … ähm … mein Name ist … ,” ich stockte und mein Herz begann zu rasen. Wie hieß ich? Oh mein Gott! “ … ähm … mein Name ist … Keyla … Keyla McDermont und … uhm … Mr. McLean hat mich gebeten ein paar Entwürfe anzufertigen und ihm diese vorzustellen.” So weit so gut. Tief ein- und ausatmen.
“Ich stelle sie zu Miss Mitchum durch, einen Moment bitte,” entgegnete die Dame am anderen Ende der Leitung freundlich. Falls sie sich über mich wunderte, so ließ sie sich dies jedenfalls nicht anmerken.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, in der ich mir nette Soulmusik von Earth, Wind and Fire anhören durfte und meine Fantasie flüsterte mir zu, dass die Dame vom Empfang dieser Miss Mitchum gerade davon erzählte, was für eine Niete sie da am Telefon hatte. Sicherlich lachten sie sich gerade tot über mich.
“Fay Mitchum. Hallo?” Ich wäre beinahe von meinem Stuhl gefallen, als sich die angenehm dunkle Frauenstimme meldete.
“Keyla McDermont. Guten Tag. Ich … also … Mr. McLean hat mich gebeten einige Entwürfe für seine … uhm … Schmuckkollektion anzufertigen. Und … nun ja … hier bin ich.” Ich schloss die Augen. Wie konnte man sich nur so dämlich anstellen?
“Mr. McLean hat mir gar nichts davon gesagt,” hörte ich die Stimme erneut und mein Magen verwandelte sich augenblicklich in einen harten Klumpen Granit. Wie hatte ich nur annehmen können, er meine dieses Angebot ernst? Wieso hatte ich nicht …
“Und nun?” fragte ich und man konnte meiner Stimme die Enttäuschung ganz deutlich anhören.
“Nun würde ich sagen, dass sie hier vorbei kommen und mir einfach mal zeigen, was sie haben,” entgegnete Fay Mitchum freundlich und ich atmete erleichtert auf.
“Das … klingt gut. Wann … soll ich denn kommen?”
“Warten sie, ich schaue kurz in meinen Kallender.” Das Rascheln von Papier war zu hören, dann meldete sich Fay wieder. “Wie wäre es morgen so gegen halb zwei?”
“Oh … ich … also … ich muß arbeiten. Ginge es nicht … etwas später?”
“Hm … dann um sechs?”
“Das klingt gut,” nickte ich und spürte, wie mein Herz vor Aufregung noch ein paar Takte schneller schlug.
“Wunderbar. Dann sehen wir uns morgen um sechs. Die Adresse haben sie?”
“Ja, die Adresse habe ich.”
“Gut, dann bis morgen.”
“Ja, bis morgen.”
Ich legte auf und blieb noch einen Moment wie versteinert vor dem Telefon sitzen. Schließlich steckte Leo seinen Kopf in die Küche.
“Und?” fragte er aufgeregt.
“Ich soll morgen Abend um sechs vorbei kommen.” Grinste ich, dann stand ich auf, drehte eine Pirouette und fiel Leo um den Hals. “Gott. Es hat geklappt! Ich bin ganz fertig. Ich weiß gar nicht … was mache ich nur, wenn ihnen meine Entwürfe nicht gefallen? Ich glaube dann … ,” sprudelte ich los, doch Leo lachte nur, tätschelte mir den Rücken und sagte “nun mal ganz langsam Keyla, o.k.? Du hast einen Termin. Das ist großartig und deine Entwürfe sind absolute Oberklasse. Warum sollten sie dich nicht nehmen?”
“Er hat ihnen nichts von mir gesagt,” entgegnete ich, lies Leo los und lies mich auf einen Stuhl fallen.
“Na und? Er konnte doch gar nicht wissen, ob du tatsächlich etwas machst. Außerdem muß er ja nicht jedem alles sagen. Du bist für morgen eingeladen. Das ist erst einmal das wichtigste. Danach werden wir weiter sehen.”
“Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach der vielen harten Arbeit wieder zurück zu Denborough müsste, wird mir ganz schlecht.”
“Key,” seufzte Leo, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber. “Wenn dem so sein sollte, wirst du dir einen neuen Job suchen. So kann das da jedenfalls nicht weiter gehen. Aber ich glaube nicht, dass sie dich noch einmal gehen lassen wollen wenn sie erst gesehen haben, was du drauf hast.”
“Du bist als mein Bruder vielleicht etwas voreingenommen, findest du nicht?”
“Nein,” er schüttelte den Kopf. “Ich bin nicht nur dein Bruder, ich bin auch Geschäftsmann und als dieser sage ich dir, dass deine Entwürfe großartig sind. AJ wäre blöd, wenn er dich nicht sofort einstellen würde.”
“Ich wünschte, ich hätte deine Gewissheit.”
“Vertrau mir, das wird schon werden.”
Natürlich konnte er damit meine Zweifel nicht vertreiben, aber ganz tief in mir keimte ein kleines Pflänzchen namens Hoffnung auf und ich betete inständig, dass AJ oder Fay Mitchum diese nicht einfach zertreten würden.

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