Kapitel 1
Seit Stunden wartete ich auf diesen Moment. Genauer betrachtet eigentlich schon mein gesamtes Leben lang. Das Licht ging aus, die Geräuschkulisse wurde ohrenbetäubend laut und mit einem Donnerschlag erschienen sie auf der Bühne.
Mein Herz machte Freudensprünge, mein Mund öffnete sich von ganz alleine und jubelte den fünf jungen Männern zu, die nun langsam die Showtreppe herunter kamen und mich dabei mit ihren wundervollen Stimmen verzauberten.
Als ich damals das erste Mal I want it that way im Radio hörte war ich wie elektrisiert. Es schien mir, als hätten mich die sanften Klänge und diese herausragenden Stimmen gefangen genommen und mein Herz und meinen Verstand mit Fesseln umschnürt um mich nie wieder loszulassen.
Ich war gleich am nächsten Tag in meinen Lieblings CD Laden gegangen und hatte mir etwas peinlich berührt das Album der Backstreet Boys gekauft.
Eigentlich passte diese Musik gar nicht zu mir. Ich war ein Kind des Rock. Liebte es laut, schnell und kraftvoll und mich nun einem Album gegenüber zu sehen, das so eindeutig und perfekt auf die weiblichen Teenagerherzen abzielte, entlockte mir normaler Weise nur ein müdes Lächeln. Das war doch keine richtige Musik!
Tja, und trotzdem hatten sie es irgendwie geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen. Ich verfolgte ab da ihre Karriere, trieb mich in Foren und auf Web-Seiten herum, was ich vorher noch nie getan hatte und versuchte immer wieder dieses Phänomen erklären zu wollen. Schaffte es aber nie.
Und jetzt war es endlich so weit. Sie waren in Deutschland, gaben Konzerte und ich war dabei!
Das erste Konzert besuchte ich ganz bewußt alleine. Ich wollte ganz ungestört und ohne Ablenkung die fünf Männer ansehen, anhören und in mich aufnehmen. Ich wollte ihnen und ihrer Musik nahe sein und dieses Ereignis ungestört genießen.
So kam es auch, dass ich das erste Mal in meinem Leben für ein Konzert Tribünenkarten gekauft hatte. Ich hockte am linken Rand der Bühne, ganz nahe, so dass die Illusion entstand, ich könnte, wenn ich meine Hand nur weit genug ausstreckte, die Mitglieder dieser amerikanischen Boyband berühren.
Mit großen Augen, einem verklärten Lächeln auf dem Gesicht und mit rasendem Herzklopfen verfolgte ich jede ihrer Bewegungen, lauschte auf jeden Ton, der sich in mein Ohr schmeichelte und fühlte mich nach langer Zeit endlich wieder glücklich und vollkommen.
Jeder Song und jeder Kommentar wurde von den fast 10.000 Fans in der ausverkauften Halle begierig aufgesogen, von frenetischem Applaus und lautstarken Rufen begleitet und ich fühlte mich seltsam losgelöst, gerade so, als befände ich mich in einem fremden Universum.
Ich war der Meinung, dass dieses Gefühl in mir kaum steigerungsfähig war, als die ersten Klänge meines Lieblingssongs erklangen und ich eines besseren belehrt wurde. Jetzt hielt es mich nicht mehr auf meinem Sitz. Ich schnellte in die Höhe, riss die Arme hoch und drängte mich an die vordere Absperrung, nur noch durch zwei Armlängen von der Bühne getrennt.
Als AJ anfing zu singen, vereinten sich unsere beiden Stimmen zu einem harmonischen Ganzen.
Jodie was a long way from home
But she could make alone look pretty
Her attitude made her part of the landscape
Riding her bike through Alphabet City
Ein Paar dunkler Augen hefteten sich auf mich und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Während er sang, kam er langsam an den Rand der Bühne und fixierte mich, während wir gemeinsam sangen.
She likes to party in the backseat
Under the bridge on the Brooklyn side
Smoking cigarettes in the afterglow
Taking bets that the sun won't rise
Plötzlich streckte er die Hand in meine Richtung aus und ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was genau er von mir wollte. Ehe ich es mich versah, stand ein Bodyguard neben mir. Groß, breit und schwarz wie Kaffee grinste er mich an.
Come on girl, sagte er grinsend, streckte die Arme aus und bevor ich richtig wußte wie mir geschah, hatte er mich an der Taille gefasst, über die Absperrung gehoben und in Richtung Bühne geschoben.
Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach, ob wohl irgendjemand bei dieser Aktion unter meinen Rock geschaut hatte, der knapp über meinen Knien endete und mit seinem roten Schottenmuster eigentlich nicht hier her passte. Ich trug dazu Overknees, Chucks, ein schwarzes, kurzes T-Shirt mit der Aufschrift klein und gemein und mein dunkles Haar, das mein Gesicht umrahmte unterstrich den dunklen Kajal, der meine Augen umrandete. Soviel zum Vorzeige-Backstreet-Fan.
She said, "what good is tomorrow without a guarantee"
She could lick her lips and smile and make you wanna believe
AJ stand lächelnd über mir und streckte immer noch die Hand in meine Richtung. Gut, einmal kräftig schütteln, wie cool!
Doch stattdessen hielt er meine Finger ganz fest, der Bodyguard hob mich erneut hoch und bevor ich richtig wußte wie mir geschah, stand ich neben ihm auf der Bühne.
Ohne Umschweife zog er mich hinter sich her, während der Rest der fünf Jungs, inklusive mir, in den Refrain einfielen
That the consequences of your actions really are just a game
That your life is just a chain reaction taking you day by day
When she says nothing's forever in this crazy world
Still I'm falling in love with her right now poster girl
Mein rationales Denken schaltete sich in diesem Moment aus. Ich registrierte am Rande die hellen Scheinwerfer, sah die verzückten Gesichter in den ersten Reihen und fühlte Körper, die mich in ihre Mitte nahmen und grinsend mit mir sangen. Oder um ehrlich zu sein
ich sang mit ihnen. Ehrensache.
Dann setzte AJ zur zweiten Strophe an und ich tanzte Rücken an Rücken mit Nick, während Brian Grimassen schnitt und Kevin auf mich zukam.
Jodie liked to shoplift in stores
Right alongside the rich and famous
Get in elevators, press "Emergency Stop"
And make love on the floor 'til the camera made us
AJ grinste mich an und ich konnte nicht anders als selig zurück zu grinsen. Was tat ich hier eigentlich? Egal.
And no woman in the world ever made me feel like my heart's on fire
Where she'd walk I'd follow
When she left I cried
Howie hatte mich erreicht, legte mir einen Arm um die Hüften und bewegte sich mit mir im Takt.
What good is tomorrow without a guarantee
And I was wrapped around her finger
And I began to believe
That the consequences of your actions really are just a game
That your life is just a chain reaction taking you day by day
When she says nothing's forever in this crazy world
Still I'm falling in love with her right now poster girl
Dann verstummten die fünf plötzlich und begannen das Publikum zu dirigieren, während sie sich in einer Reihe aufstellten und mich zwischen sich nahmen. Links von mir stand Kevin, rechts von mir AJ, beide hatten einen Arm um mich gelegt und ließen den anderen im Takt durch die Luft sausen, wobei sie ihr Mikro als Taktstock benutzten. Die gesamte Halle vibrierte unter dem Klang der vielen tausend Stimmen, die sich zu einer vereinten und über meine Arme legte sich eine Gänsehaut.
La la la la la la
La la la la la la
Die fünf, inklusive mir, begannen erneut zu singen. AJ schob sich näher an mich heran und hielt das Mikro so, dass meine Stimme plötzlich ebenfalls aus den Lautsprecherboxen dröhnte. Ein Stromstoß raste durch meine Eingeweide, während ich versuchte so viel Ausdruck und Können in meine Stimme zu legen, wie es nur ging.
Tell me what you want from me
I've got everything you need
It's getting hard for me to breathe
Let me be your
AJ trat einen Schritt zurück und hielt mir das Mikro hin und bevor mir richtig bewußt wurde was ich da eigentlich gerade tat, öffnete ich den Mund und schloss die Augen.
guaranteeeeeeeeeeeeeeee
Die Töne flossen wie Champagnerperlen über meine Lippen, schraubten sich in die Höhe und wurden ganz oben von den fünf Stimmen um mich herum wieder aufgefangen.
That the consequences of your actions really are just a game
That your life is just a chain reaction taking you day by day
When she says nothing's forever in this crazy world
Still I'm falling in love with her right now poster girl
Der Song war beendet und ich tauchte aus einer Art Trance langsam wieder an die Oberfläche. Hatte ich gerade vor fast 10.000 Menschen alleine gesungen? Mit den Backstreet Boys neben mir, die nun anfingen zu lachen, als sie mein entsetztes Gesicht sahen.
AJ zog mich an sich und sagte mit seiner wundervollen, rauen Stimme ganz nahe an meinem Ohr. Wow. Lady, das war ne richtig coole Vorstellung, und ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte.
Ohrenbetäubender Applaus brandete um mich herum auf und die anderen vier Jungs kamen ebenfalls zu mir, umarmten mich und machten mir Komplimente, die mich rot anlaufen ließen. Ich versuchte dabei nicht daran zu denken, dass sie ihre verschwitzen Körper tatsächlich gegen meinen pressten und ich mich deshalb ganz sicher eine Woche lang nicht waschen würde, während mich AJ langsam aber bestimmt in Richtung vorderen Bühnenrand schob.
Er wartete einen Moment, bis es ruhiger geworden war und er sicher sein konnte, dass ihn die Anwesenden auch alle hörten.
Normaler Weise ist es nicht meine Art so unhöflich zu sein und erst so spät nach deinem Namen zu fragen, grinste er und hielt mir das Mikro unter die Nase.
Ich heiße Kaya, sagte ich und klang dabei so leise und piepsig, das ich mich kurz räuspern mußte, was ihn widerum zum Lachen brachte.
Hallo Kaya, es freut mich dich kennen zu lernen. Machst du so etwas öfer?
Was genau meinst du? fragte ich zurück.
Nun, dich vor so viele Leute zu stellen und zu singen, als tätest du das schon dein ganzes Leben lang.
Uhm
eigentlich nicht, mußte ich zugeben und neben mir lachte Nick, während er mir zuzwinkerte.
Seid ihr nicht auch der Meinung, dass Kaya hier hervorragend gesungen hat? fragte er das Publikum und frenetischer Applaus erhob sich.
Ich senkte den Blick hinunter auf meine Schuhspitzen. Ich mußte dringend hier weg. So weit wie möglich. Und zwar schnell.
Okay Jungs, sagt bye zu Kaya, grinste AJ, während mir nacheinander Nick, Brian, Kevin und Howie die Hand schüttelten, kleine Küsschen auf meine Wange hauchten und mir zuwinkten.
Dann schob mich AJ vor sich her zurück an den linken Bühnerand, wo hoffentlich irgendwo noch meine Tasche und Jacke lagen.
Der Bodyguard nahm mich auch diesmal wieder in Empfang. Ich dankte ihm und versuchte eine Lüke auszumachen, um mich wieder in den Pulk der anderen Fans einzureihen.
Bevor ich allerdings mein Bein über die Absperrung schwingen konnte, hielt mich eine Hand an der Schulter fest. Ich drehte mich um und sah direkt in das lächelnde Gesicht des Bodyguards.
Wenn du möchtest komm heute Abend im Delta-Hotel vorbei, raunte er in mein Ohr. Dort findet ne kleine Party statt.
Über ihm sah ich AJ, der immer noch am äußeren Rand der Bühne stand und auf mich herunter blickte.
Ich werde sehen, ob ich es einrichten kann, gab ich zurück und der Bodyguard grinste.
Gut. Bleib einfach hier stehen, sagte er dann. Über die Absperrung kommst du jetzt sowieso nicht mehr drüber.
Ich schaute hinter mich und mußte ihm recht geben. Die Fans standen so dicht gedrängt, dass für mich kein Platz mehr war. Ein Mädchen reichte mir freundlicher Weise meine Tasche und meine Jeansjacke und nachdem ich beides zu meinen Füßen abgestellt hatte, sah ich erneut auf. AJ war zu seinen Badkollegen in die Mitte der Bühne zurück gekehrt. Nick hatte sich eine Gitarre umgeschnallt, die er liebevoll Helga nannte und uns allen vorstellte und dann begannen die ersten Täne von Climbing the Walls.
Gott, das Leben war schön, auch wenn ich mich im Moment fühlte, als würde ich jede Sekunde aufwachen und feststellen, dass ich mich zu Hause in meinem Bett befand und das alles nur geträumt hatte.