Kapitel 1
Hey Charlotte. Wenn Du so weiter machst, hast Du die ganze Tüte Chips ganz alleine verdrückt und ich muß Dir ja wohl nicht sagen, was das für Deine Diät bedeutet, oder? lachte Elaine und versuchte die Tüte zu erreichen, die ihre Freundin blitzschnell vor ihr in Sicherheit brachte.
Nichts da, lachte diese. Das ist meine. Ich habe beschlossen, dass heute mein Ich sündige Tag ist.
War der nicht erst gestern? grinste Amanda, die dritte im Bunde und steckte ihre Füße unter die Decke des großen Doppelbettes, auf dem sie saßen.
Falls Du die Sache mit dem unheimlich gut aussehenden Barkeeper meinst ... das macht wenigsten nicht dick, entgegnete Charlotte.
Bist Du Dir da so sicher? fragte Elaine mit hochgezogenen Augenbrauen und stimmte in das Lachen ihrer drei Freundinnen ein, das von den Wänden des Hotelzimmers zurück geworfen wurde.
Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, drehte sich Elaine auf den Rücken und starrte versonnen an die Zimmerdecke. Gedankenverloren begann sie, mit einer Strähne ihres dunklen, langen Haares zu spielen.
Ist es nicht seltsam, dass wir immer noch aufeinander hocken wie 14 jährige Teenager? fragte sie.
Seltsam? fragte Charlotte, während die Chips-Tüte in ihren Händen knisterte.
Ja. Ich meine ... wie lange kennen wir uns jetzt? Elaine drehte sich wieder auf den Bauch und sah ihre Freundinnen an.
Fünfzehn Jahre würde ich sagen, entgegnete Amanda.
Sechzehn, korrigierte Charlotte und das auch nur, weil Lainy sich zwei Jahre mit dieser doofen Jennifer abgegeben hat.
Hey, ihre Eltern waren reich und hatte einen eigenen Pool. Was hattet ihr denn schon zu bieten? fragte Elaine grinsend.
Unsere Freundschaft? antwortete Charlotte.
Liebe und Geborgenheit? ergänzte Amanda.
Aber ihr müsst zugeben, dass ein Pool auch so einiges für sich hat.
Wenn ich dafür diese Schlange hätte ertragen müssen ... , entgegnete Charlotte und runzelte viel sagend die Stirn.
O.k., o.k.. Ihr habt gewonnen, lachte Elaine und hob beschwichtigend die Hände.
Um noch einmal auf Deine ursprüngliche Frage zurück zu kommen, sagte Charlotte. Wie meinst Du das seltsam? Ich meine ... kennst Du irgendjemanden, der nicht mit uns befreundet sein möchte?
Nein, eigentlich nicht, antwortete Elaine wahrheitsgemäß.
Außer der Barkeeper von gestern, gab Amanda zu bedenken. Du hast ihm so mir nichts dir nichts das Herz gebrochen, Charlotte. Er sah ganz traurig aus, als wir den Club verließen.
Was soll ich machen? fragte Charlotte hilflos. Die Männer fliegen eben auf mich.
Eingebildet bist Du wohl gar nicht, oder? lachte Amanda und warf ein Kissen nach ihrer Freundin.
Hey, pass auf was Du tust, grinste Elaine. Das endet sonst wieder in einem verwüsteten Hotelzimmer. Ich hoffe, ihr erinnert Euch noch an die Rechnung vom letzten Jahr?
Aber es war jeden Cent wert! lachte Charlotte und warf das Kissen in Elaines Richtung. Diese fing es geschickt auf und vergrub es unter sich.
Seit fünf Jahren fuhren sie nun schon zusammen weg. Immer eine Woche und immer in eine andere Stadt der USA. Elaine konnte sich kaum noch an die Zeit vor Charlotte und Amanda erinnern. Seit sie denken konnte gehörten die beiden Frauen zu ihrem Leben, hatten sie in jeder Situation zu ihr gehalten, sie unterstützt und ihr zur Seite gestanden. Manchmal hätte sie nicht gewußt, was sie ohne sie machen sollte und sie wußte, dass es den anderen beiden ganz genau so ging.
Charlotte war die älteste von ihnen, auch wenn sie nur vier Wochen von Elaine trennte. Sie hatte blondes, schulterlanges Haar und babyblaue Augen, mit denen sie die gesamte Männerwelt in den Wahnsinn trieb.
Wer sie nicht näher kannte, hielt sie gerne für arrogant, doch Elaine wußte, dass das nur mit Charlottes Schüchternheit zusammen hing. Lernte sie jemanden neuen kennen, verschloss sie sich, wurde einsilbig und hatte diesen ganz speziellen Blick. Den Mörderblick nannten sie es gerne. Es gab selten jemanden, der sich von diesem Blick nicht abgeschreckt fühlte und Amanda und Elaine hatten alle Hände voll damit zu tun die Personen davon zu überzeugen, dass Charlotte wirklich ein prima Kerl war.
Anders verhielt es sich allerdings bei Männern, die Charlotte auf Anhieb gefielen. Bei diesen konnte sie äußerst charmant, witzig und sanft sein, auch wenn sie nie nach etwas festem suchte. Dafür sei ihre Zeit zu kostbar, betonte sie des öfteren.
Amanda war im Gegensatz dazu ruhig und unauffällig. Sie hielt nichts davon der neusten Mode hinterher zu jagen, trug ihr dunkelblondes Haar gerne praktisch kurz, verzichtete die meiste Zeit auf Make-Up und fand es angenehm ihre Abende zu Hause mit einem guten Buch oder vor dem Fernseher zu verbringen.
Wenn sie allerdings mit Charlotte und Elaine ausging, blühte sie förmlich auf. Sie liebte es zu tanzen, von einem Club in den nächsten zu ziehen und neue Bekanntschaften zu schließen, die sie allerdings nicht wirklich gerne pflegte. Ihre Mädels, wie sie Charlotte und Elaine gerne nannte, waren ihr Freunde genug. Wozu brauchte sie noch mehr?
Elaine schließlich, sah sich gerne als die abenteuerlustige unter ihnen. Ihre Idee war es gewesen, einmal im Jahr diese Ausflüge mit ihren Freundinnen zu unternehmen, sie kümmerte sich um die Planung und Organisation und war auch diejenige, die nie Schwierigkeiten hatte, neue Kontakte zu knüpfen.
Sie liebte es, neue Menschen kennen zu lernen, etwas über sie zu erfahren und damit auch ihrem eigenen Selbst etwas näher zu kommen. Zumindest sah sie es so.
Zwei Tage waren sie nun schon in New York, hatten sich ein paar der unzähligen Sehenswürdigkeiten angesehen und die Nächte in Clubs verbracht.
Traditionell wurde der Tag mit einer kleinen Pyjamaparty abgeschlossen, bei dem jede Menge Chips, eine Flasche Sekt und gute Gespräche nie fehlen durften.
Ehrlich gesagt bedauere ich die Menschen, die so etwas wie wir nicht haben, bemerkte Amanda und goss sich noch etwas Sekt nach.
Wohl wahr, nickte Charlotte und streckte ihr ihr Glas entgegen.
Ist da für mich auch noch was drin? fragte Elaine und nahm ihr Glas vom Nachtisch.
Ja, das könnte gerade so reichen, entgegnete Amanda und füllte Elaines Glas.
Ich möchte eine Toast ausbringen, sagte Charlotte schließlich, nachdem Amanda die Sektflasche auf den Boden abgestellt hatte. Feierlich setzen sie sich auf und hoben ihre Gläser. Auf uns drei. Auf Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Auf das wir in fünfzig Jahren immer noch zusammen Urlaub machen.
Ja, entgegnete Elaine lächelnd. Auf uns.
Sie stießen an und nahmen einen Schluck aus ihren Gläsern. Für einen Moment herrschte Stille.
Gott sind wir pathetisch heute, grinste Amanda schließlich.
Das kommt nur davon, weil Charlotte die ganzen Chips aufgegessen hat, lachte Elaine und streckte sich wieder auf der Bettdecke aus. Ein Gefühl der Wärme durchströmte sie, während sie ihre Freundinnen betrachtete. So lange sie die beiden hatte, konnte ihr nichts und niemand etwas anhaben. Sie liebte sie wie Schwestern und niemand würde sich jemals zwischen sie drängen. Sie würde ....
Ein Kissen traf sie im Gesicht und unterbrach damit ihre Gedanken.
Hey Schlafmütze. Du bist das Organisationsteam, Du kannst nicht einfach so wegpennen! lachte Charlotte und versuchte sich in Sicherheit zu bringen.
Erst als eine der kleinen Nachtischlampen zu Boden fiel und gleich darauf erlosch, hörten die drei lachend und nach Luft schnappend auf mit der Kissenschlacht.
Kapitel 2
O.k. Mädels. Zeit für die Sucht, sagte Elaine und krabbelte aus dem Bett.
Och nöööö, maulte Charlotte.
Ich dachte, Du wolltest aufhören, fügte Amanda mit missbilligend gerunzelter Stirn hinzu.
Ja. Aber nicht heute, gab Elaine lächelnd zurück und fischte nach der Schachtel Zigaretten in ihrer Handtasche.
Ja klar, nicht heute, bemerkte Charlotte schnaubend. Wann denn dann? Wenn Deine Blutgefäße mit Nikotin verstopft sind, Du keine Luft mehr kriegst und sie Dir bereits eines Deiner Raucherbeine abgenommen haben?
Das Du immer so übertreiben mußt, entgegnete Elaine mit einem nachsichtigen Kopfschütteln.
Sie übertreibt nicht, warf Amanda ein. Sie hat vollkommen recht. Statistisch gesehen ... ,
Ja, ja, schon gut. Ich verspreche auch, dass sie mir nicht schmecken wird, in Ordnung?
Ihre beiden Freundinnen rollten mit den Augen und grinsend wandte sich Elaine Richtung Zimmertür.
Willst Du so raus gehen? fragte Charlotte ungläubig.
Wieso? Ist irgendetwas nicht in Ordnung? fragte Elaine und sah an sich hinunter. Über ihrer Pyjamahose mit rosa Bären darauf trug sie ein weißes T-Shirt und ihre Füße steckten in riesigen Pantoffeln, die das Gesicht eines Plüschtigers hatten.
Nun jaaaaaa ... ich meine ... , Amanda machte eine unbestimmte Handbewegung in ihre Richtung und lies ihren Satz unvollendet.
Also wirklich. Um diese Uhrzeit treibt sich garantiert niemand mehr auf dem Hotelflur herum. Und selbst wenn ... dann haben sie wenigstens was zu gucken. Außerdem gehe ich ungern ohne Winnie und Puh aus dem Haus.
Dass diese Schuhe sogar Namen haben erschreckt mich zutiefst, sagte Charlotte.
Probier es aus. Ich verspreche Dir, es ist sehr befreiend, lachte Elaine.
Na dann viel Spaß, grinste Amanda.
Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Traummann triffst. In diesem Aufzug kann ja gar nichts schief gehen, lachte Charlotte.
Wenn es mein Traummann sein sollte, dann wird er mich auch in Pyjamahosen und Tigerhausschuhen lieben.
Wo Du recht hast, hast Du recht, lachte Amanda und kuschelte sich neben Charlotte ins Bett.
Also bis gleich. Und bleibt anständig. Keine miesen Witze hinter meinem Rücken und nicht einschlafen, bis ich wieder da bin.
Ich verspreche es, gab Charlotte feierlich zurück. Für Maddy kann ich allerdings nicht garantieren.
Ach was, ich bin voll da, erwiderte Amanda, die bereits müde blinzelte und dann herzhaft gähnte.
Ich sehs, lachte Elaine, zog dann die Zimmertür auf und wandte sich nach links den Flur hinunter.
Da ihr Zimmer keinen Balkon besaß und sie ihren Freundinnen nicht zumuten wollte, in einem, nach Zigarettenqualm stinkenden Zimmer zu schlafen, ging sie zum Rauchen immer hinaus. Gleich nach ihrer Ankunft am gestrigen Tag hatte sie eine kleine Nische am Ende des Flures ausgemacht. Zwei Sessel umstanden einen kleine Glastisch, auf dem ein großer, massiver Aschenbecher stand.
Bisher hatte sie noch niemanden bei ihren nächtlichen Rauchpausen getroffen und so machte sie sich über ihre Garderobe auch jetzt keine Gedanken.
Sie nahm eine Zigarette aus der Packung, warf diese unbeachtet auf den Tisch und zündete die Zigarette an. Dann drehte sie den Sessel herum, so dass sie hinter den leicht spiegelnden Fenstern die Lichter von New York sehen konnte und zog die Beine an.
Genüsslich inhalierte sie den Rauch und zupfte dann an den kurzen Fransen, die die Haare des Tigers an ihrem Fuß darstellen sollten. Was ihre Freundinnen nur an diesen Schuhen auszusetzen hatten? Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie den ganzen Tag in diesen Pantoffeln herum gelaufen. Sie waren nicht nur unglaublich bequem, sondern wärmten ihre, selbst im Sommer meist eiskalten Füße.
Erneut blies sie eine Rauchwolke in die Luft und zuckte dann zusammen, als sie eine Bewegung in der Glasscheibe wahrnahm. Auf der Stelle bereute sie es, dass sie sich nicht doch noch schnell etwas über gezogen hatte. Dies war eines der teureren Hotels und ihr Aufzug würde hier sicherlich nicht gut ankommen.
Guten Abend, hörte sie plötzlich eine dunkle, raue Stimme zu ihrer Rechten und als sie aufsah, stand ein junger Mann neben ihr, der sich gerade eine Zigarette anzündete. Er mochte ungefähr in ihrem Alter sein, trug Jeans, ein rotes T-Shirt und sein Gesicht war im Schatten seiner Baseballkappe nicht zu erkennen.
Hi, gab sie leicht verlegen zurück.
Der Club der Verstoßenen, was? bemerkte er grinsend, zog sich den anderen Sessel heran und setzte sich neben sie.
Sieht ganz so aus, lächelte sie und versuchte sich in ihrem Sessel so klein wie möglich zu machen.
Cooles Outfit, bemerkte der Fremde und lachte leise. Wo kriege ich diese Schuhe her? Ich muß so was einfach haben.
Machst Du Dich gerne über wehrlose Frauen lustig? gab Elaine lächelnd zurück.
Nur wenn sie so hübsch sind wie Du und Tigerpantoffeln tragen.
Beleidige Winnie und Puh nicht, ja?
Deine Schuhe haben Namen? fragte der Fremde ungläubig.
Ja, haben sie. Aber mach Dir nichts draus. Meine Freundinnen machen sich darüber auch immer lustig.
Nein ... ich meine ... mir gefällt das.
Tatsächlich? Elaine wußte nicht, ob der Fremde sie auf den Arm nehmen wollte, doch noch fühlte sie sich in seiner Nähe wohl.
Ganz ehrlich, versichte ihr Gegenüber und streckte ihr dann seine Hand entgegen. Ich bin AJ.
Elaine, entgegnete sie und schüttelte seine Hand. Das erste Mal bemerkte sie die vielen Tätowierungen auf seinen Unterarmen, das dicke Lederband um sein Handgelenk und die Ringe mit den Totenkopfmotiven.
Ohne das sie etwas dagegen tun konnte, wanderte ihr Blick hinunter zu Winnie und Puh und sie begann leise zu lachen.
Was ist? fragte AJ belustigt.
Nun jaaaa ... ich meine .... , sie hob ihre Füße und legte einen davon auf sein Knie.
Ist das nicht ein schönes Bild? Ich meine ... Winnie neben Totenköpfen und Tätowierungen. Meinst Du, er fühlt sich da heimisch?
AJ begann zu lachen, während er ihren Knöchel umfasst. Ich bin mir ganz sicher, dass sie sich prächtig verstehen werden. Noch dazu, wo ihnen rosa Bärchen Gesellschaft leisten.
Irgendwie finde ich das ziemlich komisch, prustete Elaine.
Ich auch, gab AJ kichernd zurück.
Elaine zog schließlich ihren Fuß zurück, wandte sich um, so dass sie AJ direkt ansehen konnte und stütze sich auf der Lehne des Sessels ab.
Und, was machst Du hier?
Uhm ... rauchen?
Das sehe ich, kicherte sie aber ich meine ... was treibt Dich nach New York?
Arbeit, gab er schlicht zurück und zog an seiner Zigarette.
Ah, ich verstehe, Du spielst den einsilbigen, geheimnisvollen Unbekannten.
So ähnlich, grinste AJ. Und Du? Was machst Du hier?
Ich bin mit meinen beiden Freundinnen unterwegs. Wir machen Urlaub. Sightseeing und so was.
Verstehe, nickte AJ. Und wo sind die beiden jetzt?
In unserem Zimmer und hoffen, dass mich niemand in diesem Aufzug sieht und ich nicht mit Lungenkrebs zurück komme.
Das kenne ich. Es ist so schwierig den anderen zu erklären, warum man sich so etwas ungesundes antut.
Wem sagst Du das. Das schlimme daran ist, dass sie alle Argumente auf ihrer Seite haben und man nicht widersprechen kann.
Ich sage immer, dass man wenigstens ein Laster haben sollte.
Oh je, wenn man danach ginge, bin ich das lasterhafteste Wesen, das auf diesem Planeten wandelt.
Erzähl mir mehr, lachte AJ, wandte sich nun ebenfalls in seinem Sessel um und stützte den Kopf in seine Hand.
Nun ja ... uhm ... wie soll ich das erklären, ohne dass Du einen falschen Eindruck von mir erhältst?
Uhm ... meinst Du, nach Winnie, Puh und der Bärchenarmee kann noch irgendetwas schief gehen? kicherte AJ und Elaine mußte grinsen.
So gesehen ... uhm ... sagen wir mal so ... ich feiere gerne. Dazu gehören Alkohol, Männer und Zigaretten. Ich mag es, neue Leute kennen zu lernen, auch mal auf nem Tisch zu tanzen oder irgendetwas verrücktes zu tun.
Klingt doch bis hier hin nicht schlecht, grinste AJ.
Ja schon. Ich bin einfach der Meinung, dass ich es noch genießen sollte, so lange es mir Spaß macht.
Das versteht sich wohl von selbst.
Ich glaube, das es genug Menschen gibt, die nicht so denken. Ich meine ... die wollen vernünftig sein, bauen ihr Nest anstatt sich etwas von der Welt anzusehen und vertrödeln ihre kostbare Zeit damit zu Hause vor dem Fernseher zu hocken.
Nicht das wir uns falsch verstehen ... so ein gemütlicher Abend ist sicherlich auch mal ganz nett, aber wie viele Menschen lassen sich ihr Leben von einem Fernsehprogramm bestimmen?
Genug befürchte ich, nickte AJ.
Und wie bist Du so? Eher vernünftig?
Vernunft? Was ist das? lachte er und Elaine stimmte mit ein.
Ich meine das ernst! Wie bist Du so?
Hm ... wie bin ich? Er schien darüber nachzudenken. Ich glaube, ich bin vernünftig, wenn ich es sein muß. Ich stelle mich meinen Problemen und bekämpfe sie. Leider nicht immer so konsequent, wie ich das vielleicht tun sollte.
Ich mag es, verrückte Sachen zu tun, achte aber trotzdem darauf, wie ich dabei auf andere wirken könnte. Also ... wenn ich in der Öffentlichkeit bin.
Das verstehe ich. Ich denke, da sind wir alle so.
Vielleicht. Obwohl ich mir manchmal wünschte, dass es anders wäre.
Ich versuche mich immer damit zu beruhigen, dass ich die Menschen, die mich in meinen peinlichsten Lebenssituationen erleben, nie wieder sehen muß. Es sei denn, es sind enge Freunde und die kennen mich sowieso.
Mit anderen Worten, wir werden uns nie wieder sehen? schmunzelte AJ und warf dabei einen viel sagenden Blick auf Winnie und Puh.
Wenn Du das schon peinlich findest, dann solltest Du mich erstmal in Action erleben.
So? fragte er belustigt.
Ich werde hier nicht ins Detail gehen, aber ich bin ... uhm ... manchmal etwas tollpatschig und ... keine Ahnung ... ziehe das Unheil magisch an.
Aber das gefällt Dir, stellte AJ fest.
Manchmal, mußte Elaine zugeben aber dann auch erst hinterher.
Sie lachten leise und schwiegen eine Weile.
Elaine musterte ihren Gegenüber verstohlen. Sie mußte zugeben, dass er gut aussah, auch wenn sie über sein Gesicht immer noch nicht viel sagen konnte. Er schien viel Sport zu machen und sein ganzes Auftreten gefiel ihr. Er war witzig, charmant und man konnte sich gut mit ihm unterhalten. Ein eher seltenes Phänomen bei den Männern, die ihr in letzter Zeit über den Weg gelaufen waren. Meistens ging es doch darum, bei dem anderen gut dazustehen und gerade Männer schienen immer sehr darauf bedacht, ihre letzten Heldentaten ins Rampenlicht zu rücken.
AJ war anders, das spürte sie, obwohl sie ihn erst ein paar Minuten kannte. Er war aufmerksam und scheinbar ehrlich daran interessiert, was sie zu sagen hatte.
Was denkst Du? fragte er plötzlich und sie fühlte sich ertappt.
Ich habe über Dich nachgedacht.
So? Interessiert beugte er sich ein Stück zu ihr hinüber.
Ich mag es, wenn ich mich mit Menschen gut unterhalten kann und mit Dir ist das sehr einfach. Das spricht eindeutig für Dich.
Ich mag es auch, wenn ich mich gut unterhalten kann, nickte er.
Und? hakte Elaine grinsend nach.
Und? Uhm .... ich glaube ich muß jetzt gehen, lachte er, was ihm einen leichten Schlag auf den Arm einbrachte.
Er lachte wieder. Und mit Dir macht es eindeutig Spaß. Ich glaube, ich habe mich noch nie mit jemandem über Hausschuhe unterhalten.
Elaine verdrehte die Augen. Ist ja klar. Winnie und Puh haben es Dir schwer angetan.
Hey, bei solchen Prachtexemplaren, wie sollte man da widerstehen?
Ich kann Dir leider nicht widersprechen, grinste sie.
Hinter ihrem Rücken entstand Bewegung und als sie aufblickte, stand Charlotte im Flur und musterte sie lächelnd.
Gott sei Dank, Du bist immer noch hier, sagte sie.
Wo sollte ich sonst sein?
Von Pantoffel-Fetischisten entführt? schlug AJ vor.
Oder von einem psychisch gestörten Massenmörder umgebracht und in klitzekleine Stücke zerhackt, nickte Charlotte, während sie langsam näher kam.
Auch keine schlechte Variante, nickte AJ.
Hallo? Es ist ja sehr interessant, was für Szenarien ihr Euch über meinen Tod ausdenkt, bemerkte Elaine mit gerunzelter Stirn.
So sind wir eben, gab Charlotte achselzuckend zurück. Wir machen uns eben Sorgen.
Sie hatte die beiden erreicht und streckte AJ die Hand entgegen.
Ich bin übrigens Elaines beste Freundin Charlotte, nur so nebenbei, da sie es ja nicht für nötig befindet uns vorzustellen.
AJ. Freut mich, Dich kennen zu lernen.
Na, ob das ne Freude ist, wird sich noch heraus stellen, sagte Elaine trocken und erntete dafür einen bösen Blick von Charlotte.
War doch nur Spaß. Magst Du Dich setzen? Elaine rutschte ein Stück in ihrem Sessel zur Seite und Charlotte quetschte sich hinein.
Ich fühlte mich wie eine Sardine, sagte sie gleich darauf grinsend.
Wie ne Kuschel-Sardine, bekräftigte Elaine.
Was macht ihr beide hier denn so? fragte Charlotte neugierig und versuchte eine einigermaßen bequeme Position zu finden.
Wir reden ein bißchen, entgegnete Elaine.
Und Winnie und Puh wurden mir auch schon vorgestellt, fügte AJ hinzu.
Na, dann könnt ihr ja direkt vor den Traualtar treten. Ihre dunkelsten Geheimnisse kennst Du jetzt.
Sie lachten alle drei und AJ schüttelte den Kopf. Seid ihr immer so?
Wie sind wir denn? fragte Elaine unschuldig.
Irgendwie ... süß.
Elaine und Charlotte warfen sich einen angewiderten Blick zu.
Du hast nicht wirklich süß gesagt, oder? fragte Charlotte nach.
Uhm ... doch?
Wir sind nicht süß, widersprach Elaine. Wir sind ... aufreizend, begehrenswert, sexy, aufregend ... was auch immer ... aber nicht süß.
Sexy, aufreizend und begehrenswert, hm? fragte AJ grinsend.
Genau, bekräftigte Charlotte und verschränkte die Hände vor der Brust.
O.k.. Nur um das richtig zu verstehen ... uhm ... Elaine trägt Tigerpantoffeln und einen Pyjama mit einer rosa Bärchenarmee darauf. Charlotte ... , er zeigte an der vor sich hin kichernden Elaine vorbei ... träumt von einem sexy Massenmörder, der ihre Freundin zerstückelt und ihr beide sitzt in einen Sessel gequetscht, der Euch zu Kuschel-Sardinen macht. Stimmt das soweit? Die Mädchen nickten glucksend.
Ihr habt recht, das ist unglaublich sexy und begehrenswert, grinste AJ.
Sagen wir doch, entgegneten Elaine und Charlotte im Chor und begannen haltlos zu lachen.
Kapitel 3
Amanda öffnete vorsichtig die Augen und vergewisserte sich, dass Charlotte das Zimmer tatsächlich verlassen hatte, dann setzte sie sich auf, beugte sich über den Bettrand und fischte nach ihrer Handtasche. Gleich darauf zog sie ihr Handy hervor und drückte die Wahlwiederholung. Es hatte nicht einmal zwei Mal geklingelt, da meldete sich auch schon die ihr so vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.
Hey Amanda, alles klar bei Dir?
Hallo Joshua. Ja, geht so. Wie immer wenn sie mit ihrem Bruder sprach, legte sich ein Gefühl von Geborgenheit wie eine warme Decke um sie. Obwohl er drei Jahre jünger war, schien er immer zu wissen, was das Richtige war. Sie bewunderte und liebte ihn dafür. Er wollte Arzt werden und sie war sich sicher, dass er einer steilen Karriere entgegen sah.
Wo sind die anderen beiden?
Irgendwo draußen. Elaine wollte eine Rauchen und Charlotte sieht jetzt sicherlich nach, ob sie noch lebt.
Dann haben wir also zehn Minuten.
Vielleicht auch mehr. Egal. Erzähl mir, was Du über Daniel Porter heraus bekommen hast.
Nicht sehr viel, befürchte ich. Ich habe im Internet nachgesehen. Nichts über Daniel Porter.
Was nichts heißen will. Wahrscheinlich führt er ein zurück gezogenes Leben und weiß noch nicht einmal, dass es so etwas wie das Internet überhaupt gibt.
Mag sein, aber auch vom Einwohnermeldeamt in New Orleans habe ich noch nichts gehört.
Das ist wirklich nicht viel, sagte Amanda enttäuscht und warf einen schnellen Blick zur Tür. Dieses Gespräch ihren beiden Freundinnen zu erklären, wäre sicherlich sehr schwierig geworden. Aber noch blieb alles ruhig.
Nun ja ... etwas habe ich allerdings heraus bekommen.
Und das wäre? Amanda konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.
Du weißt doch noch, dass ich Dir von dieser Krankenschwester erzählt habe, oder? Samantha Black.
Hm.
Nun, sie ist mittlerweile im Ruhestand, aber ich habe ihre Adresse! Was sagst Du nun?
Ist nicht wahr? Amanda richtete sich aufgeregt im Bett auf und wechselte den Hörer an das andere Ohr. Wie hast Du das denn hingekriegt?
Sagen wir mal, jemand im Krankenhaus schuldete mir noch einen Gefallen. Sie ist von LA nach Boston gegangen. Ich habe dort auf gut Glück im Memorial nachgefragt und weißt Du was sie mir dort gesagt haben?
Nein.
Sie wohnt jetzt in New Jersey.
New Jersey? Aber das ist ja ... ,
... gar nicht so weit weg von Dir, ergänzte Joshua. Ich kann Dir nicht genau sagen, wo die Adresse liegt, aber wenn Du Glück hast, kannst Du mit der U-Bahn in einer Stunde dort sein.
Aber ... die geben Dir doch nicht so einfach ihre Adresse, oder? Ich meine ... ,
Mach Dir darüber keine Gedanken, o.k.?
Ich will nicht, dass Du Schwierigkeiten bekommst.
Das werde ich schon nicht. Vertrau mir.
Amanda schwieg und starrte gedankenverloren hinaus in die Nacht. Alleine, dass sie diese Nachforschungen anstellte, war bereits ein Vertrauensbruch Elaine gegenüber. Sollte sie jetzt tatsächlich auch noch nach New Jersey fahren, ohne den beiden etwas zu sagen? Hinter ihrem Rücken herumspionieren und vielleicht Dinge heraus finden, die besser im Verborgenen geblieben wären?
Amanda? Bist Du noch da?
Ja, bin ich. Ich frage mich nur gerade, ob ich tatsächlich das Richtige tue.
Du kennst meine Meinung.
Ja, trotzdem. Ich hätte Elaine von Anfang an die Wahrheit sagen und sie selbst entscheiden lassen sollen.
Darf ich Dich daran erinnern, dass es hier nicht nur um sie geht?
Mag sein. Trotzdem hätte ich es ihr sagen sollen.
Das kannst Du immer noch. Aber ... ich halte das für keine gute Idee. Wenn sie Dir überhaupt glaubt, dann bekommt zumindest Eure Freundschaft einen gehörigen Knacks. Und was ist, wenn wir gar nichts heraus finden? Dann war alles umsonst.
Du hast ja recht, seufzte Amanda und fühlte sich trotzdem keinen Deut besser.
Warten wir doch erst einmal ab, ob es was bringt mit der Krankenschwester zu reden. Vielleicht erinnert sie sich ja auch gar nicht mehr. Dann ist das eine Sackgasse und wir müssen uns wieder auf Daniel Porter konzentrieren.
Ich weiß sowieso nicht, ob es irgendetwas bringt mit ihr zu sprechen. Ich meine ... was kann sie denn schon groß sagen? Selbst wenn sie sich an Daniel Porter erinnert ...
Vielleicht weiß sie noch, mit wem er damals zusammen war. Vielleicht auch, ob er eine Tochter hatte. Vergiss nicht, hier in diesem Feld-, Wald- und Wiesenkrankenhaus kennt jeder jeden. Gerüchte machen hier sehr schnell die Runde. Wenn er eine uneheliche Tochter hatte, wird sie es wissen. Da bin ich mir so gut wie sicher.
Ich weiß nicht ... noch dazu, weil wir hierfür ja schon den Beweis haben.
Wenn Du danach gehen willst, dann brauchen wir gar nicht weiter suchen, denn die Fakten, die es schwarz auf weiß gibt, kennen wir sowieso schon. Ich dachte, Du willst wissen, was damals wirklich abgelaufen ist? Dann mußt Du mit Samantha Black reden.
Du hast ja recht. Ich ... muß sehen, dass ich mich in den nächsten Tagen irgendwie absetzen kann. Gibst Du mir die Adresse?
Joshua diktierte ihr Straße, Hausnummer und eine Telefonnummer, die sie feinsäuberlich in ein kleines Büchlein eintrug. Darunter schrieb sie Samantha Black, New Jersey. D.P. noch nicht gefunden.
Dann klappte sie das Notizbuch zu und seufzte erneut. Wenn ich mich nur nicht so mies dabei fühlen würde.
Ich weiß Maddy, ich weiß. Du schaffst das, versprochen. Und wenn Du erst einmal die Wahrheit kennst, wirst Du auch wissen, was Du damit tun sollst.
Ich hoffe, Du hast recht.
Sie schwiegen eine Weile, dann verabschiedeten sie sich und Amanda verstaute ihr Handy und das Notizbuch wieder in ihrer Tasche. Sie kuschelte sich in die Kissen und starrte mit offenen Augen an die Zimmerdecke.
Hätte sie doch nie diese Urkunde vor drei Wochen auf dem Dachboden ihrer Großeltern gefunden. Seit dem Tod ihrer Eltern vor sieben Jahren lebte sie bei den Eltern ihrer Mutter und hätte es nie für möglich gehalten, dass es ein so gut gehütetes Familiengeheimnis gab.
Ihre Mutter hatte sich damals mit ihren Eltern fürchterlich gestritten und bis zu dem Tag, als Amanda mit Joshua im Schlepptau vor dem Haus ihrer Großeltern stand, völlig verstört und verzweifelt, da sie beide plötzlich ihrer Eltern und ihres zu Hauses beraubt worden waren, hatte sie gar nicht gewußt, dass die beiden überhaupt noch lebten. Ihre Mutter hatte nie über sie gesprochen und noch heute wußte Amanda nicht, was damals wirklich vorgefallen war.
So war es auch kein Wunder, dass ihre Großeltern, als das erste mal der Name Daniel Porter fiel, lediglich den Kopf geschüttelt und gesagt hatten, dass ihnen ein Mann dieses Namens nicht bekannt sei. Die erschrockenen Blicke allerdings, die sie untereinander austauschten, entgingen weder Amanda noch Joshua.
Sie beschlossen daraufhin, eigene Nachforschungen anzustellen. Tja, und damit hatte alles angefangen.
Einen wirklichen Reim konnte sie sich immer noch nicht auf die ganze Geschichte machen, und doch hatte sie das Gefühl, dass sie der Lösung des Rätsels bereits näher kam.
Wenn da nicht die Sache mit Elaine wäre.
Als Amanda im Zuge ihrer Nachforschung auf Elains Namen gestoßen war, hatte sie es zuerst nicht glauben wollen. Das passte so gar nicht in die Geschichte, die sie sich bis dahin zusammen gereimt hatte. Sie fragte sich sogar eine Weile lang, ob Elaine vielleicht sogar schon davon wußte. Vielleicht hatte sie es irgendwann erfahren und ihr und Charlotte einfach nichts davon erzählt.
Doch diesen Gedanken hatte sie recht bald wieder verworfen. Sie hatte ab und an ein paar unverfängliche Bemerkungen fallen lassen, doch Elaine sprang nie darauf an. Sie konnte es einfach nicht wissen. Und wenn, war Elaines Verrat sogar noch größer als Amandas.
Entschlossen drehte Amanda sich auf die Seite und schloss die Augen. Morgen war auch noch Zeit, sich über die neuen Erkenntnisse Gedanken zu machen. Jetzt brauchte sie erst einmal ein wenig Schlaf.