1.
Wenn ich heute auf mein Leben zurück blicke, kommt es mir manchmal so vor, als hätten die Jahre vor meinem siebzehnten Geburtstag nicht wirklich stattgefunden. Natürlich habe ich auch an diese Zeit Erinnerungen, doch sie scheinen sehr verschwommen und vor allen Dingen mehr als unwichtig zu sein.
Als Tochter reicher Eltern und jüngste von drei Geschwistern fehlte es mir an nichts. Damals, Anfang der fünfziger Jahre, waren Begriffe wie Familie, Umgangsformen und gesellschaftliche Stellung noch ganz anders belegt als heute.
Mein Vater war ein stattlicher Mann mit dunklem, dichtem Haar, warmen, braunen Augen und einer tiefen, festen Stimme. Die Familie ging ihm über alles und er tat alles Erdenkliche dafür, dass es uns an nichts fehlte. Im Gegenzug erwartete er allerdings auch ein untadeliges Verhalten, Gehorsam und Loyalität.
Seine Familie war durch die Pferdezucht zu großem Reichtum gelangt und er führte die Geschäfte, denen bereits sein Großvater und sein Vater ihr gesamtes Leben widmeten, mit strenger Hand und ständig weiter steigendem Profit.
Natürlich hatte ich damals von all dem keine wirkliche Ahnung. Für mich war es ganz normal in einem riesigen Herrenhaus aufzuwachsen, die Privilegien von Hauspersonal und finanzieller Unabhängigkeit zu genießen und die meiste meiner freien Zeit auf dem Gestüt mit den Pferden zu verbringen.
Unser Haus thronte strahlend weiß auf einem kleinen Hügel und trug den klangvollen Namen Heavens Gate. Imposante, hohe Säulen stützten den Balkon über dem Eingangsportal und eine Veranda zog sich um das gesamte Gebäude herum. Im Erdgeschoss befanden sich die Wohnräume, Vaters umfangreiche Bibliothek, sein Arbeitszimmer, das riesige Esszimmer und die behagliche, ebenfalls riesige Küche. Der zweite Stock beherbergte die Schlafräume und Bäder der Familie, sowie einige Gästezimmer die selten länger als eine Woche leer standen. Unter dem spitzen Dach schließlich, lagen die Räume der Angestellten, die man über eine Treppe an der Schmalseite des Hauses erreichte. Somit kam und ging das Personal, ohne dass ich wirklich davon Notiz genommen hätte und erst im zarten Alter von zehn Jahren machte ich mir wirklich Gedanken darüber, wie es sein konnte, dass unsere Haushälterin Mary von einem auf den anderen Moment urplötzlich verschwinden konnte.
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch heute alles genau vor mir: Die lange, von riesigen, alten Eichen gesäumte Auffahrt, die vorbei an saftig grünen Pferdekoppeln, lang gezogenen Stallungen und Gerätehäusern auf die Straße hinunter führte, die nach etlichen Kilometern in dem kleinen Dorf Piedcock endete, der große Garten auf der Rückseite von Heavens Gate, der der ganze Stolz meiner Mutter war und um den sie sich in jeder freien Minute eigenhändig kümmerte, und schließlich das glitzernde Band des Flusses, der unterhalb des Gartens lag und in dem wir in den heißen Sommermonaten badeten, auch wenn das Wasser immer so eiskalt war, dass es uns grundsätzlich für einen Moment den Atem raubte.
Meine Mutter war eine sanfte, in sich gekehrte Frau. Wenn sie ihre Zeit nicht gerade im Garten verbrachte, dort die Rosen stutzte, das Anlegen eines neuen Beetes beaufsichtigte oder in einem der drei Gewächshäuser nach dem Rechten sah, organisierte sie Teepartys für die Frauen der ebenfalls gut betuchten Familien der Umgebung, gab dem Personal Anweisungen oder saß auf der ausladenden, schattigen Veranda und stickte.
Ihre Haut wirkte immer ein bisschen blass, was durch ihr blondes Haar und die hellen, grauen Augen noch verstärkt wurde. Und egal was sie tat, sie wirkte dabei immer aufrecht und steif wie eine Königin. Ihre Stimme war leise, dabei aber fest und bestimmend und sie hatte eine ganz genaue Vorstellung davon, was und wie sie es wollte.
Wir Kinder hatten keine wirkliche Beziehung zu ihr, was mir aber erst viel später, nachdem ich meine eigenen Kinder geboren hatte und aufwachsen sah, wirklich bewusst wurde.
Meine beiden älteren Brüder Malcom und Luke trugen die schwere Bürde, irgendwann das Gestüt übernehmen zu müssen und zumindest in Malcoms Fall wusste ich früh, dass er genau diesen Umstand hasste und darüber mehr als unglücklich war.
Er war der älteste von uns und ich liebte ihn abgöttisch. Ich war damals der Meinung, dass mein zukünftiger Ehemann genau so sein sollte wie er: Hochgewachsen, dunkles, lockiges Haar und stechende, graue Augen, die sowohl vor Wut Funken sprühen, als auch sanft und eindringlich auf mir ruhen konnten. Zu meines Vaters Leidwesen liebte er jegliche Form von Kunst. Ob nun Gemälde, Skulpturen, Bücher, Musik oder Filme jede Form seine Gefühle auszudrücken faszinierte und begeisterte ihn. In diesem Punkt waren wir uns schon immer sehr ähnlich.
Umso schlimmer war es für ihn, sich meinem Vater gegenüber zu sehen, der in seiner Bibliothek zwar sämtliche Werke von Homer, Shakespeare oder auch William Drake sammelte, diese aber nicht ein einziges Mal in die Hand nahm um sie zu lesen. Für ihn waren das einzig wichtige im Leben die Pferde und das Gestüt und er erwartete von Malcom eine ähnliche Hingabe.
Luke hingegen teilte Vaters Leidenschaft. Rein äußerlich waren Luke und Malcom sich sehr ähnlich. Beide hatten das dunkle Haar und die feingliedrigen, langen Finger meines Vaters geerbt, sie waren beide hochgewachsen und wurden von sämtlichen Mädchen der Umgebung umschwärmt. Doch während Malcom diesen Umstand genoss und immer wieder mal mit einem der Mädchen ausging, Tanzveranstaltungen besuchte und sich einfach vergnügte, konnte Luke dem allem nichts abgewinnen.
Es verging eigentlich kein Tag, den er nicht auf dem Rücken eines Pferdes, in den Stallungen oder auf einem der Pferdemärkte verbrachte und bei diesen Aktivitäten störten Mädchen natürlich nur. Zu seinem Leidwesen schien Vater dies allerdings kaum zu beeindrucken. Es war einfach vorgesehen, dass erst einmal der älteste Sohn das Gestüt übernahm und da war es unerheblich, ob sich die Natur dieser Rangfolge widersetzte.
Die Pläne meiner Eltern für mich lagen demnach ebenfalls klar auf der Hand: Heiraten, Kinder bekommen, Haushalt führen und dies natürlich alles mit einem Mann meines Standes. Ich gebe zu (und ich schäme mich heute manchmal ein bisschen dafür), dass ich diesen Gedanken damals sehr reizvoll fand. Die Vorstellung, irgendwann in einem eigenen, großen Haus zu leben, dem Personal vorzustehen und mir mein Leben damit einrichten zu können, wie ich es wollte, gefiel mir ausgesprochen gut.
Leider hatte ich dabei eine winzige Kleinigkeit nicht bedacht: Liebe schert sich nicht um solche profanen Dinge wie Geld, Haus oder Personal. Die Liebe kommt immer unverhofft und zu den unmöglichsten Zeitpunkten und sie unterwirft sich selten den Plänen, die Eltern für ihre Tochter haben. Ja, sie kümmert sich noch nicht einmal um die eigenen Vorstellungen und Wünsche.
Irgendwann ist sie einfach da, überschwemmt das Herz mit ungewohnten Gefühlen und den Kopf mit unsittlichen Gedanken, malt das Sonnenlicht heller und strahlender als jemals zuvor und die dunklen Nächte werden plötzlich zu einer Qual aus Sehnsucht und Verlangen.
Ab diesem Zeitpunkt ist nichts was man tut oder denkt noch in irgendeiner Weise rational und da ich nun einmal in einer sehr rationalen, von Geld und Ansehen bestimmten Welt aufgewachsen war, musste es einfach zu einer Katastrophe führen, als Scott in mein Leben trat.
2.
Bereits Wochen vor meinem siebzehnten Geburtstag hatte die Planung für dieses Ereignis begonnen. Einladungen wurden verschickt, das Haus in einem tagelangen Großputz zum Blitzen und Glänzen gebracht, es wurde gekocht, gebacken, eingemacht und im Grunde gab es in Heavens Gate zu dieser Zeit kein anderes Thema mehr.
Ich fuhr mit meiner Mutter in die Stadt - in die wirkliche, richtige, große Stadt und nicht in das kleine Piedcock - um mir ein Kleid nach meinen Wünschen und Vorstellungen schneidern zu lassen und den passenden Schmuck und Schuhe dazu auszusuchen. Gleichzeitig genoss ich den seltenen Umstand, aus dem großen, abgelegenen Haus heraus zu kommen und in den gediegenen Restaurants der vornehmen Hotels zu speisen oder Kaffee und Kuchen in einem der mondänen Salons zu mir zu nehmen.
Ich liebte es in dieser Zeit mehr denn je ein Mädchen zu sein, mich mit all diesen wundervollen Stoffen, Farben, Eindrücken und Gerüchen zu beschäftigen und am Abend Malcom von all dem zu berichten.
Ich konnte den Abend meines Geburtstages kaum noch erwarten, schlief vor Aufregung kaum oder sehr unruhig und konnte eigentlich an nichts anderes mehr denken. Ich glaube, ich ging meiner Umwelt damit ziemlich auf die Nerven, aber es war einfach ein sehr seltener Umstand, dass sich die gesamte Familie ausschließlich auf mich und meine Wünsche und Bedürfnisse konzentrierte.
Am Morgen des großen Ereignisses war ich dementsprechend aufgekratzt und kaum zu bändigen. Noch heute muß ich bei dem Gedanken lächeln, wie es sich anfühlte die Augen aufzuschlagen, an die helle Stuckdecke meines Zimmers zu blicken und mir des Umstand bewusst zu sein, dass heute mein großer Tag endlich gekommen war. Ich schaffte es gerade noch so, mir meinen Morgenmantel über zu werfen, mein langes, kupferrotes Haar nachlässig zu bürsten und in meine weichen Pantoffeln zu schlüpfen, bevor ich förmlich die Treppe hinunter flog und gleich darauf in dem großen Esszimmer stand.
Die Flügel der Terrassentür standen offen und ließen den Duft nach feuchter Erde und blühenden Blumen herein, der festlich gedeckte Frühstückstisch strahlte mit dem gleißenden Sonnenschein um die Wette und meine Eltern erwarteten mich bereits mit einem liebevollen Lächeln und den ersten Präsenten.
Unsere Haushälterin und Amme Mary hatte einen großen Schokoladenkuchen gebacken, der auf dem Buffet zwischen all den Frühstücksköstlichkeiten stand und auf dem siebzehn Kerzen im sanften Luftzug flackerten.
Vor lauter Aufregung bekam ich an diesem Morgen kaum einen Bissen herunter und als mein Vater verkündete, er hätte noch ein ganz besonderes Geschenk für mich, konnte ich meine Aufregung kaum noch im Zaum halten.
Meine Mutter bestand darauf, dass ich mich vorher ordentlich anziehen solle und als ich nach einer Zeit, die mir wie die Ewigkeit vorkam und in der mir Mary dabei half, in das flaschengrüne Kleid zu steigen, meine Haare ordentlich zu bürsten und kunstvoll aufzustecken, wieder hinunter in die Empfangshalle kam, warteten dort bereits meine Eltern, Luke und Malcom auf mich, alle im feinsten Sonntagsstaat gekleidet.
Alles Gute zum Geburtstag, begrüßte mich Luke lächelnd und hauchte mir einen förmlichen Kuß auf beide Wangen.
Malcom hingegen drückte mich ganz fest an sich und ich kann heute beinahe noch sein herbes Aftershave riechen und fühle den weichen Stoff seines Jacketts an meiner Wange.
In einer kleinen Prozession machten wir uns dann auf den Weg hinunter zu den Ställen. Meine Mutter verirrte sich selten dort hin und so wirkte sie in ihrem cremefarbenen Kleid und mit dem zarten Sonnenschirm in der Hand ein wenig deplatziert als wir auf dem gepflasterten Vorplatz ankamen.
Für mich war der Geruch nach Heu, Mist und Pferden wie das edelste Parfum der Welt, doch meine Mutter drückte sich ständig ein zartes, weißes Spitzentaschentuch vor Mund und Nase und zwischen ihren Augenbrauen erschien diese tiefe, missbilligende Falte, die nicht selten durch mich hervor gerufen wurde, wenn ich mich mal wieder undamenhaft benahm.
Doch an diesem Morgen registrierte ich dies alles nur am Rande. Ich hoffte inbrünstig und mit klopfendem Herzen, dass mir mein Vater heute die Fuchsstute schenken würde, die ich seit ihrer Geburt vor zwei Jahren mehr als alles andere abgöttisch liebte, auf der es mir aber bisher verboten gewesen war zu reiten. Mein Vater war der Meinung, dass sie zum einen viel zu wild für mich sei und zum anderen zu kostbar für das Gestüt, um riskieren zu können, dass ich sie durch einen falschen Sitz und Reitstil für den Markt verdarb.
Aus dem Inneren des Gebäudes näherte sich das langsame Klappern von Hufen und ich kreuzte verstohlen die Finger hinter meinem Rücken, während meine Augen wie hypnotisiert auf dem großen Tor ruhten, durch die mein Geschenk jeden Moment kommen musste.
Als schließlich der vertraute, schmale Pferdekopf mit der weißen Blesse zwischen den Augen und der im Sonnenlicht feuerrot leuchtenden Mähne aus der Dunkelheit des Stalls auftauchte, konnte ich den lauten Freudenschrei nicht unterdrücken und stürmisch fiel ich meinem Vater um den Hals.
Danke Dad. Vielen, vielen Dank! stieß ich immer wieder hervor, während ich seine Hände fühlte, die mir vorsichtig die Schulterblätter tätschelten.
Gerne geschehen mein Schatz, sagte er mit seiner dunklen Stimme. Ich hoffe du weißt das edle Geblüt zu schätzen. Dies ist nicht irgendeines deiner Ponys.
Ich weiß Dad, strahlte ich ihn an und fuhr dann aufgeregt zu der Stute herum.
Mit zuckenden Ohren tänzelte sie unruhig mit den Vorderläufen, schnaubend warf sie den Kopf in die Höhe und ich war der Meinung, noch nie etwas ähnlich majestätisches und wildes gesehen zu haben.
Irgendwie schaffte ich es, meine Aufregung etwas einzudämmen, während ich langsam an das Pferd heran trat und vorsichtig die Hand nach ihm ausstreckte.
Hallo Naomi, murmelte ich leise, während meine flache Hand zärtlich über ihre weiche Stirn strich.
Sofort riss sie erschrocken an ihrem Geschirr, machte zwei tänzelnde Schritte zur Seite und schnaubte dabei nachdrücklich. In diesem Moment fiel mir dann auch zum ersten Mal der junge Mann auf, der die Zügel in seinen kräftigen, sonnengebräunten Händen hielt und jetzt leise und beruhigend auf die Stute einredete, um sie wieder einigermaßen ruhig zu bekommen.
Gleich nach seinen Händen fielen mir seine durchdringenden, grünen Augen auf, die unter einem Paar dunkler, buschiger Augenbrauen auf Naomi geheftet waren und sie mit sanftem Funkeln dazu brachte, tatsächlich den Kopf zu senken und sich wieder zu beruhigen.
Sie ist ein bisschen aufgeregt, erklärte er gleich darauf an mich gewandt und seine angenehm warme, sanfte Stimme schien lauter kleine, tanzende Schmetterlinge in meinen Magen zu pflanzen.
Dann geht es ihr wie mir, gab ich ohne darüber nachzudenken zurück, was ihm ein breites Lächeln entlockte, was wiederum mein Herz einen seltsam anmutenden Satz vollführen ließ.
Scott, meldete sich mein Vater in diesem Moment hinter mir zu Wort und ich beeilte mich meine Aufmerksamkeit von den faszinierenden Augen des jungen Mannes wieder auf Naomi zu lenken. Dies ist meine Tochter Grace und somit die neue Besitzerin von Naomi. Ich möchte, dass sie ihr die Stute jederzeit zur Verfügung stellen, wenn sie danach verlangt und dass sie sich um das Pferd kümmern, als wäre es ihr eigenes. Haben wir uns verstanden?
Selbstverständlich Sir, nickte Scott sofort und senkte dabei den Blick hinunter auf seine staubigen Reitstiefel.
Und du Grace, wandte sich mein Vater an mich und fasste mich dabei sanft am Arm wirst auf Scott hören, wenn er der Meinung ist, dass ein Ausritt zu gefährlich für dich ist.
Aber Dad! begehrte ich sofort auf. Naomi und ich kennen uns jetzt schon so lange. Sie wird sich ganz sicher schnell an mich gewöhnen.
Du wirst nicht aufsitzen, wenn Scott sagt, dass es zu gefährlich ist, beharrte mein Vater unnachgiebig und der Griff um meinen Arm wurde noch etwas fester.
Ich ...,
Ist das klar? herrschte er noch einmal. Widerstand war also zwecklos.
Glasklar Dad, gab ich mich also geschlagen und warf Scott dabei einen verstohlenen Blick zu. Der sollte es nur mal wagen mir einen Ausritt zu verbieten. Er war Stallbursche, ich die Tochter des Gutsbesitzers. Das sollte er besser nie vergessen.
Gut, nickte mein Vater schließlich. Und nun geh mit deiner Mutter wieder hinüber ins Haus. Es ist noch so einiges für heute Abend vorzubreiten.
Aber ich würde viel lieber ... , setzte ich an, weil ich mich noch nicht von Naomi trennen wollte, doch mein Vater kannte kein Pardon.
Du hast noch genug Zeit dich mit deinem Pferd zu beschäftigen. Bis dahin wird Scott das für dich übernehmen. Und jetzt geh.
Also trottete ich geschlagen hinter meiner Mutter zurück zum Haus und warf dabei immer wieder einen Blick über die Schulter. Scott stand mit meinem Vater zusammen, seine Hand hielt immer noch Naomis Zaumzeug fest und ich registrierte verwundert, wie wundervoll sein rabenschwarzes Haar im Sonnenlicht glänzte und wie muskulös und durchtrainiert sein Körper in der engen Reithose und dem Baumwollhemd aussah.
Ich wusste es damals noch nicht, obwohl mir mein heftig schlagendes Herz und das Kribbeln in meinem Magen die Wahrheit bereits klar und deutlich zuschrieen: Ich hatte mich verliebt. In einen Stallburschen. Schlimmer hätte es also kaum kommen können.
3.
Es war bereits spät am Abend und die Geburtstagsparty im vollen Gange, als ich mich heimlich, still und leise aus dem Salon stahl. So sehr ich es auch genoss mit all meinen Freunden und Verwandten zu feiern, so sehr nagte doch das Verlangen an mir, endlich mit Naomi alleine sein zu können. Natürlich wäre es das Größte gewesen, mich auf ihren Rücken schwingen zu können und einen Ausritt zu unternehmen, aber das würde heute Nacht wohl nicht mehr möglich sein.
Alles was ich wollte, war in ihrer Nähe zu sein. Ich wollte neben sie in ihre Box treten, meine Hände über ihr seidiges Fell gleiten lassen und ihre kraftvolle Präsenz in mich aufsaugen. Also drückte ich mich in einem unbeobachteten Moment in den Flur und huschte in die Küche. Mary war viel zu sehr damit beschäftigt, sich um das Personal zu kümmern, das dafür sorgte, dass jedem Gast sofort nachgeschenkt, das Buffet aufgefüllt und das benutzte Geschirr abgeräumt wurde, so dass sie nicht sah, wie ich mich durch eine schmale Tür in die kleine Kammer stahl, in der sich die dreckigen Reitstiefel der Familie in einer Ecke stapelten und die nach Pferden und Stall riechenden Jacken an einer Garderobe hingen. Ich zog meine Tanzschuhe aus, stellte sie in einen der hintersten Winkel, damit sie bei einem zufälligen Blick nicht sofort entdeckt wurden und schlüpfte in meine Reitstiefel. Die schwarzen, mit Schlamm und Stroh verkrusteten Schuhe muteten sehr seltsam unter meinem roten Cocktailkleid mit den schwarzen Strasssteinen an, doch das war mir in diesem Moment herzlich egal.
Dad wäre wahrscheinlich fuchsteufelswild geworden, wenn er gewusst hätte, was ich hier veranstaltete, doch selbst der Gedanke an seinen Zorn und dass er mir Naomi vielleicht wieder wegnehmen könnte, hielt mich nicht zurück. Durch eine weitere Tür gelangte ich schließlich hinaus in die samtige Nachtluft. Ich überquerte im Laufschritt die Einfahrt, die mit unzähligen, schweren Wagen voll gestellt war, und wurde dabei von der Musik und dem leisen Stimmengewirr aus dem Haus begleitet. Einige Meter weiter verschluckte mich Gott sei Dank die Nacht. Wenig damenhaft kletterte ich gleich darauf über das Gatter einer der Koppeln und achtete dabei peinlich genau darauf, dass ich mir keinen Riss in mein nagelneues, teures Kleid machte. Ich hätte die Koppel auch umrunden können, doch das dauerte mir einfach viel zu lange. Mit ausgreifenden Schritten überquerte ich die Wiese und stieg am anderen Ende erneut über den Holzzaun. Nun trennte mich nur noch ein breiter, aus festgestampfter Erde bestehender Weg von den Stallungen.
Das lang gezogene Gebäude hob sich als schwarzer Schatten vor dem Nachthimmel ab, doch in den Fenstern hieß mich ein sanfter Lichtschein willkommen und ich fragte mich für einen Moment beklommen, wer sich um diese Uhrzeit wohl noch hier draußen aufhielt. Hoffentlich hatte Dad nicht beschlossen, einem seiner Freunde die neusten Anschaffungen zu zeigen. Wahrscheinlich brannte er darauf, mit dem schwarzen Araberhengst anzugeben, den er erst gestern bei einer Auktion ersteigert hatte.
Dementsprechend vorsichtig und auf alles gefasst zog ich schließlich das schwere Tor auf und lugt einen Augenblick durch den schmalen Spalt. Leider konnte ich nicht sehr viel erkennen, da sich das Licht im hinteren Teil der Stallungen befand und nur noch ein ganz schwacher Schimmer davon hier vorne ankam. Also schob ich das Tor ein Stück weiter auf und schob mich gleich darauf hindurch. Lautlos schloss ich die Flügeltür wieder und warf dann einen sehr genauen Blick den langen Gang hinunter, der rechts und links von den Boxen gesäumt wurde.
Die vertrauten Geräusche und Gerüche umgaben mich: Das Schnauben der Pferde, ab und an ein leises Wiehern oder das Scharren von Hufen, der Duft nach frischem Stroh und der charakteristische Geruch der Pferde. Doch ich hörte keine menschlichen Stimmen und sah auch niemanden. Etwas beruhigter und wesentlich mutiger lief ich also schließlich den langen Gang hinunter, lugte über Boxentüren, streichelte hier mal eines der Pferde, flüsterte ihnen dort ein paar beruhigende Worte zu und griff mir schließlich im Vorbeigehen einen Apfel aus der großen Kiste, die etwa in der Mitte des Ganges stand.
Naomis Box befand sich im hinteren Teil des Stalls und ich hielt einen Moment inne als mir bewusst wurde, dass die Quelle des warmen Lichts ausgerechnet von dort kam. Doch mir blieb keine Zeit mehr, mir darüber ausreichend Gedanken zu machen, denn in diesem Moment trat eine Gestalt aus Naomis Box hinaus in den Gang.
Gute Nacht meine Hübsche, hörte ich eine männliche Stimme zärtlich murmeln, dann verriet mir das unverkennbare Geräusch der Rollen in ihrer Schiene am Boden, dass Naomis Boxentür geschlossen wurde. Doch das Geräusch brach abrupt ab, als der Mann mich entdeckte.
Miss Cummings? entfuhr es ihm überrascht. Was machen Sie denn um diese Uhrzeit hier? Sie sollten doch drüben im Haus sein und ihre Party genießen.
Ich schluckte, als mir bewusst wurde, dass mir tatsächlich Scott gegenüber stand und wie es wohl auf ihn wirken musste, wie ich hier mit einem Apfel in der Hand, in meinem teueren Kleid mit den schmutzigen Stiefeln an den Füßen bewegungsunfähig verharrte.
Alles in Ordnung? fragte er schließlich nach einem Moment, der mir wie eine Ewigkeit vorkam, schloss nun endgültig die Boxentür und machte dann auch noch ein paar Schritte auf mich zu.
Mein Herz klopfte hektisch in meiner Brust, meine Hand umkrampfte den Apfel, als sei er das einzige, was mich noch aufrecht hielt und meine Knie wurden weich wie Pudding.
Seine Augen lagen im Schatten und so konnte ich auch nicht erkennen, ob er wütend, überrascht oder nur besorgt war, doch seine muskulöse Gestalt hob sich deutlich vor dem flackernden Licht der Öllampe ab, die an einem Haken neben Naomis Box hing und meine Augen saugten sich förmlich an seinen breiten Schultern fest, als er jetzt immer weiter auf mich zukam. Immer noch war ich nicht in der Lage mich zu rühren und starrte ihm wie ein paralysiertes Reh entgegen.
Miss Cummings? fragte er erneut, als er mich schließlich erreicht hatte. Er hob die Hand, traute sich aber im letzten Moment scheinbar doch nicht, mich zu berühren.
Uhm ... ähm ... tut mir leid, brachte ich schließlich stockend heraus und benötigte meine gesamte Konzentration, um ich aus meiner Erstarrung zu lösen. ich wollte nur kurz nach Naomi sehen.
Mit diesen Worten straffte ich mich, schob mein Kinn ein Stück vor, damit er gar nicht erst auf den Gedanken kam, mich postwendend wieder zurück zu schicken und schritt dann erhobenen Hauptes an ihm vorbei. Ich konnte seinen überraschten und auch ein wenig misstrauischen Blick förmlich zwischen meinen Schulterblättern brennen fühlen, doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Er war immerhin nur ein Angestellter, ein Stallbursche, sonst nichts.
Hey Naomi, flüsterte ich schließlich, während ich die Verriegelung der Boxentür öffnete und mit einiger Anstrengung die Tür zur Seite rollte.
Die Stute mein Pferd schnaubte heftig und warf die lange Mähne zurück, doch dann entdeckte sie den Apfel in meiner Hand und schnell als ich gucken konnte, stieß sie mit ihrem Kopf in meine Richtung und gegen meine Hand.
Hey, lachte ich leise. Nicht so schnell.
Sie steht auf Äpfel, hörte ich Scotts leise, amüsierte Stimme in meinem Rücken und augenblicklich begann mein Nacken zu prickeln. War er mir wirklich so nahe, wie es sich anhörte?
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, also tat ich so, als hätte ich ihn nicht gehört und streckte vorsichtig die Hand nach Naomi aus. Langsam und zärtlich streichelten meine Finger über die weiße Blesse zwischen ihren Augen, strichen ihr die Mähne aus den Augen und fuhren dann die kraftvolle Linie ihres Halses entlang. Vielleicht hatte sie die Aussicht auf den Apfel sanfter werden lassen, oder sie erinnerte sich inzwischen daran, dass ich sie in der Vergangenheit jeden Tag besucht hatte, ihr aber auf Anweisung meines Vaters hin nie wirklich nahe gekommen war, jedenfalls schnaubte sie erneut, ließ sich aber anstandslos von mir streicheln.
Na siehst du, murmelte ich. Ich will dir doch gar nichts Böses.
Sie ist ein Dickkopf, hörte ich Scott erneut hinter mir. So einfach lässt sie niemanden an sich heran.
Das kriegen wir schon hin, gab ich zurück, ohne ihn dabei anzusehen.
Davon bin ich überzeugt, entgegnete er und ich fragte mich vergeblich, ob da eine Spur von Spott in seiner Stimme zu hören gewesen war.
Schließlich streckte ich Naomi den Apfel auf meiner ausgestreckten Hand entgegen. Ruckartig senkte sie den Kopf, ihr Maul strich für einen Moment samtweich über meine Handfläche und unter großem Getöse begann sie gleich darauf den Apfel mit ihren Kiefern zu zermalen.
Braves Mädchen, flüsterte ich, während ich zwei weitere, vorsichtig Schritte in die Box hinein machte und meine Hand über ihre Schultern und den Rücken wandern ließ.
Aus den Augenwinkeln schielte ich zurück zur geöffneten Boxentür. Scott lehnte wie selbstverständlich im Türrahmen, hatte die Hände in seinen ausgewaschene, fleckigen Jeans vergraben und musterte gedankenverloren mein Stute, während sie an den letzten Resten des Apfels kaute.
Als seine hübschen Augen weiter wanderten und sich auf mein Gesicht legten, machte mein Herz einen erschrockenen Satz und meine Magenwände begannen wie verrückt zu kribbeln.
Warum bist du eigentlich hier? fragte ich ihn so beiläufig wir möglich. Solltest du nicht bei Mary in der Küche sitzen und dich von ihrem Schokoladenkuchen verwöhnen lassen?
Da ist mir zu viel Hektik, gestand er. Ich ziehe wohl die ruhige Atmosphäre des Stalls vor.
Hm, nickte ich, weil ich durchaus verstehen konnte, wie er sich fühlte.
Und Ihnen scheint es wohl ähnlich zu gehen, stellte er fest.
Hm, brummelte ich erneut unbestimmt und tat so, als interessiere mich auf der ganzen, weiten Welt nichts mehr als mein Pferd.
Naomi hatte inzwischen den kompletten Apfel herunter geschluckt und wandte sich nun interessiert mir zu. Ihre dunklen, riesigen Augen fixierten mich für einen Moment, dann stupste sie mich mit der Schnauze unsanft gegen die Schulter, so dass ich zwei Schritte zurück taumelte.
Heeee! beschwerte ich mich und hörte dabei ein unterdrücktes Schmunzeln von Scott hinter mir. Das ist NICHT witzig, fuhr ich ihn an.
Klar, gab er sofort zurück und hob entschuldigend die Hände.
Naomi war mir in der Zwischenzeit gefolgt und begann nun mit viel Hingabe mein Kleid, die Stiefel und schließlich mein Haar zu beschnuppern. Ich kicherte mit hochgezogenen Schultern. Naomi, das kitzelt.
Sie mag Sie, stellte Scott fest und aus seinem Mund klang dies wie ein Ritterschlag.
Natürlich, was hattest du denn gedacht? gab ich stirnrunzelnd zurück, freute mich innerlich aber wie eine Schneekönigin über seinen Kommentar.
In diesem Moment hörte ich, wie das Tor zu den Stallungen aufgeschoben wurde und gleich darauf eine Männerstimme, die ganz eindeutig und ohne Zweifel von meinem Vater stammte.
Mein Magen zog sich augenblicklich vor Schreck zusammen, ich machte zwei hektische Schritte rückwärts und stieß damit mit dem Rücken gegen die Boxenwand und höchstwahrscheinlich wurde ich blass wie ein Bettlaken.
Mein hektischer, angsterfüllter Blick raste zu Scott hinüber, der ebenfalls besorgt wirkte.
Ohne Umschweife stieß er sich vom Türrahmen ab und schloss gleich darauf die Boxentür. So leise wie möglich zog ich mich immer weiter in den hinteren Teil von Naomis Box zurück, während diese nervös zu tänzeln begann und ihre Ohren aufgeregt in alle Himmelsrichtungen zuckten.
Mister Cummings, hörte ich gleich darauf Scotts Stimme, während das Licht plötzlich zu tanzen begann und sich ganz langsam von Naomis Box entfernte. Scheinbar hatte er die Öllampe aufgenommen und ging meinem Vater entgegen.
Scott? So spät noch bei der Arbeit? hörte ich meinen Vater sagen, dann wandte er sich scheinbar an einen unserer Gäste. Siehst du Herold, gutes Personal ist eben unbezahlbar.
Ja, das sehe ich, gab er angesprochene Herold zurück.
Ich wollte meinem Freund nur schnell Naomi zeigen, hörte ich meinen Vater zu Scott sagen und meine Knie wurden weich und mein Magen verknotete sich ängstlich.
Oh ... , entgegnete Scott, während das Licht der Lampe mittlerweile kaum noch bis zu mir reichte. Natürlich können Sie sich gerne ansehen, aber ich würde im Moment davon abraten. Sie ist ein bisschen unruhig heute Abend und ich habe sie gerade erst einigermaßen ruhig bekommen.
Hm ... , machte mein Vater und ich hielt automatisch die Luft an.
Ich finde sowieso, dass Blackmoore viel interessanter ist, hörte ich Scott erneut und sah dabei sein breites, offenes Lächeln vor mir.
Ist das der neue Hegst? fragte Herold, was mein Vater bestätigte.
Gleich darauf hörte ich zu meiner grenzenlosen Erleichterung, wie sich die Schritte der Männer entfernten und sich dem hinteren Teil des Stalls zuwandten.
Naomi kam langsam zu mir geschlichen und begann leise schnaubend an einem Zipfel meines Kleides zu kauen.
Nicht Naomi, flüsterte ich und versuchte mit der einen Hand den teueren Stoff so gut es ging außerhalb ihrer Reichweite zu bringen, während meine andere Hand ihren Kopf in die entgegengesetzte Richtung drückte. Wir fochten einen stummen Kampf aus, der Naomi augenscheinlich mehr Freude bereitete als mir und dabei lauschte ich die ganze Zeit mit klopfendem Herzen auf die drei Männer, die sich gerade über die Neuanschaffung des Gestüts unterhielten.
Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis sich mein Vater mit seinem Gast zum Gehen wandte. Auch Scott folgte ihnen. Wahrscheinlich hätte es seltsam ausgesehen, wenn er sich der eindeutigen Aufforderung meines Vaters, jetzt endlich die Arbeit ruhen zu lassen und sich zu Mary in die Küche zu begeben, widersetzt hätte.
Erst als ich hörte, wie das große Tor des Stalls ins Schloss fiel, atmete ich erleichtert auf. Der Stall lag nun in vollkommener Dunkelheit, was die Geräusche um mich herum noch um ein Vielfaches zu verstärken schien.
So leise wie möglich schob ich mich schließlich aus Naomis Box, tastete mich im Dunkeln den lagen Gang hinunter und stand gleich darauf wieder in der warmen, würzigen Nachtluft.
Das war gerade noch mal gut gegangen und Scott hatte nun eindeutig was gut bei mir. Ich wusste nicht warum, aber irgendwie machte mich dieser Gedanke nervös. Das aufgeregte Magenkribbeln stellte sich wieder ein und meine Handflächen wurden feucht, während ich daran dachte, dass Scott mich ohne zu Zögern vor einer Entdeckung durch meinen Vater beschützt hatte.
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