Die Show 1

„Wir sind auf Sendung in eins, zwei, drei ...“
Nervös drückte Alice die Hand ihres Freundes etwas fester, der im Gegensatz zu ihr ruhig wie ein Fels in der Brandung neben ihr hinter den Kulissen der Oprah Winfrey Show stand. Gleich würde es losgehen. Ihr erster Auftritt im Fernsehen, das erste Mal, dass sie in der Öffentlichkeit über all das sprach was in den letzten Monaten geschehen war, das erste Mal, dass sie sich vor all den neugierigen Augen dieses Landes ihrem Schmerz stellen musste und das erste Mal, dass sie ihre Geschichte komplett und an einem Stück erzählen würde.
Plötzlich wusste sie nicht mehr, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, diesem Auftritt zuzustimmen. Als die Anfrage vor nicht einmal drei Wochen ins Haus flatterte, hatte sie erst ein kategorisches „nie im Leben“ von sich gegeben und nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen und sich Alex’ Argumente angehört hatte, hatte sie schließlich mit einem „in Ordnung, lass es uns tun“ zugestimmt.
Doch als jetzt der ohrenbetäubende Applaus im Studio aufbrauste, schien er sie mit Haut und Haaren zu verschlingen. Ihr Herz klopfte wie wahnsinnig in ihrer Brust, ihre Hände wurden feucht und ihre Knie weich.
„Hey keine Panik,“ hörte sie Alex’ leise, liebevolle Stimme nahe an ihrem Ohr, während sich seine Hände um ihre Taille legten und sie ganz dicht zu sich heran zog. „Wir schaffen das. Denk daran, warum wir das hier tun.“
„Ich weiß, ich weiß,“ wehrte sie ab und lehnte ihre Stirn an seine. „Ich ... mir wird nur gerade Angst und Bange.“
„Ich bin die ganze Zeit bei dir,“ hörte sie ihn leise sagen, während der Applaus langsam abebbte und sich die durchdringende Stimme von Oprah Winfrey zu Wort meldete.
„Hallo meine Freunde. Ich freue mich, wieder einmal einen Abend mit euch verbringen zu können.“
„Glaubst du immer noch, es ist richtig, was wir hier tun?“ flüsterte Alice leise und sah in seine tiefen, braunen Augen auf, die von unendlich langen Wimpern umrahmt wurden und um die sich jetzt kleine Fältchen bildeten, als er ihr ein sanftes Lächeln schenkte.
„Ich bin fest davon überzeugt.“
„Gut.“
„Wir haben heute nur ein einziges Thema und lediglich zwei Studiogäste,“ fuhr Oprah gerade fort, was ein bedauerndes Raunen durch den Raum schickte. „Aber,“ fügte sie sofort hinzu „ dafür haben die beiden eine beinahe unglaubliche Geschichte zu erzählen. Und um es jetzt nicht noch spannender zu machen, möchte ich meine Gäste ganz schnell zu mir ins Studio bitten.
Bitte begrüßt mit mir und mit einem herzlichen Applaus AJ McLean von den Backstreet Boys und seine Freundin Alice Miller.“
Gemeinsam mit dem lauten Applaus erhob sich lautes Mädchengekreische und Alice’ Magen drehte sich einmal um seine eigene Achse.
„Wir schaffen das,“ bekräftigte Alex noch einmal, drückte unendlich zärtlich seine Lippen auf ihre und setzte sich dann ohne weitere Verzögerung in Bewegung.
Immer noch hielt Alice seine Hand fest umklammert und wurde somit unaufhaltsam von dem beruhigenden Schutz der Studiokulissen in das gleißende Licht der Scheinwerfer gezogen.
Die Geräusche um sie herum waren hier noch einmal um einiges lauter, sie konnte im ersten Moment kaum etwas erkennen, weil die hellen Scheinwerfer sie blendeten und einen Herzschlag lang verspürte sie den überwältigenden Drang sich einfach herum zu drehen und so schnell sie ihre Beine tragen konnten davon zu rennen.
Doch in diesem Moment hatte sie die Moderatorin erreicht. Ihre Zähne blitzen weiß in ihrem schwarzen Gesicht auf, als sie mit einem breiten, herzlichen Lächeln auf sie zutrat. Gleich darauf versank Alice in ihrer festen Umarmung und als sie wieder daraus auftauchte, fühlte sie sich immerhin ein winziges Stückchen besser.
Auch Alex wurde umarmt, dann bedeutete Oprah ihnen, sich auf die helle Ledercouch zu setzen und dankbar ließ Alice sich in die weichen Polster sinken. Wahrscheinlich hätten sie ihre Pudding-Beine auch keine Sekunde länger getragen. Alex setzte sich ganz dicht neben sie, ein Arm ruhte hinter ihr auf der Lehne, während sich seine andere Hand um ihre eiskalten Finger in ihrem Schoß schloss.
Die Jubelrufe, das laute Klatschen und das anhaltenden Kreischen wollte gar nicht mehr aufhören und eine ganze Weile konnte Alice gar nichts anderes tun als stumm auf der Couch zu sitzen und das Publikum anzustarren, das vollkommen aus dem Häuschen zu sein schien und hinter den vielen Kameras, gleißenden Scheinwerfern und Unmengen von Mitarbeitern des Senders wie eine einzige, wogende Masse wirkte.
„Ja, ja, ja,“ versuchte Oprah die Menge grinsend zu beschwichtigen. „Das ist tatsächlich AJ und ja, er sieht mal wieder umwerfend gut aus.“
Das Gekreische steigerte sich noch um einige Phon und Alice konnte sich ein belustigtes Schnauben nicht verkneifen, als sie ihren Blick zu Alex hinüber wandern ließ, der grinsend ins Publikum winkte und dabei aussah, als erlebe er diese Welle der Zuneigung und Hysterie jeden Tag.
Alice’ Herz zog sich beinahe schmerzhaft vor grenzenloser Liebe zusammen, während sie sein hübsches Gesicht betrachtete, das ihr von Anfang an den Atem geraubt hatte, und sie sich dabei seiner Näher überdeutlich bewusst wurde, die ihr in den vielen, schweren Stunden einen Halt gegeben hatte.
Ganz langsam beruhigte sich der Aufruhr im Studio, auch Oprah ließ sich nun neben ihnen in einem breiten, ebenfalls cremefarbenen Sessel nieder und zückte ihre Gesprächskarten.
„AJ, Alice, wie geht es euch?“ war die erste Frage, die die Moderatorin auf sie abschoss.
„Hervorragend,“ nickte Alex lächelnd.
„Nervös,“ fügte Alice hinzu und erntete dafür ein aufmunterndes „Ohhhh“ vom Publikum.
„Das ist ihre erste Fernsehshow Alice, richtig?“ fragte Oprah lächelnd nach.
„Ja, das stimmt,“ nickte Alice und fühlte, wie Alex ihre Hand aufmunternd drückte.
„Was hat sie denn dazu bewogen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen? Wenn ich richtig informiert bin, haben sie diese bisher doch gescheut.“
„Das ist so nicht ganz richtig,“ korrigierte Alice vorsichtig. „Ich bin der Presse bisher nicht bewusst aus dem Weg gegangen. Das hat sich einfach so ergeben. Bisher gab es keinen konkreten Grund in einer Fernsehshow aufzutreten und, um ehrlich zu sein, gab es auch keine ernst zu nehmenden Anfragen. Wenn Alex und ich unterwegs sind und Fotografen auftauchen, sollen sie mich ablichten, das ist mir mittlerweile Gott sei Dank ziemlich egal, aber ... nun ja ... das hier ist schon noch etwas ganz anderes.“
„Das verstehe ich,“ nickte Oprah sofort. „Als sie das letzte Mal hier waren AJ, haben wir gemeinsam über ihre Alkohol- und Drogensucht gesprochen. Wie geht es ihnen heute?“
„Bestens. Wirklich. Ich habe meine Sucht im Griff, eine bezaubernde und vor allen Dingen gesunde Freundin ... ,“ sein liebevolles Lächeln streifte Alice’ Gesicht und sie fühlte, wie ihre Wangen vor Glückseligkeit unter der dicken Schicht Make-Up zu brennen begannen „ ... und das Leben liegt aufregend und verheißungsvoll vor uns.“
„Außerdem haben sie in den letzten Monaten so viele Tiefschläge gemeistert, wie ein normaler Mensch sonst in einem ganzen Leben,“ fügte Oprah hinzu.
„Das kann man wohl sagen,“ nickte Alex und sein Blick verdüsterte sich für einen winzigen Moment, was Alice nun ihrerseits dazu veranlasste, seine Hand aufmunternd zu drücken.
„Warum haben sie sich dazu entschieden, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?“ wandte Oprah sich wieder an Alice.
„Um ehrlich zu sein war ich am Anfang nicht wirklich davon begeistert,“ gab Alice zu. „Ich meine ... das Ganze war doch ziemlich schmerzhaft und traumatisch für uns beide, aber ... nun ja ... Alex meinte ... ,“ ihr Blick huschte zu ihm hinüber und fing damit sein leises Lächeln auf. „ ... er meinte, und da stimme ich ihm mittlerweile voll und ganz zu, dass es anderen Menschen helfen kann, die vielleicht in einer ähnlichen Krise stecken. Wenn wir auch nur einem von ihnen den Mut geben können nicht aufzugeben und weiter zu kämpfen, dann hatten diese vielen Schicksalsschläge wenigstens einen Sinn.“
„Bemerkenswert,“ nickte Oprah mit ernstem Gesichtsausdruck und forderte damit das Publikum scheinbar erneut zu anhaltendem Applaus auf.
„Es ist doch so,“ meldete sich Alex zu Wort, als es langsam wieder ruhiger im Studio wurde. „Heutzutage ist es wirklich nicht sehr einfach eine funktionierende Beziehung zu führen und da spreche ich leider aus eigener Erfahrung.“
Ein lang gezogenes „Ohhhh“ des Publikums begleitete seine Worte.
„Wir möchten mit unserer Geschichte den Menschen nicht nur zeigen, wie wichtig es ist in schweren Stunden zusammen zu stehen, sondern dass es so etwas wie die wahre Liebe tatsächlich noch gibt. Wir hätten das alles niemals geschafft und überwunden, wenn wir nicht so fest zusammen gehalten und an unsere Liebe geglaubt hätten.“
Erneut raste ein gedämpftes „awwww“ durch die Zuschauerränge und Alice senkte mit klopfendem Herzen den Blick. Immer noch war es für sie beinahe unbegreiflich, wie sich alles entwickelt hatte und wie viele Zufälle und Schicksalsschläge sie schlussendlich hier her geführt hatten.
„Viele Gerüchte und Spekulationen kursierten ja in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit. Wie viel davon, würden sie sagen, ist davon wahr?“
Alex und Alice wechselten einen kurzen, grinsenden Blick.
„Zwanzig Prozent?“ versuchte es Alice.
„Zehn,“ widersprach Alex.
„Was war das schlimmste oder unglaublichste Gerücht?“
„Oh je,“ seufzte Alice, die nur widerwillig versuchte, sich all die Horrormeldungen der letzten Zeit ins Gedächtnis zu rufen.
„Ich glaube, das mit der Leihmutter ist mein Favorit,“ nickte Alex.
„Ja,“ stimmte ihm Alice kopfschüttelnd zu „oder das mit deinem Rückfall, in den ich dich getrieben habe. Das war auch nicht schlecht.“
„Und nun sind sie heute hier, um einige dieser Gerüchte zu widerlegen und einige Dinge klar zu stellen?“
„Das eigentlich weniger,“ gab Alex stirnrunzelnd zurück. „Die Öffentlichkeit wird immer wieder diese halbgaren Sensationsmeldungen in die Welt setzen, das kenne ich ja nun schon mein ganzes Leben lang. Und ich habe außerdem einsehen müssen, dass es nichts bringt, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Die Medien schreiben was sie wollen. Wir sind heute hier, um anderen Menschen Mut zu machen. Das ist eigentlich schon alles.“
„Ich finde, das ist schon sehr viel,“ lächelte Oprah und wandte sich dann an das Publikum. „Meinen sie nicht auch?“
Erneut begannen die Anwesenden wie wild zu klatschen, zu pfeifen und zu rufen und Alice seufzte verhalten. Das konnte ja was werden. Es fiel ihr ja so schon schwer über das alles zu sprechen, aber unter den Augen dieses aufgekratzten Mobs würde es noch viel schwerer werden.
„Wir sehen uns gleich wieder, nach ein bisschen Werbung und dann werden wir mal beleuchten, wie ihre Beziehung eigentlich angefangen hat.“
Alex nickte zustimmend, so dass Oprah sich scheinbar veranlasst sah noch hinzu zu fügen „und auch das begann bereits mit einer Katastrophe.“
Diesmal war es an Alice zu nicken und ihr Herz begann bei der Erinnerung an damals augenblicklich höher zu schlagen.

Alex und Alice – „Oh mein Gott“

Für Alexander McLean war es ein Tag wieder jeder andere. Die Sommersonne brannte unnachgiebig auf Los Angeles hinunter, am Strand tummelten sich die üblichen Playboys und Standgirls, die Stadt wurde von Scharen von Touristen mit Fotoapparaten und schrecklichen, bunten Hemden überrannt und der Asphalt flimmerte unter der drückenden Hitze.
Als er den kleinen Coffeshop betrat wusste er noch nicht, dass sich sein Leben in Kürze unwiderruflich verändern würde, doch hätte er die Wahl gehabt, hätte er alles wieder genau so gemacht. Er stellte sich wie schon so oft an der langen Schlange vor der Verkaufstheke an, doch bevor sein Blick zu der langen Liste der Kaffeespezialitäten hinauf wandern konnte, blieb er wie gebannt an einem wohlgeformten Hinterteil hängen, das direkt vor ihm stand und zu einem schlanken Mädchen mit dunklem Pferdeschwanz, gestreiftem Top und einer roten Handtasche über der Schulter gehörte.
Mit einem breiten Grinsen verharrte er eine ganze Weile und sah dabei zu, wie sich dieser wohlgeformte Hintern in den engen Jeans von einer Seite auf die andere bewegte, während die Schlange nach und nach vorrückte. Ja, so sollte jeder Tag anfangen, befand er.
Mit dem nächsten Schritt trat er ein wenig zur Seite, so dass er das Gesicht der unbekannten Schönheit im Profil betrachten konnte. Eine klassische, gerade Nase saß über einem beeindruckenden Schmollmund, sanft geschwungene Augenbrauen wölbten sich über großen, strahlendblauen Augen und kleine Ohrstecker in Form von Totenköpfen steckten in den kleinen, samtigen Ohrläppchen. Ja, auch von vorne war sie ganz seine Kragenweite.
Er überlegte gerade, ob er sie ansprechen und sie in eines dieser nichts sagenden Warteschlangen-Gespräche verwickeln sollte, als plötzlich direkt neben ihm die Lautstärke eines Fernsehers aufgedreht wurde.
Erschrocken zuckte sie zusammen und ihr Blick streifte sein Gesicht, bevor sie sich der Mattscheibe zuwandte und für einen Moment mit gerunzelter Stirn darauf starrte. Auch er drehte sich nach der Stimme des Nachrichtensprechers um, während um ihn herum nach und nach die Gespräche und Geräusche verstummten.
Eine atemlose Stille legte sich über den, normaler Weise geschäftigen und immer lauten Laden und mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend lauschte Alex auf die Sondermeldung, die ein Mann in grauem Anzug, Stahlbrille und schütterem Haar gerade verlas.
„ ... auf den Campus der Technische Universität von Virginia eingedrungen. Mehrer Schüsse waren zu hören. Bisher ist noch nicht bekannt, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt. Die Polizei ist vor Ort und hat das gesamte Gelände weitläufig abgeriegelt. Für Channel Fox jetzt Henry Miller vor Ort.“
Das Bild wechselte und blendete zu einem Reporter über, dessen Frisur von einem heftigen Wind aufgebauscht wurde. Im Hintergrund konnte man das Gemäuer der Universität erkennen, vor dem gelbes Absperrband im Wind flatterte. Polizeifahrzeuge standen mit erloschenem Blaulicht quer auf der Straße und vereinzelt hasteten Passanten vorbei.
„Ich befinde mich hier auf dem Gelände der Technischen Universität von Virginia. Vor einer halben Stunde erreichte uns die Meldung, dass ein Amokschütze in das Gebäude eingedrungen ist und einen der Studentenschlafsäle gestürmt hat.“
Alex Aufmerksamkeit wurde von einem leisen „Oh mein Gott,“ in seinem Rücken abgelenkt und als er sich herum drehte, blickte er direkt in das entsetzte Gesicht seiner Traumfrau, das sämtliche Farbe verloren hatte. Ihre Atmung ging hektisch und abgehackt, während ihre großen Augen noch riesiger geworden waren und einen fiebrigen Glanz angenommen hatten. Wie erstarrt blickte sie zu dem Fernseher hinauf, während ihre Nasenflügel aufgeregt zu beben begannen.
Er wollte gerade etwas sagen, irgendein Wort des Trostes oder eine dieser hohlen Phrasen, die man immer bei solchen Vorfällen anwandte, weil einem nichts besseres einfiel, doch da senkte sie bereits den Blick und begann hektisch in ihrer Handtasche zu wühlen. Gleich darauf zog sie ein Handy hervor, klappte es auf und suchte einen Moment nach der richtigen Nummer im Speicher, bevor sie sich das Telefon mit unübersehbar zitternden Händen ans Ohr drückte.
Sie wartete sichtbar ungeduldig, während ihr Blick wieder hinauf zum Fernseher hetzte. Sie schien alles andere um sich herum komplett ausgeblendet zu haben, denn die Schlange vor ihr hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt und andere Kunden hatten die Lücke, die sie hinterließ aufgefüllt. In Zeiten von Terrorismus und Krieg schienen selbst Nachrichten über einen Amokschützen an einer Universität nicht länger als zwei Minuten zu fesseln.
„Jetzt geh schon ran,“ murmelte sie, während ihr Blick immer noch am Fernseher hing und Alex sich nicht von ihr lösen konnte. Warum wusste er selbst nicht so genau. „Komm schon Bobby,“ flüsterte sie beinahe beschwörend. „Nimm ab Himmel Herr Gott noch mal.“
Für den Bruchteil einer Sekunde flammte so etwas wie Erleichterung in ihrem Gesicht auf, doch diese erstarb sofort wieder, als sich am andern Ende der Leitung scheinbar nur die Mailbox meldete.
„Bobby hier ist Alice. Wenn du das hier abhörst ruf mich bitte sofort zurück. Ich sehe gerade die Uni im Fernsehen und ... und ... ich mache mir echt große Sorgen. Sie sagen ein Amokschütze wäre dort eingedrungen und hätte sich in einem der Schlafsäle verbarrikadiert. Also bitte! Ruf mich so schnell wie möglich an, ja? Ich liebe dich.“
Sie klappte das Handy zu und wirkte dabei weiß wie eine Wand. Ohne noch einen Blick nach rechts oder links zu verschwenden und ohne sich einen Kaffee zu holen, verließ sie den Laden. Alex beobachtete sie durch die große Fensterfront des Cafes und sah, wie sie sich auf eine der nahe gelegenen Bänke nieder ließ.
Er wusste nicht warum, aber irgendetwas in ihm drängte ihn dazu, zu ihr hinüber zu gehen und nachzusehen, was mit ihr los war und ob er ihr vielleicht helfen konnte. Er wandte sich wieder der Warteschlange zu und stellte erfreut fest, dass diese auf zwei Kunden geschrumpft war. Gleich darauf bestellte er zwei Latte Macchiato, bezahlte und verließ mit den beiden heißen Styroporbechern in den Händen das Geschäft.
Es waren nur wenige Schritte bis zu der Bank auf der sie saß und sich bereits wieder das Handy ans Ohr drückte. Als er sich neben ihr nieder ließ, blickte sie nicht auf, wahrscheinlich bemerkte sie ihn noch nicht einmal.
„Nein Mom, ich habe auch noch nichts von ihm gehört,“ sagte sie gerade, zog die Knie an und stützte ihre Stirn in die Hand. „Ich habe ihm bereits auf die Mailbox gesprochen. Er wird sich bestimmt bald melden. Du weißt doch, er ist eher der Langschläfer.“
Sie schwieg eine Weile, während sie scheinbar auf die Stimme ihrer Mutter lauschte, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein Mom, das glaube ich nicht. Er hat doch sein Zimmer in der Stadt. Ihm ist sicherlich nichts passiert ... hm ... ja ... ja genau. Hör zu, ich muß die Leitung frei machen, damit er mich anrufen kann, ja? ... Klar ... ja klar, wenn er sich bei mir meldet sage ich dir gleich bescheid ... hm ... ja, mach’s gut ... ich dich auch.“
Sie klappte das Handy wieder zu und verstaute es in ihrem Schoß. Ihr Blick war irgendwo in die Ferne gerichtet und Alex tat sie in diesem Moment unendlich leid.
„Kaffee?“ fragte er also und hielt ihr den Becher entgegen.
Für einen Moment war er sich nicht ganz sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte, doch mit einem kurzen Blinzeln tauchte sie schließlich aus ihrer dunklen Gedankenwelt auf und heftete ihren Blick fragend auf ihn.
„Ich dachte, du könntest vielleicht etwas Warmes gebrauchen,“ sagte er lächelnd. „Auch wenn es heute vierzig Grad im Schatten hat.“
„Ich weiß nicht, ob mir Kaffee in meinem derzeitigen, aufgewühlten Zustand so gut tut,“ gab sie zu bedenken, griff aber ohne zu zögern nach dem Becher und legte beide Hände darum, so als hätten sie Winter und sie bräuchte etwas, das ihre kalten Finger wärmte. „Danke,“ fügte sie noch hinzu, ohne ihn dabei anzusehen.
„Gern geschehen,“ entgegnete er und wusste dann nicht mehr, was er sagen sollte.
Ihr Körper beugte sich tief über ihre angezogenen Knie, während sie vorsichtig den Deckel von dem Becher nahm und lange in die dampfende Flüssigkeit blies.
„Uhm ... ist dein Freund ... in ... Virginia?“ fragte Alex zögernd und war sich nicht sicher, ob er sich nicht gerade viel zu weit in ihr Privatleben vorwagte. Immerhin waren sie sich vollkommen fremd.
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf. „Mein Bruder. Bobby. Er studiert seit vier Semestern dort und ... Gott, ist das nicht furchtbar?“ stieß sie hervor und blickte wieder zu ihm hinüber.
„Ja, das ist es,“ nickte er, lehnte sich nach vorne und stützte seine Ellenbogen auf die Knie. Somit war er mit ihrem Gesicht auf gleicher Höhe, auch wenn er sie viel lieber in den Arm genommen hätte.
„Welches kranke Hirn macht so etwas? Mit einem Gewehr in eine Uni rennen. Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Soll er sich doch zu Hause eine Kugel durch den Kopf jagen, dann zieht er da wenigstens niemanden mit hinein.“
„Das sehe ich genau so,“ nickte Alex. „Ich war damals nach Columbine schon total entsetzt. Aber das waren ... irgendwie ... verwirrte Teenager. Die Vorstellung, dass ein erwachsener Mensch in eine Universität stürmt und wild drauf los ballert finde ich so ... ,“ er schüttelte den Kopf, weil ihm die Worte ausgegangen waren.
„Ja,“ nickte sie und über ihr Gesicht huschte ein kurzes Lächeln von Verständnis. „Hast du einen Namen?“ fragte sie unvermittelt.
„Oh ... ja, natürlich,“ nickte er etwas überrumpelt. „Alex,“ stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.
„Alice,“ nickte sie, während sie seine Finger mit festem Druck umschloss, sie kurz schüttelte und dann wieder los ließ. Sie hinterließ damit ein eigentümliches Prickeln auf seiner Haut und leicht verwirrt fragte er sich, was er hier eigentlich machte.
„Nun Alice,“ sprach er also schnell weiter. „Was machst du so, wenn du nicht gerade bei Starbucks Kaffee kaufst?
„Ich entwickle Videospiele,“ lächelte sie.
„Nicht wirklich,“ stieß er überrascht hervor.
„Doch,“ grinste sie, richtete sich auf und lehnte sich, augenscheinlich schon etwas entspannter, gegen die hölzerne Lehne der Bank.
„Ich dachte immer diese Computerfuzzies sind alle hässlich, blass und tragen eine Brille,“ gestand er, während er sich ebenfalls aufrichtete und sich am liebsten sofort für diese Aussage geohrfeigt hätte. Wie ein Kompliment klang das jedenfalls nicht.
Doch unerwarteter Weise lachte sie leise. „Ich schätze das trifft auf gerade mal fünf Prozent in unsere Branche zu,“ gestand sie.
„Na ja, wieder etwas dazu gelernt,“ lächelte er.
„Hm,“ nickte sie, immer noch lächelnd. „Eigentlich ist das ein ziemlich cooler und aufregender Job. Im Moment habe ich gerade kein akutes Projekt und von daher ein bisschen mehr Zeit, aber normaler Weise sind wir alle wie die Wilden am Programmieren.“
Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich plötzlich wieder und sie senkte den Blick hinunter in ihren Kaffeebecher. „Bobby will auch irgendwann in die Computerbranche einsteigen. Er hat den großen Traum bei Apple anzufangen und dort als Softwareentwickler jede Menge Geld zu verdienen.“
„Ihm ist bestimmt nichts passiert,“ beruhigte Alex sie mit sanfter Stimme.
„Und wenn doch?“ fragte sie und sah ihn mit ihren großen, blauen Augen verzweifelt an.
„Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, wohnt er gar nicht auf dem Campus, oder?“
Sie nickte langsam.
„Na siehst du. Wahrscheinlich wird er bereits fünf Straßen von der Uni entfernt von der Polizei angehalten und wieder nach Hause geschickt. Er wird seine Mailbox abhören und dich sofort anrufen und alles wird gut sein.“
Sie seufze abgrundtief und krampfe ihre Hände wieder fester um ihren Becher. „Ich hoffe, du hast Recht,“ murmelte sie leise.
„Ganz bestimmt habe ich Recht,“ bekräftigte Alex und legte ihr dann doch noch zögernd einen Arm um die Schulter.
Als sei es die normalste Sache von der Welt, dass sie neben einem völlig Fremden saß, der sie in den Arm nahm, lehnte sie sich gegen ihn und ließ ihren Kopf auf seine Schulter sinken.
So saßen sie eine gefühlte Ewigkeit nebeneinander, während Alex’ Herz hektisch in seiner Brust schlug und sich sein Mund vollkommen ausgetrocknet anfühlte.
Das Klingeln ihres Handys durchbrach ihre traute Zweisamkeit und sie ließ beinahe ihren Kaffeebecher fallen, während sie sich das Telefon hektisch ans Ohr drückte.
„Ja?“ meldete sie sich aufgeregt. „Nein Mom,“ seufzte sie gleich darauf enttäuscht. „Er hat sich noch nicht gemeldet. Hast du etwas gehört?“
Sie schwieg eine Weile, während er vorsichtig seinen Arm zurück zog und die Hände im Schoß faltete. Inzwischen hoffte er ebenso inbrünstig wie Alice, dass mit ihrem Bruder alles in Ordnung war.
„In Ordnung Mom. Ich muss Schluß machen. Nicht dass er gerade anruft und mich nicht erreichen kann ... hm ... ja, bis dann.“ Sie legte auf und schüttelte den Kopf. „Immer noch nichts.“
„Weißt du, wann er seine erste Vorlesung hat? Vielleicht gibt es auch so etwas wie eine Hotline, bei der du mal anrufen könntest.“
„Das hat meine Mom schon versucht. Sie sagt, es wäre immer besetzt. Wahrscheinlich versucht gerade Gott und die Welt da durch zu kommen.“
Er nickte und seufzte dann frustriert. „Diese Warterei macht einen ganz irre.“
Ihr belustigtes Schnauben ließ ihn aufblicken.
„Was?“ fragte er also.
„Na, du kennst weder Bobby noch mich. Es wundert mich nur etwas, dass du dich so in die Sache reinhängst.“
„Glaub mir, ich wundere mich darüber genau so sehr wie du, aber eben stand ich noch in dem Cafe und habe deinen wundervollen Knackpo begutachtet und im nächsten Moment sitzt du am Boden zerstört auf dieser Bank. Ich glaube, gedanklich hänge ich immer noch an deinem Hintern fest.“
Ihr glockenhelles Lachen war wie Balsam für seine unsicheren, nervösen Nervenbahnen und er brachte ein breites Grinsen zustande.
„Machst du das öfter?“ fragte sie nach.
„Was? Gedanklich an Hintern hängen bleiben?“
„Das und hinterher den Seelentröster spielen, wo du mich doch gar nicht kennst.“
„Nein, eigentlich nicht,“ gab er zu.
„Warum dann bei mir?“
„Weil dein Hintern eine ganz besondere Ausnahme ist,“ gestand er lächelnd.
„Hm ... das klingt einleuchtend.“
„Nicht wahr?“
„Alex?“
„Hm?“
„Warum ruft er nicht endlich an?“
„Weil er bestimmt noch schläft und keine Ahnung hat, dass du dir Sorgen machst.“
„Hm,“ nickte sie und starrte auf ihr Telefon hinunter, als könne sie es durch pure Willenskraft zum Klingen bringen.
Doch stattdessen meldete sich sein eigener Apparat und mit einem entschuldigenden Lächeln in ihre Richtung nahm er gleich darauf ab.
„Ja?“
„AJ? Wo steckst du? Wir warten hier schon eine halbe Stunde auf dich.“
„Oh Fuck Tommy. Dich hab ich total vergessen,“ stieß er hervor und rieb sich verlegen über die Stirn.
„Wo bist du Mann?“
„Bei Starbucks. Ich ... komm’ gleich, ja?“
„Aber beeil dich. Wir haben Hunger!“
„Bin schon unterwegs.“
Leicht verlegen beendete er das Gespräch und sah dann zu Alice hinüber. „Es tut mir leid, aber ich muss gehen. Ich war eigentlich zum Frühstück verabredet. Also ... geschäftlich ... irgendwie ... und ... ,“
„Ist schon in Ordnung,“ unterbrach sie ihn mit einem sanften Lächeln.
„Ich weiß nicht. Irgendwie möchte ich dich jetzt ungern alleine lassen.“
„Ich bin ein großes Mädchen.“
„Na, ich weiß nicht,“ gab er mit einem Grinsen zurück.
„Vertrau mir, ich komm’ schon klar.“
„Uhm ... gut. Oder nicht gut, wie auch immer. Würdest ... du ... mich anrufen, wenn du weißt, was mit deinem Bruder los ist?“
Er hielt den Atem an. Zum einen, weil er selbst über seinen Vorschlag überrascht war und zum anderen, weil er eine wildfremde Frau darum bat ihn nicht etwa wegen eines Dates anzurufen, sondern ihm Informationen über ihren Bruder zu geben, den er noch weniger kannte als dieses hübsche Wesen neben ihm, das jetzt lächelnd nickte.
In kürzester Zeit hatten sie ihre Telefonnummern ausgetauscht und bevor er sich dann endgültig erhob, schüttelte er noch einmal schmunzelnd den Kopf.
„Ich glaube, auf diese abgefahrene Art und Weise habe ich auch noch nie ein Mädchen kennen gelernt,“ gestand er.
„Geht mir genau so,“ entgegnete sie.
„Du meinst, du lernst ab und zu Mädchen kennen?“ fragte er grinsend.
„Du würdest dich wundern,“ kicherte sie.
„Also gut Alice. Dann drücke ich dir mal die Daumen, dass Bobby sich bald meldet. Ruf mich an, ja?“
„Mach ich,“ versprach sie noch einmal, dann erhob er sich und streckte ihr die Hand entgegen.
„Bis dann.“
„Ja, bis dann,“ nickte sie.
Es kostete ihn einige Überwindung sich einfach herum zu drehen und die Bank mit Alice hinter sich zu lassen, doch schlussendlich hatte er keine andere Wahl. Sein Termin war leider wichtig. Und immerhin hatte sie versprochen ihn anzurufen. Das war doch schon mal mehr, als er beim ersten Blick auf ihr wohlgeformtes Hinterteil zu hoffen gewagt hatte.
Kurz bevor er um die nächste Ecke bog, drehte er sich noch einmal zu ihr herum. Sie winkte und sah dabei so klein und verloren aus, dass er heftig schlucken musste.
„Das wird schon,“ versuchte er sich selbst gut zuzureden. „Mit Bobby ist bestimmt alles in Ordnung und dann sieht meine Welt mit Alice schon ganz anders aus.“

Die Show –2-

„Willkommen zurück bei der Oprah Winfrey Show. Meine Gäste sind heute AJ McLean von den Backstreet Boys und seine Freundin Alice Miller. Wir unterhalten uns über ihre Beziehung und die großen und kleinen Katastrophen, die sie bis heute gemeistert haben.“
Lauter Applaus begleitete Oprahs Worte und Alice schlug angespannt die Beine übereinander. Jetzt ging es dann wohl wirklich los.
„Alice,“ wandte sich Oprah auch gleich an sie. „AJ hat sie in einem Coffeshop angesprochen, stimmt das?“
„Ja, das ist richtig,“ nickte sie mit einem Lächeln.
„Genau genommen davor,“ korrigierte Alex grinsend.
„Und das ausgerechnet an dem Tag, als die Tragödie von Virginia über uns hereinbrach,“ fügte Oprah hinzu.
Alice nickte mit einem flauen Gefühl in der Magengegend.
„Wir haben dazu mal einen kleinen Trailer zusammengestellt. Ich nehme an, dass jedem von uns dieser Tag noch sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, doch in AJs und Alice’ Fall hat er zumindest etwas Gutes bewirkt.“
Das Licht im Studio wurde gedimmt und auf einer riesigen Leinwand in ihrem Rücken begann ein Film zu laufen. Alice drehte sich auf ihrem Platz herum, um besser sehen zu können und spürte gleichzeitig, wie Alex eine warme Hand auf ihr Knie legte.
„Ein Amokschütze ist in das Gebäude der Virginia Universität eingedrungen und hat sich dort in einem Schlafsaal verbarrikadiert. Es sind Schüsse gefallen, doch wir wissen leider noch nicht, ob es Verletzte oder gar Tote gegeben hat.“ Der Nachrichtensprecher verschwand und wurde von Bildern dieses grauenhaften Tages abgelöst. In schneller Folge flimmerten sie über den Bildschirm, zeigten das Universitätsgebäude, Polizisten die hektisch zu ihren Wagen liefen, Krankenwagen, die mit rotierendem Blaulicht angefahren kamen und Angehörige des Militärs, die mit gezückten Maschinengewehren patrollierten.
Dann füllte plötzlich Alice’ hübsches Gesicht den Bildschirm.
„Ich wollte es erst nicht glauben. Ich stand da bei Starbucks und starrte zum Fernseher hoch und dachte nur immer wieder an Bobby und wo er wohl im Moment ist.“
Ein schneller Schnitt blendete zu AJ über, der in einem Caffe in einem schwarzen Ledersessel saß und eine Zigarette rauchte.
„Ich kannte Alice ja noch gar nicht, aber wie sie da so stand, plötzlich total blass wurde und versucht hat ihren Bruder anzurufen ... Mann, da konnte ich gar nicht anders.“
„Er hat gesagt, er hätte auf meinen Hintern geguckt,“ grinste Alice nach einem weiteren Schnitt.
„Ja, ich hab auf ihren Hintern geguckt,“ nickte Alex im nächsten Moment grinsend. „Und ich denke, dass kann jeder Mann in Amerika verstehen.“
Das Licht im Studio ging wieder an und das aufbrandende Lachen wurde erneut von Applaus begleitet.
Alice und Alex drehten sich wieder nach vorne und rutschten erneut enger zusammen, während Oprah darauf wartete, dass der Lärmpegel abnahm und sie sich wieder zu Wort melden konnte.
„Also könnte man sagen AJ, dass Alice’ Popo sie zusammen gebracht hat?“ grinste sie, was Alex zum Schmunzeln brachte.
„So ähnlich. Es war einfach ... ich weiß nicht ... dieser Tag hatte sich auf so tragische Weise entwickelt und es ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn man sozusagen hautnah miterlebt, was solch eine Tragödie bewirkt, anstatt sie nur als Außenstehender an einem Bildschirm zu verfolgen.“
„Ich war auf jeden Fall sehr dankbar, dass er da war,“ lächelte Alice versonnen. „Ich war so durcheinander und hatte Angst um Bobby, meine Mom und ich haben ständig telefoniert und uns versucht Mut zu machen und wir hatten ewig lang überhaupt keine Ahnung, was mit ihm los war.“
„Zumal Bobby in dem Vorlesungssaal saß, in den der Amokschütze zwei Stunden später eindrang,“ nickte Oprah mit ernstem Gesicht.
„Ja,“ bestätigte Alice leise. Sie spürte, wie Alex’ Hand sich in ihren Nacken verirrte und mit seinem Daumen sanft über die weiche Haut streichelte.
„Es war ein Albtraum,“ nickte Alex und Alice war froh, dass sie im Moment nicht sprechen musste. „Den ganzen Tag hat man an jeder Ecke die neusten Neuigkeiten zu hören bekommen. Ob nun im Radio oder im Fernsehen oder einfach nur, weil sich eine Gruppe von Leuten unterhalten hat. Und die ganze Zeit wartete ich eigentlich nur darauf, dass mein Telefon klingelt und sie mir sagt, dass mit ihrem Bruder alles in Ordnung ist.“
„Wann kam dann schließlich der Anruf?“ fragte Oprah weiter.
„Irgendwann am Abend,“ antwortete Alex und Alice hörte ganz deutlich die Anspannung in seiner Stimme.

Alex und Alice – „Hübsch“

Nervös tigerte Alex jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit durch sein Haus. Das Handy steckte griffbereit in seiner Hosentasche und obwohl er den Lautstärkepegel seines Klingeltons inzwischen voll aufgedreht hatte, zog er das Telefon alle fünf Minuten hervor um nachzusehen, ob er nicht doch aus irgendeinem nicht nachzuvollziehenden Grund Alice’ Anruf verpasst hatte.
Es war bereits nach sechs und immer noch hatte er von ihr nichts gehört. Die Meldungen, die immer wieder über den Nachrichtenbildschirm flimmerten, verkündeten inzwischen eine unglaubliche Anzahl von 33 Toten und man vermutete, dass das noch nicht die endgültige Zahl war. War Bobby vielleicht dabei? Meldete sich Alice deshalb nicht?
Ein paar Mal war er versucht, sie von sich aus anzurufen, doch jedes Mal hielt er sich zurück. Sie war am Zug. Entweder wollte sie ihn an ihrem Leben teilhaben lassen, oder sie hatte ihn schon längst vergessen, was leider eine durchaus realistische Möglichkeit war.
Er erlitt vor Schreck beinahe einen Herzinfarkt, als das Telefon schließlich in einer unglaublichen Lautstärke in seiner Hosentasche zu klingeln begann. Schnell nahm er das Gespräch an und drückte sich den kleinen Hörer ans Ohr.
„McLean, Hallo?“
„Hey Alex. Hier ist Alice.“
„Gott sei Dank,“ seufzte er. „Ich bin schon ganz krank vor Sorge. Wie geht es Bobby?“
„Uhm ... es ... geht so.“
„Ist er verletzt?“ fragte Alex entsetzt und ließ sich mit weichen Knien auf einen der Küchenstühle sinken.
„Nein, nicht direkt. Er ... er war ... in dem Vorlesungssaal mit diesem ... Typen. Er musste mit ansehen ... ,“ sie verstummte und er hörte ihr hektisches Atmen direkt in seinem Ohr.
„Das klingt nicht gut,“ flüsterte er.
„Nein. Ich ... ,“ sie stockte erneut und er hätte alles darum gegeben, wenn er sie jetzt hätte in den Arm nehmen können.
„Soll ich vorbei kommen?“ hörte er sich sagen und schloss gequält die Augen. Das letzte was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Fremder, mit dem sie sich auseinander setzten musste.
„Das würdest du wirklich tun?“ fragte sie überrascht.
„Ich bin sozusagen schon aus der Tür,“ gestand er.
„Hm ... ich bin aber ganz sicher keine besonders gute Gesprächspartnerin heute,“ gestand sie.
„Das macht mir nichts aus.“
„Uhm ... es wäre schon schön ... ,“ setzte sie unsicher an.
„Gib mir deine Adresse und ich komme so schnell ich kann.“
Sie zögerte noch weitere drei Sekunden, dann ratterte sie ihre Adresse so schnell herunter, dass er sie kaum mitkam und Alice sie, nachdem er sich Papier und Stift besorgt hatte, noch einmal wiederholen musste.
„Wie lange wirst du brauchen?“ fragte sie vorsichtig.
„Hm ... eine halbe Stunde?“
„Gut, das reicht um hier noch ein bisschen aufzuräumen,“ schmunzelte sie.
„Du weißt doch, so bald dein Hinter in mein Blickfeld gelangt, sehe ich sowieso nichts anderes mehr,“ scherzte er, was sie kichern ließ.
„Also gut, dann ... uhm ... bis gleich?“
„Ja, bis gleich,“ lächelte er und legte auf.
Noch nie hatte er sich so schnell umgezogen, noch schnell etwas After Shave ins Gesicht gespritzt und war in sein Auto gesprungen. Er hatte eine ungefähre Ahnung, wo ihre Wohnung lag, trotzdem kurvte er beinahe eine viertel Stunde durch das Wohnviertel, bis er die angegebene Adresse fand.
Die Tür ins Treppenhaus ließ sich einfach aufdrücken und anhand der Briefkästen, die in einer langen Reihe an der Wand hingen, hatte er ihr Stockwerk schnell ausfindig gemacht. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend hastete er die Treppe hinauf und erreichte schließlich die weiße Wohnungstür mit der Bundglasscheibe in Augenhöhe.
Für einen Moment versuchte er, wieder zu Atem zu kommen, dann strich er noch einmal sein T-Shirt glatt und drückte dann mit leicht zitterndem Finger auf den Klingelknopf.
Nervös trippelte er von einem Bein aufs andere, während er darauf wartete, dass sie ihm endlich öffnete. Zu erst fiel ihr Schatten auf die bunten Scheiben, dann hörte er, wie sie einen Riegel zurück schob und die Sicherheitskette löste. Gleich darauf stand sie verlegen lächelnd vor ihm im Türrahmen.
Sie trug eine schwarze Jogginghose, die locker über ihre nackten Zehen fiel und ein rotes, eng anliegendes T-Shirt und sie wirkte beinahe noch schöner als heute Mittag im strahlenden Sonnenlicht.
„Hey,“ sagte sie leise und trat einen Schritt zurück. „Komm’ doch rein.“
„Hallo,“ nickte er, als er mit klopfendem Herzen an ihr vorbei in eine geräumige Wohnung trat.
Ein langer Flur führte zu seiner Rechten tiefer in die Wohnung hinein. Eine riesige, mosaikartige, bunte Scheibe bildete die Wand zum Wohnzimmer, die bis zur Mitte des Flurs reichte, dahinter gingen weitere Türen in weitere Räume ab.
„Das ist cool,“ sagte er mit einem Fingerzeig auf die bunte Glaswand.
„Ja, dachte ich auch als ich hier eingezogen bin,“ erklärte Alice lächelnd und betrat vor ihm das Wohnzimmer.
Ein ausladendes, rotes Sofa stand vor der Glasscheibe, davor befand sich ein niedriger, dunkler Tisch, um den einige bunte Sitzkissen auf dem Boden lagen. Ein deckenhohes Regal, das mit unglaublichen Mengen von CDs voll gestellt war, ragte neben einer umfangreichen Stereoanlage und einem Flachbildfernseher in die Höhe. Direkt daneben führte eine Sprossenschiebetür in eine Art Arbeitszimmer, in dem er einen riesigen Computermonitor ausmachen konnte. An der gegenüberliegenden Wand schließlich, bot ein weiteres Regal jeder Menge Bücher, Familienfotos und feinem Porzellangeschirr und Kristallgläsern Platz.
„Hübsch,“ kommentierte er, bevor er sich auf die Couch sinken ließ und dabei versuchte, seine Nervosität in den Griff zu bekommen.
„Danke,“ nickte sie. „Cola?“ fragte sie dann mit einem Wink auf ihr benutztes Glas hinunter.
„Gerne,“ nickte er.
Sie verschwand kurz und er nahm zum ersten Mal die leise Musik wahr, die aus zwei riesigen Lautsprecherboxen kam. Jazz? Auf jeden Fall sehr angenehm. In diesem Moment kam sie mit einem sauberen Glas in der Hand wieder zurück. Sie ließ sich vor dem Couchtisch auf dem Boden nieder, schenkte ihm ein, zog dann die Knie an und schlang ihre Arme darum.
Weil er nicht so genau wusste, was er sagen sollte, nippte er an seinem Glas um Zeit zu gewinnen, konnte sie dabei aber keine Sekunde aus den Augen lassen.
„Ist komisch oder?“ bemerkte sie schließlich.
„Ja, schon irgendwie,“ gestand er nickend.
„Hm ... es war nicht meine Idee,“ grinste sie.
„Ich weiß,“ schmunzelte er. „Wie fühlst du dich?“ fragte er dann und sah, wie sich ihr Gesicht verdunkelte.
„Es geht so. Das mit Bobby ... er ist total fertig. Der Typ hat scheinbar zwei seiner besten Freunde erschossen. Einfach so. Stell dir das mal vor! Ich kannte die beiden sogar. Zwar nur flüchtig, aber es waren nette Kerle. Ich finde das so ... ,“ sie schüttelte den Kopf und faltete sich noch etwas weiter zusammen. Als wolle sie dem Leben weniger Angriffsfläche bieten.
„Das ist wirklich furchtbar,“ pflichtete er ihr bei.
„Jeder ist vollkommen in Panik. Die ganze Zeit haben irgendwelche Freunde und Verwandte bei mir angerufen. Als wüsste ich mehr als sie! Es hat Ewigkeiten gedauert, bis sie Bobby an ein Telefon gelassen haben. Was ich schon ... also ... das müsste doch das erste sein, oder? Dass die Leute ihre Familien anrufen dürfen?“
„Wo ist er jetzt?“ fragte Alex weiter.
„Bei Freunden. Die Polizei hat ihn wohl den halben Tag über die Geschehnisse ausgequetscht und ihm dann die Karte von nem guten Psychologen in die Hand gedrückt.“
„Wird er hingehen?“
„Ich denke schon. Zumindest, wenn er auf mich und Mom hört. Im Moment ist er zwar ziemlich fertig, aber spielt immer noch den starken Mann. Wahrscheinlich wird ihm sowieso erst in den nächsten Tagen aufgehen, was da tatsächlich passiert ist.“
„Hm, schon möglich,“ nickte Alex. „Und du?“
„Ich? Was soll mit mir sein?“ fragte sie zurück und nippte an ihrem Glas.
„Wie kommst du mit dem allem klar?“
Sie zuckte mit den Schultern und senkte den Blick. „Ich komme schon zurecht. Ich bin einfach nur froh, dass ihm nichts passiert ist, auch wenn ich mich fast dafür schäme, denn immerhin hat es 30 andere junge Menschen und Familien getroffen.“
Er wusste nicht warum, aber irgendwie glaubte er ihr nicht so ganz. Doch hatte er ein Recht, sich noch tiefer in ihre Gedanken- und Gefühlswelt einzuklinken? Er wusste doch rein gar nichts über sie und sie noch weniger über ihn.
„Es ist seltsam,“ sagte sie leise. „Bisher hat mich noch niemand gefragt, wie es mir eigentlich geht. Ich meine ... ist ja verständlich, immerhin geht es hier in erster Linie um Bobby. Es ist nur ... ,“ sie verstummte und schüttelte den Kopf.
„Es hat nicht nur ihn betroffen,“ sagte Alex leise.
„Hm,“ nickte sie ohne ihn dabei anzusehen und rubbelte sich dann vorsichtig über die Oberarme.
„Siehst du. Deswegen frage ich dich jetzt,“ stellte er mit einem Lächeln fest.
„Ja, und dabei frage ich mich, ob es nicht traurig ist, dass das ein komplett Fremder tun muß und meine Familie und Freunde nicht so weit denken.“
„Ich befürchte, sie sind ebenfalls viel zu sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Ängste und Befürchtungen in den Griff zu bekommen,“ gab Alex zu bedenken.
„Gut möglich,“ nickte sie und seufzte dann abgrundtief. „Verrückt,“ hörte er sie dann murmeln. „Total verrückt.“
„Das kannst du laut sagen,“ bestätigte er.
Ihr Blick wanderte unsicher zu ihm hinüber und heftete sich unter ihren dunklen Ponyfransen hervor auf sein Gesicht. „Seltsamer Weise fühle ich mich mit dir aber ziemlich wohl.“
„Geht mir ähnlich. Wobei ich zugeben muß, dass ich ... nun ja ... schon etwas nervös bin.“
„Ehrlich? Merkt man dir gar nicht an,“ gestand sie grinsend.
„Jahrelange Übung,“ gab er lächelnd zurück.
„Hm ... würde ... also ... würde es dir was ausmachen, wenn ich mich zu dir setze?“ fragte sie dann plötzlich und sein Herz machte einen freudig erregten Satz in seiner Brust.
„Nein, ganz und gar nicht,“ beeilte er sich zu sagen.
Er beobachtet sie, wie sie sich langsam erhob und dann etwas zögerlich zu ihm herüber kam. Gleich darauf saß sie neben ihm, lediglich durch ein paar Zentimeter Luft von ihm getrennt.
Wie zwei Ölgötzen saßen sie nebeneinander, hatten die Hände im Schoß gefaltet und starrten vor sich hin.
„Gott, wie blöd,“ hörte er sie leise kichern.
„Ja, schon irgendwie,“ entgegnete er grinsend.
Sie seufzte, dann wandte sie sich ihm zu, zog die Beine unter ihren Körper, stützte ihren Ellenbogen auf die Lehne des Sofas und den Kopf in ihre Hand.
„Hier sind wir also,“ sagte sie. „Ich habe keine Ahnung, wer du bist oder was du hier machst und trotzdem finde ich es cool.“
„Habe ich eigentlich erwähnt, dass ich ein irrer Axtmörder bin?“ scherzte er, während er fühlte, wie er sich langsam zu entspannen begann.
„Nein! Erzähl mir mehr? Vielleicht könnte ich dir eine besonders günstige Kühltruhe für deine nächsten Opfer besorgen.“
„Kriegst du Provision?“
„Na Hallo. Nur mit meinen Computertippereien kann ich mich unmöglich über Wasser halten.“
Sie lachten beide, dann drehte sich Alex ebenfalls auf seinem Platz in ihre Richtung, legte ein Knie quer über das Sofa und sah ihr direkt in die Augen.
„Vielleicht war es Schicksal,“ gab er zu bedenken.
„Das wir uns getroffen haben?“
„Hm.“
„Ich glaube nicht an Schicksal.“
„Sondern?“
„Ich weiß nicht ... eigentlich glaube ich nur an das, was ich sehen kann.“
„Also scheidet Gott und der ganze andere, religiöse Mist auch aus,“ stellte er schmunzelnd fest.
„Ja, aber lass das nicht meine Mom hören. Sie würde ausflippen.“
„Ich werd’s mir merken.“
„Hm ...“
Sie begann nervös am Saum ihrer Hose zu nesteln und als er feststellte, dass nur noch wenige Zentimeter zwischen seinen und ihren Fingern lagen, verkrampfte sich sein Magen und sein Herzschlag begann zu rasen. Er könnte ja ... vielleicht ... aber das wäre eventuell noch zu früh ... und wenn ...
Plötzlich schoben sich ihre Hand über seine und wie von selbst verschränkten sich ihre Finger ineinander. Sie sah ihn nicht an, sondern hielt den Blick stur auf ihre Hände gerichtete, die nun begannen einen zärtlichen Tanz aufzuführen. Er fühlte die weiche Haut ihres Daumens in seiner Handfläche, seine Atmung beschleunigte sich und sein Herz hämmerte inzwischen unkontrolliert in seiner Brust.
„Machst du das eigentlich öfter?“ fragte sie unvermittelt und er bemerkte erleichtert, dass sie auch etwas atemlos klang.
„Was genau meinst du?“ gab er mit rauer Stimme zurück.
„Einfach wildfremde Frauen ansprechen, sie am selben Abend besuchen fahren und dann ... na ja ...,“ sie zuckte mit den Schultern und er fragte sich aufgeregt, was nach ihrem „und dann“ eigentlich noch hätte kommen sollen.
„Nein. Eher selten. Meistens ... hm ... lernt man sich irgendwo auf einer Party oder Veranstaltung kennen, man unterhält sich, geht ein paar Mal miteinander aus und landet erst dann gemeinsam auf der Couch.“
Ihr Lächeln wurde bei seinen Worten immer breiter und er konnte nicht anders, als es zu erwidern.
„Wirklich total verrückt,“ sagte sie erneut.
„Ja, aber nicht ... unangenehm,“ gestand er.
„Nein,“ stimmte sie ihm zu.
Sie hob nun endlich den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. Ihm wurde schwindlig und sein gesamter Körper stand augenblicklich in prickelnden Flammen. Langsam nahm er seine Hand von der Sofalehne. Mit einer zärtlichen Geste schob er ihr eine ihrer dunklen, langen Haarsträhnen hinter das Ohr, bevor er mit seinen Fingerspitzen ihre Wange liebkoste.
Sanft malte er die Linie ihrer Wangenknochen nach, dann schob sich sein Daumen über ihre vollen Lippen und streichelte diese zärtlich.
Sie neigte den Kopf, schmiegte ihn vertrauensvoll in seine Handfläche und schloss dabei die Augen.
Vorsichtig schob er sich noch ein Stückchen auf sie zu und schloss somit endgültig die Sicherheitslücke. Ihre feingliedrige Hand legte sich plötzlich unglaublich sanft in die Mitte seiner Brust und ein wenig unbehaglich dachte er, dass sie jetzt ganz genau mitbekam, wie hektisch sein Atem inzwischen ging.
Vorsichtig streichelte sie seine Brust, während sie ihre Wange in seiner Handfläche rieb.
„Glaubst du,“ sagte sie leise, immer noch mit geschlossenen Augen „dass das hier so eine Art Ausnahmesituation ist? Wie in diesen Filmen, in denen die Hauptpersonen entführt werden und dann eine heftige Romanze anfangen?“
„Ich weiß es nicht,“ gestand er. „Aber eine Ausnahmesituation ist das hier ganz sicher.“
Und das war zumindest in seinem Fall die volle Wahrheit. Er kannte sich aus mit Frauen und es hatte genug gegeben, die er kennen gelernt und auch noch am selben Abend flachgelegt hatte. Aber dabei war es lediglich um Sex gegangen. Das hier war allerdings ein ganz anderes Kaliber. Sein Herz schlug schon die ganze Zeit Purzelbäume, alles in ihm schrie danach, sie an sich zu drücken und sie zumindest die nächsten Stunden nicht mehr los zu lassen und er wollte sie auf jeden Fall immer und immer wieder sehen.
„Mir ist so was jedenfalls noch nie passiert,“ redete sie weiter, während sich ihre Hand seinem Gesicht näherte, federleicht über seinen Hals strich, was ihn angespannt schlucken ließ und dann gleich darauf über seine Wange strich.
„Keine Männer, die dir auf den ersten Blick den Atem geraubt haben?“ hakte er leise nach, während seine Hand von ihrer Wange über ihren schlanken Hals hinunter auf ihre Schulter wanderte.
„Doch schon,“ gestand sie. „Aber ... ,“ sie hielt inne und öffnete die Augen. Ihr Blick bohrte sich in seinen und nahm ihm damit für einen ewig scheinenden Moment die Luft zum Atmen. „Das hier ist anders ... oder?“ setzte sie beinahe schüchtern hinzu und er konnte nichts anderes tun als zu nicken.
Sie lächelte, was ihre feinen Gesichtszüge noch sanfter wirken ließ, dann beugte sie sich ein Stück in seine Richtung und wartete mit leicht geöffneten Lippen und geschlossenen Augen auf seinen Kuß.
Seine Mund nahm beinahe vorsichtig ihre Lippen in Besitz, trotzdem konnte er nicht verhindern, dass eine erregende Feuerwalze in seinem Inneren explodierte.
Sanft saugte er an ihren Lippen, seine Hand verschwand in ihrem Haar, während die andere den Druck ihrer Finger in seinem Schoß erwiderte und als er ihre Zunge fühlte, die heiß und aufreizend über seine Lippen strich und damit um Einlass bat, krabbelte ein sehnsüchtiges Seufzen aus den Tiefen seines Bauches in die Höhe. Das hier war auf jeden Fall der intensivste Kuß, den er in letzter Zeit erhalten hatte. So viel war sicher.

Die Show –3-

„Wie geht es Bobby denn heute?“ fragte Oprah gerade und Alice tauchte langsam aus ihren Erinnerungen wieder auf. Sie fühlte das Lächeln, das bei dem Gedanken an ihren ersten Kuß auf ihren Lippen erschienen war und versuchte es wieder zurück zu drängen. Der Gedanke an Bobby und was damals geschehen war, half ihr dabei.
„Es geht ihm heute Gott sei Dank gut,“ erklärte Alice. „Irgendwie haben wir es wohl gemeinsam geschafft, die schlimmen Ereignisse hinter uns zu lassen.“
„Hat er psychologische Hilfe in Anspruch genommen?“ fragte die Moderation sanft weiter und seltsamer Weise hatte Alice nicht das Gefühl, dass sie hier lediglich sensationsgierig begafft werden sollte, sondern dass die Frau da neben ihr sich wirklich für sie und ihre Geschichte interessierte.
„Nach längerem Hin und Her ist er zu einem Psychologen gegangen, ja,“ nickte Alice.
„Was haben sie damals empfunden als klar wurde, dass der Amokschütze ein psychisch gestörter Mensch gewesen ist? Dass er in der Pause von zwei Stunden zwischen den ersten Schüssen im Schlafssaal und denen im Vorlesungssaal ein Päckchen mit einer Videobotschaft zur Post gebracht hat?“
„Ich war entsetzt,“ gestand Alice. „Ich meine ... auf der einen Seite hat es mich irgendwie ... hm ... getröstet ist vielleicht zu viel gesagt, aber ... ich fand es beruhigend, dass es noch nicht so weit ist, dass geistig gesunde, erwachsene Menschen ihrem Liebeskummer mit einer Waffe versuchen Herr zu werden.“
„Ich denke,“ fügte Alex hinzu „dass es den Menschen wenigstens eine einigermaßen plausible Erklärung geliefert hat, auch wenn das den Schmerz nicht wirklich lindert. Aber es hilft dabei ... hm ... das alles besser fassen und verarbeiten zu können.“
„Eine gute Antwort,“ nickte Oprah bedächtig und mit ernstem Gesichtsausdruck.
„Ich gebe mein bestes,“ grinste Alex und nahm somit dem gesamten Raum etwas die Spannung unter der er zu stehen schien.
„Wie ging es denn dann zwischen ihnen beiden weiter?“ konzentrierte sich die Moderatorin wieder auf Alex und Alice.
Alice warf einen kurzen, lächelnden Blick zu Alex hinüber und überließ es damit ihm auf die Frage zu antworten.
„Wie ging es weiter?“ seufzte er mit einem kurzen Blick zur Decke, auch wenn sie sich sicher war, dass er nicht wirklich lange überlegen mußte. „Alice musste natürlich an diesem Wochenende erst einmal zu ihrer Familie fahren und ... ich meine ... ich weiß, wie seltsam sich das anhören muss, aber ich habe sie wie wahnsinnig vermisst. Und dabei handelte es sich hier nur um zwei Tage.“
„Moment, Moment,“ bremste Oprah und grinste dabei breit. „Sie wollen mir also erzählen, sie haben sich vor dem Cafe kennen gelernt, haben sich dann noch einmal getroffen und das hat ausgereicht, um sich in sie zu verlieben?“
„So ähnlich,“ nickte er lächelnd.
„Ich denke, von Liebe war bei uns beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede,“ warf Alice ein. „Uns war zwar irgendwie klar, dass das nicht einfach nur so eine flüchtige Geschichte ist, aber ... na ja ... wir kannten uns ja eigentlich gar nicht. Von daher ... ,“
„Wir wollten es langsam angehen lassen,“ ergänzte Alex.
„Das bedeutet Alice, sie wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, mit wem sie es eigentlich zu tun hatten?“
„Das er ein Backstreet Boy ist?“ hakte Alice grinsend nach.
„Ja,“ nickte Oprah.
„Nein. Ich hatte keine Ahnung.“
Das Publikum reagierte mit Rufen, Pfiffen und Lachen und Alice konnte nicht so recht entscheiden, ob sie dies nun positiv oder negativ empfinden sollte.
„Sie ist manchmal etwas langsam,“ scherzte Alex grinsend und streichelte ihr sanft über das Haar.
„Ja, in diesem Fall tatsächlich,“ lachte Alice und lehnte ihren Kopf kurz an seine Schulter, bevor sie sich wieder bewusst machte, dass sie sich hier in einem Fernsehstudio befand und alle Augen auf sie gerichtet waren. Schnell richtete sie sich wieder auf und senkte den Blick hinunter in ihren Schoß.
„Als sie dann schließlich erfahren haben, wer AJ ist und was er tut, wie war das für sie?“ fragte Oprah weiter.
„Tja, wie war das für mich ... ,“ sinnierte Alice und vor ihrem geistigen Auge entstanden sofort wieder die Bilder von damals.

Alex und Alice – „Wer bist du?“

Alex konnte kaum glauben, dass die endlose Zeit ohne Alice endlich vorbei sein sollte. Nur widerwillig hatte er sich vor zwei Tagen, nach einer atemberaubenden Nacht und einem nicht weniger aufregenden Vormittag von ihr verabschiedet. Sie musste packen, noch ein paar Dinge organisieren und hatte ihre Abfahrt wegen ihm bereits um einen halben Tag verschoben.
Mit einem Lächeln erinnerte er sich an den Morgen, ihren Anblick, wie sie lediglich mit einem knappen Höschen und einem ebenso knappen T-Shirt bekleidet in der Küche stand und Kaffee kochte. Mit geschlossenen Augen rief er sich das Gefühl noch einmal ins Gedächtnis, wie er sie von hinten in den Arm nahm, seine Hände wie selbstverständlich unter ihr Shirt gleiten ließ und ihre Brüste zärtlich umschloss. Ihre Nähe, ihr Duft, ihre Stimme, ihr für ihn perfekter Körper ... das alles ließ sein Herz schneller schlagen.
Ihr Elternhaus lag gute zwei Autostunden von L.A. entfernt, aber es hätte genau so gut auf dem Mond sein können, so einsam und verloren hatte er sich gefühlt. Und das ausgerechnet ihm, der es inzwischen doch eigentlich gewohnt sein sollte, dass er seine Beziehungen nur auf Zeit führte, weil er dauernd unterwegs und somit selten für längere Zeit am Stück zu Hause war.
Jeden Abend hatte sie ihn angerufen. Im Hintergrund zirpten Grillen, manchmal hörte er die Stimmen ihrer Familienmitglieder, während er sich versuchte vorzustellen, wie es bei ihr aussah, was sie den ganzen Tag so machte und wie sie sich fühlte.
Sie hatten stundenlang geredet, über Nichtigkeiten und Tiefgehendes, und waren sich dabei langsam immer näher gekommen.
Was allerdings immer noch unausgesprochen im Raum stand war sein Job und somit auch ein Großteil seines Selbst. Sie hatte nie danach gefragt und er hatte sich aus Gründen, die ihm selbst nicht ganz klar waren, nicht getraut sie aufzuklären. Vielleicht hatte er Angst, dass es sie abschrecken könnte mit einem Mann zusammen zu sein, der in der ganzen Welt herumreiste, jeden Tag gnadenlos im Licht der Öffentlichkeit stand und zudem von tausenden von Frauen umschwärmt wurde. Vielleicht hatte er aber auch Angst davor, dass er sich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr wirklich sicher sein konnte, ob sie wirklich ihn – Alex – wollte, oder sie nur wegen AJ dem Popstar bei ihm blieb.
Doch heute war der Tag der Wahrheit gekommen. Als er ihr seine Adresse nannte, hatte sie für einen Moment gestutzt und dann gesagt „das ist in den Hollywood Hills, oder?“
„Ganz genau,“ hatte er geantwortet und dabei sicherer geklungen, als er sich in Wirklichkeit fühlte.
Wieder war eine kurze Gesprächspause entstanden und dann hatte sie leise und mit hörbarer Unsicherheit in der Stimme gefragt „wer bist du?“
„Das erkläre ich dir alles, wenn du hier bist, in Ordnung?“ hatte er geantwortet und sie hatte sich Gott sei Dank damit zufrieden gegeben.
Nun saß er auf den Stufen vor seinem Haus, rauchte nervös eine Zigarette und wartete auf das Geräusch ihres Wagens.
Würde sie ihn verstehen? Oder sich von ihm abwenden? Andererseits ... ihre Beziehung war so außergewöhnlich und wie ein Sturm über sie hereingebrochen, dass sie eigentlich der Umstand, dass er Mitglied in einer international erfolgreichen Band war, auch nicht mehr schocken sollte.
Er überlegte gerade, ob seine Lungen eine weitere Zigarette vertrugen, als Motorengeräusch die Stille durchbrach und gleich darauf ihr Wagen um die letzte Kurve der Auffahrt bog. Auf seinem Gesicht erstrahlte ein breites, glückliches Lächeln, sein Pulsschlag schoss in ungeahnte Höhen und mit leicht zitternden Knien und Schmetterlingen im Bauch erhob er sich von seinem Platz.
Ihr Wagen war kaum zum Stillstand gekommen, da sprang sie auch schon heraus, machte sich nicht die Mühe die Fahrertür wieder zu schließen, umrundete den Wagen im Eiltempo und warf sich gleich darauf in seine ausgebreiteten Arme.
Meine Güte. Noch nie, so kam es ihm zumindest vor, hatte sich ein schmaler Frauenkörper so gut und so perfekt in seinen Armen angefühlt. Er roch ihr Parfum, das für ihn mittlerweile schon genau so zu ihr gehörte wie ihr wunderschönes Lächeln und er spürte ihre Hände, die sanft seinen Nacken hinauf glitten und dann in seinem Haar verschwanden.
„Ich sag dir,“ murmelte sie an seinem Hals „seit diesem Wochenende, weiß ich, was das Wort „vermissen“ tatsächlich bedeutet. Ist das nicht unheimlich?“
„Ja, das ist es,“ schmunzelte er „und ich weiß ganz genau, was du meinst. Und jetzt küss mich endlich, bevor ich komplett durchdrehe.“
Mit einem breiten Lächeln kam sie seiner Aufforderung umgehend nach und wenn es ihm möglich gewesen wäre, wäre er in diesem Moment ganz tief in sie hinein gekrochen, um ihr noch näher sein zu können und sie noch intensiver zu spüren. Ihre Lippen waren so wunderbar weich und schienen perfekt auf seinen Mund zu passen. Sie berührte mit einem einzigen Kuß jeden Winkel seiner prickelnden Lippen, ließ die ihren sanft darüber streifen, bevor er sich nicht mehr beherrschen konnte und seine Zunge ungeduldig in ihren Mund stieß.
Ihr Körper drängte sich sofort noch enger an ihn, dabei stellte sie sich auf die Zehenspitzen, wodurch seine Hände auf ihrem Hinterteil zu liegen kamen.
„Oh Mann,“ murmelte er nahe an ihrem Mund. „Was machst du nur mit mir, hm?“
„Keine Ahnung,“ gab sie atemlos zurück. „Aber was auch immer es ist, es stellt unglaubliches mit uns beiden an.“
Er musste kichern, sie stimmte mit ein und trotzdem klammerten sie sich immer noch wie Ertrinkende aneinander und versuchten sich dabei zu küssen.
Schließlich löste sie sich sichtlich widerwillig ein Stück von ihm und schlang ihm nun etwas lockerer die Arme um den Nacken. Ihr Blick huschte über sein Gesicht und schien dabei jeden Quadratmillimeter genauestens in Augenschein zu nehmen.
„Wie kann ein einzelner Mensch nur so faszinierende Augen haben?“ fragte sie schließlich. „Das sollte verboten werden. Wirklich!“
„Wieso?“ fragte er schmunzelnd.
„Weil sie mich erstens total aus dem Konzept bringen und zweitens total wuschig machen,“ gestand sie grinsend.
„Hm ... lass uns darüber drinnen weiter diskutieren, ja?“ grinste er und küsste sie noch einmal kurz auf den Mund.
„Gute Idee. Auch wenn ich keine Ahnung habe, ob ich es in diesem Leben noch fertig bringe, dich loszulassen.“
„Das musst du gar nicht,“ lächelte er, dann gingen sie Arm in Arm hinüber zu ihrem Auto und während sich Alice in den Wagen hinein beugte um ihre Tasche vom Beifahrersitz zu holen, gingen Alex’ Hände bereits auf Wanderschaft und liebkosten ihren Rücken, während er seinen Unterleib an ihren wunderschönen Po presste.
„Meinst du, wir schaffen es so noch bis ins Haus?“ fragte Alice grinsend.
„Keine Ahnung. Wir müssen uns einfach beeilen,“ gestand Alex, der ganz kurz davor stand einfach hier und jetzt über sie herzufallen.
Sie schafften es tatsächlich gerade so ihr Gepäck im Flur abzustellen und die Haustür zu schließen, dann hob er sie bereits in die Höhe und genoss das Gefühl ihrer festen Schenkel, die sich augenblicklich um seine Hüften schlangen.
Küssend taumelten sie weiter durch den Flur hinein ins Wohnzimmer. Vorsichtig ließ Alex sie gleich darauf in die weichen Polster der Couch sinken, ab da entzog sich das weitere Geschehen komplett seiner Kontrolle.
Als sie eine ganze Weile später schwer atmend, verschwitzt und leise bebend nebeneinander lagen, fühlte er sich endlich wieder vollkommen komplett und an einem Stück. Zärtlich fuhr er ihr mit gespreizten Fingern durchs Haar und genoss dabei das Gefühl ihrer Wange auf seiner Brust und ihrer Hand, die auf seinem Bauch lag und dort träge kleine Kreise malte.
„Wow,“ hörte er sie schließlich flüstern.
„Dito,“ gab er zufrieden lächelnd zurück.
„Wir sollten die Zeit genau jetzt anhalten, findest du nicht?“ sprach sie weiter.
„Wieso? Vielleicht entgeht uns dann das Beste.“
„Glaubst du wirklich, es kann noch besser werden?“ fragte sie skeptisch.
„Na klar. Das hier ist schließlich erst der Anfang.“
„Hm ... ,“ meinte sie nur und schwieg.
„Was denkst du?“ fragte er leise und hatte gleichzeitig ein wenig Angst vor ihrer Antwort.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie, richtete sich neben ihm auf und stützte sich auf ihren Ellenbogen, während sie auf ihn hinunter sah und sich ihr Haar lang und schwer über ihre Brüste ergoss. „Das mit dir kommt mir beinahe wie ein Märchen vor, aber Märchen gibt es im wahren Leben nicht. Da kommen irgendwann der Alltag, die ersten Schwierigkeiten, Diskussionen über ... alles mögliche, Kompromisse und am Ende die Tränen.“
Er seufzte mitfühlend, hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Ausnahmen bestätigen die Regel,“ sagte er mit rauer Stimme. „Eine Garantie kann dir niemand geben aber ... ich weiß nicht ... ich hab da eigentlich ein ganz gutes Gefühl.“
„So?“ fragte sie ihn neckend und zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Hm,“ nickte er lächelnd.
Sie schloss für einen Moment die Augen und lehnte ihre Wange in seine Handfläche. „Warum habe ich dann das Gefühl, dass du mir etwas wichtiges verschwiegst?“ fragte sie plötzlich und für ihn so unvermittelt, dass er schuldbewußt zusammen zuckte. „Oh, na das war wohl eindeutig,“ stellte sie sofort fest und richtete sich ein Stück weiter auf um seiner Hand zu entkommen.
Er nickte langsam. „Du hast ja recht. Ich muß dir noch etwas wichtiges sagen. Ich weiß nur nicht so genau wie.“
„Hast du eine Freundin? Frau? Kinder?“ fragte sie und er spürte die Angst und Unsicherheit, die dabei von ihr ausging.
„Nein,“ lächelte er kopfschüttelnd.
„Was ist es dann?“
„Komm mit, ich zeig’s dir,“ entgegnete er, richtete sich auf und rutschte umständlich von der Couch.
„Zeigen? Jetzt werde ich wirklich nervös,“ gestand sie, während sie nach seiner Hand fasste und sich vom Sofa ziehen ließ.
„Es ist eigentlich nichts schlimmes,“ versuchte er sie zu beruhigen, während sie beide nackt wie sie waren durch die Wohnung liefen und Alice’ Augen dabei immer größer wurden.
„Was ist das hier? Kommt mir so groß wie die Playboy-Mansion vor.“
„Glaub mir, die ist wesentlich größer,“ entgegnete er schmunzelnd.
„Warst du schon mal dort?“
„Ein Mal,“ gestand er.
„Und? Wie war’s?“ fragte sie neugierig.
„Atemberaubend und umwerfend, aber ich würde den Tag sofort gegen einen mit dir eintauschen,“ gestand er.
„Awww,“ machte sie, stoppte ihn mitten im Schritt und schmiegte sich an ihn. Das Gefühl ihrer nackten Haut überall an seiner eigenen unterwanderte schon wieder seinen Verstand und erst als er sie mit seiner breiten Brust gegen die Wand im Flur drückte und sie heiß und fordernd küsste, wurde ihm bewusst, dass der Plan eigentlich ein anderer gewesen war.
„Hey Casanova,“ stoppte sie ihn dann auch lachend. „Erstens platze ich gleich, wenn ich nicht bald zu sehen kriege, was du mir zeigen willst und zweitens ... ,“ sie verstummte, schluckte und lehnte dann den Kopf langsam gegen seine Brust, während seine Hände sanft über ihre Oberschenkel wanderten.
„Und zweitens?“ fragte er mit rauer Stimme.
„Zweitens weiß ich im Moment gar nicht, ob ich überhaupt in Stimmung sein sollte mit dir zu schlafen. Vielleicht ... werde ich ... keine Ahnung ... im nächsten Moment schreiend aus dem Haus stürmen und dir an den Kopf werfen, dass ich dich nie wieder sehen will.“
Er schluckte bei ihren Worten heftig und das Verlangen in ihm zog sich in den hintersten Winkel seiner Seele zurück.
„Genau davor habe ich Angst,“ gestand er leise.
„Wie reagieren denn deine Mitmenschen sonst so auf dein großes Geheimnis?“ fragte sie.
Gegen seinen Willen musste er leise lachen.
„Ich glaube, ich sage jetzt gar nichts mehr bevor du es nicht gesehen hast,“ sagte er.
„Wieso?“ nörgelte sie, während sie sich wieder anstandslos mit ihm in Bewegung setzte.
„Das wirst du gleich sehen,“ und damit stieß er die Tür zu seinem Proberaum auf.
Er zog sie an der Hand an sich vorbei, schob sie mitten in den Raum und zog sich dann in eine der hinteren Ecken zurück. Mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, die Arme auf seinen angewinkelten Knie verschränkt, ließ er sich auf dem Boden nieder und beobachtete sie stumm.
Für einen Moment blieb sie bewegungslos stehen. Ihre Silhouette hob sich schimmernd gegen das hereinfallende Licht der Fenster ab und kleine, goldene Lichter begannen in ihrem Haar zu tanzen. In diesem Moment tat es beinahe weh sie anzusehen und leise seufzend biss er sich auf die Unterlippe.
Langsam ging sie hinüber zu der Wand, an der seine Auszeichnungen hingen. Goldene Schallplatten reihten sich neben Awards und Geschenken seiner Fans aneinander, auf einem ausladenden Regal standen die Grammys und MTV Awards neben all den anderen Preisen und Auszeichnungen, die er im Laufe seiner Karriere gesammelt hatte und ihn immer wieder mit Stolz erfüllten, wenn er sie sich ansah.
Das Klavier und die Gitarren beachtete sie erst einmal genau so wenig wie die Einrichtung aus dunklem Holz, seinen abgewetzten Lieblingssessel oder das Mischpult mit dem nagelneuen Macintosh daneben. Wie festgewachsen stand sie einen Schritt von der Wand entfernt und starrte auf die Prägung der Platin Auszeichnung.
Dann setzte sie sich wieder in Bewegung, schritt vorsichtig und langsam die gesamte Länge der Wand ab und besah sich jeden Rahmen ganz genau. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie immer wieder die Schriftzüge und Widmungen las, ihr Kopf verdrehte sich manchmal in die unmöglichsten Positionen, damit sie auch wirklich alles ganz genau erkennen konnte und hielt dann schließlich vor dem Regal mit der Trophäensammlung inne. Beinahe ehrfürchtig strich sie über das goldene Grammophon, beugte sich etwas vor, um auch hier das kleine, goldene Schild lesen zu können und ließ ihren Blick dann noch eine Weile über die vielen Pokale und Auszeichnungen schweifen.
Schließlich schien sie genug gesehen zu haben. Sie drehte sich herum und suchte einen Moment mit den Augen den Raum ab, bis sie ihn am Boden kauernd entdeckte.
„Und das sind alles deine? Ich meine ... ,“ sie wirkte leicht verlegen und ihre Wangen begannen zu brennen. „Du hast die nicht zufällig bei ebay ersteigert um damit vor kleinen, gutgläubigen Mädchen anzugeben?“
Er schüttelte den Kopf, brachte aber vor lauter Nervosität noch nicht einmal ein Lächeln zustande. Sein Herz hämmerte ängstlich in seiner Brust und er wartete angespannt auf das, was sie als nächstes sagen würde.
„Hm ...,“ machte sie unbestimmt, dann durchmaß sie den Raum mit kleinen Schritten und ließ sich gleich darauf vor ihm in die Hocke sinken. „Die Backstreet Boys?“ hakte sie noch einmal nach.
Wieder nickte er stumm.
„Und ich Doofi hab’s nicht gewusst. Es ... tut mir leid.“ Sie wirkte zerknirscht und er fragte sich leicht irritiert, wie sie das jetzt meinte.
„Wie ... ich meine ... ,“ er räusperte sich, weil seine Stimme ziemlich seltsam klang und setzte noch einmal neu an. „Ändert das irgendetwas?“
„Zwischen uns?“ fragte sie überrascht.
Er nickte.
„Nein,“ entgegnete sie und ihm entwich ein erleichterter Seufzer.
„Wieso sollte es?“
„Na ja ... du bist jetzt sozusagen hochoffiziell mit einer bekannten Persönlichkeit zusammen. Es wird vorkommen, dass du ... in Zeitungen stehst, dass sich irgendwelche Menschen über dich ein Urteil bilden, ohne dich zu kennen, ich bin wegen meines Jobs viel unterwegs und ... na ja ... es ist durchaus möglich, dass sich dein Leben komplett verändern wird.“
„Das hat es sich doch bereits,“ lächelte sie sanft, rutschte ein Stück an ihn heran und kuschelte sich gleich darauf zwischen seine angewinkelten Knie und in seine feste Umarmung.
„Macht es dir keine Angst?“ fragte er leise und küsste dann ihre Stirn.
„Ein bisschen vielleicht,“ gestand sie. „Aber im Grunde, ist es mir egal. Also ... nicht, dass mir dein Job egal wäre oder so ... ,“
„Ich versteh schon,“ beeilte er sich zu sagen.
„War es eigentlich arg schlimm, dass ich die ganze Zeit nicht wusste, wer du bist?“
„Wie meinst du das?“
„Na ja ... ich dachte ... vielleicht war es ein ganz schöner Schlag für dein Ego, dass ich nicht sofort auf dich zugestürzt bin und gerufen habe „oh mein Gott, du bist AJ McLean von den Backstreet Boys. Kann ich ein Autogramm haben?“.“
„Oh jaaaa,“ grinste er. „Das war wirklich ein absoluter Tiefschlag für mein Ego und du wirst ne Menge dafür tun müssen um das wieder aufzubauen.“
„Im Ernst,“ grinste sie und verpasste ihm einen kurzen Klaps auf die Schulter.
„Im Ernst? Ich fand es sehr angenehm, dass du mich als ganz normalen Menschen betrachtet hast und das jetzt immer noch tust. Ich hatte Angst, du würdest dich jetzt irgendwie ... verändern.“
„Verändern?“ fragte sie stirnrunzelnd nach, während sie ihren Kopf an seiner Schulter rieb und ihn ihre Haare dabei an der Schulter kitzelten.
„Na ja ... entweder passiert genau das, was du eben angesprochen hast, dass ich nämlich plötzlich nur noch AJ bin und pausenlos Fragen zu meinem Job und der Band beantworten muß oder es kommt ein „du, tut mir leid, aber wenn ich das gleich gewusst hätte, wäre es bestimmt nicht so weit gekommen“ und dann lassen sie mich meistens stehen und suchen sich jemanden, der weniger auffällig ist.“
„Ehrlich?“ fragte sie und richtete sich in seinen Armen auf um ihn mit missbilligend gerunzelter Stirn ansehen zu könne.
„Zumindest so ähnlich. Jedenfalls war mein Job mehr als einmal der Trennungsgrund. Und das ... nun ja ... tut ganz schön weh.“
„Kann ich verstehen,“ nickte sie mitfühlend.
Er zuckte mit den Schultern, weil er nicht mehr wusste, was er noch sagen sollte. Er saß hier nackt vor ihr und das im wortwörtlichen Sinne. Viel war da nicht mehr, das er freilegen konnte.
Auf ihrem Gesicht erschien ein sanftes Lächeln, dann drehte sich sich noch etwas weiter in seine Richtung, schob ihre langen Beine rechts und links an seinem Körper vorbei, verschränkte sie in seinem Rücken und rutschte dann noch ein Stückchen näher an ihn heran.
„Ich weiß, dass es hart wird, wenn du so lange weg bist. Ich meine ... Himmel, wir haben kaum die letzten zwei Tage überstanden. Aber ... das Gefühl mit dir zusammen sein zu können wiegt das alles tausend Mal auf. Und es ist mir egal, ob du nun Musiker oder Straßenkehrer bist, wenn ich auch zugeben muß, dass dieses Haus durchaus was hat,“ gestand sie grinsend, was ihn zum Schmunzeln brachte.
„Du bist toll, weißt du das?“
„Uhm ... ich glaube, du könntest es ruhig noch ein, zwei Mal erwähnen,“ grinste sie.
„Du bist toll,“ wiederholte er flüsternd und küsste sie zärtlich auf den Mund. „Toll,“ wiederholte er und biss sanft in die weiche Haut ihres Halses „einfach toll,“ sagte er noch einmal, bevor er sie diesmal tief und leidenschaftlich küsste.

Die Show -4-

„Hallo und zurück aus der Werbung,“ lächelte Oprah direkt in die Kamera. „Heute sind AJ McLean und Alice Miller bei mir und wir haben schon so einiges über sie erfahren: Wie sie sich kennen lernten, wie sie das Massaker von Virginia überstanden, in dem Alice’ Bruder Bobby in höchster Gefahr schwebte und wie Alice schließlich erfahren hat, dass ihr neuer Freund Mitglied in einer der populärsten Boybands aller Zeiten ist.
Doch dann ... ging es eigentlich erst richtig los.“
Oh ja, und wie es losgegangen ist dachte Alice leise fröstelnd. Damals in Alex’ Haus hatte sie nicht wirklich eine Ahnung davon gehabt was es bedeutete die Freundin eines Popstars zu sein. Sie war davon ausgegangen, dass sie die Auswirkungen seines Berufs eher zu spüren bekam, wenn er nicht anwesend, also auf Tour war, doch kaum hatte sich herum gesprochen, dass Alex frisch liiert war, ging der Rummel los. Und die Fotografen, die ab diesem Zeitpunkt an den unmöglichsten Orten auftauchten und Bilder von ihr schossen, waren dabei noch eher harmlos.
Obwohl sie ihrer Mutter bereits bei ihrem Aufenthalt zu Hause ein wenig über Alex erzählt hatte, klingelte keine zwei Tage später das Telefon und sie musste sich anhören, dass sie vielleicht noch einmal darüber nachdenken sollte, ob dieser Mann der Richtige für sie sei. Seit dem selbst ihre Mutter im Zeitalter des Internets angelangt war und einen Computer ihr Eigen nannte, war sie immer bestens über jeden informiert. Und an Alex ließ sie kaum ein gutes Haar: Zu viele Tattoos, zu viele Partys und Weibergeschichten, zu viele Skandale im Zusammenhang mit seinen Akohol- und Drogenproblemen, zu viele gescheiterte Beziehungen, zu viel von allem.
Danach stand ihr Telefon eigentlich kaum noch still. Alte Freunde und Bekannte riefen plötzlich an, von denen sie Ewigkeiten nichts gehört hatte, Bittsteller und dubiose Organisationen baten sie um Geld, das nicht ihres war und nicht zu letzt wurde sie auch noch zu ihrem obersten Chef und Vorstandsvorsitzenden zitiert.
Er erklärte ihr höflich aber bestimmt, dass er sich ganz sicher nicht in ihr Privatleben einmischen wolle, aber dass sie vorsichtig sein solle und den Namen der Firma nicht in einem schlechten Licht da stehen ließ wenn es darauf ankam. Gleichzeitig erkundigte er sich nach der Adresse ihres neuen Freundes und versprach, ihm ein kostenloses VIP-Paket zukommen zu lassen, damit sich Mr. McLean mit eigenen Augen von der Qualität ihrer Marke überzeugen konnte.
So weit sie wusste, hatte Alex nicht ein Stück von dem ganzen Zeug angerührt, das wenig später in einem großen Lieferwagen überbracht wurde.
Das Schlimmste allerdings, waren die Meinungen von wildfremden Menschen, die plötzlich und ungehindert auf sie einprasselten. Sie machte am Anfang den Fehler aus lauter Neugier im Internet zu surfen, sich diverse Fanseiten anzusehen und die Nachrichtendienste nach ihrem oder Alex’ Namen zu durchforsten.
Das Bild, das dort von ihr gezeichnet wurde, erschreckte sie zutiefst und machte sie mehr als wütend. Alex versuchte ihr klar zu machen, dass sie sich dies alles nicht so zu Herzen nehmen sollte, doch sie konnte einfach nicht aufhören die vielen Berichte, Kommentare und Verleumdungen über ihre Person zu lesen. Und als wäre dies noch nicht genug beging sie den Fehler, sich in diversen Fan-Foren zu verteidigen. Ab da hatte sie den Ruf publicitygeil zu sein, mit Alex nur wegen seiner Popularität und seines Geldes zusammen zu sein und überhaupt wäre sie viel zu hübsch, zu hässlich, zu künstlich, zu arrogant, zu oberflächlich, zu kaltherzig, zu unnahbar, zu blöd, zu unintelligent, zu karrieregeil um wirklich mit ihrem Idol zusammen sein zu dürfen.
Irgendwann hatte sie es aufgegeben. Ihr wurde klar, dass sie diesem wütenden Mob nichts entgegenzusetzen hatte. Sie glaubten das, was sie glauben wollten und jedes noch so gut gemeinte Wort an sie, war vergeudete Zeit. Also begann sie irgendwann das Internet zu meiden und nur noch zu nutzen, wenn sie geschäftlich oder privat nicht darum herum kam.
Doch das alles schien ihre Beziehung in keinster Weise zu belasten.
Als Alex sie allerdings bereits nach einer Woche fragte, ob sie bei ihm einziehen wolle, standen sie vor ihrem ersten, echten Problem. So wichtig ihr Alex auch war und so sehr sie die Zeit mit ihm auch genoss – und dabei waren sie praktisch 24 Stunden am Tag zusammen – so sehr ängstigte sie der Gedanke, ihre Unabhängigkeit in ihren eigenen vier Wänden so schnell und Hals über Kopf aufzugeben.
Ihre Beziehung hatte sich sowieso schon rasend schnell entwickelt, so dass ihr das alles manchmal wie ein Traum vorkam und in ihrem Hinterkopf gab es da immer noch dieses beunruhigend blickende Lämpchen, das sie davor warnte, ihrem Traumprinzen noch mehr Kontrolle über sich einzuräumen.
Alex redete mit Engelszungen auf sie ein und als er einsehen musste, dass er sie in diesem Punkt nicht vom Gegenteil überzeugen konnte, war sie eine ganze Weile damit beschäftigt ihm klar zu machen, dass das nicht der Anfang vom Ende ihrer Beziehung war, dass sie ihn mit allem was sie hatte liebte und nicht vorhatte ihn in absehbarer Zeit zu verlassen.
Irgendwann arrangierten sie sich beide mit dieser Situation, sahen sich weiterhin täglich und genossen die unbeschwerten, intensiven Stunden, die sie miteinander verbrachten.
Doch auf dies alles hatte Oprah Winfrey mit ihrem ominösen Hinweis gar nicht angespielt, das wurde Alice spätestens klar, als die Moderatorin sich nun mit ihren Gesprächskarten in der Hand wieder der Kamera zuwandte.
„Am 12. Mai des letzten Jahres erreichte folgender Notruf die Einsatzzentrale des Los Angeles Police Departments. Der Anrufer sprach von einem Münztelefon aus und wie sie gleich hören können, klang er mehr als aufgeregt.“
Atemlose Stille senkte sich über das Studio, Alice rückte nun noch ein Stück näher an Alex heran und sie schloss für einen Moment die Augen, als sie seine weichen Lippen an ihrer Schläfe spürte und ihn leise flüstern hörte „Denk immer daran, es ist vorbei.“
Man hörte ein leises Piepsen, dann knackte es in den Lautsprechern und eine verzerrte Frauenstimme füllte augenblicklich den kompletten Saal.
„L.A. PD, was kann ich für sie tun?“
„H-Hallo? Hier hat es einen Unfall gegeben. Bitte kommen sie schnell.“
„Bitte beruhigen sie sich Mister. Sagen sie mir, wo sie sich gerade befinden.“
„Ich stehe hier an der Ecke Sunset und Harbor-Lane. Drei Autos sind in einander gerast.“
„Beschreiben sie mir bitte genau was passiert ist. Gibt es Verletzte?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe den Unfall selbst nicht gesehen. Ich hab nur den Krach gehört und dann ... und dann ... Gott, sie sollten das sehen, ein Wagen brennt, eine Frau schreit und, und ... ,“
„Bitte ganz ruhig Mister. Ich schicke sofort ein Einsatzfahrzeug und einen Krankenwagen vorbei.“
Ein erneutes Knacken verkündete das Ende der Aufnahme. Atemlose Stille hatte sich im Studio ausgebreitet, die lediglich von Alice’ heftigem Atmen unterbrochen wurde.
„Ist okay Baby,“ hörte sie Alex flüstern und seine Hand auf ihrem Arm wirkte unsagbar tröstlich.
„Alice. Wie ich sehe, nimmt sie das Ganze noch sehr mit, nicht wahr?“ sagte Oprah mitfühlend.
„Es war ein absoluter Albtraum,“ nickte Alice und ihre Stimme klang dabei unglaublich dünn und atemlos.
„Wie ist es denn nun wirklich zu dem Unfall gekommen? Es gab ja viele Spekulationen.“
Alice’ Magen zog sich bei dem Gedanken daran schmerzhaft zusammen und sie überließ es Alex, den Polizeibericht zu zitieren. In Wirklichkeit, und das wussten wahrscheinlich nur drei Personen auf diesem Planeten, hatte der Unfall einen ganz anderen Hintergrund gehabt.

Alex und Alice – „Das nennt man wohl falsches Timing.“

Alex saß zu Hause und wartete auf Alice. Sie hatte heute etwas geschäftliches in der Stadt zu erledigen und war deshalb bereits früh am Morgen aufgebrochen. Er hatte die Zeit genutzt und endlich mal ein paar liegen gebliebene Dinge erledigt. Er sah seine Post und bisher unbeachtete Rechnungen durch, räumte lustlos ein wenig auf, kümmerte sich um seine Wäsche und fuhr seinen Wagen in der Stadt durch die Waschanlage.
Jetzt saß er im Schneidersitz auf der Arbeitsplatte vor dem Küchenfenster und starrte die lange Auffahrt hinunter. Beinahe schmerzhaft sehnte er sie herbei und war sich dabei bewusst, dass dieses Verlangen in ihm schon beinahe an Besessenheit grenzte. Aber so war er eben. Wenn er sich in eine Beziehung stürzte dann mit Haut und Haaren und wahrscheinlich war es auch das, was ihm immer wieder das Genick brach. Es gab einfach zu viele Menschen, die nicht so waren wie er. Sie brauchten ihren Freiraum, Zeit für sich, wollten gerne mal alleine sein ... das alles bedeutete ihm nichts, wenn er mit einer Frau zusammen war, die er wirklich liebte.
Und Alice, das wusste er mit Bestimmtheit, liebte er tiefer als jemals eine andere Frau zuvor. Er wusste nicht warum das so war, er konnte nicht mit Worten erklären, wie er sich fühlte wenn sie bei ihm war, er konnte noch nicht einmal sagen, was genau es an ihr war, das ihn so zu ihr hinzog, er wusste nur, dass er ohne sie nur ein halber Mensch war.
Als ihm nun eine kleine Staubwolke am Ende der Auffahrt verkündete, dass ein Wagen zu ihm herauf kam, sprang er mit einem glücklichen Lächeln von seinem Aussichtspunkt, durchquerte mit langen Schritten den Flur und trat in dem Augenblick durch die Haustür, als draußen ein schwarzer Ford Explorer vorfuhr. Okay, das war eindeutig nicht Alice.
Er versuchte seine Enttäuschung zu verbergen, während er darauf wartete, dass sich die Wagentüren öffneten und sein unerwarteter Gast ausstieg. Das Sonnenlicht brach sich auf der Windschutzscheibe und so konnte er erst erkennen wer sich dahinter verbarg, als erst ein paar lange, schlanke Beine und dann ein dunkelbrauner Haarschopf aus dem Auto auftauchte.
Augenblicklich zog sich sein Magen erschrocken zusammen und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt.
„Hallo Alex,“ winkte Kaci mit einem breiten Lächeln und in Bruchteilen von Sekunden waren die Erinnerungen wieder da.
Sie war jung, ziemlich jung sogar, aber das hatte ihn nie gestört. Er hatte sie einfach geliebt, mit allem, was zu ihr gehörte: Ihrer Gesangskarriere, ihre manchmal doch noch sehr kindliche Ader, ihr, für ihr Alter wahrscheinlich normales, flatterhaftes Wesen, ihren Elan, ihren Witz, ihre Energie und ihr sanftes, herzliches Wesen.
Und dann hatte sie ihm verkündet, dass es aus sei, dass sie einen Neuen hatte und dass es für sie an der Zeit sei, auf ihrem Weg weiter zu gehen. Ohne ihn.
Ein halbes Jahr hatte er gelitten wie ein Hund, hatte sich die quälenden Fotos ansehen müssen, die sie mit einem weiteren Popstar zeigte, der diesmal nicht viel älter als sie selbst war und mit dem sie glücklich zu sein schien.
Sie hatten ab und zu telefoniert, bis er ihr klar gemacht hatte, das ihm dies nicht gut tat und sie ihn doch bitte in Ruhe lassen sollte, bis der Schmerz etwas nachgelassen und Gras über die Sache gewachsen war.
Tja, und dann kein Ton mehr von ihr ... bis jetzt.
„Hey Kac,“ presste er hervor und verschlang jede ihrer Bewegungen mit den Augen.
„Ich dachte, ich schau mal vorbei und sehe, wie es dir geht,“ sagte sie, während sie ihn erreichte, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen sanften Kuß auf die Wange hauchte.
„Mir geht es gut,“ entgegnete er und brachte irgendwie ein Lächeln zustande.
„Ich habe gehört, du hast eine neue Freundin?“ fuhr sie fort und wippte dabei unruhig auf ihren Zehen auf und ab.
„Ja, das habe ich. Möchtest du ... rein kommen?“ fragte er und wünschte sich, dass sie ablehnte. Er wollte sie nicht mehr in seinem Leben haben, das war ihm nach und nach klar geworden und sie ausgerechnet jetzt vor sich zu sehen, wo er der Meinung war, dass sich endlich alles zum Guten gewendet hatte, machte ihn unbestreitbar nervös.
„Gerne,“ nickte sie und innerlich rollte er mit den Augen. Wenn er sie nicht hier haben wollte, sollte er das wohl besser sagen und sie nicht auch noch ins Haus bitten. Aber gesagt war nun mal gesagt, also ging er ihr voraus wieder zurück in den dämmrigen Flur.
„Es war ganz schön schwer, deine neue Adresse heraus zu finden,“ erklärte sie, während sie sich aufmerksam umsah.
„Du hättest einfach anrufen können?“ gab er zu bedenken.
„Aber dann wäre die Überraschung doch dahin gewesen,“ grinste sie und folgte ihm in die Küche.
„Wie läuft es mit Aaron?“ fragte er, um sie von sich abzulenken.
„Ach, das ist vorbei,“ winkte sie ab.
„Tatsächlich?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Der arme Kerl.“
„Du meinst wohl, ich bin arm dran. Er hat mich wegen so nem Blondchen sitzen lassen. Die hat weder Klasse noch genug Grips um mir das Wasser reichen zu können, aber offensichtlich ist er schwer verknallt.“
„Und wie kommst du damit klar?“ fragte er weiter, auch wenn es ihn nicht wirklich interessierte.
Sie nahm auf einem der Stühle platz und er postierte sich mit verschränkten Armen und dem Rücken an der Arbeitsplatte ein Stück von ihr entfernt. Er wollte ihr einfach nicht zu nahe kommen.
„Es geht so,“ gab sie zu. „Weißt du, im Nachhinein ... ich denke manchmal ... ich meine ... wir waren ja schon sehr glücklich und so ... ,“
„Hm, klar,“ nickte er und wusste genau, was jetzt kam.
„Ich dachte ... uhm ... vielleicht könnten wir ja noch einmal ... von vorne anfangen und ... ,“
„Kaci,“ unterbrach er sie und seine Stimme klang sanfter, als er beabsichtigt hatte. „Du weißt doch genau, dass das vorbei ist. Selbst wenn ich heute nicht bis über beide Ohren in eine andere Frau verliebt wäre gäbe es kein Zurück mehr. Das hatten wir doch damals ausgiebig besprochen, oder?“
„Ja schon, ich dachte nur ... dieser Timberlake Song ist immer noch auf deiner Myspace Seite und vielleicht ... na ja ... ich war der Meinung, du denkst vielleicht ab und zu noch an mich.“
Der Timberlake Song. Deshalb war sie hier? Er hätte beinahe gelacht. Seit er Alice begegnet war, war ihm das Internet, seine persönliche Myspace Seite und alles andere was damit zusammen hing mehr als egal. Es stimmte, er hatte den Song damals gewählt, weil er bis aufs i-Tüpfelchen zu seiner Beziehung mit Kaci gepasst hatte, aber heute ... heute war alles anders.
„Tut mir leid Kaci. Klar denke ich ab und zu noch an dich, aber ich liebe dich nicht mehr. Alice und ich sind jetzt zusammen. Ich liebe sie. Mehr als alles andere auf der Welt.“
„Mehr als mich damals?“ fragte sie leise nach.
„So etwas darfst du mich nicht fragen,“ sagte er nachsichtig.
„Warum?“
„Weil die Antwort dir doch nur wehtun würde.“
„Also liebst du sie mehr als mich,“ stellte sie fest.
„Ja und nein. Das ist etwas ganz anderes. Du kannst dich nicht mit ihr vergleichen,“ erklärte er geduldig.
„I-Ich habe schon verstanden,“ nickte sie und erhob sich von ihrem Platz. „Ich sollte wohl jetzt besser gehen, was?“
„Sieht so aus,“ nickte er seufzend.
„Ganz ehrlich. Du bist ein prima Kerl,“ sagte sie, während sie vor ihm durch den Flur schritt und gleich darauf die Haustür aufzog.
„Danke,“ nickte er. „Und du bist auch nicht verkehrt. Ein bisschen sprunghaft vielleicht.“
„Pfh,“ schnaubte sie. „Darf man sich nicht wenigstens ein Mal im Leben irren? Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Und?“ aufgebracht drehte sie sich zu ihm herum und sah blinzelnd zu ihm auf. „Deshalb bin ich doch noch lange kein schlechter Mensch.“
„Das habe ich doch auch gar nicht behauptet,“ erinnerte er sie.
„Ja, ich weiß. Ich bin „sprunghaft“, was irgendwie auch nicht viel netter klingt.“
„Was willst du von mir Kaci? Wir waren ein Paar und zumindest ich war mit Haut und Haaren verliebt. Du warst doch diejenige, die sich ewig nicht entscheiden konnte und dann zu Aaron abgezogen ist. Was wirfst du mir jetzt also vor? Dass ich weiter gemacht habe, wie du es gesagt hast und mich neu verliebt habe?“
„Ich werfe dir gar nichts vor,“ verteidigte sie sich. „Ich vermisse dich einfach. Ist das so abwegig? Wir haben uns doch immer super verstanden, du warst mein bester Freund und heute ... wirfst du mich einfach raus.“
„Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, was du mir damals angetan hast. Ich war am Boden zerstört und da war auch nichts davon zu spüren, dass ich dein „bester Freund“ bin. Du hast mich abgelegt wie irgendein Kleidungsstück, das dir nicht mehr gefällt.“
„So war das nicht,“ entgegnete sie und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Aber so ähnlich.“
„Vielleicht.“
Gegen seinen Willen erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Ach Kac,“ sagte er versöhnlich und zog sie in eine vorsichtige Umarmung. „Du wirst auch noch den richtigen Mann finden, glaub’s mir. Aber ich war wohl eindeutig nicht der Richtige.“
„Da bin ich mir, ehrlich gesagt, nicht so ganz sicher.“
„Ich schon.“
Für eine Weile standen sie so in der Einfahrt und Alex stellte glücklich fest, dass tatsächlich nicht ein Fitzelchen von seinen Gefühlen für sie übrig geblieben war. Seine Wunden waren geheilt und das war zum großen Teil auch Alice’ Verdienst.
„Also gut Shorty. Dann mach’s mal gut, ja?“ sagte er schließlich leise.
„Ich versuch’s,“ nickte sie. „Darf ich dich mal anrufen.“
„Natürlich.“
Er beugte sich hinunter um sie auf die Wange zu küssen, doch eher er sich’s versah, hatte sie den Kopf gedreht und sein Mund landete auf ihren festen, vollen Lippen.
Er hatte noch Zeit überrascht die Augen aufzureißen, da hatte sich bereits ihre Zunge in seinen Mund verirrt und da er nicht zu grob sein wollte, packte er sie lediglich an den Armen und versuchte sie von sich weg zu schieben.
„Kaci lass das,“ nuschelte er durch ihren Kuß hindurch.
„Nur ganz kurz,“ bettelte sie.
Das Schlagen einer Autotür ließ sie erschrocken auseinander fahren und als er aufblickte, wurde ihm augenblicklich schwindlig. Alice’ Wagen parkte hinter Kacis Auto und sie selbst stand mit verschränkten Armen und wütendem Blick daneben.
„Alice,“ würgte er hervor.
„Ach du meine Güte,“ hörte er Kaci flüstern. „Das nennt man wohl falsches Timing.“
„Halt die Klappe und verzieh dich endlich,“ zischte er, während er sie einfach beiseite schob und auf Alice zuging.
„Baby es tut mir leid. Es ist nicht so wie es aussieht,“ stammelte er, während er die Distanz zwischen ihnen mit ausgreifenden Schritten überwand und dabei vergeblich nach einem Anzeichen dafür suchte, dass sie die Situation nicht falsch beurteilte. Aber was sollte sie daran auch falsch interpretieren? Er hatte eine andere Frau geküsst. Da gab es nichts dran zu rütteln.
Noch während er um die Motorhaube von Alice’ Wagen herum ging, startete Kaci den Explorer und rollte langsam davon.
„Alice ehrlich, das hatte nichts zu bedeuten. Ich ...,“ er wollte sie in den Arm nehmen, doch sie trat augenblicklich einen Schritt zurück und zischte „fass mich nicht an.“
„Bitte. Ich kann dir das erklären, okay? Kaci ist einfach hier aufgetaucht weil sie meinte, sie könne mich zurück haben. Aber ich habe ihr erklärt, dass ich dich liebe und nur dich. Sie ... ich weiß auch nicht ... irgendwie ... ,“ ihm gingen die Worte aus. Wie sollte er diesen Kuß so erklären, dass Alice verstand, dass er rein gar nichts zu bedeuten hatte?
„Ja?“ fragte sie schneidend und er sah zu seiner Bestürzung, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.
„Bitte Alice, sie hat mich geküsst, ja. Aber ich habe sie nicht zurück geküsst. Das musst du mir glauben!“
Sie schnaubte verächtlich und hatte bereits die Hand am Türgriff.
„Nicht Alice. Bitte fahr nicht einfach so weg,“ bat er und legte ihr vorsichtig eine Hand auf den Arm.
Sie zog ihren Arm zurück als hätte sie sich verbrannt und wandte dann den Blick von ihm ab, ganz offensichtlich bemüht, die Fassung nicht zu verlieren.
„Soll ich dir mal was über meine letzten drei Beziehungen erzählen?“ fragte sie mit erstickter Stimme und richtete ihren Blick dann wieder auf ihn. Mittlerweile strömten die Tränen ungehindert über ihre Wangen und er wäre am liebsten hier und auf der Stelle gestorben. Was hatte er nur getan?
„Der letzte,“ stieß sie hervor „hat mich mit irgend so einem Büroflittchen betrogen und gedacht, ich merke es nicht. Der davor hat sich gleich an meine beste Freundin ran gemacht. Sie leben jetzt gemeinsam in Miami Beach und haben eine süße, kleine Tochter,“ ihre Stimme troff nur so vor Sarkasmus und ihm wurde speiübel.
„Das wusste ich nicht,“ flüsterte er, doch sie redete ungerührt weiter.
„Und der davor hat mir, nachdem ich ihn mit einer fremden Frau in unserem gemeinsamen Bett erwischt habe, doch tatsächlich angeboten einen flotten Dreier zu schieben. Du siehst also, ich habe Erfahrung darin was es heißt betrogen zu werden. Und erzähl mir nicht, dass das ... ,“ sie deutete mit zitternder Hand anklagend zur Haustür hinüber „ ... nichts zu bedeuten hatte. Ich bin weder blöd noch naiv, auch wenn es da draußen genug Spinner gibt, die das glauben.“
„Alice bitte. Ich habe dich nicht betrogen. Weder gedanklich noch körperlich. Dieser Kuß ging nicht von mir aus. Ich wollte sie nicht küssen. Das musst du mir einfach glauben.“
„Ich glaube dir gar nichts mehr,“ stellte sie verächtlich fest, dann riss sie die Tür ihres Wagens auf und klemmte sich hinter das Steuer.
„Baby bitte,“ flehte er und hielt die Tür fest. „Bitte bleib hier. Lass uns darüber reden, ich ... ,“
„Nicht jetzt und nicht hier,“ stieß sie hervor. „Ich muß nachdenken und jetzt lass endlich die verfluchte Tür los!“
Er brachte schnell seine Finger in Sicherheit, weil sie wie eine Verrückte an der Tür zerrte, dann fiel sie mit einem lauten Rums ins Schloß und gleich darauf brauste sie mit aufheulendem Motor davon. Wie erstarrt blickte er ihr nach und fühlte, wie sein Herz in tausend Teile zerbrach. Er durfte sie nicht verlieren. Nicht für einen Kuß, für den er nichts konnte und der ihm überhaupt nichts bedeutet hatte.

Die Show -5-

„Alice, können sie sich an den Unfall denn noch erinnern?“ fragte Oprah gerade und Alice verdrängte das Bild von Alex, der in seiner Auffahrt stand und Kaci küsste.
Diese Szene schien für sie mittlerweile in einem anderen Leben zu liegen. Nicht nur, weil so viel seitdem passiert war, sondern auch weil Alex ihr in so vielen Momenten bewiesen hatte, dass er nicht gelogen hatte als er an diesem schrecklichen Tag immer wieder beteuerte, dass ihm der Kuß nichts bedeutete, die Sache mit Kaci schon lange vorbei sei und er sie liebte.
„An manches kann ich mich noch ziemlich deutlich erinnern,“ nickte Alice. Der Aufruhr in ihr hatte sich ein wenig gelegt, doch immer noch klopfte ihr Herz schnell und heftig in ihrer Brust und ihre Finger wirkten wie Eiszapfen, während Alex immer wieder mit dem Daumen darüber fuhr.
„Ich weiß noch, wie ich auf die Kreuzung gefahren bin. Ich war vollkommen in Gedanken und habe von daher die Ampel komplett übersehen. Erst als ich schon so gut wie drüber war ist mir aufgefallen, dass sie rot zeigte.“
„Was haben sie in dem Moment gedacht?“ hauchte Oprah, offensichtlich komplett gefangen in ihrer Erzählung, ebenso wie das gesamte Studio, in dem man im Moment eine Stecknadel hätte fallen hören können.
„Na ja ... wahrscheinlich hat diese Situation schon jeder irgendwann einmal erlebt. Man weiß genau, es ist zu spät um zu bremsen und hofft einfach nur, dass alles gut gehen wird. Ich weiß nicht ... im Prinzip glaubt wahrscheinlich niemand, dass wirklich etwas schlimmes passieren könnte. Man hat ein Rotlicht übersehen, na und?“
„Aber so einfach war es in ihrem Fall nicht,“ nickte Oprah.
„Nein,“ Alice schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht mehr so genau, was dann genau passiert ist. Irgendwie geht alles in ... lauten Geräuschen und ... Panik unter ... ,“
„Verständlich,“ nickte Oprah. „Zwei Wagen sind mehr oder weniger gleichzeitig in sie hineingerast.“
„Scheint so,“ nickte Alice.
„Und ihr Wagen fing Feuer, richtig?“
„Ja,“ nickte Alice und schluckte hart. „Ich hab das erst gar nicht richtig mitgekriegt. Ich hatte unvorstellbare Schmerzen und war einfach nur ... panisch. Und dann habe ich den Rauch gerochen und ab da ... ich sehe noch, wie die Flammen neben mir in die Höhe schlagen, und dann ... keine Ahnung,“ sie schüttelte entschuldigend den Kopf.
„Auf Grund des Anrufs in der Notrufzentrale waren Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen recht schnell vor Ort. Können sie sich daran erinnern, wie sie aus dem Wagen geborgen wurden?“
„Nein,“ Alice schüttelte den Kopf. „Ich habe hinterher erfahren, dass mich jemand aus dem brennenden Wrack gezogen hat, bevor die Rettungskräfte da waren. Sonst wäre ... die ganze Sache wohl ... noch etwas anders ausgegangen.“
„Wir sind diesem Menschen auf alle Ewigkeiten zu Dank verpflichtet,“ meldete sich Alex das erste Mal zu Wort und seine Stimme klang merkwürdig gepresst. Als Alice zu ihm hinüber blickte, lag ein schmerzhafter Zug um seine dunklen Augen.
„Wissen sie denn, wer es war?“ hakte Oprah nach.
Alex nickte. „Wir haben auch schon mit ihm gesprochen und so weiter. Aber er möchte anonym bleiben und das verstehen wir natürlich.“
Alice fühlte, wie sich ihr Herz vor Dankbarkeit weitete, als sie an den junge Mann dachte, der sich, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, in das brennende Fahrzeug gestürzt hatte und sie unter Einsatz seines Lebens rettete. Sie hatten ihm alles mögliche zum Dank angeboten: Geld, eine Reise, ein neues Auto, Unterstützung für sein Studium, doch er hatte alles abgelehnt. Er war einfach froh, jemandem das Leben gerettet zu haben und ihre Worte seien ihm Dank genug, wie er versicherte.
„Ich möchte dem Publikum gerne verdeutlichen, was mit ihnen passiert ist. Deshalb haben wir hier zwei Aufnahmen aus dem Krankenhaus.“
Alice nickte und versuchte das Gefühl der Übelkeit zurück zu drängen.
Oprah deutete auf die Leinwand in ihrem Rücken, doch Alice wollte nicht hinsehen. Sie wurde sowieso jeden Tag daran erinnert, was damals passiert war. Manchmal war sie so verzweifelt, wenn sie ihren Körper betrachtete und die vielen Narben sah, dass sie sich kaum aus dem Haus traute.
Die Ärzte hatten wirklich wahre Wunder vollbracht. In unzähligen Operationen hatten sie sie wieder zusammen geflickt und Hautverpflanzungen dort vorgenommen, wo nichts mehr zu retten gewesen war. Außerdem hatte sie sich inzwischen zwei kosmetischen Operationen unterzogen um zumindest den schlimmsten, wulstigen Brandnarben auf ihren Armen und dem Rücken Herr zu werden. Trotzdem fühlte sie sich manchmal wie ein Alien.
Und dabei hatte sie noch wahnsinniges Glück gehabt. Ihr Gesicht war vom Feuer verschont worden. Ihre Haare, Augenbrauen und Wimpern waren zwar komplett versengt gewesen, doch die Verbrennungen in ihrem Gesicht glichen lediglich einem starken Sonnenbrand.
Ein entsetztes Raunen ging in diesem Moment durch die Zuschauerränge und sie fühlte, wie Alex neben ihr erstarrte. Als sie zu ihm hinüber sah, blickte er wie versteinert auf die Aufnahmen in ihrem Rücken und sie wusste genau, wie sehr er sich in diesem Moment quälte.
Sie drückte seine Hand, was ihn wohl dazu veranlasste, zu ihr herüber zu sehen. Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht und er erwiderte es, auch wenn eine gewisse Wehmut um seine Mundwinkel spielte.
Sie wusste genau, was er in diesem Moment dachte: Hätte ich nicht, dann ... Wenn ich doch nur ... Warum habe ich bloß ...
„Wie ist das für sie Alex, wenn sie jetzt diese Bilder sehen?“ fragte Oprah in diesem Moment in die Stille hinein und lenkte damit Alex’ Aufmerksamkeit wieder auf sich.
„Es tut weh,“ sagte er mit klarer Stimme „aber ich bin auch unglaublich froh, dass Alice heute hier neben mir sitzt und glücklich und gesund ist. Ich danke Gott jeden Tag dafür und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einen ziemlich guten Schutzengel hat. Der macht seine Sache unglaublich gut, das können sie mir glauben.“
Verhaltenes Kichern erklang, ansonsten blieb es immer noch ungewöhnlich still.
„Wie war das, als sie sie das erste Mal im Krankenhaus gesehen haben?“ fragte die Moderatorin weiter und Alice war froh, dass Oprah scheinbar von dem Umstand nichts wusste, dass es eine ganze Weile gedauert hatte bis Alex endlich bei ihr aufgetaucht war.

Alex und Alice – „Was?“

Alex stand kurz davor den Verstand zu verlieren. Seit zwei Tagen versuchte er Alice zu erreichen, doch sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Unzählige Male hatte er es auf ihrem Handy probiert, doch dort ging immer nur die Mailbox ran, zu Hause nahm niemand ab und als er irgendwann verzweifelt auf ihrer Arbeitsstelle anrief, teilte man ihm lediglich mit, dass Alice sich krank gemeldet hätte.
Unruhig und aufgebracht streifte er durch das Haus, doch jeder Winkel erinnerte ihn an sie: Das Sofa, auf dem sie eng umschlungen gesessen hatten, das Bett, in dem sie atemberaubende Nächte verbracht hatten, die Küche, in der sie immer gemeinsam frühstückten, sein Proberaum, in dem er immer wieder ihre nackte Silhouette vor dem Fenster sah ... das und noch so viel mehr schien er verloren zu haben und dieser Gedanke raubte ihm nicht nur den Appetit und den Schlaf, sondern auch seinen Lebenswillen.
Schließlich hielt er es nicht mehr länger aus. In einer neuen Rekordzeit raste er in die Stadt zu ihrer Wohnung, hastete die Stufen im Treppenhaus hinauf und hämmerte gleich darauf verzweifelt gegen ihre Wohnungstür. Er rief ihren Namen, flehte sie an, ihm endlich zu öffnen und ihn anzuhören, doch er bekam keine Antwort.
Irgendwann ging die Tür der Nachbarwohnung auf und eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm trat zu ihm hinaus in den Flur.
„Was machen sie hier denn für einen Krach?“ fragte sie tadelnd.
„Tut mir leid,“ entschuldigte er sich und versuchte sich vorzustellen, wie er im Moment auf sie wirken musste: Ein blasser, verzweifelter Mann mit dunklen Ringen um die Augen und zerknitterten Klamotten.
„Alice ist nicht da,“ stellte die Frau fest.
„Das habe ich mir fast gedacht,“ nickte er schuldbewußt.
„Sie hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus,“ fuhr die Frau fort und er brauchte mindestens vier Sekunden, um das Gesagte irgendwie zu fassen.
„Was?“ hauchte er schließlich, weil er nicht glauben wollte, was so offensichtlich vor ihm lag.
„Sie hatte einen Unfall,“ wiederholte die Frau geduldig, während das Baby auf ihrem Arm langsam unruhig wurde und zu quengeln begann.
„Was?“ stieß er noch einmal hervor und kam sich unglaublich dämlich dabei vor.
„Mister, geht es ihnen nicht gut?“ fragte die Frau, mittlerweile leicht angespannt.
„D-Doch ...,“ stotterte er „ ... uhm ... nein,“ korrigierte er sich, dann gaben seine zitternden Knie nach und er ließ sich schwer auf die Treppenstufen sinken. „Wie ... wie geht es ihr?“ presste er hervor und fühlte, wie sich alles um ihn herum zu drehen begann.
„Das kann ich ihnen leider nicht sagen. Ich habe nur gehört, dass sie im Krankenhaus liegt. Ich kümmere mich um ihre Post, die Blumen und die Wohnung. Sie wissen schon.“
„Wann ist das passiert?“ fragte er weiter, obwohl alles in ihm schrie, sich endlich in Bewegung zu setzen und zu ihr zu fahren. Doch im Moment fühlte er sich einfach nicht in der Lage überhaupt aufrecht zu stehen, also verharrte er weiterhin zusammen gesunken und vollkommen geschockt auf den Treppenstufen.
„Vor zwei Tagen,“ entgegnete die Nachbarin und jetzt wurde ihm erst recht übel.
Vor zwei Tagen? Konnte es sein, dass sie ... direkt nach ihrem Streit ... das war ... wieso? ...
Es ist meine Schuld.
Dieser Gedanke tauchte unvermittelt und grässlich leuchtend in seinem Gehirn auf und setzte sich dort fest. Es war seine Schuld, dass sie jetzt im Krankenhaus lag. Wenn er Kaci nicht geküsst hätte, wenn er sie erst gar nicht herein gebeten sondern einfach wieder weggeschickt hätte, dann wäre Alice bei ihm geblieben, sie hätte sich nicht aufgebracht wie sie war hinter das Steuer ihres Wagens gesetzt und hätte nicht ...
Er schluckte, während sein Herzschlag kopflos davon galoppierte.
„Sie liegt im Genarel,“ sagte die Frau, mittlerweile mit einem mitfühlenden Tonfall in der Stimme. „Ihre Mutter und ihr Bruder kümmern sich um sie.“
„Hm,“ nickte er abwesend.
Es ist meine Schuld. Es ist meine Schuld. Es ist meine Schuld.
„Möchten sie vielleicht ... einen Moment rein kommen?“ fragte die junge Frau, während der Säugling auf ihrem Arm offensichtlich immer schwerer wurde.
„Nein ... nein danke,“ lehnte er kopfschüttelnd ab. „Ich brauche nur noch ne Minute, dann ... werde ich ... zu ihr fahren.“
„Es tut mir leid,“ hörte er Alice’ Nachbarin sagen.
„Mir auch,“ entgegnete er, dann zog er sich am Treppengeländer in die Höhe und blieb für einen Moment mit gesenktem Kopf stehen, während er wartete, dass die Welt um ihn herum aufhörte Samba zu tanzen.
„Sie wird bestimmt wieder gesund,“ hörte er die junge Frau sagen.
„Sicher,“ nickte er lahm. „Vielen Dank. Ich ... muß dann los,“ verabschiedete er sich.
„Natürlich. Richten sie ihr viele Grüße von mir aus, ja?“
„Mach ich,“ nickte er, dann stieg er langsam die Stufen wieder hinunter.
Als er schließlich wieder draußen im Sonnenschein stand, fühlte er sich, als sei er selbst gerade in einen Unfall verwickelt worden. Alles tat ihm weh, in seinen Augen brannten ungeweinte Tränen und sein Herz schien in den wenigen Minuten vertrocknet und gestorben zu sein.
„Es ist meine Schuld verdammt,“ stieß er noch einmal hervor, dann hastete er endlich zu seinem Auto, sprang hinein und raste zum Krankenhaus.

Und wieder gelangte er nicht gleich an sein Ziel. Wie eine eingesperrte Wildkatze wanderte er vor dem Eingang der Intensivstation auf und ab und rang dabei verzweifelt die Hände.
Wenn er nicht so aufgewühlt gewesen wäre, hätte er beinahe darüber lachen können, wie viele Steine ihm in den Weg gelegt wurden, bevor er Alice endlich sehen konnte. Er war kein naher Verwandter, in den Akten existierte noch nicht einmal sein Name und das, wo sich doch die halbe Welt auf Alice und ihn gestürzt hatte, als ihre Beziehung bekannt wurde. Somit war er dazu verdammt vor der Schleuse der Intensivstation zu warten und jeden, der heraus kam zu fragen, ob er zu ihrer Familie gehörte.
Die Warterei und die Ungewissheit machten ihn beinahe wahnsinnig. Er malte sich aus, wie sie klein und schmal in einem Bett lag, umgeben von Apparaturen und Schläuchen und dabei unglaubliche Schmerzen litt. Und das alles, weil er sich nicht heftiger gegen seine Ex-Freundin gewehrt hatte, weil er mal wieder nur nett sein wollte und sie nicht gleich zurück gewiesen hatte. Er war einfach zu dämlich.
Mit einem lauten Zischen, das er in den vergangenen zwei Stunden schon unzählige Male gehört hatte, öffnete sich die undurchsichtige Milchglasscheibe erneut und mit neuer Hoffnung trat er auf den jungen Mann zu, der gerade hindurch trat. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt, sein dunkles Haar umrahmte sein ovales, attraktives Gesicht und seine normaler Weise wohl vollen Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammen gepresst. Er wirkte unglaublich müde, blass und angespannt, aber so sahen sie eigentlich alle aus, wenn sie zu ihm hinaus auf den Flur traten.
„Entschuldigen sie,“ sprach er den jungen Mann an.
Die blauen Augen des Fremden richteten sich fragend auf ihn und noch bevor Erkennen in ihnen aufblitzte wusste Alex, dass er diesmal einen Volltreffer gelandet hatte.
„Mein Name ist Alex ... McLean ... sind sie Bobby?“
Der Angesprochene nickte.
„Gott sei Dank,“ seufzte Alex. „Bitte ... wie geht es Alice?“
„Nicht so gut,“ antwortete er ausweichend. „Wo sind sie die ganze Zeit gewesen, hä?“ stieß er dann offensichtlich wütend hervor. „Seit zwei Tagen liegt sie da drin und sie kümmert das einen Scheiß.“
„So ist das nicht,“ verteidigte Alex sich. „Ich wusste nichts von dem Unfall. Ich habe Alice versucht zu erreichen, aber niemand konnte mir etwas sagen.“
„Pfh,“ schnaubte sein Gegenüber, scheinbar immer noch nicht wirklich beruhigt.
„Es tut mir wirklich leid,“ fuhr Alex fort. „Bitte, kann ich sehen?“
„Ich weiß es nicht. Eigentlich haben sie kein Recht hier zu sein.“
Alex fragte sich unbehaglich, wie viel Bobby wohl über ihren Streit wusste und dass er Kaci geküsst hatte und dass es seine Schuld war ...
„Bitte,“ flehte Alex erneut. „Ich muß sie sehen, sonst drehe ich hier noch durch.“
„Danke, mit durchgedrehten Idioten kenne ich mich aus,“ stieß Bobby eisig hervor und erinnerte Alex damit daran, was der junge Mann in den letzten Wochen durchgemacht hatte.
Verzweifelt fuhr Alex sich mit beiden Händen über das Gesicht. Was sollte er nur tun? Wenn Bobby ihn nicht mit hinein nahm, hatte er keine Chance in die Intensivstation und damit zu Alice zu gelangen.
Er hörte, wie Bobby seufzte und als er zu ihm hinüber sah, schüttelte dieser resignierend den Kopf.
„Tut mir leid Mann, aber im Moment stehe ich ziemlich neben mir,“ entschuldigte er sich unerwarteter Weise.
„Das kann ich mehr als verstehen,“ nickte Alex. „Es ist nur so ... ich liebe sie, okay? Ich muß unbedingt zu ihr.“
„Sicher,“ nickte Bobby. „Komm mit.“
Vollkommen überrascht und unendlich dankbar folgte Alex ihm eilig, Bobby drückte einen Schalter neben der Tür und zischen glitt die Schleuse erneut auf.
„Was ist eigentlich genau passiert?“ fragte Alex leise, während er neben Bobby den langen, dämmrigen Flur hinunter schritt und dabei ängstlich durch die großen Fensterscheiben blickte, die einen ungehinderten Blick in die Zimmer dahinter gewährten. Er hatte beinahe Angst, in einem der Betten Alice zu entdecken, doch Bobby lief einfach weiter.
„Sie hatte einen Autounfall. Sie ist wohl bei rot über eine Kreuzung gerast und zwei Wagen haben sie volle Breitseite erwischt,“ erklärte Bobby mit angespannter Miene.
„Oh mein Gott,“ entfuhr es Alex, der erst jetzt ganz langsam zu begreifen begann, um was für ein Ausmaß es sich hier eigentlich handelte.
„Das kannst du laut sagen,“ nickte Bobby. „Ihr Wagen fing augenblicklich Feuer. Irgendein Typ hat sie raus gezogen, sonst ... ,“ er verstummte und wandte sich nach links, wo hinter einer Glasscheibe das hell erleuchtete Schwesternzimmer lag. Im Moment war der Raum nicht besetzt, so dass er sich wieder Alex zuwandte.
„Wie ... wie geht es ihr ... jetzt?“ fragte Alex und fühlte, wie sich seine Luftröhre beängstigend verengte und ihm das Atmen von Sekunde zu Sekunde schwerer fiel.
„Sie ist nicht bei Bewusstsein,“ informierte ihn Bobby. „Und sie sieht furchtbar aus.“ In den Augen von Alice’ Bruder glitzerten Tränen und Alex konnte nichts weiter tun als ihn anzustarren und immer wieder heftig zu schlucken.
„Sie hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades überall an ihren Körper, außerdem einen Schädelbasisbruch und jede Menge innere Verletzungen. Die Ärzte sagen, dass es ein Wunder ist, dass sie überhaupt noch lebt. Von daher ... ,“ Seine Stimme versagte und so rammte er mit Nachdruck seine Hände in die Hosentaschen und wandte den Blick von Alex ab.
Alex war zu keinem klaren Gedanken fähig. Die Welt schien auf unangenehme Weise vor seinen Augen zu verblassen und er hörte Bobbys Stimme wie aus weiter ferne.
„Hallo Doris. Das hier ist Mr. McLean, der Freund meiner Schwester. Würden sie ihn bitte auf die Besucherliste setzen?“
„Natürlich,“ antwortete eine freundliche, weibliche Stimme, doch sie schien für Alex aus einer anderen Dimension zu kommen.
„Mr. McLean?“ wandte sie sich in diesem Moment an ihn, doch er konnte seinen Blick nicht von dem Stuhlbein lösen, das er begonnen hatte anzustarren um wenigstens irgendeinen Punkt zu haben, an den er sich klammern konnte.
„Mr. McLean?“ fragte die freundliche Stimme erneut und etwas berührte ihn am Arm, was ihn dann doch aufblicken ließ.
Vor ihm stand eine Frau mittleren Alters mit blondem, kurzem Haar, rundlicher Figur und einem warmen, offenen Lächeln.
„Entschuldigung,“ stammelte Alex und versuchte sich auf die Schwester zu konzentrieren.
„Ich brauche ihren Ausweis und eine Unterschrift,“ erklärte sie.
„Sicher,“ nickte er, dann ging ihm auf, dass er seinen Ausweis nicht dabei hatte. „Reicht ihnen auch ein Führerschein?“ fragte er nach, während er seine Geldbörse hervor zog.
„Das geht auch,“ nickte sie, immer noch mit diesem freundlichen, mitfühlenden Lächeln im Gesicht.
Es kam ihm so vor, als würden die Formalitäten endlos dauern, doch in Wirklichkeit brauchten sie wahrscheinlich nicht einmal fünf Minuten, bis er erneut neben Bobby den langen Gang hinunter schritt.
„Meine Mom ist gerade bei ihr,“ informierte ihn Bobby. „Und du musst diese komischen, grünen Sachen anziehen.“
„Sicher,“ nickte er abwesend. Er fühlte sich vollkommen leer und desorientiert. Das hier war ein Albtraum. Ganz bestimmt. Er würde gleich aufwachen und Alice - seine geliebte, wunderschöne Alice - würde neben ihm liegen, ihn in den Arm nehmen und ihn fragen, was passiert war.
Doch der grüne Kittel und die Haube, die ihm Bobby gleich darauf reichte, fühlten sich ziemlich real in seinen Händen an und er schluckte immer wieder krampfhaft, während er irgendwie versuchte, die Fassung nicht zu verlieren.
„Hör zu,“ sagte Bobby schließlich „versuch dich darauf vorzubreiten, dass sie ganz schön schlimm aussieht, klar?“
Alex gab lediglich ein Schnauben von sich. Er war ja noch nicht einmal so weit, dass er die Nachricht von Alice’ Unfall wirklich begriffen hatte, wie sollte er sich dann auf ihren Anblick vorbereiten?
Die Vorhänge an dem Fenster in ihr Zimmer waren zugezogen und so rechnete er mit dem Schlimmsten, als Bobby ihm die Tür öffnete und ihn beinahe sanft in den Raum dahinter schob.
Ihr Anblick traf ihn wie ein Faustschlag, sein Herz wurde in Fetzen gesprengt und davon geweht und ein leises Wimmern stieg in seiner Kehle auf.
Ihr Körper schien viel zu klein für das riesige Bett zu sein. Sämtliche Stellen ihres Körpers, die nicht bandagiert waren, schienen zerkratzt, verletzte, angeschwollen oder verbrannt zu sein. Ein Sauerstoffschlauch schlängelte sich von ihrer Nase zu einer Flasche neben dem Bett, weitere Schläuche und Kabel schienen sie in einem unübersichtlichen Gespinnst eingeflochten zu haben und ein Herzmonitor zuckte lautlos neben ihrem Bett und zeigte ihm einen regelmäßigen, langsamen Herzschlag,. Sie lag auf einer schimmernden Folie, Bettzeug gab es keines und ihre schmalen Hände ruhten unbeweglich und ebenfalls bandagiert neben ihr.
„Mom?“ hörte er Bobby sagen und erst jetzt bemerkte er die Frau, die neben Alice an ihrem Bett saß. „Das ist Alex. Du weißt schon, Alice’ Freund.“
„Ja, ich weiß wer er ist,“ sagte sie mit erstaunlich fester Stimme, erhob sich langsam von ihrem Stuhl und kam zu Alex herüber.
Er stand immer noch mit dem Rücken gegen die Wand neben der Tür gepresst und wusste nicht, was er sagen, fühlen oder denken sollte. Schmerz durchdrang jede seiner Poren und am liebsten hätte er sich zusammen gekauert und geheult wie ein kleines Kind.
„Freut mich sie kennen zu lernen,“ sagte die kleine Frau mit den ebenmäßigen Gesichtszügen und dem dunklen Haar, das unter ihrer grünen Haube hervorlugte. „Mein Name ist Caroline,“ stellte sie sich vor, während er ihr abwesend die Hand schüttelte.
„Ich glaube, wir lassen sie mal einen Moment mit ihr allein, hm?“ redete sie weiter.
Alex konnte nur nicken, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er wirklich mit Alice allein sein wollte. Wenn nun irgendetwas passierte, ausgerechnet wenn er bei ihr war?
Er spürte, wie ihm Caroline noch einmal aufmunternd die Schulter drückte, dann schob sie ihren Sohn vor sich her aus dem Zimmer und gleich darauf schloss sich die Tür hinter ihnen.
Der erste Schritt kostete ihn noch eine ungeheure Überwindung, doch dann trugen ihn seine Beine von ganz alleine hinüber zu ihrem Bett. Je näher er ihr kam, umso mehr Details konnte er erkennen. Die tiefe Wunde auf ihrer Schulter, die einzelnen Lagen des Verbands um ihren Kopf, ihr gerötetes Gesicht, das wie durch ein Wunder nur ein paar Kratzer abbekommen zu haben schien und das leichte auf und ab ihres Brustkorbs, das ihn auf schwer zu erklärende Weise beruhigte. Als er schließlich dicht an das Bett heran trat, stach ihm der Geruch nach verbranntem Haar und Haut in die Nase und sein Magen schlug eine schmerzhafte Piorette.
Er wollte etwas sagen, doch aus seinem Mund kam nur ein unverständliches Krächzen. Also räusperte er sich, legte seine Hand unendlich vorsichtig auf ihre Fingerspitzen, die aus den weißen Mullbinden hervorlugten und setzte noch einmal neu an.
„Hey Baby,“ flüsterte er und fühlte nun, wie die Tränen aus seinem Inneren in seine Augen aufstiegen. „Was machst du nur für Sachen, hm?“ fragte er weiter, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich so dicht wie möglich neben ihren bandagierten Kopf.
„Es tut mir alles so unendlich leid und ich liebe dich und ich wünschte ... ,“ die Stimme versagte ihm und ein leises Schluchzen drang über seine Lippen.
Gequält drückte er Daumen und Zeigefinger auf seine Nasenwurzel, als könne er die Tränen so aufhalten. Er musste sich beherrschen. Er konnte hier doch unmöglich ... doch es war bereits zu spät. Irgendwo in ihm war ein Damm gebrochen und zusammen mit seiner Verzweiflung, drängte auch der gesamte Druck der letzten beiden Tage aus ihm heraus.
Er weinte leise, während er immer wieder über ihre Fingerspitzen streichelte, seine Lippen so nahe an ihre Wange brachte, dass er sie beinahe berührt hätte und sich dann doch nicht traute sie wirklich zu küssen, weil er nicht wusste, ob er ihr damit weh tat.
„Bitte verlass mich nicht,“ hauchte er nahe an ihrem Ohr. „Ich brauche dich doch. Ich liebe dich.“
Er brauchte eine Weile bis ihm auffiel, dass sich etwas unter seinen Fingern tat. Alice’ Fingerspitzen zuckten kurz, bevor sie wieder still liegen blieben.
„Alice?“ fragte er aufgeregt, stand von seinem Stuhl auf und beugte sich über ihr Gesicht. „Alice, kannst du mich hören?“
Hinter ihren Augenlider begann es zucken, ihre spröden, aufgeplatzten Lippen bewegten sich beinahe unmerklich und Alex’ Herzschlag schnellte in ungeahnte Höhen.
Schnell sah er sich nach dem Notrufknopf für die Schwester um und als er ihn endlich gefunden hatte, meinte er ein leises Wispern aus ihrer Richtung zu hören.
„Ich bin hier mein Schatz,“ flüsterte er und beugte sich etwas tiefer über sie.
„Nicht ... ,“ hauchte sie und er kam ihrem Mund noch etwas näher.
„Was hast du gesagt?“
„Nicht ... weinen ... ,“ sagte sie und dann erfüllte plötzlich an lautes, anhaltendes Piepsen das kleine Krankenzimmer.
Erschrocken fuhr er in die Höhe und seine Augen rasten hinüber zum Herzmonitor. Statt dem anfänglichen, ruhigen Herzschlag zeigte sich nun eine hektische Zickzacklinie, die mal mehr mal weniger nach oben ausschlug, aber ganz eindeutig immer weiter absank.
„Nein,“ rief er verzweifelt. „Nein Alice. Tu mir das nicht an, hörst du?“
In diesem Moment flog die Tür auf und mehrere Ärzte und Schwester kamen herein gestürmt.
„Machen sie Platz,“ fuhr ihn einer der Ärzte an, bevor er unsanft zur Seite geschoben wurde.
Irgendwie wurde er von Hand zu Hand gereicht, bis er wieder an der Tür ankam. Hier klammerte er sich allerdings so fest an den Türrahmen, dass ihn nichts und niemand von dort wieder los bekommen hätte. Er weinte und betete und fluchte und zitterte und konnte dabei seinen Blick die ganze Zeit nicht von Alice Gesicht abwenden, das ausdruckslos sämtliche Rettungsmaßnahmen über sich ergehen ließ.

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