Nick war mal wieder der Letzte, der kam. Ich sah ihn schon von weitem, wie er gemächlich auf uns zukam. Als er bei uns war, gab er nur ein leises: ”Hallo!” von sich und quetschte sich, wie immer, zwischen uns auf die Bank.
“Nick, kannst du nicht mal einen Ton sagen, ich fall jedes Mal fast von der Bank.” beschwerte sich Howie, der wie immer am Rand saß.
“Howie, wir passen seit nun zehn Jahren alle auf diese Bank und bis jetzt hast du dich immer beschwert, dabei bist du noch nie runtergefallen.”
AJ hatte sich auf seinen Stock gestützt, um an uns vorbei zu Howie gucken zu können.
“Du hast leicht reden, du kommst jeden Tag gestützt von deiner Krankenschwester her, die dich dann zwischen Kevin und Brian setzt. Alleine würdest du vermutlich vor der Bank sitzen müssen. Und glaub ja nicht, dass ich dir aufhelfen würde.”
AJ schüttelte den Kopf. “Du bist doch nur neidisch, dass sich die jungen Mädchen immer noch für mich interessieren.”
“Hahaha, sicher, du musst sie doch immer noch dafür bezahlen, genauso wie früher.”
Brian, Nick und ich konnten uns das Lachen nicht verkneifen. AJ schaute uns mürrisch an.
“Passt ihr bloß auf, dass eure falschen Zähne euch nicht aus dem Mund fallen.”
Nick legte seinen Arm um AJ. “Sei doch nicht sauer. Nur, wo Howie Recht hat, hat er Recht.”
“Ich will euch nur mal was sagen. Ich musste nie ein Mädchen für irgendetwas bezahlen. Und das würde ich auch nie tun. Eure Moralvorstellungen haben auf mich abgefärbt, das jahrzehntelange Rumhängen mit euch hat mir nicht gut getan.”
AJ hatte sich wieder zurückgelehnt.
“Wenn das so gewesen wäre, hättest du jetzt eine liebe Frau, die sich um dich kümmern würde!” mischte ich mich in die Unterhaltung ein. Ich hatte es nie verstanden, wieso er nie geheiratet hatte. “Selbst Nick haben wir so erwachsen bekommen, das eine Frau es mit ihm aushalten kann. Und auch wenn wir es nie gedacht hätten, sind die jetzt schon fast 40 Jahre verheiratet.”
Diesmal war es AJ, der lachte. “Bitte, die Zwei sind doch auch nicht normal, das waren sie nie. Nun, was will man auch von einer Frau erwarten, die kein Fleisch isst, nur in Leinenkleidung rumläuft und ihre Kinder im Wald zur Welt bringt.”
“Sie ist nun mal naturbewusst, das würde dir auch nicht schaden, dann würdest du aufhören die Welt mit deinem Müll zu beschmutzen.”
AJ schüttelte den Kopf. “Die einen nennen es naturbewusst, die anderen total durchgeknallt. Und wenn ich mich richtig erinnere, hast du auch mal so gedacht.”
Sicher war Nicks Frau etwas komisch, aber sie waren glücklich.
“Du bist doch nur neidisch, dass wir alle glücklich verheiratet sind oder waren, nur du nie.” maulte Nick AJ an.
“Ich war dafür immerhin sieben mal verlobt...”
“Acht mal!” verbesserten wir ihn.
“...auch egal. Und dreimal bin ich bis zum Traualtar gekommen.”
Ich musste wieder bei der Geschichte schmunzeln.
“Dreimal und jedes Mal hast du nein gesagt. Wieso?”
AJ überlegte. “Sandra war nicht die Richtige.”
“Die war auch nicht normal.” mischte sich Nick wieder ein. “Ich meine, du hast sie dreimal vor den Altar geschleppt und jedes Mal hast du Nein gesagt, welche Frau macht das mit. Die meisten knallen dir beim ersten Mal eine und sind dann für immer weg. Ein paar geben dir auch eine zweite Chance. Aber welche Frau lässt sich dreimal so demütigen? Wenn du mich fragst, war sie die Richtige, aber du hast es nicht begriffen. Und deswegen hast du sie auch nicht verdient.”
AJ tat erst, als würde er überlegen.
“Ich hab dich aber nicht gefragt.”
Kurz saßen wir still da, bis AJ wieder etwas einfiel, worüber er meckern konnte.
“Wieso hackt ihr eigentlich nur auf mir rum? Brian ist nun auch schon seit bestimmt 30 Jahren alleine, aber ihn lasst ihr in Ruhe.”
Darüber konnte ich nur den Kopf schütteln. “Das ist ja wohl was anderes, seine Frau ist gestorben. Es gibt viele Leute, die nach dem Verlust ihres Partners für den Rest ihre Lebens alleine bleiben. Außerdem, ganz alleine ist er ja nicht. Er hat seine Kinder.”
AJ antwortete nicht. Es war einfach nicht leicht, in Brians Gegenwart darüber zu reden.
Doch dann gab es so einen Moment, über den man sich immer wieder freute. AJ sagte etwas wirklich weises.
“Ist es nicht eigentlich egal, was wir in unserem Privatleben geschafft oder nicht geschafft haben. Wir sind alle nicht mehr die Jüngsten, aber doch alle im Großen und Ganzen sehr glücklich mit unserem Leben. Und auch wenn ich nie geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt habe, weiß ich wie es ist, ein Ehemann oder Vater zu sein. Dank euch. Ich war doch immer der Erste, der angerannt kam, wenn einer von euch ein Kind bekommen hat, oder der euch weise Ratschläge gegeben hat, wenn ihr in einer Krise wart? Ich habe eine Familie mit Nichten und Neffen und wohl den tollsten Brüdern der Welt. Die sich, selbst wenn sie lieber dran denken sollten ihre Herzmittel zu nehmen, nur Sorgen darum machen, dass ich ja vielleicht irgendwann, in weiter Zukunft, einsam sein könnte. Aber solange ich meine wirklich sexy Krankenschwester und euch habe, wird das nicht passieren.”

Vielleicht hatte er Recht. Er brauchte vielleicht nicht heiraten, um glücklich zu sein wie wir. Vielleicht reichte es ihm, mit uns zu erleben wie wir geheiratet und Kinder bekommen hatten. Er hatte die Geburten miterlebt und gesehen, wie sie aufgewachsen waren.

Brian sah unglücklich zum Himmel.
“Wenn das gleich runterkommt, will ich zu Hause sein.”
Es hatten sich große, schwarze Wolken gebildet, die sich langsam über den blauen Himmel schoben.
Brian stand auf und verabschiedete sich.
“Wir sehen uns morgen. Und dass keiner auf die Idee kommt, heute Nacht zu sterben. Ich will der Erste sein und habe noch nicht vor zu sterben.” Er sah uns erst ernst, wie immer, an, dann lachte er und machte sich auf seinen Weg.
Nick half AJ langsam auf und sie machten sich zusammen mit Howie, der ihnen verziehen hatte, ebenfalls auf den Weg.
Ich blieb noch kurz sitzen. Ich war mit meiner Enkeltochter verabredet, sie würde mir wieder stundenlang von ihrem Freund erzählen. Aber das war erträglicher, als den Jungs noch länger zuzuhören.

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