Er war unschuldig.
Das wußte er. Und das wußten die anderen.
Der Rest glaubte er sei schuldig.
Wie konnten sie nur? Wie konnten sie es glauben? Hatte die Presse diese Macht? War es so logisch? Klang es, passend?
Und trotzdem schuldig. Manchmal wußte er es selbst nicht mehr. Gejagt wie ein Verbrecher, vielleicht hatte er ja doch Schuld?
Vielleicht nicht schuldig dessen was er beschuldigt wurde, aber vielleicht schuldig so naiv zu sein und zu glauben alle würden sehen, dass er unschuldig war.
Wie ein Tier, nein, noch schlimmer, wie einen Seelenlosen hatten sie ihn behandelt. Zuerst nur Blicke, dann wurde er offen beschuldigt.
Wer konnte das wollen? Die Antwort war, eine ganze Menge. Neid hatte Menschen schon zu irrsinnigen Dingen getrieben, diese Verleumdung wäre nichts neues. Und es wäre nicht das erste Mal. Und doch, dieses Mal schien es kein gutes Ende zu geben. So wie sonst, nie hatten sie ihm schaden können, all die falschen Geschichten.
Wäre am Ende eine solche Geschichte sein Ende? Denn was sollte noch kommen? Egal welcher Richter ihn freisprach, egal wer ihm die absolution erteilte, sie würden ihm nicht glauben. Das war der Unterschied zu all den anderen Malen.
Er starrte auf das Kurt-Cobain Poster an der Wand und das Messer in seiner Hand. Die Klinge war scharf, wie immer, und der kunstvoll gearbeitet Griff glänzte in der Sonne. Er erinnerte sich daran, dass es einmal ein Geschenk gewesen war. Vielleicht eines der besten Geschenke die er je bekommen hatte.
Es war völlig egal was passieren würde. Die Erkenntnis kam langsam, doch sie traf ihn wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Er war der unschuldige Gefangene, der fälschlicherweise zum Tode verurteilte.
Das Internet, ein großes Spielzeug. Mehr war es doch nie gewesen. Und plötzlich wird es sein Feind, eine ganze Kultur zu seinem Verderben. Aus einem kleinen Satz wurde ein Gerücht, aus einem Gerücht eine Schlagzeile, aus einer Schlagzeile das Ende seines Lebens.
Er starrte wieder auf das Poster. Zeilen aus einem Song kamen ihm in den Sinn.
Where do bad folks go when they die?
They don't go to heaven where the angels fly
They go down to the lake of fire and fry
Won't see them again till the fourth of July
Wie passend. War er böse? War er einer von denen die nicht den Himmel sehen würden?
Ein zynisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht und mit einer schnellen Bewegung ließ er das Messer über seinen Arm gleiten.
Das Blut rann seinen Arm hinunter. Aber er fühlte den Schmerz nur kurz. Für einen kurzen Moment hatte er den Beweis dafür, dass er noch fühlte. Für einen kurzen Moment war er sich bewußt lebendig zu sein. Aber nur kurz, sehr kurz. Und selbst wenn er noch fühlte, wozu? Um zu fühlen wie sie ihn hetzten, wie sie ihn in die Enge trieben? Um mitzuerleben wie er wahnsinnig wurde?
Und doch, er war nicht schuldig. Er wußte das. Aber es nutze ihm nichts. Wut kam in ihm auf, wieso glaubten sie es nicht einfach? Dieses Mal schnitt die Klinge tiefer ins Fleisch und ein Schwall Blut quol hervor.
Es war ihm egal. Niemand dachte an ihn, wieso sollte er an irgendetwas denken? Das Blut, der Schmerz, es war ihm alles egal. Sie hatten ihn besiegt. Lügen hatten ihn besiegt. Den egal wie oft er seine Unschuld beweisen würde, sie würden nicht glauben.
Er wollte nicht mit gesenktem Haupt den Rest seines Lebens durchschreiten. Dann wäre es nicht mehr lebenswert. Er wollte nicht auf jedes Wort, auf jeden Schritt achten, nur damit er nicht wieder angeklagt wurde. Er wollte frei sein. Beim dritten Schnitt raubte ihm der Schmerz für einen Moment den Atem.
Sie würden es als Geständnis sehen, ja. Aber er wäre frei.
Er sah noch einmal zu Kurt und die Vorstellung ihn bald zu sehen amüsierte ihn. Er lachte noch ein letztes Mal. Ein Lachen das die Welt geliebt hatte und jetzt verabscheute. Er lachte über diese Welt.
Er lachte und Schnitt.
Er ließ die Klinge lange durch seine Haut ins Fleisch einsinken bis er nichts mehr fühlte. Er schloß die Augen und sah zurück. Es war nicht schlecht gewesen bis hier her. Bis zu dem Tag an dem er unschuldig schuldig gesprochen wurde.